Märchendeutschland . Teil 3 . Der Untergang

Im dritten Teil dieser kleinen Reihe über das schöne alte Märchendeutschland, der zugegeben etwas verspätet kommt – aber im Grunde geht es bei mir ja immer um die gute alte Zeit – wollen wir uns mit dem Untergang ebendieser Welt befassen. Nicht zu sehr freilich, denn das ist wenig erbaulich. Durchaus aber soweit es zum Verständnis des Vorgangs erforderlich ist. Denn daß diese Welt schlicht mit den Bombenjahren 1944/5 untergegangen sei, ist eine Erzählung, welche die wahren Hintergründe dieses Kampfes gegen die Ästhetik zu verschleiern sucht und damit ziemlich erfolgreich war.

Revolutionen in der Geschichte haben einen großen Vorteil und einen großen Nachteil.

Der Vorteil: Sie wollen alles besser machen.

Der Nachteil: Sie machen nur alles anders – und das heißt meist schlechter.

Seit der Französischen Revolution herrscht Krieg gegen die alten Verhältnisse. Zunächst nur in Kalenderfragen, Konstitution usw. Die Architektur bekam davon kaum etwas mit, das Design des 19. Jahrhunderts überhaupt nahm keine Notiz, ja gelangte sogar zu einer anständigen Blüte. Das lag natürlich nicht an der Befreiung des Bürgertums und was dergleichen Unsinn mehr ist, sondern an der blanken wirtschaftlichen Entwicklung den immer effektiveren Herstellungsverfahren und den dadurch erschlossenen Käuferschichten. Effektivität aber bedeutet immer das Loswerden von Unnützem – hier in der Produktion, also die Vernichtung des alten Handwerks, auch des Müßiggangs, der all die Kräfte schöpfen läßt, die dergleichen zu schaffen wußten – und schließlich, was im 19. Jahrhundert noch nicht durchdrang: die Abschaffung von Ornament, von Detail. Aber eine folgenschwere Entwicklung war damit immerhin angestoßen.

Bis in den Jugendstil hinein versuchte man die Neuerung des Lebens mit der alten Formensprache zu begleiten, ja den neuerworbenen Reichtum durch überbordende Nutzlosigkeit (d.i. Ornament) geradezu zur Schau zu stellen – denken Sie an die Historismus-Fassaden, die an Plastizität selbst vom Barock nicht übertroffen werden, denken Sie an die detailverliebten Silberschüsseln und –vasen, die Ende des 19. Jahrhunderts Mode wurden, an die ungeheure Gotikbegeisterung, die schließlich in der Vollendung des Kölner Domes gipfelte u.v.m.

Bereits das, was ich immer den Metropolis-Stil nenne – eine Art geglätteter, rechtwinkliger, maschinenhafter Jugendstil – ist Zeichen des Eindringens der neuen Rationalität in den Zuständigkeitsbereich der Ästhetik. Man unterschätze auch nicht die Rationalisierung durch den Krieg. Es mag ein wenig lächerlich klingen, aber daß die deutschen Soldaten noch mit Pickelhaube in den Weltkrieg zogen, welche man dann aus verständlichen Gründen für den Fronteinsatz als wenig förderlich entpickelte, ist solch ein Zeichen. Sie sagen, das sei aber ein reichlich lächerliches Beispiel? Nicht so sehr. Selbst 1870 zog man, wenn auch nicht wie anno 13, noch verhältnismäßig bunt in den Krieg. Und der Krieg ist gewissermaßen das eindrücklichste Beispiel. Spätestens 1870 war das alte Exerzieren auf dem Schlachtfeld vorüber. Schon Napoleon ließ seine Tirailleurs sehr agil vorgehen. Und dennoch liefen die Soldaten als farbenfrohe Zielscheiben herum.

Ästhetik, d. h. genauer „Ordnung“, rangierte noch vor dem Leben des Soldaten. Denn jedes Ornament ist eine Art Differenzierung. Es grenzt die Grundkörper, die doch alle sehr ähnlich sind (auch die menschlichen) deutlichen voneinander ab. Das führt zu einer Ordnung, einer hierarchischen. Es gibt auch individuelle Ornamentik. Aber dazu braucht es Individuen. Das war im Falle der Aristokratie durchaus der Fall. Was an Ordnung, Ästhetik herauskommt, wenn man den durchschnittlichen Menschen (der eben bei weitem kein Individuum, sondern eher eine Ameise ist) seine Ordnung wählen läßt, kann jeder an der Garderobenwahl auf einer beliebigen deutschen Einkaufsstraße studieren.

