Wandern mit dem historischen „Baedeker Thüringen“ von 1925

In den frühen 20er Jahren, kurz vor dem Erscheinen des „Ravensteiner Autoführer durch Deutschland“ 1927, kam bei Baedeker eine Reihe von neuen Reiseführern heraus. Nachdem es zuvor lediglich eine Präzisierung in Nord- und Süddeutschland gegeben hatte, begann man nun die Reiseführer deutlich zu detaillieren und brachte es auf 14 Regionen (ohne Berlin).

Der Thüringer Baedeker beginnt stimmungsvoll mit einem Motto aus Scheffels „Frau Aventiure“ (Scheffel war ein großer Wanderfreund):

Wer einmal  diesen Jungbrunn fand,
der schöpft aus keinem andern;
Thüringer Wald, Thüringer Land,
Nur hier mag ich noch wandern.

Das Gedicht „Die Heimkehr“ beinhaltet auch jenen Gedanken Goethes vom „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da.“ Der letzte Ausguß desselben tut sich im Refrainmotiv des fast 100 Jahre späteren, vielleicht letzten deutschen Volksliedes kund, dem bekannten Thüringerwald-Lied: „Ich wandre ja so gerne

Wald über Tröbnitz.JPG
Wald oberhalb von Tröbnitz

Scheffel ist natürlich eine andere Welt. Und jeder, der gern wandert und den frischen, hellen Wald vor sich hat, den Geruch, die Freiheit des Wanderers kennt, der weiß, was diese Zeilen bedeuten:

Im heilgen Land, im Wüstensand
Bin ich zu Feld gelegen
Und kehre sonnenbraun gebrannt
Zu heimischen Gehegen:

Nun erst, mein alter Heimatwald,
Weiß ich dich ganz zu schätzen,
Mich deiner dunklen Prachtgestalt
Tagtäglich neu zu letzen.

Ich hab viel giftgen Schmack und Ruch
Auf Syriens Feld erlitten;
Wie anders schmeckt ein voller Zug
Der Luft in Harzwaldmitten!
Wer einmal diesen Jungbrunn fand,
Der schöpft aus keinem andern;
Thüringer Wald, Thüringer Land,
nur hier mag ich noch wandern!

Denn das ist deutschen Waldes Kraft,
Daß er kein Siechtum leidet
Und alles, was gebrestenhaft,
Aus Leib und Seele scheidet.

Daß ich wieder singen und jauchzen kann,
Daß alle Lieder mir geraten,
Verdank ich nur dem Streifen im Tann,
Den stillen Hochwaldpfaden:

Aus schwarzem Buch erlernst du’s nicht,
Auch nicht mit Kopfzerbrechen:
O Tannengrün, o Sonnenlicht,
O freie Luft der Höhen!

Aber das waren ja nur die Eingangsverse des Thüringer Baedeker. Daß im Baedeker Rheinlande von 1921 Max von Schenkendorfs Rheinlied das Motto bildet, das natürlich an das spätere seines Namensvetters Max Schneckenburger Es braust ein Ruf wie Donnerhall erinnert, aber weit weniger martialisch ist, besonders jedoch melodiös weit zurücksteht, erwähne ich nur, da ich gleich vier der seinerzeitigen Baedeker erstanden habe.

vier Baedeker.JPG
Baedekers Thüringen 1925, Oberbayern 1921, Schwarzwald 1921, Rheinlande 1921

Die Detailgenauigkeit dieser Baedeker ist tatsächlich beeindruckend. Ferdinand Moll, ein langjähriger Mitarbeiter bei Baedeker wurde bis 1924 durch Deutschland geschickt. Mit einem kleinen Motorrad bewaffnet – meist mit ihm im letzten Großgepäckwaggon der Eisenbahn mitreisend – fuhr er unermüdlich durch Deutschland und aktualisierte die alten Ausgaben von 1914, vor allem aber erkundete er ganz neue Wege und Orte, die in den grobschlächtigen Reisebschreibungen der alten Bände nicht annähernd zu finden waren. Ein Beispiel aus dem Baedeker Thüringen wollen wir uns heute vornehmen, nämlich die Wanderung von Roda nach Neustadt, genauer nur von Tröbnitz nach Meusebach, denn das ist gewissermaßen mein Jagdrevier.

