Märchendeutschland . Teil 4 . Der Flaneur oder die Motorisierung

Die Faszination der 20er und 30er Jahre, so sage ich gern, liegt darin, daß in ihnen das Alte noch so weitgehend erhalten, das Neue aber bereits verfügbar ist. Und was ich damit im Wesentlichen meine, das ist der noch immer vorherrschende alte Takt des Lebens und seine ästhetischen Schönheiten, andererseits die moderne Technik, die dergleichen noch nicht völlig umgebildet hat.

Die landwirtschaftliche Lebens- und Arbeitsweise hatte sich in dieser Zeit – entgegen den wesentlich weiter gediehenen Fortschritten in Amerika – noch kaum grundlegend von derjenigen der vielen Jahrhunderte zuvor gelöst. Die Felder waren in Fluren geteilt, von Hecken begrenzt, jedem Bauern ein Streifen, der Ochse oder das Pferd zogen den Flug, Kartoffeln wurden in Reihen gebückt geerntet, das Korn gesenst, im Herbst wurden die Garben, die sogenannten Männeln aufgestellt, im Winter gerückt (in unserer Flur wird neuerdings auch wieder mit Pferden gerückt, alle Achtung!). Auch in der Stadt waren noch meistensteils Pferdefuhrwerke unterwegs, nur in den Großstädten fuhren vermehrt Automobile.

Viele Kleinstädte haben fern vom Großverkehr des Zeitalters der Maschine noch das Gesicht vergangener Jahrhunderte bewahrt. Die Hansestädte im Norden, die alten Reichsstädte, die Fürstensitze und Klöster bewahren herrliche Rathäuser, Schlösser und Kirchen: ein steinernes Geschichtsbuch der Vergangenheit. (Baedekers Autoführer Deutsches Reich S. VII, 1939)

In diese kleinteilige Welt tritt nun das Automobil. Es macht das Durchstreifen ganzer Landstriche möglich, ohne die Vorbestimmung durch ein Bahnliniennetz, aber mit deutlich höherer Geschwindigkeit als das Fahrrad es ermöglicht. Eine also im Wesentlichen noch ruhende, in sich ruhende Landschaft, Kulturlandschaft, konnte nun – gewissermaßen von außenstehenden Beobachtern – durchfahren und genossen werden. Es scheint wie eine höhere Gnade, daß die Menschen einer untergehenden Zeit im letzten Moment die Gelegenheit erhielten, diese alte, zerbrechende Welt noch einmal wie eine idyllische Eisenbahnplatte, ein Puppentheater, wie einen riesigen Schaukasten zu durchreisen und damit von ihm Abschied zu nehmen.

Die Siebenmeilenstiefel des Peter Schlemihl waren also erfunden. Aber wie die Siebenmeilenstiefel in jenem Roman bloß zum Spaß des Trägers taugen, der die Landschaft in lustigen Farben vorbeischwirren sieht, so ist das Auto ein reines Spielzeug. Denn es hatte nur in der Freizeit Sinn. Niemand brauchte eines. Wozu auch? Jahrhundertlang war das Leben auf eine Gesellschaft ohne Automobil aufgebaut. Alles war in unmittelbarer Nähe dezentral erreichbar – für die Städter wie für die Dörfler. Der Versandhandel hatte sich längst etabliert. Die Post brachte alles, was man an Exotischem haben wollte, d.h. sich leisten konnte.

Sicher, es gab auch damals schon Handlungsreisende und für wirtschaftliche Zwecke wurde die Straße von einigen Lastkraftwagen benutzt, aber die Autodichte war gerade wegen der reinen Freizeitnatur des Autos in Deutschland minimal. 1926 gab es hier eine halbe Million Kraftfahrzeuge, 1930 das Dreifache, dann stockte es infolge der Weltwirtschaftskrise. Italien und Österreich waren nochmals um einen Faktor von mindestens 1,5 schwächer motorisiert. In der Schweiz und in Belgien gab es 1930 doppelt so viele Autos per Einwohner, wie in Deutschland, Frankreich und Großbritannien waren dagegen drei Mal so dicht motorisiert. In Amerika hatten sogar 20 Mal mehr Menschen ein Auto, also schon halb so viele, wie es heute Autos pro Einwohner in Deutschland gibt, nämlich auf zwei Menschen ein Auto.

Aber in Deutschland kam die Mobilität, die man besser Ausflugsfähigkeit nennen sollte, eigentlich durch das Motorrad, insbesondere durch kleine Zweitakträder, wie die DKW-Räder, z.B. die ZM von 1924 mit 2,5PS aus 170ccm und 65km/h Spitze oder die von Zündapp, die lief 80 Sachen. Die 200 Kubik-Maschinen fuhr man übrigens nicht nur steuerfrei, sondern auch ohne Führerschein. Ja, tatsächlich. Die Nachfrage nach Motorrädern war so groß, daß man nicht nur Gespanne baute, sondern auch ein Dreisitziges Exemplar, das mit Beiwagen ein Viersitzer war: die berühmte Böhmerland. Die meisten waren natürlich eher vom Typ Hühnerschreck. Selbst eine 250ccm-Maschine wie die NSU 251 R hatte Mitte der 20er Jahre gerade 6 PS. Und auch aus 500ccm holte man 1923 bei der BMW R32 gerade 8,5PS und damit 95km/h Spitze.