Der Übergang zu jenen effektiven, d.h. rationalen Formen und Farben bei den Armeen Europas ist also ein ausgezeichneter Indikator – gerade weil die Folgen der Ästhetik hier so brutal sind: nämlich der Tod. Das frühe 20. Jahrhundert ist diesbezüglich eine detailreiche Übergangszeit. Denn alte Differenzierung kann sich in derselben Zeit sogar noch stellenweise ausbreiten. Der doppelreihige Offiziersmantel des 1. Weltkrieges – schon wegen der zusätzlichen Knöpfe und dem doppelten Bruststoff ein höherwertiges Kleidungsstück als die einreihigen Mannschaftsmäntel – wird im zweiten der Weltkriege zu einem von jedem Soldaten getragenen Stück. Aber schon in der Verschärfung des Kriegseinsatzes seit 1942 wird die deutsche Uniform Stück für Stück rationalisiert, Kontrastfarben am Kragen abgeschafft, Taschen vereinfacht, untaillierte Tarnmuster-Jacken eingeführt, schließlich sehen die neuausgegebenen Uniformjacken der Wehrmacht 1944 wie amerikanische aus. Glauben Sie nicht?

Übrigens wurde der bekannte NVA-Helm 1943 entwickelt, kam jedoch nicht mehr zum Einsatz.

Aber bis es soweit war, hatten die Deutschen die schönsten Uniformen des Zweiten Weltkrieges – sowohl was das Detail der Verarbeitung anging, Stickereien, Koppeldurchgänge usw. als auch die Formgebung überhaupt. Übrigens auch das schönste Gerät – von den Flugzeugen über die Panzer bis zu den Gewehren (von Motorrädern, dem überaus schnittigen SdKfz 251 und Autos ganz zu schweigen). All dieses over engineering, über das man gerade bezüglich der Panzerkonstruktion endlose Vorträge halten könnte, ist zwar einerseits typisch deutsch, andererseits eben nichts als die altmodische kontinentaleuropäische Auffassung von Ästhetik und Gebrauchswert, von Ordnung und Funktion. Die Alliierten haben ziemlich schnell auf gesichtslose Masse gesetzt.

Übrigens keine Strategie, welche die Deutschen übersehen hätten – dergleichen seichtes Gerede manches Pseudostrategen hört man immer wieder. Masse war mit den begrenzten Ressourcen, die in Deutschland zur Verfügung standen, keine Option. Man mußte auf Qualität und Individualität setzen. Und das hieß aus dem Klumpen Stahl etwas möglichst derart Spektakuläres herzustellen, daß es dauerhafter war als ein billig zusammengebastelter T-34.

Jedes Ornament ist nichts anderes als over engineering. Nur hat sich der Begriff vom rein Nutzlosen auf die technisch ästhetische Lösung verlagert. So ist ein Sechszylindermotor etwa ingenieurstechnisch ästhetisch, da sich alle Kräfte und Momente gegenseitig ganz elegant aufheben. Ein Vierzylinder mag weniger Sprit verbrauchen. Er ist heute effektiver. Also setzt BMW den Sechszylinder derzeit gerade in ganzer Breite ab. Komfortabler, angenehmer, schöner ist er nicht (auch wenn freilich hier eine andersartige Schönheit hinzutritt, nämlich die Lancaster-Ausgleichswelle).

Und dieser Funktionalität zollte man bereits vor dem Krieg reichlich Tribut. Mir war durchaus bewußt, daß es verhältnismäßig moderne Architektur bereits vor dem 2. Weltkrieg gab. Als ich aber vor wenigen Tagen diesen Film aus dem Vorkriegs-Berlin sah, da war ich doch baff. Sehen Sie sich einmal die Fassaden bis Minute zwei in diesem Film an, der das Berliner Großstadttreiben der Vorkriegszeit zeigt. Das ist beste 60er-Jahre Architektur, wie man sie aus den häßlichsten westdeutschen Großstädten kennt. Es schüttelt einen.

Nun ist es selbstverständlich so, daß auch der Einheitsbrei der Gründzeitbauten langweilen kann. Und im Kontext all der sonstigen Architektur kann man auch die Vorliebe der Kamera für einige besonders moderne Bauten verstehen. Aber wie immer im Leben ist alles eine Frage des Maßes. Freilich dieses Maß hat der Bombenkrieg überschritten. Aber das Denken, sich völlig vom alten Europa und seiner Ästhetik zu lösen, schwirrte lange in den Köpfen. Futurismus und Bauhaus gaben die neuen, ungebrochenen Linien. Nun brauchte man noch Platz, Lebensraum. Kennen Sie das Atlantropa-Projekt? Spätestens in der Weimarer Republik ging man von Visionen über zu Nägeln mit Köpfen. Das heißt, man riß die mittelalterlichen Märchenviertel in den deutschen Städten kurzerharnd ab – wegen der Lebensbedingungen. Jaja, die Lebensbedingungen!

