Spazierfahrt nach Pößneck und Ranis . Teil 2

Dann fuhr ich aus der Stadt, da ich noch die Burg Ranis zu besuchen hatte. Zuvor wiesen mich aber die Reiseführer gemeinschaftlich auf den unweit von Pößneck liegenden Ort Wernburg hin. Dort würde ich ein schönes Schloß mit Park aus dem XVI. Jh. finden. Vorbei ging es am Hotel Altenburg, einem herrschaftlichen, klassizistischen, fast schloßartigen Bau, mit sehr gediegen eingerichteten Zimmern zu erstaunlich moderaten Preisen. Das Gebäude ist die 1928 erbaute Villa des oben erwähnten Verlegers Vogel.

Kaum hieran vorbei, und ich war da. Was nicht da war, war das Schloß. Sollte darauf keiner der Wegweiser hindeuten?

Ich ging ein wenig herum und sah in einem altehrwürdigen Hof auf einer kleinen Bank am Schuppen einen alten Mann sitzen. Ich wandte mich hinein und fragte den mürrisch dreinblickenden und vorn übergebeugt sitzenden Alten, ob es hier einmal ein Schloß gegeben habe. Während ich die Frage stellte, zweifelte ich, ob ich überhaupt mehr als einen merkwürdig raunenden Laut zu erwarten hätte. Aber der Mann blickte auf und begann mir bereitwillig Auskunft zu erteilen. Das Schloß habe gleich hier drüben gestanden, es seien aber bloß noch Ruinen übrig. 1966 sei es abgebrannt. Er stand sogar sehr beschwerlich auf und geleitete mich zum Tor, mir den Weg genauestens zu bezeichnen. Der Park sei aber völlig verwildert. – Ich halte es für etwas voyeuristisch Menschen bewußt zu fotografieren, aber den Hof habe ich später noch aufgenommen.

Hof in Wernburg.JPG
Klassischer gehobener Hof in Wernburg mit Bank am Backsteinschuppen.

Das war nun das dritte Mal, daß ich mich fragte, ob meine Absicht eines Reiseführers für Ewiggestrige nicht mindestens 50 Jahre zu spät komme. Tatsächlich, ein paar unregelmäßig aufragende Feldsteinmauern sind vom Hauptbau noch übrig, Nebengebäude wohl auch, die heute einen Hof bilden und ein Blick in das enge Tal des Schloßparks, in dem idyllisch ein kleiner Teich liegt. Ich gehe herum, wehre mich gegen einen kleinen Hund und frage schließlich zwei Kinder, ob sie wüßten, ob das der Schloßpark sei. Das Mädchen, das offenbar die Hose anhat, denn der Junge sagte nichts und schaute bloß, erklärte mir, das sei das Rosental. Ich dankte, bekam noch einen Glückwunsch hinterhergesendet (wohl, auf daß ich finde, was ich suchte) und lief einen schönen Weg leicht hinab mit einem Bach im Talboden dahinsprudelnd bis zum Ende der Waldung.

Rosental und Schloßpark in Wernburg
Das Rosental und der Schloßpark von Wernburg.

Am Waldausgang nun sah man, daß der Weg einst vom Hotel Altenburg herkam, wie er im Baedeker Thüringen 1925 beschrieben wird. Allerdings war nun selbst in dieser Abgelegenheit kein Ort, an dem man dem White Trash entflohen wäre. Im Bache unten lagen Gummi-Eimer und Reifen herum. Da wurde mir nun endgültig klar, daß in Zeiten, in welchen der Pöbel so viel unsinniges Zeug mit seinem Geld anstellen kann, daß er jeden Quadratmeter Landes verdreckt und verschandelt, diese Märchenreisen, wie sie derartige Reiseführer begleiteten, mit gutem Gewissen nicht mehr geschrieben werden können. Es hat seinen Grund, warum es dergleichen heute nicht mehr gibt. Alles ist verunstaltet. Und man muß Nerven wie Drahtseile mitbringen, den Blick stoisch auf das noch Vorhandene, noch nicht Verhuntze zu richten und den Rest in absurder Gutmütigkeit auszublenden.

Nicht gräulich genug, über den Bach lag eine Kunststoffplatte als Brücke, die ich (oh, Schande!) auch noch benutzen mußte, da ich mit Ledersohlen wegen einer Knöchelverletzung nicht zu springen wagte, kam auf die andere Seite, scheuchte ein paar Rehe auf, war letztlich überzeugt, daß dies der alte und nun verwilderte Schloßpark sei und kraxelte über Wald und Feld wieder in den Ort zurück.

Dort sah ich dann auch die im Baedeker Thüringen erwähnte spätgotische Veitkapelle mit hübschem Maßwerk am Chorgiebel.

Veitkapelle Wernburg.JPG
Veitkapelle Wernburg

Eigentlich aber wollte ich ja nach Ranis. Und so fuhr ich, nachdem Wernburg ja bloß zwei Kilometer von Pößneck liegt, endlich fort und kam in das sechs Kilometer entfernte Ranis. Ich war schon einmal daran vorbeigefahren, aber dann doch auf Schloß Brandenstein gefahren. Diesmal hielt ich und stieg hinauf.

