Rezension zur Rezension zum „Untergang des Abendlandes“ und „Kultur und Ingenium“

Die meisten Leser dieses Blog wissen, daß es seit Mitte 2016 mein Buch bei Amazon zu kaufen gab. Das begründete sich im Wegfall meiner privaten Seite Anfang 2015. Da ich das Buch wieder zugänglich machen, auf die eigene Internetpräsenz jedoch verzichten wollte, entschied ich mich für ein Angebot bei Amazon. Das war nur mit einigen Tricks möglich, wie der Auszeichnung des Buches als Ersterscheinung vor 1970, da es über keine ISBN-Nummer verfügt (schon aus ästhetischen Gründen). Daher erhielt es das Erstausgabedatum 1901. Das hatte etwas.

Seit Ende 2016 aber existiert meine Verlagsseite nun wieder, da ich Lust hatte, nebenbei noch ein paar Hörbücher zu produzieren und dafür der Aufwand einer eigenen Seite angemessen schien. Damit wurde Amazon überflüssig. Allerdings hatte ich bisher die Löschung nicht vorgenommen und das hat uns gestern nach dem Soirée russe einen köstlichen Abend besorgt. Denn unser Musikus machte mich darauf aufmerksam, daß es seit einer Weile auf Amazon eine Rezension meines Buches gebe. Das war nun einerseits die Erinnerung daran, daß ich noch immer diese Seite nicht gelöscht hatte, vor allem aber ausgesprochen witzig. Denn so viel Spaß hatten wir selten mit einer Rezension des UdA und von KuI – beide kriegen nämlich bis auf ein paar Feigenblatt-Belobigungen ihr Fett weg.

Ich hätte nun gern dieses polemische Feuerwerk, das wir uns gegenseitig zuschossen wiedergegeben. Allein, das Ganze war so spontan und vielgestaltig, daß es schriftlich nicht zu bannen ist. Damit entfiel der Sinn dieses Blogbeitrags. Allein, ich verfasse für mich wenigstens eine ganz trockene Gedankenstütze, was die Bemerkungen zu „Kultur und Ingenium“ waren, damit sie als Rezension meines Buches, was es immerhin ja ist, nicht verloren gehen. Verzeihen Sie also, wenn ich auf Eloquenz und spitze Bemerkungen verzichte, jeder Versuch würde den gestrigen Abend weit unterbieten und mich nicht zufriedenstellen.

*

Gleich im zweiten Satz geht es mit einer Bemerkung los, die jedem Leser des „Untergangs“ und von „Kultur und Ingenium“ merkwürdig vorkommen wird: Spengler und Wangenheim (oder nur dieser? – das ist nicht eindeutig herauszulesen, da der Autor seine Sätze oft ohne Verben verfaßt) hätte(n) Weltgeschichte vor dem Hintergrund der Kunstgeschichte aber unter weitgehender Ausblendung der Religionsgeschichte geschrieben.

Das ist insofern besonders skurril, als später die Übersichtlichkeit der Faltblätter in „Kultur und Ingenium“ gelobt wird, in denen je die vorletzte Zeile zu jeder Epoche gerade die religionsgeschichtliche Grundstimmung zu fassen versucht und damit ebensoviel Raum erhält, wie die Architektur (1), die Politik (2), die Plastik/Malerei (3), die Philosophie (4), die Staatsform (5), die Militärgeschichte (6), die Literatur (7) und die Musik (9). Auch in den Faltblättern bei Spengler springt einem die Religion allerorten ins Gesicht. In den Einleitungen selbst ist das natürlich nicht anders. Da spricht (unter vielen anderen Streifschüssen) Spengler z.B. von der Verbrennung der Toten. Auch bei mir kommt die Religionsgeschichte, und zwar in demselben Zusammenhang vor: „Das Problem der Antike“ oder Der Unterschied zwischen antiker und abendländischer Religion. Hier sind es sogar die ersten inhaltlichen Ausführungen des Buches überhaupt, die sich mit der Religionsgeschichte befassen – und zwar 7 von 60 Seiten der Einleitung.

Auf die Behauptung des Rezensenten kann man nur kommen, wenn man nicht einmal einen Blick in das Inhaltsverzeichnis geworfen hat, denn das Ganze geht natürlich nach den Einleitungen in beiden Büchern munter fort oder besser gesagt erst richtig los: Bußsakrament, gotischer Seelenraum, faustische Moral, Naturwissenschaft als Religion (Spengler), ottonische Reichskirche, negative Theologie, ägyptischer Sonnenkult, der Mensch wird Gott, Luther und Karlstadt, Monotheismus und Polytheismus, Augsburger Religionsfriede (Wangenheim). Und das sind nur die Kapitelüberschriften. In beiden Büchern wird die Religion als ganz entscheidende Komponente der historischen und geschichtsphilosophischen Betrachtung immer wieder deutlich, selbst wenn gerade nicht hauptsächlich von Religion die Rede ist (so ist die Kunstgeschichte ja von der Religionsgeschichte gar nicht zu trennen). — Wie der Rezensent darauf kommt? Ich habe keine Ahnung. Vermutlich hat er nichts vom oben genannten gelesen.