Natürlich begriff jeder, daß der Abriß solcher altehrwürdiger Architektur und damit Lebensumgebung für Millionen von Menschen ein Frevel ist. Nicht nur der Architektur wegen, sondern weil es sich um den Geburtsort ganz bestimmter Seelenzustände handelt – denken Sie an Thomas Manns Schilderung der konservierten Romantik deutschen Stadtlebens in seinem Vortrag „Deutschland und die Deutschen“ von 1945. Man benötigte also einen Vorwand, um diese Vergewaltigung des Gewachsenen zu verteidigen.

Und das waren die katastrophalen Lebensbedingungen. Lassen Sie sich von dem Gerede der mangelhaften sanitären Anlagen in diesen Altstädten nicht kirre machen. Sie hören soetwas immer wieder, wie in diesem Film über Kassel, in welchem ein Zeitzeuge berichtet.

Spricht er doch allen Ernstes vom Klosett im Treppenhaus! Meine Mutter, die in einem randstädtischen, freistehenden Haus mit Geschäft in einer sächsischen Kleinstadt aufwuchs, das Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde, kannte gar kein Klosett im Haus. Man ging hinaus und hatte für die Nacht einen Topf. Mein Vater wuchs in einem 1936 neu errichteten, freistehenden Haus vor der Stadt auf, in welchem die Plumpsklos ebenfalls im Treppenhaus zu finden waren. Mit anderen Worten: Das ging den meisten Menschen zu dieser Zeit so. Auch gab es nicht öfter als ein Mal in der Woche ein Bad. Das ist ebenfalls nichts besonderes, sondern in Arbeiter- und Handwerkerfamilien dieser Zeit ganz üblich (und angesichts der heute immer stärker auftretenden Allergien unter Kindern vielleicht gar nicht so dumm). Dennoch wollte man endlich raus aus den mittelaterlichen Wohnungszuschnitten, den knarrenden Balken, engen Gassen und was dergleichen noch dazugehörte. Aber Hygiene ist ein denkbar schlechtes Argument für den Abriß. Es ist eine Ausrede.

Im Grunde – Sie sehen es – haben die Engländer und Amerikaner mit ihren Bombenteppichen über die deutschen Altstädte, die mittelalterlichen Fachwerkviertel von Kiel bis Kassel, die Baudenkmäler von Köln bis Dresden lediglich diese „Entkernung“ der deutschen Städte ganz selbstlos und auf Kosten des angloamerikanischen Steuerzahlers übernommen. Man hatte es ohnehin vor. Gut, die Sehenswürdigkeiten hätte man gern behalten. Aber der Kölner Dom und der Herkules sind ja wohl stehengeblieben. Bitteschön!

Was echauffiert man sich in scheinheiligen Kreisen nicht über die berüchtigte Aussage Hitlers, der Bombenkrieg habe sein Gutes, wenn man bedenke, daß man für den Neuaufbau Deutschlands so nichts mehr abreißen müsse! Aber genauso und keinen Deut anders dachten die Stadtplaner des Nachkriegsdeutschland und waren froh ihrer fanatischen Betonideologie auf planer Ebene mitten in den deutschen Städten freien Lauf lassen zu können. Der einzige Unterschied zwischen Hitler und der Nachkriegspolitik ist in Hinsicht auf Architektur und Stadtplanung, daß es für Hitler auch ein persönlicher Vorwand für das eigene Scheitern war, die Nachfolgenden sich aber grinsend die Hände reiben konnten, weil sie die Schuld für den „Abriß von oben“ dem Oberbösewicht aufschnallen konnten und doch damit ihr größter Traum in Erfüllung gegangen war.

Jena zum Beispiel ist im Februar 1945 zwar bombardiert worden, aber es sind verhältnismäßig überschaubre 300 Häuser zerstört worden. Das liegt auch daran, daß die Stadt in ihrer engen Tallage extrem schwer zu treffen ist. Dagegen ist Ende der 60er-Jahre für den Bau des Universitätshochhauses und eines großen Aufmarschplatzes das gesamte Altstadtzentrum kurzerhand abgerissen worden: Ein Areal dichtester Bebauung von 100x200m. Ähnliches ist in jeder deutschen Stadt – Ost wie West – geschehen. Es gibt nach meiner Kenntnis keine Untersuchungen dazu (warum bloß…), aber es hat nie an Schätzungen gefehlt, daß in der Nachkriegszeit mehr abgerissen wurde als Bomben im Krieg zerstört haben. Diese Abrißwut taucht natürlich in kaum einer Stadtgeschichte auf. Aber fragen Sie sich ruhig jedesmal, wenn Ihnen von Kriegszerstörungen erzählt wird, wieviel davon 1945 durchaus noch stand. Der Wahnsinn der „Modernen“ endete 1945 mitnichten.