„4½ Stunden durch schönen Wald“ wird die Wanderung angekündigt. Er will zunächst nach Wolfersdorf zum Wasserschloß „Fröhliche Wiederkunft“. Es führt eine Straße von Tröbnitz aus dorthin und tat das auch schon 1924. Der Weg von Roda aus wird auch auf der Straße bestritten. Autos fuhren zu dieser Zeit nicht. Wenn er Pech – oder Glück – hatte, dann kam ein Motorrad vorbei und zwei Pferdefuhrwerke. Man fragt sich: Warum der beschwerliche Weg über die Höhen, wenn man drunten im Tal in halber Zeit hinkommen kann? – Eben: O freie Luft der Höhen!

Und der Wald ist wirklich schön. So schön, daß ich ganz verdutzt war, diese Strecke nicht gekannt zu haben. Eine Schande. Aber was draußen auf den Straßen in den letzten 100 Jahren geschah, das bildet sich im Grunde ganz gleichartig hier im Wald ab – es ist kaum zu fassen.

Die meisten Wanderwege verlaufen heute auf forstwirtschaftlichen Wegen. Das war schon immer so. Allerdings hat sich der Charakter derselben ungeahnt gewandelt. Während heute halbe Autobahnschneisen für Harvester und 40-Tonner in den Wald geschlagen werden, hochverdichtete Schotterwege angelegt und für den schnellen Abtransport der Ernte auf kürzestem Wege Hauptverkehrsadern geschaffen werden, waren frühere Waldwege – ob zum Rücken oder zum Wandern – ganz anders angelegt. Meist verliefen sie in Hohlen bergauf, schmal, heute oft noch schmaler zugeschüttet, in reichen Windungen, große Steigungen möglichst vermeidend, lieblich sich schlängelnd in die Wälder hinein, statt brutal wie Kraftfahrstraßen ohne Winkel und Kehren auf den Wendekreis eines Lastzuges zugeschnitten.

Was mit den Reichsstraßen und überhaupt allen Landstraßen des frühen 20. Jahrhunderts passierte, das ist im Wald – das weiß ich nach dieser Erkundungstour – ganz genauso vorgefallen: Begradigungen, Aussterben der alten Strecken, vom Wandervergnügung weg, hin zum Aufwandsminimum, von der Nachhaltigkeit zur Kurzsichtigkeit. Selbst die Fuhrwerksfahrer haben die umständlichen Wege der Schönheit wegen vorgezogen. Anders, also rational, kann man sich die Linienführung manches Weges einfach nicht erklären.

Da nun aber die Wanderer den festen Untergrund der „Waldautobahnen“ schätzen, gehen sie auch auf diesen Wegen. Die alten Wanderwege wachsen zu, verkümmern. Der Weg, den Ferdinand Moll 1924 nahm und in den Baedeker drucken ließ, weil die 20er Jahre nach diesen Idyllen des Reisens in der Heimat gierten, ist ein verwunschener Pfad an den Rändern eines Industrienutzwaldes, in welchem die Privatbesitzer aus Mangel an Zeit die Harvester anrücken lassen, die neben der Ernte die Hälfte der Zukunftsbäume mitrausreißen müssen, um Raum zum Zupacken zu schaffen.

Ich hätte kaum gedacht, daß es noch so schöne Stellen in unserem Wald gibt. So etwas sah ich bisher nur bei meinen Querfeldein-Läufen – kein Weg weit und breit. Und etwas Ähnliches ist die Aufgabe, den ursprünglichen Wegverlauf zu rekonstruieren. Man muß ein Gespür dafür haben, was alte Wege sind, wie die Welt aussah, bevor so frevelhaft gewütet wurde, man hat Spurensuche zu treiben und wird mit einer neuen Welt belohnt, die zwar gänzlich verfallen ist – wie die alten Dörfer oft – aber ein wenig von dem Charme behalten haben, den die alte Ästhetik in die Welt ergoß.

Im Thüringer Wald.JPG
Tief im Thüringer Wald

Glücklicherweise sind die Angaben so genau, daß man bis zur Sicherheit den alten Weg finden und die Richtigkeit prüfen kann. Da heißt es von einer Stelle „durch die Meusebacher Buchen“, die just da noch heute beginnen, wenn auch nicht „mit mächtigen alten Bäumen“, sondern nach fast 100 Jahren mit der Folgegeneration von etwa 60-80 Jahre alten Exemplaren, aber eben doch ein reiner Buchenwald, der sich erhalten hat. „Weiterhin führt der schlecht erkennbare Waldweg“ – und eben dort ist er durch die Welligkeit des Bodens, der die leichte Einsenkung des Weges unsichtbar macht, tatsächlich nur schwer zu finden – „links um den Berg“, wo es wirklich links um eine Bergkuppe herumgeht. Zudem geben alte, verwachsene Bänke einen Eindruck davon, daß der Weg noch in DDR-Zeiten rege begangen wurde. Vielleicht sind die halbstämmigen Bänke sogar älter.

