Spazierfahrt nach Paulinzella und Elgersburg

Auf in den Thüringer Wald! Oder mindestens an ihn heran. Weil es weit fortging, konnte ich auch nicht im schönen Rudolstadt halten – nicht auf der Heidecksburg, nicht im Schillerstädtchen. Aber in Bad Blankenburg zog mich dann doch die Burg Greifenstein hin, den kurzen Abstecher zu machen.

Burg Greifenstein ist im Grunde eine Ruine, wenn auch eine sehr große. Wie im Falle der Rudelsburg begann das erste Interesse und sogar schon erste Restaurierungsarbeiten an der Burg im frühen 19. Jahrhundert. Mitte der 20er Jahre wurden dann Pallas und Turm nicht historisch, aber doch sehr anmutig neu errichtet. So hat man etwa eine dem Tal zugewandte Terrasse angebracht, auf der nun gespeist werden kann, die freilich so nie existiert hat, aber einen sehr gemütlichen Eindruck macht.  Der Turm, in dessen Fuß sich ein Turnerrelief befindet, ist frei begehbar, und bietet einen Rundumblick über das Saale- und Rinnetal, wovon das letzte freilich lieblicher anzuschaun ist – daher die Terrasse auch in seine Richtung weist, statt dem Industrietal nach Saalfeld und Schwarza zugewandt zu sein. Die bessere Aussicht bietet der Turm also nicht.

Die Burg wurde unter Heinrich dem Ersten gegen die Ungarn errichtet:

Soll ich euch erst der Drangsal Kunde sagen,

die deutsches Land so oft aus Osten traf?

In fernster Mark hieß’t Weib und Kind ihr beten:

»Herr Gott, bewahr uns vor der Ungarn Wut!«

Doch mir, des Reiches Haupt, mußt‘ es geziemen

solch wilder Schmach ein Ende zu ersinnen;

als Kampfes Preis gewann ich Frieden auf

neun Jahr – ihn nützt‘ ich zu des Reiches Wehr:

beschirmte Städt‘ und Burgen ließ ich baun,

den Heerbann übte ich zum Widerstand.

Zu End ist nun die Frist, der Zins versagt, –

mit wildem Drohen rüstet sich der Feind.

*

Lohengrin . Akt I . Richard Wagner

Die ganze Anlage, mit ihrer mehrfachen Höhenstufung, einem gigantischen Brunnen, dessen Tiefe nicht im Ansatz erschaut werden kann, den erhaltenen Ringen und Basteien, einer Brücke, die den restaurierten, kleineren Burgteil mit dem mittleren und größeren, aber nur noch in den Grundmauern erhaltenen Schloßhof verbindet, macht einen sehr gut erhaltenen, verwinkelten Eindruck. Natürlich ist das nicht vergleichbar mit Burg Rheinfels oder ähnlichen Riesenanlagen. Thüringen war im Mittelalter eher der Ort, an dem man Königssöhne unbemerkt an irgendeiner Wegekreuzung austauschen konnte und sich zu geheimen Treffen zusammenfand. Also der berüchtigte Popo der Welt. Gemessen daran ist die Gegend dennoch ungeheuer zugepflastert mit Burgen, Schlössern und Kemenaten.

Ich fuhr weiter Richtung Westen, durch Watzdorf, mit seiner nicht ganz unbekannten Brauerei, die fast das ganze Dorf einnimmt, bis ich von der herrlich einsamen Bundesstraße abbog und den Weg nach Paulinzella nahm.

Kurz nach 1100 kaufte hier eine Tochter des sächsischen Senechals Heinrichs IV. Güter, nachdem sie im Tal einen Reiseunfall hatte. Da das Museum erst seit gestern geöffnet hat, ich jedoch letzte Woche breits dort war, kann ich über die Hintergründe desselben nur später etwas nachtragen. Vermutlich wird sie den gefährlichen Unfall mit Glück überstanden haben, woraufhin sie – ähnlich Luther beim Gewitter vor Erfurt, da er von Mansfeld aus über die Felder lief – aus Dankbarkeit, verschont worden zu sein, den Klosterbau in Auftrag gab. Es gehörte von Beginn an zur Hirsauer Klosterreformbewegung. Also jene, die sich schließlich gegen Heinrich IV. wandte.

Es ist nämlich ein reichlich merkwürdiger Anblick, in diesem engen, unebenen Tal (durch das übrigens eine kleine Eisenbahn auf einem Damm dahinfährt, die man mit der Straße gelegentlich unterquert) plötzlich an einem Dorfrande eine derart große Klosteranlage zu gewahren. Das Tal wäre flußabwärts weiter und angemessener gewesen. Nach oben hin verengt es sich zu einer luftigen Laubwaldschlucht und steigt auf die letzten flachen Höhen vor dem Thüringer Wald, mit schönem Blick auf denselben in der Ferne. Dort hätte der Bau eine gigantische Wirkung gehabt. Aber im ersten Dorf, das zwischen den auseinandertretenden Talflanken möglich wird, ist dies Kloster eine merkwürdig fehlplazierte Erscheinung. Freilich nicht ohne ihre Heimlichkeit, insbesondere weil man – auch ohne sich darüber genaue Rechenschaft zu geben – ein Gefühl der besonderen Motivation für diese Standortwahl spürt. Und tatsächlich, es ist eben auf einen Reiseunfall zurückzuführen, der irgendwo auf einer abgelegenen Handelsstraße geschah, vermutlich bergab im engen Tal, das von Westen her nach Paulinzella führt und von dem ich oben sprach.