Daher ist dieser Zusammenschnitt unseres heutigen Verkehrs und der alten Stadtansichten von Köln zwar beeindruckend, hat aber nichts damit zu tun, was geschehen wäre, wenn Köln „vom Krieg verschont“ worden wäre. Denn das hätte die Stadt nicht vor der Abriß- und Bauwut des 20. Jahrhunderts bewahrt. Wie viele Städte sind kaum zerstört worden und dennoch von „moderner“ Architektur heute völlig entstellt. Selbst unsere Dörfer haben enorm gelitten.

Aber die Verwirrung von Tätern und Geschädigten nimmt kein Ende. Denn die Nationalsozialisten waren im Grunde Klassizisten. Ich bin natürlich ein ganz schlimmer Nazi, wenn ich das sage, aber das ist alles andere als abwegig, wie dieser Film über den Reinheitsgedanken der Nationalsozialisten nicht nur in der Kunst zeigt („Architektur des Untergangs“).

So traurig das für die Reputation der altehrwürdigen Ästhetik ist: Die Nazis haben den letzten Kampf gegen das Ersterben der klassischen Ästhetik gefochten, nachdem der Rationalisierungswahn Europa bereits ergriffen hatte – und dabei „ganz nebenbei“ diese Rationalisierung auf die Spitze getrieben (Stichwort „totaler Krieg“) und alles zerstört, was den alten Gedanken von der aus jedem Lebenselement sprechenden Gesamtkonzeption vom „Schönen im Notwendigen“ noch hätte retten können. Das nennt man ein klassisches Eigentor – eins mit derart umfassenden ästhetischen Konsequenzen, daß man sie welthistorisch nennen muß.

10 Gedanken zu “Märchendeutschland . Teil 3 . Der Untergang

  1. Leser

    Reinheit und Rationalismus scheinen mir näher zu sein, als Reinheit und Ornament. Die Nazi-These verstehe ich überhaupt nicht. Gerade versuchte ich mir ein klassizistisches Konzentrationslager vorzustellen – Versuch gescheitert. Spaß beiseite.

    So wahnwitzig gigantomanisch das Projekt „Drittes Reich“ vorgeträumt wurde – all die Realisierungen, die mit dem Endsiege begonnen hätten, all diese Virtualitäten der Mächtigkeit -, so notwendig war der Untergang. Da wurde doch aber schon gar nicht an altehrwürdige Ästhetik gedacht! Der neue Mensch, das neue Deutschland, der reine Volkskörper und alles dies binnen Jahrzehnte! D.h. im Zeitraum eines Menschenlebens – eines ganz bestimmten…

    Denn anders scheint es mir eine Tendenz zur Überhistorisierung zu sein. Man vergisst dann völlig die einzelnen Akteure. Zum Beispiel Hitler selbst. Ja, Hitler! Ich musste lauthals lachen, als in Peter Cohens Dokumentation die NS-Standarte plötzlich die Arme tausender Soldaten kleidete – und dies vor den Augen des Führers! Das ist der persönliche Geschmack eines gescheiterten Künstlers und kein historischer Kampf gegen die Rationalisierung. Wie realisiert Hitler denn seinen Geschmack? Rationalisitisch. Und das mit Notwendigkeit, denn hier wird nicht ein einzelner Stein beschlagen, sondern, dem Wahnsinne entsprechend, ein ganzes Volk zum Körper des Künstlerwillens erklärt. Millionen! Binnen einiger Jahre wurde die Form eingeschlagen, in den folgenden wurde diese Form erprobt. Drittens dann die Verwerfung der Form – totaler Krieg.

    Mehr als zwei kleine Absätzlein müssten schon drin sein, damit man die Nazi-These auch nachvollziehen könne. Übrigens ist die überbordende Nazifahne an den Fassaden kein Ersatz für Ornamentik. Eher noch die schamvolle Verdeckung und nochmals gesagt die Übermalung eines Einzelnen mit seinen ganz persönlichen Symbolen. Quasi der Spenglersche „Hass auf den Stein“ – diesmal auf den bereits gebildnerten. Wie aufdringlich solche Fahnenfassaden gewirkt haben müssten für den ruhig schweifenden Blick. Damit allein schon wurde jeder Individualismus der Baukunst „uniformiert“ …

    Gefällt mir

  2. Der Klassizismus gehört ja auch zu den weniger ornamentierten Stilen. Aber sie haben natürlich recht, daß hier eine ganz merkwürdige Überschneidung stattfindet. Daher beginnt der Absatz ja auch mit der Ankündigung, daß die Verwirrung noch zunehme.

