Soirée russe . Mussorgski und die europäische Vorherrschaft in der Musik

Bereits vor einer Woche hörten wir die „Nacht auf dem kahlen Berge“ in ihren drei Fassungen, im Original Mussorgskis, der Chorvariante aus seiner Jahrmarkts-Oper und Rimskis Bearbeitung, die etwas sanfter daherkommt, gleichwohl mir selbst als die konsequentere erschien, in der die Übergänge zwischen den Hauptmotiven des Stücks, welche ausgezeichneter Natur sind, besonders schön zur Geltung kommen.

Nun hat das Hauptmotiv eher die Anmutung einer reinen Aneinanderreihung von Effekten. Das ist sicherlich nicht falsch beobachtet. Dazu später mehr. Auch ist der tiefgehende Einfluß Wagners unverkennbar, wenngleich das am nächsten liegende Pendant, der Walkürenritt, bereits 1851 geschrieben ist (man bemerke: sozusagen noch in der Wende zur a-melodiösen Rezitativmusik des Rings – fast möchte man noch von einer Gegenwendung zum gesuchten Tristan reden), bis 1870 öffentlich nicht vernommen werden konnte und Mussorgskis Komposition von 1860/67 stammt. Das beginnt beim einführenden Geklingel vornehmlich in hellem Holz und Streichern und endet im Wagner-typisch kraftvollen Hauptmotiv in schwerem Blech. Sehr schön ist auch der Unterschied des einerseits nur reinen Effekt machenden Blech-Motivs Mussorgskis und andererseits der nicht ohne Grund länger und sehr viel schreitender eingeführten langwelligen Melodie der Walküren, welche Wagner aus dem Gegrummel aufhebt.

Andererseits klingt die „Nacht“ an vielen Stellen verstörend modern, ja nach 20. Jahrhundert. So direkt im Anschluß an das zweifach gespielte Hauptmotiv. Die Musik ist, wie wir einem Brief Mussorgskis entnahmen, sehr strenge Programmusik und für uns Deutsche am ehesten mit „Tanz der Hexen in der Walpurgisnacht“ überschrieben. Entsprechend einleuchtend sind solche Griffe in die irre Dissonanz.

Das Ganze fungiert aber bloß als kurze Überleitung. Plötzlich finden wir uns in einer nahöstlichen, viel eher noch – und das ist erstaunlich – fernöstlichen Musik wieder. Das mußte mich an das Short Round Theme von Williams erinnern, d.h. mehr alles drum herum.

In der folgenden Beruhigung und Solo-Wiederholung des Motivs wird auch deutlich, wie russisch, volkstümlich-liedhaft diese Notenreihe eigentlich ist. Ich glaube, ich habe es schon früher einmal bemerkt, es wird aber hier in voller Überschauung vielleicht am Deutlichsten: Der Zusammenhang zwischen dem, was wir arabische Anklänge bei Bruckner (Österreich-Ungarn) und Rachmaninoff (Rußland) nannten, das ist nahe am Russischen überhaupt und gleichwenig entfernt sogar von der fernöstlichen Musik.

Und der Zusammenhang scheint mir endgültig zu werden, wenn wir Liszts Variationen über Dies irae, den Totentanz, hernehmen, den wir ebenfalls hörten. Nicht nur, daß er als Vorlage für die „Nacht“ hergehalten haben soll, selbst aber als eine ziemlich beliebige Improvisation am Klavier erklingt, vor allem ist eben jenes Dies Irae – eine recht eintönige Kirchennotenfolge des Mittelalters – nichts als ein europäisches Pendant dieser östlichen Musik. Es sind Rollnoten, kurze Kreisbewegungen, wie sie von jeder frühen Musik (leicht zu spielen und effektvoll) hervorgebracht werden. Und das ist es eben, womit wir es hier zu tun haben: frühe Versuche einer Musikkultur im Kinderstadium. Nur, daß außer der europäischen keiner der genannten Kulturkreise eine eigene moderne, d.h. nachmittelalterliche Musik zustandegebracht hat.

Allein Europa ist durch eine ganze Reihe von Stilen sinfonischer Klangmethoden, so möchte man sagen, gegangen und hat sich alle hundert Jahre neu erfunden, Renaissancemusik, Barockmusik, Klassik, Romantik, Spätromantik, dissonante Moderne. Man lasse sich das einmal auf der Zunge zergehen. Denn was wir nahöstliche oder fernöstliche Musik nennen, das ist im Grunde nichts weiter als die frühesten Erscheinungen einer Dichotomie aus Volks- und Kirchenmusik. Das stellt im chinesischen oder arabischen Raum alles dar, was an Musik vorhanden ist – je östlicher, so scheint es, desto schneller gespielt. Bei uns ist es eine Form längst verschollener Musikalität, die wir schon mindestens ein halbes Dutzend Mal in großen Revolutionen überwunden haben, daher diese fremde Musik für uns im höchsten Falle ethnologisches Fachinteresse reizen kann.

Aber zurück zu dem erstaunlichen Hexenstück Mussorgskis. Von den rhythmischen und melodischen Übergängen, von denen ich sprach, möchte ich noch einen Eindruck geben. Die erste ist eine noch vor allem rhythmische Transformation bei 1:54/55. Ganz ohne Tempowechsel und von wunderbarer Leichtigkeit dagegen der Übergang zweier Melodien in der Rimski-Bearbeitung bei 1:49/50. Später ein typisch russisches Kalinka-accelerando (übrigens 1860 von einem gewissen Larionow komponiert). Selbst der scheinbar unmotiviert eingeschobene, ganz merkwürdig fröhlich-entrückte Marsch hat eine sonderbar einnehmende Wirkung, zieht uns in einen fremden, ruhigen Raum, nach all dem Achterbahn-Gestrudel der Hexenmusik.

Diese Effekte tauchen immer wieder auf, wiederholen sich ohne zu langweilen. Ich möchte sagen, was hier alles zusammengewürfelt scheint, ist letztlich fein abgewogen oder hat zumindest diese Wirkung einer durchaus zusammenpassenden Potpourri-Ouvertüre. Das vor allem aber wegen der Bearbeitung Rimski-Korsakows. Obgleich also mehrheitlich in der Runde die Auffassung vorherrschte, daß die schroffere, ungeglättete Urfassung oder die Chorfassung Mussorgskis überlegen sei, während Rimski das Stück für den breiten Publikumsgeschmack entschärft habe, so scheint mir von ihm, Rimski, erst der eigentliche Zusammenhang der komponierten Fragmente hergestellt zu sein. Auch der plötzliche Schluß Mussorgskis wird sich kaum mit der lyrischen Ausblendung Rimskis messen können, die übrigens ebenfalls ganz wagnerianisch, aber nicht irgendwelchen Tonartübergängen wegen, sondern der Stimmung nach, an frühe Opern der spukenden Hexe vom grünen Hügel erinnert.

 

Hex, Hex!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.