Spazierfahrt nach Triptis und Neustadt . Führer durch Thüringen

Nun da selbst ich die Krokusse im Garten bemerkt habe – allerdings nicht, weil ich dieselben gesehen, sondern heute morgen von der Terrasse aus die Bienen eilig summen hörte und hinsah – und siehe da: die Krokusse werden seit heute lautstark umschwärmt… da also Frühling ist und die Sommerreifen auch schon aufgezogen sind, war mir heute, als müßte ich mal wieder etwas Heimatkunde treiben.

Mittlerweile bin ich ja langsamer geworden, also noch langsamer als ich ohnehin schon war. Zwischen 20 und 30 Stundenkilometern hat man genügend Zeit in die alten Bauerngehöfte hineinzusehen. Das ist wirklich erstaunlich. Dörfer, durch die ich schon seit Jahren fahre, haben wunderschöne, verwinkelte, altertümliche Vierseitenhöfe. Teils mit ungewöhnlich gebogenen und breiten Fensterbalken im Fachwerk, schiefwinkliger Anordnung der Gebäude, auch teils sehr klug gewählter Putzfarbe – so war schon die Hinfahrt nach Triptis ein Genuß.

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Baedeker Thüringen 1925 . Meyers Reisebücher: Thüringen 1908 . Richters Reiseführer Thüringen 1917 . Grieben Reiseführer Thüringen 1930

Auch Triptis, wohin ich erstlich wollte, habe ich natürlich Dutzende Male schon durchfahren. Wahrgenommen habe ich es nur am Rande. Auch die vier historischen Reiseführer, die ich nun immer bei mir habe, zeigen nur begrenztes Interesse für das Städtchen. Es gibt auch keine famosen Sehenswürdigkeiten, aber es ist ein interessanter Flecken.

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Triptis . Parksee mit Stadtkirche, Sorbenturm und rechts die Weltkriegssäule

Denn eigentlich hat dies Städtchen alles, was ein luftiger Ort der alten Welt braucht: Einen Burgturm, den Sorbenturm, der von einer Befestigung gegen die Slawen übrig sein soll, einen kleinen Park daneben mit großem Teich, daran ein Gefallenendenkmal zum ersten Weltkrieg mit 111 Namen, eine Ausflugsgaststätte am Talhang (die Sachsenburg), unweit in Mittelpöllnitz eine kleine Wasserburg, Anrshaugk ist auch nicht weit mit einem kleinen Schloß der im 14. Jahrhundert ausgestorbenen Grafen zu Arnshaugk, außerdem mit nettem Markt und schönem Bürgerhaus. Die Stadt expandierte im 19. Jahrhundert leicht nach Osten, wo sich heute einige schöne Villen zeigen.

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Villa in Triptis (unrestauriert)

Nun liegen diese und andere, vornehmlich restaurierte Villen wie gewöhnlich an der Hauptstraße der Stadt. Das war früher die Bundesstraße von Gera kommend nach Pößneck. Sie wissen, daß ich von Straßenbegradigungen nichts halte. Aber hier ist den modernen Landschaftsverschandlern ausversehen etwas glorreich gelungen: Da die Bundesstraße im ganzen Orlatal von den Stadtdurchfahrten entkoppelt wurde, sind diese Städte allesamt vom Verkehr abgeschnitten, d.h. befreit. Natürlich fahren immer noch Autos, aber es ist erträglich. Jeder, der nicht unbedingt in die Stadt muß – und wer muß schon in dieses für die Autofahrer völlig unbedeutende Kaff – der rauscht draußen vorbei und niemand bekommt es mit.

Das hat den sonderbaren Effekt, daß selbst die Hauptausfallstraßen, an welche die Bürgerhäuser des 19. Jahrhunderts gebaut wurden und damals the pinnacle of living waren: ruhig, sonnig, teuer – plötzlich wieder bewohnbar werden. Sie können das in jeder Stadt beobachten. In die schönen Historismus-Fassaden, die an den stark befahrenen Einfallstraßen liegen, will niemand einziehen. Sie verfallen oder sind zum Wohnen eine Zumutung. Freilich war heute Sonnabend, aber es war wirklich wunderbar, wie ich größtenteils auf der Straße laufen konnte, statt auf dem Fußweg.