    Insofern verstehe ich Ihre Ausführung nicht recht. Diesen inneren Widerspruch, den Sie formulieren, wollte ich ja gerade offenbaren. Daß die Nazis gerade den Rationalismus am weitesten trieben habe ich doch selbst formuliert. Entweder wollen Sie mich foppen oder ich verstehe wiederum nicht, was Sie damit anderes sagen wollen als ich bereits tat.

    Sie brauchen sich übrigens nichts vorstellen. Das Haus der deutschen Kunst, die Gauforen, die Neue Reichskanzlei – all das ist reduzierter Klassizismus. Nicht einmal sonderlich gigantomanisch, wenn Sie bedenken, wie kolossal bereits das Alte Museum am Dom ausfällt – und das über 100 Jahre zuvor. Pi mal Daumen würde ich das Haus der deutschen Kunst kleiner schätzen. Aber das mag am Treppenaufgang liegen.

    Sie scheinen den Film nicht besonders weit geschaut zu haben, denn wenn ich mich recht entsinne wird darin auch dargestellt, wie man bedacht war, daß die Ruinen der eigenen Architektur in 1000 Jahren besonders elegant zerfallen. An Ästhetik war da bis in den letzten Winkel gedacht. Das ist bei Repräsentationsbauten allerdings üblich, egal wer sie baut – Formwille vorausgesetzt.

    Im übrigen habe ich mich auf Andeutungen beschränkt, weil der Hinweis auf den Film sehr ernst gemeint ist. Ich empfände es als überflüssig, die Aussagen des Films zu wiederholen. Der Gedanke stammt also nicht von mir, sondern ich halte ihn für plausibel und habe die Quelle, welche mich überzeugt hat, angegeben.

    Zur Individualität innerhalb des Massenbewegung könnte man allerdings noch einige Paradoxa anfügen. Aber das führt wahrscheinlich zu weit.

    Gefällt mir

  3. Leser

    Ich war durchaus verwirrt, verstehe Ihren Gedankengang jetzt aber. Was ich allein zuvor schon hervorheben wollte, war die Differenzierung zwischen Hitler und den übrigen Nationalsozialisten. Letztlich war er es, und am Ende des Filmes wird das noch einmal bestätigt, der jene Menschen um sich versammelte, von denen er meinte, sie verstünden seine (!) romantische Antikenbegeisterung.

    Damit meine ich, dass im Widerspruch zwischen Hitlers Fantasien und ihrer Realisierungen sich ein unfassbar rationalistisch durchorganisierter Apparat bilden musste. Die Bauten konnten schnell errichtet werden – über die Geschwindigkeit wurde auch geflunkert, wie im Film erwähnt -, wohlmöglich wurden neue Bauverfahren entwickelt, die als nützliche Wissensquellen für den raschen Wiederaufbau nach dem Krieg geeignet waren.

    Ich möchte ungern damit mitgehen, dass die Nazis im Grunde Klassizisten waren. Hitler mochte sicherlich den Stil – denn er war eindrucksvoll und doch geschwind erbaubar -, das ganze Projekt aber war sicherlich viel zu kurzlebig, um der Bewegung der Nationalsozialisten als Ganze überhaupt einen einheitlichen Formwillen nachzusagen. Denke man da an Spengler, der darauf besteht, sich die antiken Menschen seelisch-punktförmig vorzustellen, sicherlich keinen Reiz am verwitterten Bronze hätte, wie es der faustische Mensch tut, der eine Ruinenästhetik liebt.

    Im Film werden doch nur die schlechten historischen Analogien aufgezählt, die Hitler in seiner Umgebung äußerte. Sei es die Zerstörung Karthagos, die Rassenreinheit Spartas etc. Meines Erachtens haben die Bauten Hitlers gar nicht das Anrecht, an klassischer Reputation teilzuhaben.

    Der Film sagt nämlich auch, dass nach dem Tode Hitlers die Ideologie sich einfach sofort in Luft auflöste. Jedes antike Ideal war urplötzlich aus den Köpfen vertrieben. Solche Vorgänge sind nicht einfach mit dem Verlust zu erklären, sondern, dass das Volk eigentlich gar nicht in diesem metaphysischen Sinne daran teilnahm, wie es Hitler und seine Propagandisten wohl dachten. Überhaupt hat die körperliche Plastik gar keine andere Funktion gehabt, als einen Gegenentwurf zur sogenannten Entartung der Kunst zu bilden. D.h. die klassizistische Plastik war genau so idealit und utopisch, wie die entartete Kunst dystopisch. Erst in der Gegenüberstellung wirkte es. Das ist überhaupt nicht mit dem plastischen Gefühl eines antiken Menschen vergleichbar, der seinen Staat nicht über Nacht im Fieberwahne konstruierte und seinen Verfall bereits erträumte, sondern dessen Werk langsam und durchaus phlegmatisch wuchs – so auch seine Körperkraft, sein Aussehen, seine Haltung, die Physiognomie heranwuchs -, und der in seiner Architektur seine eigenen Rechtwinkligkeit zelebrierte.