Über Meusebach.JPG
Oberhalb von Meusebach

In den linken Grund hinab muß man heute durch Schafsgatter gehen, um durch eine Armlänge breite Gasse direkt auf dem Dorfplatz herauszutreten, wie es Moll damals tat, und den schönen Blick auf die Meusebacher Fachwerke zu haben.

Meusebach Panorama.jpg
Meusebach. Ein Sackgassendorf mit reichlich Fachwerkbauten.

Hier war es schon drei Uhr, weil ich die Wege auch rückwärts ablaufen wollte, die ich erst später gefunden hatte – denn das ist wirklich ein Puzzlespiel -, und am Hang, der aus dem Dorf hinausführt, habe ich den Weg endgültig verloren. Das wird noch einiger Anläufe bedürfen. Aber mir kitzelt es schon jetzt, ein paar Holztäfelchen anzufertigen, um den Weg für jederman mit Abenteuersinn als Baedeker-Weg auszuschildern: Gelbes B auf rotem Grund.

7 Gedanken zu “Wandern mit dem historischen „Baedeker Thüringen“ von 1925

  1. Pingback: Radfahren mit 45 Stundenkilometern – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Pingback: Der Historienmaler Hans W. Schmidt . Teil 2 . Eine Ausstellung in der Harry-Graf-Kessler-Kunsthalle Weimar – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Anja

    Lieber Herr Wangenheim,

    es sollte nicht unterschätzt werden, wie wichtig es ist, den Thüringern ihre Heimat nahe zu bringen und nicht nur ihnen, sondern auch uns Deutschen des restlichen Deutschlands. Vielen Dank für diesen Beitrag und schön, daß Sie uns daran teilhaben lassen derart, daß Sie uns auf Ihre Spazierfahrt mit dem Auto mitnehmen! Unglaublich! Die Menschen, die uns während der 41-minütigen Fahrt begegnen, kann man ja an zwei Händen abzählen!

    Unfaßbar für mich, daß ein Großteil der Thüringer einen westdeutschen Linken, Bodo Ramelow, zum Ministerpräsidenten gewählt hat, der ganz offensichtlich kein Gefühl für dieses deutsche Land hat und es auch nicht für Deutsche erhalten will, was seine Begrüßung der zahlreichen illegalen Muslime auf dem Bahnhof in Erfurt mit einem „Inschallah, das ist der schönste Tag meines Lebens!“ schmerzlich vermuten läßt!

    Hoffentlich bekommt er dieses oder ähnliche Videos nicht zu Gesicht, denn dann wird er diese Gegend ganz sicher „bereichern“ wollen!

    Schöne Grüße!

    Gefällt mir

  4. Wenn der Frühling kommt, geht’s sicher wieder los. Aber ob ich das noch im Blog begleiten werde, weiß ich nicht.

    Zugegeben, die Fahrt fand Montag mittags statt. Da ist auf den Dörfern natürlich nichts los. Man arbeitet ja nicht mehr im Dorf, wie bis zur Mitte des 20. Jh.

    Es gibt noch ein paar Fahrfilme vom letzten Jahr, wenn Sie noch andere schauen wollen:

    im Winter zur Rudelsburg: https://www.youtube.com/watch?v=at9B4q8L1ak

    nach Kahla: https://www.youtube.com/watch?v=MUf1F7nccU8

    ganz kurz im SHK: https://www.youtube.com/watch?v=mtLT0200YMQ

    in den Ilmkreis: https://www.youtube.com/watch?v=chMeWVB1Ros

    Gefällt mir

  5. Anja

    Lieber Herr Wangenheim,

    diesen satirischen Ausflug in den winterlichen Thüringer Wald des „Volkslehrer“ – ich erwähnte ihn bereits – kann und will ich Ihnen nicht vorenthalten, zumal ich merkte, daß auch Sie immer wieder mal sehr humorvoll und spitzfindig unterwegs sind!

    Ich wünsche Ihnen schöne Ostertage!

    Ihre Leserin
    des Buches „Kultur und Ingenium“

    Und hier ist er – der Ausflug:

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.