Eine Winterreise . nach Kapellendorf und Buchfahrt

Es ist vielleicht der erste sonnige Tag, der diesen Winter ganz in Schnee gehüllt ist. Eine ausgenommen verbindliche Einladung zu einer kleinen Rundfahrt über Dörfer und Sträßchen nach der Wasserburg Kapellendorf. Ich kam vor vielen Jahren mit dem Motorrad vorbei, war aber damals nicht im Museum. Um dasselbe ging es mir auch jetzt nicht, sondern um die Fahrt dorthin. Hat man die Mondlandschaft der Ausbaustraßen um die Autobahn verlassen und das Dorf Bucha passiert, eröffnet sich – von den Windrädern einmal abgesehen – eine liebliche Allee aus Obstbäumen im weiten Schwung durch ein Nebental nahe der Höhe von Coppanz.

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Landstraße bei Coppanz

Das schönste an winterlichen Straßen ist, daß die häßlichen Plastepfeiler am Straßenrand untergehen und die Straßenmarkierungen verschwinden. Diese belassene Anmutung einer Vorkriegsstraße, die nur von Bäumen oder dem Straßengraben begrenzt wird, lädt natürlich zum gelassenen Dahingleiten im Sonnenschein ein.

Da auf solchen Strecken zu meiner Reisezeit praktisch keinerlei Verkehr herrscht, ist die Fahrt ein ganz besonderer Genuß. Ich sagte zuletzt doppelter Galopp (40-60 Studenkilometer) – auf dieser Fahrt geht es oft nur im einfachen voran. Die Sonne scheint, die Heizung läuft auf Sparflamme und kurz könnte man meinen, mit offenen Fenstern fahren zu können. Der Versuch belehrt mich eines besseren.

Auf der Straße nach Vollradisroda ein besonderes Schmankerl: Die Straße ist unberäumt. Jetzt sind wir tatsächlich in den 30er Jahren angelangt – fehlen einzig die Gänse und Schafe im Dorf, die einem den Weg versperren. Und selbstverständlich der 1935er Mercedes-Benz 200 Cabriolet B lang mit dem 40PS 6-Zylinder Reihenmotor. Aber woher soll man jetzt auf die Schnelle 6990 RM hernehmen? Ich meine, wer hat denn sowas in der Nachtschatulle rumkullern. Glauben Sie mir: Es mag so aussehen, aber ich nicht!

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durch ein Wäldchen vor Vollradisroda

Aus der kleinen Ortssenke heraus auf die Höhe, und die moderne Straßenverschandelung will einfach nicht wiederkehren. Bis zum Horizont kein Auto, keine Mittelsteifen, keine Leitpfosten, nur links und rechts ein Straßengraben und eine einfache Stromleitung, die von schlanken Holzmasten getragen wird. Das ist eine der wenigen positiven Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte, daß wieder Holzmasten und durchhängende, auf Rollen gelagerte Stromkabel für Ortsverbindungen installiert wurden. Die sehr altmodische Erscheinung wird im Sommer durch einen witzigen Schwung komplimentiert, wenn beim Fahren vor der Motorhaube die Kabelschatten auf der Straße hin- und herlaufen.

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von Vollradisroda nach Döbritschen . Sie sehen: im schnellen Galopp (32km/h)

Wir gelangen (im Bild oben rechter Hand im seichten Tale) nach Döbritschen. Von hier aus sieht man die Allee weiter nach Großschwabhausen ziehen, ich aber will über Kleinschwabhausen etwas abkürzen, fahre also in den Ort und an der Dorfkirche vorbei. Dort treffe ich einen älteren Mann in blauer Arbeitsjacke und Stiefeln, den ich um den Weg anhaue. Ich müsse nur umkehren und links die Gasse hinunter. Er spricht keinen sonderbaren Thüringischen Dialekt, aber ich meine mit Gasse wolle er mir die Straße nach Großschwabhausen schmackhaft machen, wo ich doch nicht hin möchte. Ich frage nach, er beharrt, ich bedanke mich und kehre um. Beim Umlenken erinnere ich mich daran, daß mich in fast jedem zweiten Ort die Dorfkirche interessiert und ich noch immer das Handbuch der Kunstdenkmäler in Thüringen nicht besitze.