Die alte Reichsburg – ich hätte das nicht für möglich gehalten – ist, wenn mich nicht alles täuscht, sogar größer als die Wartburg. Vorburg, Hauptburg, Kernburg und alles in stattlichen Maßen.

Hauptburg Ranis
Im Vorhof der Burg Ranis. Hauptbau der Vorburg mit vier Schiefer-Erkern.

Die Burg ist hart am Felsen gebaut, sodaß die Burgbauten gewissermaßen aus den Steilwänden herauszuwachsen scheinen. Die Stadt selbst liegt unter ihr im Tale.

Ranis Abhang.jpg
Burg und Ort Ranis von der Westterrasse aus gesehen

Hinter dem Hauptgebäude eröffnet sich ein weiter Burghof mit Blick auf die Kernburg und unter einem weiteren Bogengang hindurch gelangen wir in den Pallashof, aus dem austretend wir eine Terrasse erreichen, die einen herrlichen Ausblick auf das gen Westen weisende Orlatal bietet. Wie ich heraustrete, schweben Dutzende Stare im Aufwinde des Burgberges und schwingen sich auf und nieder. Diese Terrasse ist früher das Gebäudefundament gewesen, wie man an den vermauerten Fenstern und Durchgängen an der Außenwand sieht.

Ranis Panorama.jpg
Panorama von der Burg Ranis nach Westen

Im Pannorama rechts, auf einem kleinen Kegel im Norden ist ein Quaderbau erkennbar. Das ist das Barockschloß Brandenstein, das ebenfalls eine schöne Terrasse besitzt, von welcher aus man wiederum auf Burg Ranis sehen kann.

Schloß Brandenstein
Schloß Brandenstein

Als ich mich sattgesehen hatte am Sonnenuntergang, stieg ich wieder hinab und rollte ins Tal. Links hinter Schloß Brandenstein sehen Sie Krölpa im Tal, über das hinaus ich ohne sonderlichen Höhenunterschied bis nach Orlamünde ins Saaletal gelangte. Übrigens können Sie einen Teil der Strecke ansehen, die ich vor etlichen Jahren mit dem Motorrad bereits gefahren bin, als ich auf Schloß Brandenstein war. Einmal von Wernburg nach Ranis und nach dem Schloß Brandenstein und zum Zweiten von Herrschdorf (unweit hinter Krölpa) nach Hütten und bis in den Wald. Die Strecke von Hütten bis Freienorla dagegen habe ich schon vor einiger Zeit im Zusammenhang mit der Tour nach Orlamünde hochgeladen.

Diesmal sah ich von der Höhe hinter Orlamünde aus der Entfernung bereits den Dohlenfelsen der Kahlaer Leuchtenburg von zwei Gleitschirmen umflogen. Und als ich den Berg hinauffuhr und mich an meiner Lieblingsstelle auf eine Bank setze um die letzten Sonnestrahlen zu erhaschen, da rauschte es plötzlich über mir – und es waren nicht die Bäume, unter denen die Bank mit der schönen Aussicht ins südliche Saaletal steht, sondern einer der Gleitschirmflieger, der wenige Meter über den Baumwipfeln flog und dann links neben mir eine scharfe Wendung machte, als ich ihn gerade noch mit der Kamera erwischte.

Gleitschirm an der Leuchtenburg.JPG
Gleitschirmflieger am Südhang der Leuchtenburg

Der Flieger landete just vor meinen Füßen und entpuppte sich als eine Fliegerin. Ich erfahre, sie gehört zum Jenaer Gleitschirm-Verein. Dreitausend Euro kostet so ein Schirm und die sonstige Ausrüstung nochmals 1000€. Ich frage, ob man einfach losfliegen könne. Nein, da brauche es einen Führerschein, Theorie, Praxis. Als ich sie frage, ob der Schirm nicht wie ein Stein herunterfalle, wenn sich die Seile verhedderten, sagt sie, ja, schon, aber das müsse man eben verhindern. Ich beschließe, es beim Zusehen zu belassen. Als sie ihren Schirm einfaltet, verschwindet die Sonne hinter dem Reinstädter Grund und ich schließe den Kreis mit den letzten 10km heimfährts.

7 Gedanken zu “Spazierfahrt nach Pößneck und Ranis . Teil 2

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  4. Feigheit vorm Leben

    Wie Gómez Dávila schrieb (sinngemäß):

    Die Welt, die es wert wäre, bereist zu werden, existiert nur noch in alten Reiseberichten.

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  5. Feigheit vorm Leben

    Ich kann Ihnen durchaus folgen. Gómez Dávila reiste ja 1949 sechs Monate durch Europa, dann war Schluß. Nur ist’s mir zu anstrengend, als überzeugter Stubenhocker ohnehin. Zumal durch die heutige Promiskuität gefühlt jede dritte junge Frau, gerade im Sommer, wie eine Hure herumläuft. Zuletzt: Verona 2012 Verona u. Florenz, 2014 Auvers-sur-Oise und Paris.

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