Sonntagsfahrt nach Bad Köstritz

Von Reichenberg nach Köstritz. Reichenbach mit mehreren Straßenverengungen und teils recht verwinkelten Fachwerkhäusern. Weiter wellig auf schmaler Straße durch ein enges Tal nach Kraftsdorf hinein. An der Kreuzung frontal auf einen breiten, doppeltorigen Umgebindehof zu. Rechts ab. Im Ort eine ganze Reihe weiteres Umgebindefachwerk sowie einige städtisch anmutende Bauten und Villen des späten 19. Jh. Vor dem großen, roten Klinkerbau links nach Rüdersdorf. Zunächst an der Wurstfabrik vorbei unter der Bahn nach Gera hindurch und steil hinauf.

Auf der Ebene lustige Wellen und Kurven bis zum Scheitelpunkt, wo wir die Autobahn unterqueren und nach Rüdersdorf hineinrollen. Dort an einem mächtigen, ehemaligen Gasthof unterhalb der Kirche links ab, dann etwas verwinkelte Straßenführung. Schließlich aus dem Ort heraus, nach Grüna, danach sehr idyllisch am linken Talhang auf halber Höhe wellig nach Hartmannsdorf. Hier geradeaus flach bis zur Hauptstraße nach Köstritz (links) und Radweg durch den Park bis zur Hauptkreuzung des Ortes oder links steil hinauf nach dem Vorwerk Dürrenberg (alter Vierseitenhof) auf einer alten, breiten Pflasterstraße (Granitpfeiler statt Leitplanken). Vom Bergrücken aus wird das Elstertal sichtbar. Nun auf einer steilen Allee bergab bis an die Straße Gera/Untermhaus-Köstritz, die an der Parkmauer des Schlosses entlangführt. Links nach Köstritz. An der Hauptkreuzung geradeaus und Parkplätze.

Bad Köstritz. Städtchen von 3½ Tsd. Einwohnern. Brauerei, Dahlienzucht, Bad (seit 1845, im Namen s. 1926). An der Hauptkreuzung die flachen Marstallgebäude des Schlosses (1704) mit Turmportal und Sonnenuhr auf der Hofseite, gegenüber die Reste des Gasthofs zum „Goldenen Kranich“, in den 1950er-J. zur Hälfte abgerissen, um der Durchgangsstraße zu weichen. Der Gasthof wurde von den Eltern des bed. dt. Komponisten Heinr. Schütz betrieben, worin dieser geboren und heute Schütz-Museum (hpts. Instrumentenausstellung). Unweit vom Schütz-Haus das barocke Reußische Palais (seit 1678, Bau 1790). Nach Versteigerung (zunächst an Zersch) 1890 Gärtnerische Lehranstalt, in welcher der Gartengestalter F. Tutenberg (Volkspark Altona) lernte. In nämlicher Straße der Forellenbach von Reichardsdorf her kommend, vor dem Krieg in markanter Kanaleinfassung (s. Photo).  – Die Köstritzer sind von freudiger, offener und umgänglicher Natur.

Rundgang. Am Schloß entlang Richtung Süden (vor dem Krieg links ebenfalls Nebengelasse – s. Karte und Panoramagemälde des Beitrags) Das Seniorenheim rechts entspricht in Grundriß und Masse dem Hauptflügel des Schlosses (1972 mit schwerem Gerät mühevoll abgerissen). Dahinter in den Park. Leicht angeschrägte Sichtachse nach links am rechten steilen Hang vorbei, von altem Baumbestand gerahmt. Weg rechts in den Parkwald. Untersockelte Steinvase. Rechts halbrunde Steinbank, an ein Exemplar im Ilmpark erinnernd (hinter d. Amalia-Bibl.). Links auf leichter Anhöhe ein schön proportionierter klassizistischer Monopteros (Rundtempel) mit vierseitigen ionischen Diagonalkapitellen, deren Voluten außergewöhnlich mit Girlanden behangen sind. Er dient als Baldachin einem Abguß der spätklassischen „großen Herkulanerin“ aus dem 4.Jh. v. Chr. Sodann weiter in den schmalen Südpark, der links von einer langen Reihe engstehender, mächtiger Schwarzpappeln begrenzt wird. Rechts ein Tiergehege.

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Rundtempel im Schloßpark Bad Köstritz

An den folgenden Teichen Tafeln zweier verlorener Denkmäler. Am Südende des Parks über eine Aufschüttung hinüber zum Deich, den die Pappeln krönen, und zurück an der Weißen Elster entlang (unebener Pfad), wo viele Austernfischer neben Stockenten, mit ihrem lustigen Wasserstart. Am Ende der Pappelreihe über die Brücke (50er-J.), am Wehr (schwere Mechanik) vorbei und über die folgende Brücke zurück in die Stadt (alte Ortseinfahrt der Reichsstr.). Links die Mühle von Aug. Müller (Roggenmühle) im Stil einer mächtigen Burganlage (mit Turbinenhaus) am Mühlgraben. Daneben das Wohnhaus des ehem. Besitzers. Rechts malerischer Fachwerk-Gasthof „Zum Frosch“. Dahinter die alte Brauerei im Stil eines Klinkerschlosses errichtet. Etliche schöne, kleine Einzelbauten. Zurück an der Hauptkrzg.

*

Wovon im Reiseführer nichts stehen wird, das sind die netten, alten Damen, die ich an der Roggenmühle traf und über allerlei Dinge ausfragte. Eine von ihnen hatte als Kind noch das Schalungsholz der neugebauten Brücke  (50er-Jahre) stibitzt. Holz mußten die Kinder zu dieser Zeit im Walde sammeln – was bei der allgemeinen Begehrtheit und daher Seltenheit von herumliegenden Holzästen schwierig war. Sie war bei weitem nicht die Älteste. Eine betagtere Dame berichtete, wie weit der Goldene Kranich in die heutige Straße hineinragte und hatte freilich auch den Abriß des Schlosses miterlebt, dessen starke Grundmauern von schweren Fahrzeugen eingerissen werden mußte, welche selbst dabei Kettenriß erlitten. Auch den Betrieb der Mühle kannten sie allesamt noch und die ersten Holzvergaserautos in der Stadt. Es war schöner, sagten sie. Und sie haben recht.

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