Den Frühling durchwacht und verschlafen… oder: Tucholskys Rheinsberg und Dostojewskis Traum eines lächerlichen Menschen

Gestern, da die Sonne sich erstmals gemüßigt fühlte, den Tag zumindest hinter den großflächigen Terrassentüren frühlingshaft scheinen zu lassen – öffnen durfte man dieselben zum Fortbestehen dieser Illusion keineswegs -, betätigte ich mich, gut eingewickelt in Strick, mit einem Ritual des Winterverjagens, das in meiner Kindheit weit verbreitet war und heute wohl nur noch in amerikanischen Vorstädten gleichförmiger Einfamilienhäuser und extra grüner Rasenflächen üblich ist: Der Frühjahrsputz am Auto.

Das lag und liegt natürlich daran, daß man im Winter dergleichen gar nicht tut. Das wäre ein Kampf gegen Windmühlen. Im Sommer ebenfalls, wenn Insekten die größten Gegner des schönen Scheins sind – sowohl tot als auch exkrementierend.

Das erzähle ich nur, weil ich mit diesem sommerlich herausgeputzten Vehikel, das in seinem freundlichen Anzusehensein trotz reichlicher Blüten unter dem Lack fleißig mit der herrlichen Vorblüten-Landschaft schritt hielt, heute fast vollbesetzt den schnöden Einkauf als eine wunderbare Frühlingstour zelebrierte, die ich in ihrer ganzen Stille, Freudigkeit, Helligkeit, in ihrer ganzen Zart- und Unbeschwertheit sehr wohl genoß – gleichwohl den Frühling in Rheinsberg verschlief. Rheinsberg? Ja, Rheinsberg. Kannste michs glaubens.

Tucholskys Rheinsberg hat im Grunde alles, was so ein Sommer-Ausflugs-Verliebtheitsroman braucht: weite, wellige Landschaft, geschichtsträchtige Orte, die bloß noch in Museumsmanier begangen werden, unendliche Parks, Wind und Windesstille, eine Kutschfahrt – mit dem Kopf ins Verdeck gesenkt und einfach in den Himmel starrend -, den obligatorischen Irrgang durch eine Schafsherde, eine Bootsfahrt auf dem See, ulkige Bekanntschaften einzelner, und eben immer nur einzeln auftauchender Menschen in sonst ganz einsamer Abgeschiedenheit und nochmals unglaublich weite, helle Landschaft in unbeschwerter Mittags und Abendsonne. Ja, diese Erzählung hat alles. Leider aber noch etwas mehr: Zum Beispiel diesen absonderlichen, unschönen, ekelhaften Privatdialekt von Clairchen.

Ich bin mir ja bewußt, jede Familie hat natürlich ihren Privatdialekt. Also, nehme ich an. Ist doch so? Ich meine, das sagt doch schon Tolstoi in seinem voluminösen Roman Anna Amalia über die Verbindung der Hegelschen Philosophie, die ganz zu Unrecht mit Berlin in Verbindung gebracht wurde, zum Thüringischen am Weimar Hof:

Alle hochdeutsch sprechenden Familien sind gleich, jeder Familiendialekt ist auf seine besondere Art dialektisch.

Irgendwelche komischen Versprecher, Kinderworte oder Mißverständnisse, die in den Wortschatz aufgenommen wurden, Phrasen, die man entwickelt hat und die ab und an fallen und oftmals für Außenstehende nicht den Hauch eines Sinns machen – und manchmal für Familienmitglieder ebenfalls nicht. Aber das alles hält sich doch in Grenzen. Es wird nicht den ganzen Tag so geredet. Man verwendet es zur Auszeichnung eines Moments, als einen Ruf in die Erinnerung, auf daß es herausschallen möge.