Die guten alten Zeiten kommen damit leider keineswegs wieder zurück. Denn das Städtchen sieht trotz der fast durchgängig altertümlichen Bausubstanz nicht übermäßig einladend aus. Und zwar, weil die Fassaden so konsequent entstuckt sind. An dieser beispielhaften Gegenüberstellungen von historischen und heutigen Aufnahmen aus der Stadt, sehen Sie präzise, daß noch dieselbe Bausubstanz, dieselben Gebäude bestehen, wie vor dem Krieg und damit die Stadt noch genauso schön sein könnte wie damals, daß sie aber mit aller Gewalt von jedem Element befreit wurden, das den Fassaden Proportion und Schönheit gab. Das ist ein Trauerspiel. Niemand hat Bomben fallen lassen, niemand hat die Häuser zerschossen, nicht einmal die Bauwut hat sie abgerissen und die Stadt entstellt – nein, man hat nur den Putz völlig planiert. Und heraus kommt eine seelenlose Nachkriegsmonotonie.

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Kirchhof St. Ulrich . Triptis

Neben der Stadtkirche am Markt gibt es noch eine auf dem Friedhofsberg, St. Ulrich. Sie ist recht schön gelegen und hat einen fast idyllischen Kirchhof mit der alten Friedhofsmauer auf dem Bergrücken, dem kleinen Torhaus, durch das zurück man Kirche und Turm aus der Stadt ragen sieht und aus dessen Tormulde man direkt auf das Kirchlein zu hinansteigt, links daneben eine alte Aufbahrungshalle, auf der anderen Seite Kriegergräber, weiter hinten auch große Gräber von einiger Repräsentation. Im Torahaus ist ein Schild angeschlagen, das folgende Zeilen trägt:

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Tafelspruch am Torhaus zum Kirchhof St. Ulrich in Triptis (Reinhold Müller)

Als ich schon weiterzufahren gedachte, kam mir die Ansicht der Hauptkreuzung, an welcher ich geparkt hatte, als besonders schön vor: Die Straße schlängelt sich durch die perspektivisch aufeinandergetürmten Gehöfte, dazu das Eichengeäst im blauen Himmel – bald ein Postkartenmotiv. Erst nachdem ich fotografiert hatte und losfuhr, bemerkte ich das Kriegerdenkmal auf der linken Seite des Bildes, das eine nur sehr schwer lesbare Inschrift besitzt, aber auf den Krieg 1871 hinweist und mit Ankern vor dem Zusammensturz gerettet wurde.

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Blick von der Hauptkreuzung in Triptis nach Norden. Kriegerdenkmal 1871 links.

Nach links ging es denn auch hinaus in Richtung Neustadt. Hier macht Ravensteins Autoführer einen Fehler: Es geht nicht über die Bahn, sondern unter ihr hindurch. Das Gleisbett wird man seit 1927 nicht angehoben haben, nehme ich an. Dagegen ist es mittlerweile nicht ganz offensichtlich, wo die alte Landstraße verlief, da die großspurige Umgehung gebaut ist. Kurz: Man muß eine gesperrte Straße fahren. Aber diese führt wunderbar asphaltiert hinter einem Damm parallel zur neuen Straße, von der man nichts sieht, aber rechts in die liebliche Niederung der Orla schauen kann, und kommt nach Dreitzsch. Der Ort fällt auf, weil an der Straße ein niedriges, kleines Türmchen steht, als sei er von einem alten Rittergut übrig. Und mein Nachfragen im Dorf bestätigt das. Den Organisten, dessen Auskunftsfähigkeit mir empfohlen wird, und der noch in der Kirche sein soll, treffe ich leider nicht mehr an.