Kaum habe ich gedreht, geht mir ein Licht auf, was der Mann meinte: Noch bevor die Landstraße quert, gehts eine Dorfstraße links ab. Sowas heißt also hier „Gasse“. Der Städter staunt und probiert es aus. Und tatsächlich, kaum habe ich das Ende der Gasse erreicht, eröffnet sich ein weiteres idyllisches Sträßchen, das aus dem Dorfe führt.

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Ortsausgang Döbritschen . mit stark bemistelter Baumreihe an einem Graben

In Kleinschwabhausen drehe ich eine Ehrenrunde, da der Bahnübergang, den die 20 Jahre alte Karte anzeigt nicht mehr existiert und stattdessen eine Brücke, die ich wegen der Ausbaustufe der Straße vermeiden wollte, einzig den Übergang ermöglicht und das Dorf zur Sackgasse macht. Gleich hinter der Bahn aber verlasse ich die Ausbaustrecke wieder und rolle zunächst in einem flachen Tal mit der Bahnstrecke linkerhand, dann auf weiter, nur leicht geschwungener Ebene nach Lehnstedt. Ganz besonders schön sind hier, wo wir etwas tiefere und also wärmere Gefilde erreicht haben, die vorbeiziehenden Ackerfurchen. Denn entgegen der geschlossenen Schneedecke der Höhendörfer ist nun die Sonnenseite der Ackerfurchen abgeschmolzen und das braune Erdreich liegt zutage. Die Schneeseite liegt also ausschließlich im Schatten und ist wegen des herrlichen wolkenfreien Himmels luftigblau, am Rande aber weiß gesäumt. Ich habe diese Farbkomination aus weiß, blau und mittelbraun, welches auch das verdorrte Gras verstärkt, immer schon ungeheuer gemocht.

In einem für ein Dorf wie Lehnstedt recht städtischen Bau befindet sich offenbar ein Antikhandel. Sollte man sich merken. Ab hier kenne ich die Strecke nach Kapellendorf, die zunächst scharf rechts aus dem Dorf führt, auf einer Allee, die von alten, großen Bäumen bestanden ist, nach Hammerstedt.

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Ortsausgang Lehnstedt . Landstraße nach Hammerstedt

Diese Ansicht ist gerade wegen der unspektakulär symmetrischen Krone der alten Linden nur halb so schön, wie im belaubten Sommer. Im saftigen Sommergrün macht diese Ansicht den besonders erhabenen Eindruck einer altehrwürdigen Landstraße.

Gleichwohl habe ich in Erinnerung, damals in einer Sackgasse gelandet und auf Feldwegen sehr abenteuerlich angekommen zu sein. Auf der Landstraße treffe ich zunächst eine ältere Dame, die freundlich lächelt, hunderte Meter hinter ihr ihr Mann, wie ich annehme, welchen ich am Ortseingang Hammerstedt wegen der angeblichen Sackgasse und dem Fortkommen nach Kapellendorf frage. Er verneint, weißt auf die Allee, die bereits sichtbar ist, ich danke, durchfahre den kleinen Ort und nehme den Weg nach Frankendorf auf eben jener dichtbestandenen Allee.

Hammerstedt Frankendorf.JPG
Hammerstedt nach Frankendorf . Allee

Aus Frankendorf hinaus, um einen Sportplatz herum, sinkt die Straße, welche links mit alten Obstbäumen bestanden ist, leicht bis hinab nach Kapellendorf, deren Burganlage inmitten des Dorfes ohne jede Erhöhung (nämlich eine Wasserburg) dennoch bereits sichtbar ist. Allerdings vergesse ich das Fotografieren, weil eine Gabelweihe, die auf einem Obstbaum Ausschau hielt, sich nicht nur von dem langsamen Auto aufscheuchen ließ, sondern dumm wie ein Spatz, der von Strauch zu Strauch flieht, wenn man auf einem Weg entlangwandernd ihn verscheucht, mehrmals hundert Meter vorausflog, um sich erneut zu setzen und wieder aufscheuchen zu lassen. Das wäre besonders in Bild Wert gewesen, aber ich war zu sehr damit beschäftigt zu erraten, wie oft er es noch mitmache. Schließlich nimmt er einen größeren Bogen über das Feld, man meint, er komme zur Vernunft, setzt sich aber erneut auf einen der Alleebäume – bleibt aber diesmal sitzen. Ich rolle im Galopp in Kapellendorf ein.