Harleygeschärft.jpg
Mein Großvater und Familie auf seiner Harley Davidson JD . 1941

Ab 1931 hatte Deutschland sogar die höchste Motorraddichte der Welt – und zwar im Gegensatz zu Frankreich, England und den USA noch lange nicht in der Sättigung, bei denen die Zahlen für Kräder längst in den Keller sanken, weil die Mittelschicht auf Automobile umgestiegen war.

Dazu hat auch mein Großvater beigetragen, der eine Harley Davidson mit Beiwagen fuhr – das Auto des kleinen Mannes (Das Titelbild zeigt ihn übrigens einige Jahre früher mit einer „Krieger und Gnädig“, dem ersten deutschen Kardanmotorrad mit 4PS, später bis zu 10). Harley’s waren damals Sportmotorräder, und amerikanische Modelle wie bei den Autos den deutschen deutlich überlegen und billiger. Selbst mit Beiwagen waren die 34PS aus 1200cm Hubraum eines V2-Motors ohne Konkurrenz. Solo brachte es das Krad auf 135km/h – und sprintete damit praktisch jedem Auto der Zeit davon. Daher fuhr die amerikanische Highway Patrol diese Maschinen, an deren Leistung nicht einmal die Sportmotorräder von BMW herankamen. Beachten Sie im Video die Handschaltung am Tank, wie auch bei dieser etwas schwächeren NSU 601. Der Vollständigkeit halber müssen hier noch die schönen Preßstahlrahmen von Zündapp genannt werden.

Was ist nun in der Vermassung geschehen, die auf jene moderate Fahrzeugdichte folgte? Sind alle mit dem Auto glücklich geworden? Mitnichten. Es handelt sich ja nicht mehr um einen Ausflugshelfer. Man darf nun nicht, man muß mit dem Auto fahren. Und das macht es zum Treiben und Getriebenwerden. Damit meine ich nicht einmal den Freitagnachmittag auf Autobahn und Bundesstraße. Nein, fast jede Fahrt, die Sie mit dem Auto tun, ist unfrei. Und dagegen kämpft nun der eigentliche Grundgedanke an, das Auto schenke einem Bewegungfreiheit. Das ist nur zu erreichen, indem man sich vom Verkehr entfernt. Das geht entweder in ständiger Flucht auf der Überholspur – oder dort, wo niemand ist, auf der Standspur sozusagen, den kleinen Landsträßchen unseres engmaschigen deutschen Straßennetzes.

*

Mein Vater sagt gern: Was du nicht erlaufen hast, das kennst du nicht (was er natürlich nur vom alten Goethe hat). Als Wanderer erlebt man nicht nur die Natur, die Landschaften und Ortschaften, man hat auch viel Zeit sich mit winzigen Details auseinanderzusetzen. Das ist bereits in der Kutsche nicht mehr möglich. Goethe beschwert sich in seiner „Italiänischen Reise“ über den Kutscher, der nicht langsam genug fahre, sodaß der Hofrat inkognito die Gesteine am Straßenrand nicht habe eingehend studieren können.

Ein wenig Goethe steckt in jedem. Meine jüngste Beobachtung auf meinen Wanderungen ist: Man fährt auf wenig befahrenen Straßen sehr langsam. Es hat eine sehr gemütliche Anmutung, wenn ein Auto mit 40 Sachen auf einer kleinen Allee dahintuckert. Da muß ich manchmal selbst schmuzeln. Und das sieht man als Wanderer gar nicht selten. Es liegt das am geringen Verkehr auf diesen kleinen Straßen. Es ist niemand da, der drängelt. Und welche Geschwindigkeit die Autofahrer wählen, wenn sie nicht gejagt werden, wenn sie also frei wählen können, wie schnell sie fahren wollen, kann man als ziemlich langsam bezeichnen. Das nennt man Freiheit.

Viele würden sagen: Aber wenn die Straße frei ist, dann würde ich so schnell wie möglich fahren. Ich glaube das nicht. Sie würden das nur tun, weil sie glauben es ausnutzen zu müssen. Denn sie sind in der ständigen Gehetztheit gefangen. Stellen Sie sich vor, die Straße ist jeden Tag frei. Niemand sonst fährt Auto als Sie. Allmählich fällt Ihnen auf, daß es gar nichts nützt, zehn Minuten eher daheim zu sein. Allein, der andere Autofahrer, der selbst nur einem „Ich muß der Schnellste sein!“-Trieb nachhechelt, den er nicht kennen würde, wenn er allein auf den Straßen wäre, treibt Sie. Denn zuhause, im Sessel, vorm Fernseher (den man natürlich heutzutage gar nicht mehr braucht) läuft nun wahrlich kein besseres Programm als hier draußen auf der Landstraße. Da Sie hier wie dort keine wesentlichen Informationen erhalten, ist eine schöne Landschaft immerhin ästhetischer als so manches Unterhaltungsprogramm. Beim langsamen Autofahren erleben Sie die Natur, das Tierreich, die Kulturlandschaft, und manchmal auch Menschen, sofern diese noch ohne Auto außer Hauses gehen. Langsames Autofahren ist das bessere Fernsehen. Und Sie bestimmen das Programm.

Am Ende fahren Sie bei immerzu freier Bahn auch so langsam, glauben Sie mir. Vorausgesetzt Sie nehmen sich Zeit zum Genießen. Wenn Sie ein armer Tropf sind, der keine Zeit an, so rate ich Ihnen dringend, sich Zeit zu nehmen. Denn das ist Freiheit.

Sie glauben das nicht? Den „Beweis“ trete ich im nächsten Teil an.

2 Gedanken zu “Märchendeutschland . Teil 4 . Der Flaneur oder die Motorisierung

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