Neuerscheinung . Hörbuch: Tolstoj – Sollen die Bauernkinder bei uns schreiben lernen, oder wir bei ihnen?

Vor bald genau fünf Jahren las ich zum ersten Mal diese kleine Geschichte mit dem verheißungsvollen Titel, der bereits ahnen läßt, wie wenig die Bauernkinder der Anleitung durch einen der größten Schriftsteller der Neuzeit bedürfen. Es war kurz nachdem ich Tolstojs ausgewählte Werke für einen Schnäppchenpreis ergattert hatte und zunächst das Fragment eines Romans Der Morgen eines Gutsherrn gelesen hatte und damit gleich versichert war, es handle sich wieder um einen echten Russen – denn das hatte nicht zu übersehende Ähnlichkeit mit Turgenjews Aufzeichnungen eines Jägers.

IMG_4735_Titel
Tolstojs ausgewählte Werke . Herausgegeben von W. Lüdtke . etwa 1929

 

Wir müssen ein Wort zur Ausgabe verlieren. Diese ist nicht datiert. Die letzten Literaturangaben im Vorwort Prof. Dr. W. Lüdtkes, der die 12-bändige Reihe herausgab, verweisen auf das Jahr 1929. Übersetzer sind fast durchweg angegeben, gerade hier im letzten Band Weltanschauung, darin manchmal das Gefühl erweckt wird, die Wortwiederholungen seien dem Übersetzer zuzuschreiben, fehlen sie vollständig. Aus diesem Band kleinerer Beiträge ist der wenig bekannte Zeitungsartikel Tolstojs entnommen: Sollen die Bauernkinder bei uns schreiben lernen, oder wir bei ihnen?

Es handelt sich nämlich keineswegs und eine Erzählung, eine Novelle oder Kurzgeschichte Tolstojs, sondern um einen Beitrag in seiner eigenen pädagogischen Reform-Zeitschrift Jaßnaja Poljana. Überaus schriftstellerisch war der Beitrag also gar nicht gedacht, wenngleich er es freilich ist. Es handelt sich vielmehr – das wird auch an Seitenhieben gegen Reformgegner deutlich – um eine Beweisschrift für den Erfolg des neuen Lehransatzes in der Schuldbildung. Erfolgreich war er nicht, denn sowohl die Zeitschrift als auch die Schule wurden von staatswegen eliminiert. Was sie schriftstellerisch, berührend und liebenswürdig macht, ist neben dem Eifer der Kinder und ihren wirklich erstaunlichen erzählerischen Gedanken vor allem der Empfindung Tolstojs selbst geschuldet, den das Erlebnis der poetischen Geburtshilfe an seinen Schülern tief erschüttert.

Der Einführungstext auf der Rückseite der Kartonhülle:

Hätten wir die Wahl, aus der Feder Tolstois die Geschichte eines Sommers zweier Schuljungen, ein autobiografisches Frühjahr seines eigenen Lebens oder doch lieber über die Art und Weise, wie Literatur entsteht, zu lesen, so wüßten wir uns nicht zu entscheiden. Und mit dieser kurzen Geschichte über das Schreibenlernen der Bauernkinder von Jaßnaja Poljana müssen wir es auch nicht. Denn diese Erzählung ist all das zusammen.

Seit zwei Jahren ist Tolstoi 1862 Lehrer an der von ihm selbst auf dem eigenen Gut südlich von Tula gegründeten Bauernschule und sucht nach dem Schlüssel, die Schüler zu rousseauistischen Menschen zu erziehen. Noch ist er durch kaum mehr als seine Kindheit und die Sewastopoler Erzählungen als Schriftsteller bekannt geworden. Er war 1860 in Westeuropa auf einer Bildungsreise ganz anderer Art – weniger zu seiner eigenen Bildung als vielmehr die Reformerziehung zu studieren. Das sollte in seiner eigenen Bauernschule in die Tat umgesetzt werden, um die ertrinkenden Puschkins zu retten.

Zwei dieser Puschkins, oder wie Tolstoi sich in dieser Geschichte ausdrückt: Goethes – sind der lustige Bauernjunge Fedjka und sein Freund Sjomka. Wir erleben mit ihnen das frühe Schuljahr und den Sommer auf dem Gut Jaßnaja Poljana. Und wir erleben es mit dem Lehrer, mit Tolstoi. Doch nicht nur wie sie baden und Knallerbsen basteln, sondern vor allem, wie diese russischen Bauernkinder, verloren irgendwo in der Weite zwischen Moskau und Woronesch, die fröhlichen und bitteren Erfahrungen ihres jungen Lebens in zwei Erzählungen fließen lassen, über deren Kraft, Wirkmächtigkeit und über deren Mitgefühl der große russische Dichter in Freudentränen gerät.

Doch bei allem Enthusiasmus Tolstois über die schriftstellerische Urkraft der Bauernjungen, scheint er eine Bedingung des Erzählens, welche gerade diese Knaben mitbringen, in einer aufklärerischen Idealisierung zu übersehen, ja sogar als Hemmnis, als schlechten Einfluß aus- tilgen zu wollen: ihre einfache, naturnahe und an den Härten menschlicher Existenz entlanggewundene Lebenserfahrung.