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Wasserburg Kapellendorf

Die Wasserburg – im Mittelater ein kleiner rundlicher Bau, im wesentlichen ein Turm – gehörte der Stadt Erfurt. Um 1500 ging sie an die Wettiner und war Sitz des Amtes der Umgebung. 1806 ließ sich hier das preußische Hauptquatier nieder und verlor das letzte Gefecht von Jena auf der Anhöhe unweit des Dorfes, wo 1906 ein kleiner Turm als Kriegerdenkmal errichtet wurde. Mitte Mai 2012 war ich zuletzt hier und bin den Feldweg nach Hohlstedt gefahren. Wie Sie sehen, ist von dem Türmchen nicht viel übrig.

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Kriegerdenkmal für die Schlacht bei Jena 1806 . Kapellendorf . Mai 2012

Ein frei zugänglicher Museumsraum zeigt die Problematik des Rotmilans an – den ich vorhin auf der Fahrt dreimal aufgescheucht habe. Die Landwirtschaft der großen Flächen und des Pestizideinsatzes zerstört seine Lebensgrundlage. Besonders eindrücklich die Aufstellung, wie groß der Düngereinsatz in den letzten 100 Jahren zu genommen hat. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen. Es handelt sich um eine Versechzigfachung! – Man kann nur hoffen, daß Bioware mit weniger auskommt.

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Einsatz von Dünger: 1900-2kg/ha . 1950-33kg/ha . 2000-147kg/ha

Das Museum der Burg selbst ist ziemlich bedeutungslos, eher für Kinder interessant – der Eintritt eine Art Spende. Immerhin gibt es eine Münze des Antoninus Pius von 150 n. Chr. zu sehen, die man allen Ernstes auf einer Flur in Kapellendorf gefunden hat. Das ist schon erstaunlich. Sonst gibt es Kleinigkeiten, wie Spindeln, Sporen und Töpferbruch zu sehen, ein paar Gewehre aus der Zeit um 1800 usw. Aber der Ausblick von der Burgmauer, auf die man von der Kemenate aus hinaussteigen kann, welche in drei Stockwerken das Museum beheerbergt, ist es allemal wert.

wasserburg-kapellendorf-dorf-von-der-burg-aus
Wasserburg Kapellendorf . Urburg, Hof der Amtsburg, Dorf

Rechts neben dem quadratischen Burgfried sehen Sie eine gewaltige Dorfkirche. Es ist eine der ältesten Dorfkirchen Thüringens. Hier macht sich wieder der Mangel an Reiselektüre des noch nicht erworbenen Dehio-Führers bemerkbar – denn die Bedeutung dieser Kirche habe ich erst im Nachhinein erfahren. – Läuft man die Burgmauer weiter hinaus, geht der Blick gen Süden und gibt dieses wunderbar romantische Bild einer bereits im Untergehen befindlichen Sonne wieder.

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Wasserburg Kapellendorf . Blick von der Burgmauer nach Süden, rechts die Kemenate

Nun errinern Sie sich vielleicht an die letzte Fahrt nach Weimar, welche ich in Buchfahrt beenden wollte, offenbar jedoch eine alte Landstraße zurückgebaut wurde und ich mich verfuhr. Diesmal also wollte ich es nachholen, weswegen es nun zunächst über Hammerstedt nach Lehnstedt zurückgeht. Auf der Dorfkreuzung in Lehnstedt dann ein heute selten gewordener Anblick: Eine alte Frau mit Kopftuch, schwerer, aber kurzer Filzjacke, Rock, hellbraunen Strumpfhosen und Pantoffeln, die vor mir die Straßenseite wechselte. Ich erinnere mich, daß zu DDR-Zeiten auf dem Dorf bald jede Frau so umherging. Und noch früher auch die jungen Mädchen. Den Unterschied erkannte man im Grunde nur am Gang. Bereits der Alte in Döbritschen machte eine sehr an DDR-Bauarbeiter erinnernde Figur. Hier hat man noch das Gefühl zuhause zu sein.