    Bei Hitler hieß es stets: Gesundung von einer Krankheit, Kurprogramm. Das ist ein völlig anderes ästhetisches Empfinden und m.E. nicht klassizistisch.

    Gefällt mir

  4. Was genau macht einen Klassizisten aus? Doch, daß er den Stil mag. Ob man nicht mit modernen Gußverfahren auch barocke Ornamente statt bloß Säulenkannelierungen leicht hätte anbrigen können, weiß ich nicht, sehe aber die Schnelligkeit der Bautätigkeit als davon unabhängig an.

    Daß das nicht attisch ist, da bin ich ganz bei Ihnen. Aber das war der Klassizismus ja auch nicht. Ich verstehe aber Ihren Einwand, da im Film sehr auf die Antike abgestellt wird. Die Beziehung versteht sich natürlich nicht viel anders als beim Verhältnis zwischen Klassizismus und Antike. Es ist eine romantisch-historische Interpretation.

    Wenn Sie die Bauten des Nationalsozialismus nicht klassizistisch nennen wollen, wie dann? Aber wer die Maße des Klassizismus und seine Formensprache kopiert oder sie noch deutlich erkennbar entwickelt, der erhält automatische einen Teil der Reputation dieses Stils. Vorausgesetzt er macht es gut. Und diese Bauten – zumindest was vollendet wurde – sind mit sehr viel Sachverstand und ästhetischem Gefühl entworfen worden. Klenze und Schinkel hätten sicher applaudiert.

    Daß die antike Statue eine Idealisierung ist und auch die Plastiken Brekers etwa, das ist zweifellos richtig. Und natürlich ist der nationalsozialistische Staat eine Revolutionsangelegenheit in dem Sinne, wie es ganz oben für die Französische und ihre folgenden angegeben ist (viel gute Absicht, miserable Gesamtergebnisse). Deshalb sage ich abschließend ja „Die Nazis haben den letzten Kampf gegen das Ersterben der klassischen Ästhetik gefochten, nachdem der Rationalisierungswahn Europa bereits ergriffen hatte…“ Und weil die neue Anschauung schon so weit durchgedrungen war, konnte der Rückschritt wiederum nur revolutionär sein, also fieberhaft, unstet.

    Und wenn man einmal in dieses Wechselbad der Radikalentwürfe eingesteigen ist – und wir sind es seit 1800 – dann wechseln sich die radikalen Gegenentwürfe nur noch ab, eine Überhitzung sondergleichen, die immer nur überreagiert gegen das Extrem der vorangegangenen Generation. Was seit 1945 passiert ist die Überreaktion auf die Überreaktion. Und das ist ebenso ungesund. Wer weiß ob es daraus noch einen Ausweg gibt.

    Gefällt mir

  5. Leser

    Da kann ich Ihnen natürlich nicht widersprechen. Ich würde einen Klassizisten eben so bestimmen. Nach seinem Geschmacke also. Ich möchte meine Frage daher anders formulieren und das im Rückblick auf die vorherigen Teile Ihrer Beitragsreihe:

    Haben die Nazis den letzten Kampf gegen die Abschaffung Märchendeutschlands gekämpft? Oder sind die Bauten (für die Behandlung der Frage darf m.E. der zukünftige Bauplan nicht ausgeklammert werden) nicht schon selbst Kompromitierungserscheinungen? Ich meine, an der architektornischen Spitze sehen wir Bauwerke, die selbst für den Klassizismus extrem reduktionistisch wirken und sind gleichzeitig die Höhepunkte der nationalsozialistischen Ästhetik. Daraus lässt sich ungefähr erahnen, wie zweitrangig für den nationalsozialistischen Staat die Frage des Stils und der Stadtästhetik wäre, wenn man einmal von den Kulturstädten abstrahiert (und den zukünftigen Kulturknotenpunkte wie Linz). Also von den Schaubühnen absieht.

    Märchendeutschland, so wie Sie es bisher verstanden habe, zeichnet sich durch den durchwachsenen Individualismus der einzelnen Gebäude aus, der organischen Lebendigkeit der Formen, die ein ganzes Lebensgefühl ausdrücken. Die Prachtbauten der Nazis dagegen sind vollkommen inszeniert, für den Effekt konzipiert und darin die bühnenhafte Genialität durchaus auf die Spitze getrieben. Allein, es war eben ein Betrug. Der Stil besticht durch seine monolithenhaften Erscheinung, die noch über den eigentlichen Reduktionismus effektisch Herr werden konnte.