Dafür hat er sich von Spengler gemerkt, daß die Idee der Funktion abendländisch sei. Daraus schließt der philosophisch offensichtlich durchaus mager gebildete Rezensent, Funktionen könnten wohl nicht geeigenet sein, das Wesensprinzip der Kulturen schlechthin zu beschreiben. Das ist natürlich ein derart oberflächlicher Kommentar, daß man sich fragt, ob es sich um einen 16-jährigen oder ein intellektuelles Analogon handelt. Denn von Funktionen ist in KuI praktisch kaum die Rede. Es werden Begriffe gegeneinandergesetzt. Daß das Ganze der Übersichtlichkeit wegen gelegentlich als Funktion zur Darstellung kommt, ist sebstverständlich eine ganz andere Frage. Wir können auch Hegels Kreismetapher oder Plotins Kosmologie graphisch darstellen, ohne daß Hegel oder Plotin deshalb ausschließlich graphisch zu verstehen wären. Ob dergleichen absurde „Kritikpunkte“ daher kommen, daß man krampfhaft nach Zusammenhängen sucht, wo ganz andere, aber unsachliche und deshalb zurückgehaltene Gründe für die Kritik bestehen, oder einfach aus bloßer geistiger Beschränkung, vermag ich nicht zu beurteilen (obgleich die Grammatik der Rezension eher für das Letzte spricht).

Bevor es fortgeht, gebe ich einen kurzen Einblick in den Stil der Rezension. Der Text ist gerade 290 Worte lang, enthält aber sieben Autorennamen, von denen mindestens drei nicht einmal bei Wikipedia eingetragen sind (also ungefähr so bekannt, wie dieser komische Wangenheim). Die anderen sind Schröter, der bekannte frühe Kritiker des „Untergangs“, und Toynbee.

Mit einem dieser nicht sonderlich wichtigen Autoren könne man, so der Rezensent, nicht nur Spengler, sondern auch Wangenheim fragen, wofür die Begriffe „Kultur“ und „Ingenium“ bzw. die Ursymbole stünden. Ich dachte ja in meiner grenzenlosen Naivität immer, das Ursymbol des Unendlichen stünde für die faustische Kultur, das der punkthaften Statue für die Antike, das des Weges für die ägyptische Kultur – aber was weiß ich schon! Ich weiß vor allem wirklich nicht, warum der genannte Autor (dessen Name unbedeutend ist) das allen ernstes fragen sollte oder warum der Rezensent ihn – was durchaus näher liegt – nicht richtig zitiert und falsch versteht. Daß andererseits „Kultur“ und „Ingenium“ als Begriffe sehr viel abstrakter sind, als man das von Spengler gewöhnt ist, ist richtig. Und es ist freilich der eigentliche Zweck der Arbeit, damit die konkrete Beziehung zu historischen Entitäten abzustreifen und die Bewegungen der Geschichte auf abstrakte philosophische Begriffe zu reduzieren. Aber offenbar bin ich bei der Vermittlung dieses Gedankens wenigstens bei jenem Rezensenten gescheitert.

Ein weiterer Hinweis, nein, Beweis, daß der Rezensent nicht sonderlich viel von „Kultur und Ingenium“ gelesen haben kann oder wenn doch, so immerhin nicht verstanden hat, bietet er wenig später. Im Schlußkapitel von „Kultur und Ingenium“ tauche erstmals der Begriff Zivilisation auf, der mit Untergang gleichgesetzt werde, so behauptet er. Da tat er mir richtiggehend leid. So ist das, wenn Bücher etwas mehr als Faktenhuberei betreiben und so etwas merkwürdiges wie rhetorische Figuren enthalten. Denn der Rezensent hat dieses erstmalige Auftauchen des Begriffs Zivilisation nicht etwa selbst bemerkt, sondern dem Schelm Wangenheim geglaubt, der das selber schreibt:

„Der eigentliche Gedanke dieser Philosophie rankte sich um einen Begriff des Verfalls, der Verfeinerung, des Siechtums, jenes alten Begriffes der deutschen Geschichtsphilosophie – ja im Kern eigentlich bereits Rousseaus – den sie gegen den der Kultur gesetzt hatte: die Zivilisation. Diese Schrift hat ihn vermieden.“ S. 517