Denn dies sind keine Erzählungen, wie man sie irgendwo sonst als gerade im zaristischen Rußland des mittleren 19. Jahrhunderts zu Papier brachte. Es sind Geschichten, wie wir sie bei Tolstoi selbst, bei Dostojewksi, bei Turgenjew lesen: das karge, harte Bauernleben, trinkende Väter, verzweifelte Mütter, zerlumpte Kinder – und all die Grausamkeiten, die mit jener Armut und Einöde einhergehen. Freilich sind es nicht weniger die Schönheiten des Lebens, die diesen Schatten ständig zu überstrahlen suchen: die Mildtätigkeit, das Glück, der Frohsinn, die Besserung der Menschen. Und doch ist es allein diese ungeheure Diskrepanz, die Vielgestaltigkeit des Lebens, die diese Geschichten nicht nur in der großen russischen Literatur möglich gemacht hat. Einfach und schön, aber ebenso konfliktreich ist auch das Leben dieser 11-jährigen Knaben, die in mäeutischer Zuneigung der große Dichter das Schreiben lehrte. In seiner kleinen pädagogischen Zeitschrift hat er diese reizende Geschichte von der kindliche Entdeckung der Poesie verewigt.

Ich konnte mich, wie Sie sehen, im Einleitungstext einer gewissen Kritik nicht enthalten. Es ist schon merkwürdig, wie man glauben kann, die Darstellung dieser bäuerlichen Verhältnisse mit all ihren häßlichen und schönen Seiten würde aus einer unbeschwerten Zeit, aus sorglosen Erfahrungen, d.h. im Grunde gar keinen Erfahrungen, entspringen können. Man muß das Schreckliche erlebt haben, bevor man derart souverän darüber erzählen kann. Denn es ist offensichtlich: Die Bauernkinder wären umgehend zum Scheitern verurteilt, würden sie die aristokratischen Lebensverhältnisse der Anna Karenina schildern sollen. Daß die großen Schriftsteller Rußlands dieser Zeit beides konnten, ist natürlich der Tatsache geschuldet, daß es sich durchgängig um Adlige handelt, die ihren eigenen Lebensstil, aber auch den ihrer Bauern kannten: Puschkin, Turgenjew, Gogol, Dostojewski.

Wir vergessen bei jenem seit den mittleren 60er Jahren in einen ärmlichen russischen Bauernkaftan gekleideten Tolstoj, daß wir es mit einem Grafen zu tun haben. Einem Grafen, dem 300 Leibeigene unterstanden (seit 1856 befreit, fünf Jahre vor der allgemeinen Abschaffung der Leibeigenschaft in Rußland) und für ebenderen Kinder er bereits 1849 – da war Tolstoj gerade 21 Jahre alt; mit 18 Jahren hatte er das Gut geerbt –,  die erste Schule einrichtete, welche jedoch aus Geldmangel schon nach zwei Jahren wieder schließen mußte.

Daß die Kinder bei ihm, im Gutshaus, nun Geschichten schreiben, wie der Gutsherr selbst, das ist freilich eine rührende Entsprechung ihres kleinen adligen Daseins an der Gutshofsschule. Sie sind gewissermaßen für einen Moment den ärmlichen Katen entlaufen und fantasieren sich nun – das ist die Geschichte Soldatenleben – die Erhebung ihrer Bauernwelt in die Sorglosigkeit herbei. Sie sind selbst Grafenkinder geworden und können aus dieser abgekoppelten Welt des Herrenhauses nun bald die Aufzeichnungen eines Jägers schreiben, wenn sie die ärmlichen Verhältnisse ihrer Väter und Verwandten besuchen, wie es Turgenjew getan hat. Auch hier aber ist die große Literatur nur und ausschließlich möglich, weil das einfache, das ärmliche, das naturnahe und harte Leben noch vorhanden ist. Als dieses in Rußland untergeht – und nicht nur dort -, scheidet mit ihr auch die russische Literatur dahin.

In dieser kleinen Geschichte aus dem Leben der Schulkinder auf dem Gut Jaßnaja Poljana und der Erzählungen, die sie über ihr eigenes Leben verfassen, lebt diese alte Welt in einer doppelten Weise nochmals auf: Als realistische Erzählung eines euphorischen Lehrers, der ganz nebenbei einer der größten russischen Schriftsteller ist, und als ebenso realistische Erzählung jener zwei Bauerngeschichten, welche die Kinder niedergeschrieben und Tolstoj veranlaßt haben, ihre Entstehungsgeschichte mit allen Höhen und Tiefen als Zeugnis kindlicher Erzählerkraft zu überliefern.

Einen Ausschnitt des Hörbuchs aus der Entstehung der Geschichte Mit dem Löffel füttert er, und mit dem Stil sticht er ins Auge gibt einen Einblick in Stil und Geist der Erzählung.

Schuber Tolstoi Hörbuch
Tolstoj-Hörbuch: Sollen die Bauernkinder bei uns schreiben lernen, oder wir bei ihnen?

Inhalt des Hörbuchs:

  1. Einleitung – 2:51
  2. Mit dem Löffel füttert er, und mit dem Stil sticht er ins Auge – 20:47
  3. Die Periode der Knallerbsen – 8:33
  4. Soldatenleben – 32:29
  5. Schluß – 11:48

Spielzeit: 76min

Das Hörbuch können Sie unter http://schmidtsche-vbh.de/ansehen_tolstoj.html bestellen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Neuerscheinung . Hörbuch: Tolstoj – Sollen die Bauernkinder bei uns schreiben lernen, oder wir bei ihnen?

  1. Pingback: Irrungen, Wirrungen . Theodor Fontane – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s