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Paulinzella . Klosterruine im Hintergrund, rechts davon das schwarzburg-rudolstädtische Renaissance-Jagdschloß aus dem 16. Jahrhundert

Immerhin an einer Handelstraße, denn die Mönche lebten freilich auch vom Touristenverkehr, das heißt dem Pilger- und Reiseverkehr. Unweit talabwärts sind zwei Teiche angelegt, von denen man ebenfalls annhemen darf, daß sie, wie häufig, von Mönchen angelegt wurden. Das gilt z.B. auch von den Plothener Teichen, die auf der Höhe südlich von Neustadt liegen. Macht man sich dergleichen klar, so wird einem nach und nach bewußt, daß die Mönche des Mittelalters im Grunde Entrepreneurs waren, geistreiche Unternehmer, mit Tatkraft und Ideen ausgestattet, Entdecker, wenn man so will, wie es gerade für die deutsche Ostsiedlung gilt.

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Richters Reiseführer Thüringen 1917 . Gasthöfe und Kuranstalten in Elgersburg

Schließlich fuhr ich über Ilmenau hinaus nach Elgersburg. Richters Reiseführer Thüringen 1917 gibt an:

Von waldigen Bergen umgeben, in malerischer geschützter Lage, am Mittelpunkt des Thüringerwaldes, zählt Elgersburg zu den beliebtesten klimatischen Höhenkurorten Thüringens. 3000 Kurgäste und Sommerfrischler. Der Ort hat die neuzeitlichen städtischen Bequemlichkeiten, Hochdruckquellwasserleitung, Kanalisation, Gasbeleuchtung, Bürgersteige. Gut gepflegte Spazierwege in mehr als 35 km Länge umgeben den Ort.

Das Schloß, auf einem Felsen erbaut, hochragend, inmitten des Ortes, ist uralt. (Der Pförtner führt.) Ein Stein des Baues zeigt die Jahreszahl 1088. Der Schloßbrunnen ist 30m tief durch den Felsen gehauen. Man beachte die alten Schießscharten sowie das Burgverließ der Turme. Von den Herren von Gumbach im 11. Jahrh. erbaut, besaßen das Schloß später die Grafen von Käfernburg und die Herren von Witzleben; im 19. Jahrh. wechselte es öfters den Besitzer. Der jetzige Besitzer, Kammerherr Dr. jur. Freiherr von Frege-Weltzien in Leipzig, hat es umbauen lassen und benutzt es als Sommersitz.

Der Ort macht tatsächlich einen sehr erschlossenen Eindruck, insbesondere durch die an Küstenarchitektur der Jahrhundertwende erinnernde Hotelbauten, wie sie auch im Harz oft dem Verfall preisgegeben zu Dutzenden in den kleinen Bergdörfern stehen. Die Nachfrage nach Waldluft muß in dieser Zeit enorme Geldflüsse verursacht haben.

… schmucke Häuser umgeben die auf einem Felsenkopf [Porphyrfels (Baedeker Thüringen)] emporragende Burg. Elgersburg ist durch seine geschützte Lage, seine gleichmäßige Temperatur und seine staubfreie Waldluft ein klimatischer Kurort und nicht nur für solche, die eine Wasserkur gebrauchen, sondern auch für Genesende, Erholungsbedürftige und Sommerfrischler ein zweckmäßiger Aufenthalt. […] Fast chemisch reines, frisches (5-7,5°C.) Quellwasser. Ungezwungenes Badeleben.

(Meyers Reisehandbuch Thüringen 1908)

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Die Elgersburg auf einem Porphyrfelsen. Umbau kurz nach 1900 durch Frhr. v. Frege-Wolzien.

Die geduckten Schieferhäuser der einfachen Leute stehen etwas Fehl am Platze im Panorama der großen Kurhotels, die sich am Rande und im Walde sammeln. D.h. die Kurhotels sind natürlich Fehl am Platze in diesem Bergdorf des Thüringer Waldes. Mit der Burg harmonieren sie hingegen – denn das ist ihre Entsprechung – hervorragend. Die Straße windet sich um den Burgfels herum und hinauf, führt durch ein historistisches Mittelaltertor in einen kleinen Hof, in welchem sich Treppen hinauf zu den massiven Burgbauten türmen.

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Elgeraburg . Innenhof

Es ist ein Hotel darin eingerichtet. Die Zimmer sind jedoch recht kitschig. Da hätte ein simpler Historismus statt der gesucht, aber doch nicht eingelöst opulenten Einrichtung besser getan. Ich nehme an, Frege-Wolzien hatte einen gediegeneren Geschmack.

3 Gedanken zu “Spazierfahrt nach Paulinzella und Elgersburg

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