Märchendeutschland . Teil 5 . Die Vergangenheit wird Gegenwart . Der Flaneur 2.0

Sich Zeit nehmen, über die Sträßchen kullern, Niemanden im Nacken, ganz allein auf weiter Flur – das sagte ich, sei Freiheit der Bewegung. Und zwar nicht, damit Sie nun das Bodenblech durchtreten können, sondern gerade das nicht zu tun.

Daß echte Freiheit auch für das allgemeine Publikum ganz und gar nicht mit hohen Geschwindigkeiten verbunden ist, sondern mit schönen Ansichten, mit Zeit-Haben und Genießen, das können Sie an all den Werbefilmen selbst der sportlichen Wagen sehen, die von manchem Kameraeffekt abgesehen meistenteils sehr langsam fahren und die man eben zu dieser Verheißung der Freiheit dreht. Sie haben vielleicht gedacht: Was für ein komischer Kauz – „doppelter Galopp“! – So abwegig ist das eben nicht. Und wollen die Hersteller damit nicht das Gefühl der Freiheit beim Autofahren vermitteln? Ja, natürlich. Und sie illustrieren diese Freiheit, indem sie mit 40-60 Stundenkilometer durch irgendwelche wunderschönen, einsamen Landschaften fahren. Den 200- oder 500-PS-Motor brauchen sie dafür freilich nicht. Den drängelt Ihnen dann der Verkäufer auf und wird auf den Verkehr verweisen, schnelles Überholen, Autobahnberge – damit Sie mitjagen können. Und wenn Sie gar nicht wollen?

Sie sehen in diesen Werbefilmen auch keine anderen Autos. Nur ein einziges, ganz allein auf der Straße. Nicht einmal dasselbe Fabrikat kommt entgegen. Nichts. Man biegt auf andere Straßen ein, aber Vorfahrt muß nicht beachtet werden. Ampeln gibt es nicht. Auch keine mehrspurigen Straßen, sondern einsame Sträßchen durch schöne Landschaften, die sanft durchglitten werden. Wenn man lustig ist auszusteigen, dann hält man mitten auf der Straße. Früher tat man das sogar auf Autobahnen.

Der Widerspruch zwischen dem verkauften Sportwagen (im Grunde sind alle heute verkauften Autos an den 30er Jahren gemessen Sportwagen) und der Werbeidylle (wie die glücklichen Kühe auf den Milchverpackungen) führt zu etwas bizarren Gedankengängen beim Autoenthusiasten. Um die Vorstellung vom großen, starken Motor mit der guten, alten Zeit in Einklang zu bringen, als noch wenig Verkehr störte, träumt er sich herbei, daß diese alten Autos irgendetwas mit seinem heutigen Achtzylinder zu tun hätten. Ein großer Irrtum.

Die Diskussion, die ich zu diesem Komplex zuletzt führte, hatte ich das Vergnügen mit einem Pseudo-Herrenreiter abzuhalten. Der sprach sehr abfällig über kleinvolumige, hochdrehende Motoren heutiger Kleinwagen, die natürlich weit unter seinem Niveau liegen. Diese „hochdrehenden, hubraumschwachen Kleinwagenmotoren“ können also nun offenbar gar nicht geeignet sein, so durch die Landschaft zu gleiten, wie man das ehemals mit den großen Achtzylindern von Horch und Mercedes tat – und wovon man glaubt, daß es dem Fahren im eigenen hubraumstarken Auto auch nur ähnlich sei. So denkt eben ein Möchtegern-Nobelschröder. Aber Nobelschröder fuhr tatsächlich einen 8-Liter-Bentley.

Zu den hochdrehenden Hubraumzwergen gehört für diese Spezis auch der oben erwähnte 1,4 Liter kleine Vierzylinder von Citroen, der gerade einmal 88 PS und 133 Nm Drehmoment erzeugt. Ähnliche Leistungsdaten hat der Kompressormotor aus dem Wanderer W25K von 1936: 85PS bei 4000 U/min. Bei nur 1000kg Gewicht ist das durchaus ein flotter Wagen gewesen – damals waren so leistungsstrake Motoren meist nur in zwei Tonnen schweren Limousinen verbaut.

Dieser Motor braucht für die fast 90PS noch einen Kompressor und 2 Liter Hubraum. Das hat u.a. damit zu tun, daß die Verdichtung damaliger Motoren nur 1:5 bis 1:7 betrug. Der moderne Citroen verdichtet 1:11. Daher klingen die alten Motoren übrigens sehr viel weicher. Als ich vom Opel Kadett E auf die Folgegeneration Astra F umgestiegen bin, war ich zunächst erschrocken, ob ich nicht ausversehen einen Dieselmotor gekauft hätte. Der Verdichtungssprung ging damals von 1:8,2 auf 1:10. Das hat man deutlich gehört. Der Citroen-Motor ist nochmals knattriger – oder kerniger. Wie man will.