    Und dieser Bühneneffekt geschieht in den Großstädten oder zukünftigen Weltballungsräumen des Tourismus und zu was sich diese künstlichen Konzentration noch geeignet haben mögen nach dem Krieg. Die Plattmachung ganzer Landschaften zum Bau gewaltiger Aufmarschstraßen, das Autobahnnetzwerk – all diese rationalen Verkerhsstrukturen sind nicht abzutrennen von jener angeblichen Rettung des Ästhezismus.

    Ich schlage daher vor den Klassizismus von der Ästhetik Märchendeutschlands gesondert zu betrachten. Ein Germania-Berlin ist sicherlich eindruckvolle Überhebung eines Willens zur Macht – der Charme Märchendeutschlands ist aber nicht erhaben in der Größe, sondern in der Durchwachsung. So habe ich bisher die tollen Bildbeispiele aufgenommen (die übrigens wunderschön waren!).

    Wenn Sie schreiben: „Effektivität aber bedeutet immer das Loswerden von Unnützem … und schließlich, was im 19. Jahrhundert noch nicht durchdrang: die Abschaffung von Ornament, von Detail. Aber eine folgenschwere Entwicklung war damit immerhin angestoßen.“
    würde ich den Klassizismus selbst schon als Sympton der Abstoßung sehen. Die Art und Weise, wie die Antikenverklärung durch den Klassizismus stückweise die Konsequenzen des reduktionistischen Auges durchschreiten, ja, dass überhaupt nicht der Klassizismus zum Barock im Gegensatz steht, sondern in Reinform das funktoinale Bauhaus erst – während der Klassizismus den Übergang bilde -, das wäre im Zuge der Rationalisierungsproblematik doch interessant sich anzuschauen.

    Und dann ist der konzentrierte und dennoch erheblich geminderte Klassizismus der Nazis kein ästhetischer Kampf für ein altes Deutschland, sondern eine sehr spezielle Variante der zentrierten Machtdarstellung. Wie etwa die Skyline einer amerikanischen Downtown, bloß europäisch. Nicht mal europäisch, sondern den Ansprüchen eines einzelnen Diktators geschuldet. Ich würde daher daran festhalten, dass der Nationalsozialismus zu kurzlebig war, um ihn einen rettenden Formwillen nachzusagen. Das wurde im Film ganz schön an den körperlichen Reinlichkeitsgeboten gezeigt: den Klassengegensatz aufheben, indem der Arbeiter an der Sauberkeit der höheren Schichten teilnnimmt. Das ist genau das Konzept der Effektivierung. Mit Märchendeutschland und Individualismus scheint mir das wenig gemein zu haben. Eher mit Vermassung.

    Sieht man einmal von der ästhetischen Schande heutiger Städte ab, so trifft man in Villengegenden und derartigen Abschottungsräume ja durchaus prunkvolle klassizistische Bauten an. Dann aber privat und weniger repräsentativ. Aber ein Formgefühl rettet man eben nicht durch die Aufprägung in auf rein repräsentative Bauten, wie es die Nazis taten. Vermutlich wären alle nichtrepräsentativen Städte einfach verwahrlost, wie man es aus der DDR kennt.

    Gefällt mir

  6. „Haben die Nazis den letzten Kampf gegen die Abschaffung Märchendeutschlands gekämpft?“ Gott bewahre! Nein. Was der NS als Wohngebiete etwa in München plante, das war im Grunde nichts als Plattenbauten in etwas martialischerem Sinne. Das ist natürlich ein reines Vermassungsphänomen.

    Ihre Ausführungen zum antagonistischen Charakter der NS-Architektur zu dem, was hier Märchendeutschland heißen soll, sekundiere ich ausdrücklich. Und dennoch ist die Betrachtung zu eng.

    Denn alles, was Sie über den Charakter der vom differenzierten städtischen Deutschland streng geschiedenen NS-Ästhetik sagen, betrifft in exakt derselben Weise alle anderen Architekturstile ebenfalls. Was ist der Klassizismus, der echte? Was ist der Barock? Sind es die verwinkelte deutsche Stadt stützende Bauideen? Mitnichten! Auch diese Stile – bis hinab zur in der Kunstgeschichte nicht umsonst „international“ genannten Gotik – wollen das ganze Leben umgestalten. Es gibt kein anderes Bauen als in je diesem neuen Stil. Nur waren vielleicht ihre Möglichkeiten – insbesondere der Zerstörung – nicht so weit gefaßt. Und, richtig, sie hatten mehr Zeit, waren geduldiger, natürlicher, keine Revolutionen, sondern Evolutionen. Daher auch der Fokus auf das Phänomen der Revolution im Artikel oben.