Tucholsky aber macht die Leichtigkeit der Szenerie mit der Verkrampftheit dieses exzessiven Kindersprechs aus dem Munde Clairchens vollends ungenießbar. Oder sagen wir, die Szenen wechseln um so schroffer ab. Aber das ist, als fährt man durch eine häßliche Großstadt, in der ab und zu ein altehrwürdiger, schöner Bau an der Straße erscheint, im Moment darauf aber schreiende Werbeplakate, häßlich sich aufspielende Großstadtproleten und dumme Architektur (sozusagen eine Triade aus einer Hand). Das Ganze wirkt nach einer Weile, als hätte man es mit einer Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer geistig Behinderten zu tun. Das müßte dieser Tage ja erfolgversprechend sein… Tut mir leid, aber da nehme ich einen anderen Weg. Eichendorff zum Beispiel, oder Stifter.

Und dann will eben Tucholsky auf Biegen und Brechen lustig sein. Das gelingt ihm auch zuweilen. Allerdings weniger im Roman, als vielmehr in der Vorrede zur 50.000sten Auflage. Auch in Beziehung auf den Witz wäre oft weniger mehr gewesen, wie man gern sagt. Wenn jedes Gespräch zwischen den beiden Geliebten zu einem immer anstrengenderen Schlagabtausch aus Ironie, Sarkasmus und ziemlich nerviger Pointenlosigkeit gerät – wobei die Ironie meist so flach ist, daß es zur Wirkung geistiger Beschränktheit der weiblichen Figur durchaus nicht kontrastiert und der Abbruch dieser Gespräche ja immerhin die Leichtigkeit des Reisevergnügens nett sekundiert, aber eben einfach zu oft wiederholt ist – dann ist der Effekt kein anderer als in der Musik dieser Zeit (1912): Eine Dissonanz jagt die andere, ab und zu ein leichter Hauch Erinnerung an romantische Melodiösität, aber im wesentlichen folgt Dissonanz auf Dissonanz. Und wie ich auch im Falle der Musik immer sage: So funktioniert das nicht. Damit Dissonanz wirkt, braucht es den breit ausgewalzten Fall der Konsonanz. Und dann, ja dann darf man sich gern über die Massenverteilung der beiden streiten.

Wie konnte ich es nun verschlafen? Verschlafen ist zuviel gesagt. Das Kanapee, das in meiner kleinen Bibliothek steht, ist ja viel zu kurz, aber nach einer halben Stunde nicke ich dann eben doch weg und wache eine viertel Stunde vor Schluß wieder auf. Da die Qualität der Arbeit (sowohl das Sprecherische als auch das Schriftstellerische zwar handwerklich gut, aber dem Stil nach) nicht mein Ding war, so werde ich die verschlafene Mitte auch nicht nachhören.

Und genauso ging es mir eben schon mit dem Traum eines lächerlichen Menschen. Was für ein blödsinniges Gutmenschengeschwafel über die Rousseauistische Einfältigkeit der Menschen vor der bösen Einzäunung des ersten Stück Landes! Aber man schätzt die Russen eben durchaus falsch ein, wenn man sie als Realisten ansieht, d.h. Autoren, die am Realismus ihre Freude haben. Der Realismus ist immer nur zur Anklage gedacht, zum so soll die Welt nicht sein. Laaangweilig. Tolstoi ist weniger verbissen, eigentlich gar nicht. Turgenjew liegt vielleicht dazwischen.

Nun hat unser Musikus, als ich ihm davon erzählte, den wirklich schönen Gedanken geäußert, daß dieser Traum ja eben der Traum eines lächerlichen Menschen sei und insofern als Anklage gegen dergleichen Illusionen gelesen werden könne. Dieser Gedanke ist für klar denkende Menschen natürlich verlockend, aber ich zweifle, ob er auch nur den Hauch einer Chance hat, die richtige Interpretation zu sein. Es scheint eher die Haltung des Weltverbesserers, der damit kokettiert nur einem Traum nachzuhängen, dann aber gleichwohl mit bösartiger Verbissenheit und ohne Rücksicht auf Verluste diesen den Menschen aufoktroyieren will. Sie kennen das. Mögen sie alle schrecklich scheitern. Auf daß das schöne Leben erhalten bleibe, wenigstens das, was davon noch übrig ist. Genießen Sie den Frühling!

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