Mit 5250 U/min dreht der Citroen-Motor aber nicht höher als ein großer Motor aus einer modernen Limousine. Die Achtzylinder mit bis zu sechs Litern Hubraum landen sogar gern bei 6000 U/min. Als hochdrehend werden diese kleinen Motoren nur bezeichnet, weil sie hochtourig gefahren werden, da man mit der Leistung bei geringen Drehzahlen nicht auszukommen meint. Da werden Sie sagen: Das ist ja das Problem, man muß ja! Durchaus, wenn man auf der Flucht ist. Man flieht vielleicht vor dem Hintermann, vor der zunehmenden Häßlichkeit von Städten und Landschaften, welche die Moderne so ekelhaft zugebaut hat. Und zugleich macht man das Leben dort noch unattraktiver, weil man Lärm und Hektik mit schnellem Fahren verbreitet. Ein Teufelskreis.

Die Autofahrer der 30er-Jahre haben jedenfalls dieses Leistungsniveau der heutigen Kleinwagenmotoren durchaus nicht für gering gehalten, für die ein 90PS-Motor ein Oberklasse-Aggregat war – und zwar in mindestens 1½ mal so schweren Autos.

Das sehen Sie insbesondere an den Langsamfahreigenschaften. Der Horch 8 mit 80 oder 90 PS aus 4 oder 4,5 Liter Hubraum von 1931 erreichte seine Höchstleistung bei 3400 U/min. Die Höchstgeschwindigkeit belief sich auf 115 Sachen. Bei 500 U/min Leerlaufdrehzahl, bei denen der Wagen also 16 km/h fuhr, was ergo die niedrigste Fahrgeschwindigkeit in diesem Gang bezeichnet, stehen – die fast lineare Leistungskurve berücksichtigend – 13PS zur Verfügung. Der Wagen wog übrigens zwei Tonnen. Aber das reicht, um die Geschwindigkeit zu halten und wieder leicht anzuziehen.

Der Citroen C4 1.4 16V mit 88PS aus 1,4 Litern Hubraum von 2005 erreicht seine Nennleistung bei 5250 U/min. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 5500 U/min erreicht: 182 km/h. Zum Vergleich muß man aber den 3. Gang hernehmen, der auch etwa bis 100 km/h zieht. Dieser bewegt den Wagen bei Leerlaufdrehzahl 20 km/h schnell (in der Tat geht es auch problemlos bis 18 km/h hinunter). Bei dieser Drehzahl liegen nun 17PS an. Der Wagen wiegt 1,3 Tonnen. Das ist sogar ein gutes Stück mehr Leistung pro kg als beim Horch. Nicht irgendwelche großvolumigen modernen Autos also repräsentieren die Fahreigenschaften eines Vorkriegswagens, sondern gerade die kleinen Motoren.

Sie dürfen also in Zukunft etwas feinfühliger für die Kraftentfaltung ihres Motors sein und auch die geringe Leistung, die anliegt, zu schätzen wissen. Das tut man dann, wenn einem niemand im Nacken sitzt und man daher keine Rennen fährt und einfach zusieht, ob ein Berg auch bei 1500 U/min durchgeschnurrt wird. Meistens: Ja. Der Luxuswagenfahrer des Jahres 1930 jedenfalls ist bei 20 Sachen gern mit 15PS auf 2 Tonnen unterwegs gewesen und hielt es für überflüssig herunterzuschalten. Denken Sie mal darüber nach.

Dieses Feingefühl wird Sie auch bezüglich der Rollweite neue Dimensionen lehren. Kaum jemand weiß, wie lange ein Auto aus 50 Stundenkilometern im Leerlauf noch hinrollt, bis es – sagen wir – 20km/h unterschreitet oder gar stehenbleibt und bei wie wenig Gefälle man dauerhaft 50 Sachen rollt. Das ist – zumal bei den damaligen Straßenverhältnissen – der allgemeine Fahrbereich in den 20er- und 30er-Jahren gewesen. Man fuhr spazieren. Weil das Filmchen so schön ist, hier nochmals die Ausfahrt mit dem Benz 200. Der hatte übrigens gerademal 40PS bei 3200 U/min, also 16PS bei 1200 U/min, fuhr nicht ganz 100 Sachen und wog anderthalb Tonnen.