Dann geht es unweit der Orla und mit den Bahngleisen nach Neustadt hinein. Da habe ich mir erlaubt Luft aufzupumpen. Und ich muß schon sagen, daß ich es erstaunlich fand, daß bei Aral tatsächlich eine Kanne mit Kühlerwasser bereitstand. Da hab ich kurz aufgeschaut, ob ich gerade in einen Zeitstrudel geraten wäre und vor mir ein Citroen C4 Baujahr 1928 stünde oder doch der gewohnte von 2005. Denn Sie erinnern sich vielleicht… mit diesem Auto ist alles möglich.

Aber wir wollten nach Neustadt an der Orla. Und wie wunderbar fährt es sich auf einer solchen Straße in die Stadt. Einfach immer geradeaus, bis man das Auto direkt am Kloster, das heißt seinen Überresten seit dem 30jährigen Krieg, und dem Schloß abstellt und praktisch mit dem ersten Schritt bereits mitten in der Stadt ist. Herrlich!

Gleich einen Straßenzug hinter dem Kloster gibt es eine Baulücke, die mit Mauern verschlossen ist. Auf diesen finden sich im Format von vielleicht einer halben Armlänge alte Fotografien der Stadt. Ist das nicht wunderbar? Man sieht von diesem Punkt aus ja fast alle wesentlichen Gebäude: Das gotische Rathaus, die Cranachkirche und eben die Klosterkirche. Und all das und noch einiges mehr gibt es auf den Bildern zu sehen – nur eben mindestens 80 Jahre alt.

In den 20er Jahren ist ein Obergymnasiallehrer an die hiesige Schule gekommen und hat neben Deutsch-, Französisch- und Englischunterricht zu geben auch mehrere Tausend Fotografien für das Stadtarchiv angefertigt. Der gute Obergymnasialrath ist ebenfalls mit seiner Kamera um den Wohlstandsbauch abgebildet. Das jedenfalls nenne ich einen großartigen Empfang für einen Historisch-Reisenden wie mich. Das ist vielleicht das erste mal in meinem Leben, daß ich eine Tourismus-Initiative loben darf. Und ich tue es gern. So hätte ich es am liebsten in jeder Stadt.

Nun, Neustadt kann es sich auch leisten, könnte man sagen. Denn diese Stadt macht wirklich den Eindruck eines Marktfleckens des 19. Jahrhunderts. Die Stadttore wurden zwar bereits kurz nach 1800 abgerissen, aber alles, was einem Landstädtchen des Kaiserreichs seinen Reiz gegeben hat, ist hier im Grunde noch vorhanden. Erneut ist es der wenige Verkehr, dann die offensichtlichen Sehenswürdigkeiten, die ich oben nannte, übrigens auch eine sogenannte Fleischbank, wie sie noch bis vor hundert Jahren im ganzen Land genutzt wurden, ist hier erhalten – die einzige in ganz Europa. Vor allem aber ist es die niedrige Fürsthöhe der Bauten des mittleren und späten 19. Jahrhunderts, die eben hier nicht städtisch wuchtig, sondern luftig-hell, großzügig, weniger verwinkelt als abwechslungsreich wie aus Mosiaksteinen zu einem Stadtplan gelegt sind. Insbesondere wird das deutlich, sobald man außerhalb der ehemaligen Stadtmauer gerät, was schnell geschehen ist, und die etwas losere Anordnung der damals moderneren Bauten vor Augen hat. Das Panorama um den Stadtteich zeigt diese nonchalante Siedlungsstruktur, die an Gehöfte des 18. Jahrhunderts erinnert, die sich vor der Stadt angesiedelt haben, wie ich finde, ganz gut. Freilich, das sah früher auch noch mal doppelt so idyllisch aus. Zaubern kann ich auch nicht bei meinen Erkundungen.

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Neustädter Teich . links St. Johannis . rechts die Klosterkirche

Es sind die kleinen Dinge, die so einen Platz lieblich machen. Nehmen Sie einmal das Gebäude an der Stirnseite des Teiches. Wie schön ist das getroffen für die Sichtachse des Teiches eine doppelachsige Fassade zu errichten. Aber das ist natürlich ein Bürgerhaus. Hier hat kein Stadtplaner die Finger im Spiel gehabt, sondern jemand hat so viel Sinn für Ästhetik bewiesen, daß er meinte, dort müsse exakt dieses Gebäude stehen. Und er hat damit Generationen eine Freude bereitet. Wer denkt heute noch so? Wer kann es?