Von Gleichsetzung mit Untergang zu reden, ist natürlich ziemlich oberflächlich vom Rezensenten, aber – geschenkt. Ich muß hier allerdings aus dem oben angedeuteten Grund nun doch etwas polemisch werden. Denn das hat schon ein tolles Geschmäckle. Der Begriff Zivilisation/zivilisatorisch kommt in „Kultur und Ingenium“ bis zu dieser Stelle 35 Mal vor. Ich habe extra den Acrobat Reader nachzählen lassen. Also knapp alle 10 Seiten. Was denn? der Wangenheim lügt? Der gemeine Kerl! „Aber der Autor sagt es doch selbst!“

Ja, sagt er. Weil er einen Punkt machen will. Das nennt man Rhetorik. Und kurz darauf wird das Ganze gleich wieder relativiert (wie so vieles in diesem Buch, was freilich nur vom feinen Beobachter bemerkt wird), als es heißt:

„Diese Schrift hat ihn vermieden. Nicht weil er nichts mehr bedeutet, sondern weil er nun erst in seiner eigentlichen Schwere aufgerichtet ward.“

Aha! Denn bis zu einem gewissen Grade dürfe, so liest man in „Kultur und Ingenium“ weiter, Zivilisation mit Ingenium identifiziert werden (was nebenbei bemerkt natürlich den Zusammenhang der Spiegelsymmetrie mit den alten Spenglerschen Begriffen deutlich machen sollte). Und wie oft nun Ingenium in meinem Buch auftaucht, das zähle ich nicht nach – selbst mit dem Acrobat Reader wird das müßig.

Unter uns, die Bemerkung zu diesem Begriff der Zivilisation ist ziemlich nebensächlich, wenn man als Rezensent die Verbindung zwischen den alten und den neuen Begriffen gar nicht zum Thema macht. Aber um Inhalte ging es ihm eben nicht, sondern um die Bekräftigung seiner Lesearbeit. But, oh boy, that came crashing down! Es ist also offensichtlich, daß der Rezensent neben der lückenhaft konsultierten Einleitung vor allem diesen Schluß las, dort dummerweise dem Urteil des Autors folgte und es daher so für ausgenommen sicher hielt, sich mit dieser das ganze Buch übergreifenden Ausschließung eines Begriffes den Anschein geben zu können, das Buch umfänglich gelesen zu haben, dabei aber sehr peinlich auf die Nase fiel und gerade seine gänzliche Inkompetenz bezüglich des rezensierten Textes kund tut. Das ist menschlich ausgesprochen vielsagend und paßt hervorragend zu dem übrigen Namedropping des offenbar überhaupt geistig recht unselbständigen Herrn.

Dann versucht er sich selbst noch in etwas Polemik, indem er einen wiederum völlig unbekannten Autor mit dem vermeintlich witzigen Ausspruch zitiert, solche Darstellungen wie sie Toynbee gemacht habe (und offenbar auch dieser Wangenheim), machten „Spaß, besonders für [sic!] Studenten.“ Allein die grammatischen Blüten sind ein Feuerwerk guter Laune! Aber man muß nachsichtig sein, dergleichen wird heute in keiner Seminararbeit mehr angestrichen. Man hat mit gröberen Unsinnigkeiten zu kämpfen.

Aber der Höhepunkt – Sie sehen, es geht ohne Polemik einfach nicht – kommt doch am Schluß, als der Rezensent allen Ernstes vermeldet, der Autor selbst (Wangenheim) schätze den Erkenntniswert seines Buches nicht hoch ein und erkläre den Untergang der vorliegenden Denkungsart. Can you believe it? „Aber der Autor hat’s doch selbst gesagt, Menno!“

500 Seiten lang (gut, er hat vielleicht fünf oder zehn davon halbwegs verstanden) handelt dieses Buch von der Fraktalität der Geschichte, ja des Lebens, also der Selbst- und Rückbezüglichkeit aller Dinge. Und nun, am Ende des Buches, wird eben diese Theorie ganz im Sinne jener fraktalen Selbstreferenzialität auf sich selbst angewandt und einmal mehr vermeldet unser Rezensent: „Aber der Autor hat’s doch selbst gesagt!“. Also wer bei so viel kindlicher Naivität nicht lachen muß, der ist wahrscheinlich klinisch tot.