    Dennoch haben diese Stile mit Märchendeutschland ebenfalls wenig zu tun. Ein Fachwerkhaus ist etwas ganz anderes. Ein Bauernhaus im Schwarzwald, eines in Mecklenburg und eines in Hessen – schon bei dieser scharfen regionalen Geschiedenheit beginnt es. Der Barock sieht überall gleich aus. Ja, es gibt eine norddeutsche Gotik und eine süddeutsche. Aber das sind Details. All das sind gleichmacherische, internationale Stile, die das Hochdifferenzierte zu vereinheitlichen streben.

    Aber indem sie ein Beispiel geben und untergeordnete Kräfte – Fürsten, Bürger – es nachahmen und so in alle Größenordnungen übersetzen, bis hinab zum Kopf eines Fachwerkbalkens, der einzig als Zeichen des Stils im einfachsten „Zweckbau“ übrigbleibt, ist es sehr wohl der repräsentative Bau, der einen Stil, und mit seiner Einwebung in die gewachsene Struktur diese selbst „rettet“.

    Wenn Sie den Klassizismus als ein Übergangsphänomen zum Bauhaus betrachten wollen – was nicht gar zu ferne liegt –, dann vergessen Sie die Gründerzeit, den Historismus. Das ist eine veritable Gegenbewegung. Schauen Sie sich ein einfaches klassizistisches Schloß an und stellen Sie einen beliebigen Straßenzug der Gründerzeit dagegen. Das eine ist bis hin zur Flucht von Putz und Fensterscheiben ein Bild der Glätte – ganz bauhäuslerisch –, das andere ist ein Wust aus Vorsprüngen, gesammelter abendländischer Ornamentik, Pilastern, Figuren, Säulen usf. Wenn irgendein Stil der Architekturgeschichte – nicht der Größenordnung, aber doch der Formidee nach – dem höchstdifferenzierten Bild Deutschlands am besten entsprach, dann war es gerade jener von Spengler, Kessler und auch der heutigen Kunstgeschichte abschätzig betrachtete Historismus. Daher ist vielleicht mit ihm der letzte Versuch unternommen worden, das Vielfältige im Kleinen in die Vermassung hinüberzuretten.

    Gefällt mir

  7. Anja

    Vielleicht kennen Sie den „Volkslehrer“, lieber Herr Wangenheim!? Er ist zur Zeit als Berliner Grundschullehrer „freigestellt“, weil er „politisch inkorrekt“ ist – Sie wissen schon! So nutzt er die freie Zeit, um uns die menschenfreundliche Architektur des alten Deutschlands oder menschenverachtende Architektur des neuen (?) zu zeigen und reist dafür durch´s Ländle.

    Schau´n Sie mal:

    Hier z. B. durch Thüringen:

    Oder hier menschenverachtende Architekur in Lüneburg:

    Ebenso verachtend in Dresden:

    Architekur für Herz und Seele:

    Gefällt mir

  8. Die Absicht ist erst einmal rühmenswert und ich freue mich, daß diese Videos offenbar viele Zuseher finden. Allerdings werden Sie mir zugestehen, daß da zu wenig Substanz mitgeliefert wird. Er zeigt es eben. Das ist, wie gesagt, richtig, wichtig und gut, aber mich interessieren mehr die ästhetischen, philosphischen und lebensweltlichen Ideen, die mit der Kunst im Allgemeinen und der Architektur im Speziellen einhergehen.

    Gefällt mir

  9. Anja

    Ich habe es im Nachhinein auch vermutet, ja gewußt, daß Sie es so sehen würden, Herr Wangenheim. Das schätze ich an Ihnen als etwas Besonderes. Auch wenn ich längst nicht so bewandert bin auf allen möglichen Wissensgebieten wie Sie, fühle ich mich zumindest (auf)gefordert. Das ist sehr gut!

    Der Volkslehrer trägt dazu bei, in manchen Menschen wenigstens ansatzweise ein Gefühl für Heimat, Architektur und Ästhetik zu wecken. Für den Anfang ist das gut!

    Ihr Buch nehme ich mir auch noch vor!

    Gefällt mir

  10. Das sehe ich ganz ebenso. Es muß für jede Gruppe potentiell Interessierter ein Ankerpunkt angeboten werden. Und ich übernehme gern Jene, in denen sich nach dem ersten Interesse, das dort geweckt wird, der Wunsch nach einem tieferen Eindringen entwickelt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.