Ich möchte auch nicht die beiden kursächsischen Postmeilensteine, einer vor dem ehemaligen Stadttor und einer auf dem Marktplatz, vergessen. Drei Stunden nach Roda. Das sind bei 17,5km also etwa sechs in der Stunde. Auch Coburg und Karlsbad sind angegeben. Fröhliches Schütteln!

Zum Schluß machen wir noch einen Sprung zurück nach Triptis, nämlich nach einem Zufallsfund in den Außenbezirken der Stadt. Mühlenjagen, das könnte man eine Sportart nennen. Die sind nämlich kaum noch zu finden, wenn sie selbst auf modernen Autokarten einfach so übernommen sind. Sie haben heute keine Flügel mehr, vor allem aber stehen sie nicht mehr frei am Stadt- oder Dorfrand, sondern sind längst eingekreist von anderen Gebäuden und machen ihr Auffinden zur Schnitzeljagd. Hier war es ein zufälliger Blick nach links in den Hof hinein. Über 40 Sachen darf man da nicht fahren. Aber mittlerweile passiert mir soetwas. Bald sitz ich auf dem Kutschbock. Hoch auf dem gelben Wa-agen…

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Umbaute Mühle am Nordostrand von Triptis.

4 Gedanken zu “Spazierfahrt nach Triptis und Neustadt . Führer durch Thüringen

  1. Pingback: Spazierfahrt nach Pößneck und Ranis – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Pingback: Spazierfahrt nach Saalfeld . Teil 2 . 14 Aug 2017 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Elke Baedeker

    Nun sind Sie für mich eine erstaunliche Entdeckung , lieber Herr Wangenheim , seit meiner Strassenbahnfahrt durch das Leipzig von 1931, als ich sehnsüchtig Ausschau hielt nach dem
    ehemaligen Familienanwesen in der Käthe-Kollwitz-Strasse und dem im 2.Weltkrieg zerbombten
    Verlagshaus Brüderstrasse Ecke Nürnbergerstrasse . Ich danke Ihnen für die nette Antwort auf meinen Kommentar .Sollten Sie das Familienanwesen wie angekündigt aufsuchen , gehen Sie in den Garten und an die Elster und schauen Sie von dort auf das Haus ,es ist das Schönste und
    ich denke mit Wehmut daran. Mit Erstaunen lese ich in Ihren Beiträgen. Sind Sie sicher,dass Sie
    nicht im 19. Jahrhundert geboren wurden , lieber Herr Wangenheim ? Denn wenn ich Ihren Reisebericht lese ,komme ich auf den Gedanken , Sie hätten in Ihren Betrachtungen und in Ihrer Gründlichkeit einen vorzüglichen Mitarbeiter unseres Verlages zu Leipziger Zeiten abgegeben . Ich wünsche Ihnen und Ihren Lesern viel Freude weiterhin bei Ihren ganz aussergewöhnlichen
    Beiträgen …..mit herzlichem Gruss Elke Baedeker

    Gefällt 1 Person

  4. Werte Frau Baedeker, haben Sie vielen Dank für Ihre freundlichen Worte; ich hätte mit Vorliebe anstatt oder zusammen mit Herrn Ferdinand Moll – zur Not auf dem Sozius – das Deutschland der 20er-Jahre bereist und fleißig für Sie die roten Büchlein vollgeschrieben. Aber jede Zeit hält für jeden Charakter nur eine begrenzte Wahl der Lebensführung bereit, und so ist mir diese ausgesprochene Kulturarbeit wie jedem anderen gegenwärtigen Menschen leider verwehrt. Im nächsten Leben jedoch erhalten Sie von mir eine zweifellos überzeugende Bewerbung in dieser Sache. Indem ich hoffen darf, daß Sie diese abzulehnen nicht imstande sein werden, bleibe ich

    Ihr Thomas Wangenheim.

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