Da könnte man an sich selbst und der Menschheit zweifeln, wenn es nicht geistvolle Männer gäbe, die einem die Versicherung geben, daß die tiefere philosophische Auseinandersetzung mit diesem Schlußkapitel dem geneigten Leser natürlich in die Augen springen muß. Ich erlaube mir also Prof. David Engels in seiner Rezension (Latomus, Revue d’études latines 73-2, 2014) zu ebendieser Stelle umfänglich zu zitieren, wo es heißt:

Doch wie bereits angedeutet, ist eine solche Einzelkritik vielleicht auch gar nicht notwendig, bedenkt man den wahren intellektuellen Stolperstein, den Kapitel XV darstellt. Denn mit S. 513 tritt ein plötzlicher, vom Verfasser meisterhaft aufgebauter Überraschungseffekt ein, welcher Absicht wie Sinnhaftigkeit der gesamten bisherigen Darstellung in Frage zu stellen scheint und jeden Leser wohl in eine gewisse Verwirrung stürzen dürfte:

Nachdem Wangenheim auf mehr als 500 Seiten in meisterhafter Darstellung und überlegener Diktion eine ganz eigene Morphologie der Weltgeschichte vorgestellt hat… stellt er nun die gesamte Theorie grundlegend in Frage – oder vielleicht auch nicht, muß sich doch jeder Leser aufgrund der Komplexität der hier erhaltenen Aussagen letztlich sein persönliches Bild machen. So erklärt Wangenheim zum einen, daß im Laufe der Untersuchung der Verdacht immer größer geworden sein dürfte, die Zuweisung einzelner Gesellschaftsströmungen zu „Kultur“ und „Ingenium“ könne oft durchaus auch gänzlich umgekehrt werden, ohne doch die Überzeugungskraft der Darstellung grundsätzlich in Frage zu stellen, ganz ähnlich, wie ja auch gegen Ende von Thomas Manns „Zauberberg“ Naphta und Settembrini austauschbar zu werden scheinen, ohne doch ihren grundlegenden Antagonismus aufzulösen…

Die Erkenntnis von der Beliebigkeit der Zuweisung vieler historischer Einzelerscheinungen zu Kultur oder Ingenium bedeutet nun aber keineswegs eine vollkommene Relativierung und Aufgabe der Annahme der beiden Grundprinzipien, sondern vielmehr die Notwendigkeit für den Leser (oder auch autobiographisch für den Verfasser; das verwendete „wir“ läßt hier einen Zweifel offen), sich nunmehr dem Einfluß der vorgestellten Thesen zu entziehen und sie zu überwinden. Und so heißt es gegen Ende der Darstellung, (wobei sich der Spengler’sche Duktus gewissermaßen gewollt selbst widerlegt): „Ich erkläre hiermit den Untergang der vorliegenden Denkungsart. Sie ist in ihrer eigenen Selbstbestimmung zerfallen. Ihre Zersetzung durch sich selbst ist kultisch, begrifflich, dem Gesetz nach ein Niedergang. Ingen ist es ein Gewinn, ein Gewinn von Freiheit – eine Freiheit, wie sie mit jedem untergehenden Gedanken geschaffen wird. Jede Konstruktion schränkt das Denken notwendig ein. Der Zweifel befreit von ihrer Konsequenz. / Um die Freiheit zurückzugewinnen, muß diese Theorie nun scheiden. Sie ging an sich selbst zugrunde. Sie war der Versuch, eine historische Logik zu schmieden – die tolldreiste Frechheit der Superbia.“ (S. 521).

Bedeutet das nun aber, daß das Buch umsonst war? Daß der Verfasser seine These als ungültig erkannt habe und daher nunmehr grundsätzlich ablehnt? Daß alles nur Ironie und Parodie war, gewollte Irreführung des gutgläubigen Lesers? Daß 500 Seiten Geschichtsphilosophie nur zum Aufbau einer literarischen Spannung verfaßt wurden, welche einzig im Dienste einer Art Nietzsche’scher Götzendämmerung stehen sollte? Auch hier kann letztlich nur der einzelne Leser die Entscheidung treffen, sollte dabei aber nicht vergessen, daß der Verfasser (dessen historische Selbstverortung am Endpunkt der abendländischen Geschichte übrigens in seinen eigenen Grafiken auch morphologisch recht genau bezeichnet ist) selbst noch im scheinbaren Verwerfen des eigenen Denkens wesentlich innerhalb der eigenen Argumentation verbleibt und damit keineswegs vom Ingenium in die Freiheit ausbricht – sondern vielmehr wiederum in die Kultur… und vielleicht gar in eine neue Genese, ganz im Sinne der ersten Worte des Werkes, wo, vom Leser noch unverstanden, der „Entschluß der Zeit, ihre Richtung umzukehren“, erwähnt wird…

*

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

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