In Mellingen, dem nächsten Ort, trifft man auf die Bundesstraße 87. Da geht am Donnerstagabend ein hektisches Treiben vor sich. Glücklicherweise endet dasselbe weitgehend bereits nach 100 Metern an der Autobahnabfahrt. Das schöne Tal der Ilm im Abendschein darf ich dann bis auf zwei Überholer wieder allein genießen.

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Von Mellingen nach Oettern im Ilmtal bei winterlichem Sonnenuntergang

In Oettern bereits führt ein urige Brücke aus Feldsteinen buckelig und einspurig über die Ilm. Im nächsten Ort, d.i. Buchfahrt, haben wir sogar das Glück eine der seltenen holzüberdachten Dorfbrücken zu befahren.

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holzüberdachte, einspurige Brücke über die Ilm in Buchfahrt

Die Fahrt gefiel mir so gut, daß ich etwas über das Ziel hinausschoß und den Felsen und die Höhlen, die ich besuchen wollte, plötzlich im rechten Seitenfesnter in der Abendsonne glänzen sehe.

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Felsenburg über der Ilm bei Buchfahrt

Also trotz der schönen Straßenführung: Kehrt! Das Auto stelle ich in Buchfahrt ab – muß den Einstieg in die warme Fahrkabine gegen eine neugierige junge Katze verteidigen und frage einen Dorfbewohner, wie ich auf den Felsen komme. Und da ist nun der Unterschied zwischen einfachen Dorfleuten und Städtern, die sich auf’s Land verirrt haben. Da fragt man, wie man zum Felsen komme und erhält die Antwort: Per Fuß. – Ja, aber wo muß ich entlang? – In den Schuhen? – Keine Sorge, die haben Gummisohlen. Damit lauf ich Ihnen über den Watzmann. Dann erklärt er mir zwar freudlich wie ich zu laufen habe, aber die höchst irritierten Blicke auf meine Schuhe halten an. Zugegeben, ich hatte einen hellen, karierten Anzug an, darüber einen burgundfarbenen Mantel.

Wie ich den beschriebenen Weg also nehme, bekomme ich eine herrliche Seitenansicht der Brücke und die sonderbare Konstruktion des Wehres, das wohl mit einer Mühle im Zusammenhang steht.

Mühle und Brücke Buchfahrt.JPG
Mühlenwehr und Brücke über die Ilm in Buchfahrt

Wenige Meter weiter erhebt sich die gewaltige Felswand am Strand der Ilm. Am Ilmufer ein beschneiter Nachen.

Nachen in der Ilm.JPG
Boot auf der Ilm

Nun ging’s hinan! Recht steil, mein Lieber. Meine Schuhe kommen an ihre Grenzen, aber alles ist sicher. Zu den Höhlen, welche man vom Felde aus sah, kommt man nicht – es ist abgesperrt. Weiter oben, mit einer verwunschenen Aussicht über das Ilmtal erfahren wir, es handelt sich um einen Burgfelsen. Seit dem 12. Jahrhundert ist hier für eine Fluchtburg gegraben worden. Seit dem 15. Jahrhundert verfällt sie. Goethe, der hier bei seinen Wanderungen und Ritten zu Frau von Stein nach Großkochberg vorbeikam, hat der Merkwürdigkeit von Buchfahrt einen Eintrag ins Stammburch von Heinrich Schütz, Organist in Berka, gewidmet:

Kennst du die Burg, gegraben in bergigen Felsen, der aus dem Tale hochragend zum Himmel emporstrebt? Wellen der Ilm umspülen den Fuß ihr, – die Zinne wählet zur Weide für seine Schafe der Hirt.

Blick über das Ilmtal vom Gipfel der Felsenburg.JPG
Blick über das abendliche Ilmtal von den Zinnen der Felsenburg bei Buchfahrt

Schließlich steige ich herab – das ist waghalsiger als hinauf – und fahre eine steile Pflasterstraße hinauf nach Vollersdorf, von wo aus bereits die Belvederer Allee, die ich zuletzt von Großkochberg aus kommend herbstlich fotografiert hatte, zum Schloß und in den Süden der Stadt Weimar führt.

Belvederer Allee Weimar.JPG
Belvederer Allee nach Weimar

 

[Bucha nach Kapellendorf: 18km in 40 min = 27km/h]

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