Hier haben Sie einen „Wanderer“ mit 50PS. Und das waren bereits die gut motorisierten Modelle. Üblicher waren die Zweitakt DKW mit um die 20PS – wenn auch nie über eine dreiviertel Tonne schwer. Auch auf den Autobahnen ging es eher gemütlich zu (die Autobahnaufnahmen sind übrigens meist gestellt, wenn Sie mehr als drei Autos sehen. Man mietete bei naheliegenden Autohäusern eine Handvoll Fahrzeuge und versuchte damit den Eindruck von Verkehr zu erwecken, wo keiner war. Daher kommt der Verkehr so schön aufgefädelt und endet abrupt.)

Daß man die Autobahnen auch nicht mit Leitplanken einschnürte, auf dem Mittelstreifen Bäume und ganze Baumgruppen stehen ließ, statt sie wegzuplanieren, daß die Autobahnen also mit Sinn für Schönheit angelegt wurden, sehen Sie hier. (Bei 2:30 übrigens interessant der Ausweis „Trinkwasser“ – haben Sie so etwas schon mal gesehen? Ich kenne nur „kein Trinkwasser“ – aber wir leben natürlich in den besten Zeiten, die man sich wünschen kann)

Doch über die Autobahnen – Sie wissen es – darf man nichts Gutes sagen. Insbesondere, wenn die damaligen schöner waren als die heutigen. Diese Straßenbänder, die sich harmonisch in die Landschaft einfügten sind übrigens keine Idee aus der Weimarer Zeit gewesen, wie geflissentlich immer wieder zum besten gegeben wird, wenn man korrigieren möchte, daß die Autobahnen etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun hätten. Freilich gab es schon früher Autobahnen, aber was für welche! Da wurden die Strecken von der Reichsbahn geplant: Kerzengrade natürlich und Einschnitte im Berg, Aufschüttungen und Brücken im Tal. Erst später ließ man die heute noch großen Steigungen von 8% zu, über die der LKW-Fahrer schon damals fluchte, aber die Streckenführung abwechslungsreich und interessant machen. Überlegen Sie sich das: Die Nationalsozialisten waren es, welche die Umweltschützer und Landschaftsarchitekten ins Autobahnprojekt geholt haben. Pssst! Ich hab nichts gesagt!

Aber von der Autobahn reden wir ja gar nicht, obwohl man auch diese noch zuweilen sehr leer antreffen kann – auch am Tage – und manchmal sogar die Leitplanken wenigstens am Rande fehlen und die Fahrt zum Genuß machen. Die Gelassenheit wenigstens, von der ich Ihnen ein wenig erzählen wollte, eine Gelassenheit, die uns abhanden gekommen ist, sie ist es, die den Blick für die Außenwelt, die Schönheit der Landschaft öffnet. Und auch wenn Sie aus Ihrer Kutsche heraus keine Steine sammeln, wie Goethe es tat, so doch wenigstens Eindrücke – von Bäumen, Feldern, Wiesen, Tieren, Häusern, Dörfern. Und erst dann lernt man – wenn auch nicht zu Fuß, aber doch nicht übermäßig viel schneller – die Welt wirklich kennen. Daß man das auch heute noch kann, nämlich auf den kleinen Landsträßchen, das können Sie in meinem Fahrfilm zur Rudelsburg sehen. Denn wir reisen ja nicht, um anzukommen – wie Goethe sagte – sondern eben um zu reisen, d.i. die Welt zu sehen.

Das wäre ein schönes Schlußwort, und doch müssen Sie noch ein allerliebstes Filmchen sehen, das mir ein guter alter Schulkamerad zugespielt hat. Denn ich hatte ja versprochen, daß wir mit Goethe in einem VW Käfer reisen werden. Erinnern Sie sich? Absurd, nicht wahr? Vielleicht übertreibe ich mit meiner Begeisterung ja, weil hier im Grunde in der ersten Hälfte des Films meine Westentasche durchfahren wird, ich natürlich auch Franzensbad und Karlsbad noch aus meiner Kindheit gut kenne, als wir zum Oblatenessen oft in der schönen Tschechoslowakei waren, und der Film voller Goethe-Zitate ist. Aber die herrlichen Sträßchen, die überall umherstehenden Männeln des Spätsommers, die idyllischen Stadtansichten und Landschaften – diesen Film muß man einfach lieben! Also, genießen Sie die Fahrt!

4 Gedanken zu “Märchendeutschland . Teil 5 . Die Vergangenheit wird Gegenwart . Der Flaneur 2.0

  1. Leser

    Kleines Späßchen, welches doch sehr schön die Hektik des Alltäglichen illustriert. Und den Habitus, der sich aus diesen Strukturen entwickelte. Schon beachtenswert, dass solch eine komisch-überspitze Darstellung bereits in den 60ern gedreht wurde.

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  2. Sehr witzig! Erwartet man tatsächlich vom 60er Jahre Fernsehen nicht. Aber auch da haben wir eben falsche Vorstellungen. Jedenfalls würde man heute niemals den hate speecher Ekel Alfred senden.

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