Soirée russe . 12 Jan 2017 . Teil 2 . Ernst Rudorff . Sextett und 3. Sinfonie

Unser werther Musicus hatte schon zur Jahreswende einen Rundbrief verfaßt, der eine allgemeine Flohplage auslöste, nämlich wegen Ernst Rudorffs. Man konnte dergleichen nicht lesen ohne schließlich ungeduldig nach den Klangbeispielen zu fragen. Nur, es gab keine. Daher mußten wir bis auf heute warten, um uns die einzig zugängliche Aufnahme einer Rudorff-Sinfonie gefallen zu lassen. Es ist die dritte. Vermutlich deshalb kürzlich eingespielt, da eine Rudorff-Ausgabe seine Autobiografie enthielt, in welcher der sonst als Heimatschutzbegründer bekannte Komponist freilich auch von seiner Musik berichtet. Im Übrigen war er nämlich vor allem durch seine Leidenschaft für den Erhalt alter Landschaften im Zeitalter zunehmender Okkupation der Natur durch die Industrie bekannt geworden.

Zunächst hören wir ein Sextett (op. 6), d.h. ein Quartett mit drei Violinen, eine außergewöhnliche Besetzung, die einen erstaunlich frischen Eindruck macht, eine hellere, lieblichere Anmutung hat, zuweilen in tutti dem Klang eines Kammerorchesters nahekommt. Die Komposition selbst ganz nett, aber nicht sonderlich hervorstechend. Da währenddessen ein Marienkäfer (offenbar in einer Fensterritze überwinternd) im Takt des Sextetts unentwegt gegen den Lampenschirm fliegt, beginnt ein Austausch über die Absurditäten der modernen Agrarindustrie aus, dem ungebremsten Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, der in den letzten Jahren wieder massiv angezogen habe – ich nehme ja an wegen des absurden Kostendrucks im Lebensmittelhandel. Joahnnes erzählt, daß der Gesundheitszustand der Bienen in Berlin besser sei als in den pestizidverseuchten ländlichen Gebieten. Ungeheuerlich. Ebenfalls die Auswirkung auf die Artenvielfalt bei Insekten und Vögeln.

Florian meint, das sei eigentlich gar nicht weit vom Thema entfernt. Der Naturschutz habe Rudorff ja sehr am Herzen gelegen. Und so schließen wir zum Vergleich ein Spätwerk an: die dritte, zugleich letzte Sinfonie Rudorffs. Und das war nun eine Überraschung, die sich gewaschen hatte. Johannes, der sich schon bei der ersten Sichtung Rudorffs durch Florian ebenfalls die Aufnahme beschaffte, sagt – und zu diesem Zeitpunkt verstand ich noch nicht, was er damit meinte – das sei die Sinfonie, die er für Deutschland immer erwartet habe. Das wird sich auflösen.

Denn was wir nun hören, ist zugleich vertraut und verwirrend. Ja, wie schon Florian in seiner Darstellung anklingen ließ, gibt es viel Schumann zu hören. Eine Phalanx an Jubelmotiven in feurigem Blech eröffnet nicht nur den Kopfsatz, sondern stimmt immer wieder an: einfache, geradezu volkstümliche, stark akzentuierte Fanfaren und ihre Variationen in bevorzugt einmaliger Wiederholung, dann die nächste Variation, usw. Das ist für das Jahr 1911 bereits merkwürdig. Aber was den ganz ausgenommenen Reiz des Kopfsatzes ausmacht ist die geradezu abenteuerliche Rhythmik.

Der Ausschnitt, den CPO von der 3. Sinfonie vorhören läßt, gibt den Stil des Kopfsatzes gut zu erraten. Wir haben es mit rhythmischer Vielfalt sondergleichen zu tun, zuweilen sogar Überlagerungen mehrerer Taktarten. Das ganze spielt sich aber – und das ist vielleicht das berührende an dieser Musik – nicht in spätromantischer Harmonik, Klangteppichen Wagnerianischer, Brucknerscher oder Mahlerscher Provenienz ab, sondern eben in der Klarheit Schumannscher Frühromantik.

Nachdem das Hauptmotiv und die erste Klanghöhe sich absenkt, sage ich, das sei Metropolismusik. Es sei die Musik des bereits in der Nähe hörbaren Weltkriegs, alles hochenergetisch, geladen, kaum in Ruhe zu bringen, und es habe trotz aller Jubelei etwas sehr Ernstes, eine Grundständigkeit im Ton, der vielleicht kämpferisch, zumindest aber entschlossen sei. Und das alles in einer volkstümlich-realistischen statt abgehoben akademischen Behandlung der Musik. Das erinnere sofort an die monolithischen Baukörper der Zeit, dem technisch-mechanischen Empfinden, den abstrakt werdenden Formen und den rechtwinklig gehauenen Köpfen an dieser Architektur, die ich in meinem Privatdialekt eben den Metropolisstil zu nennen pflegte (d.i. ein technischer statt pflanzenhafter Jugendstil, der merkwürdigerweise mit ihm in eins gesetzt wird und wohl auch zeitlich schlecht zu trennen ist).

Es sei unglaublich, daß dieser als Akademiker verschriene Mann im Grunde also wie kein anderer die Musik seiner Zeit geschrieben habe – und das auch noch als alter Mann. All der spätromantische Fusel, den Stümper wie Mahler noch wenig zuvor zusammengekleckst hätten, sei im Grunde seit dem Jahre 1900 völlig veraltet. Die neue Musik klinge genau so, wie Rudorff sie hier geschrieben habe. Das sei eine ganz erstaunliche Entdeckung. Man traue seinen Ohren kaum. Es mache auch den Anschein, als bilde er das Verbindungsstück zu Herbert Windts Olympia-Musik von 1938.

Die Art und Weise, wie er oft aus völlig unbedeutenden harmonischen Verältnissen für einen halben Takt ins Spätromantische verfalle und noch ehe man dergleichen herausstechen höre bereits wieder zurückgekehrt sei, habe eine ganz intime Wirkung. der Schluß der Sinfonie biete einen solchen Moment. Und doch sprühe das bei aller Eigenart alles vor Gesetztheit. An keiner Stelle habe man das Gefühl, daß dergleichen Ausrutscher seien. Der Mann herrsche über den Stoff so gediegen, daß es eine ganz außergewöhnliche Wirkung habe, wenn ein solcher Könner sich nicht zu schade sei, derart völkisch-frühromantische Motive – mit Stolz und Sachverstand – auszuwalzen.

Nun verstünde ich auch langsam, was er, Johannes, damit gemeint habe, wenn er sagte, daß er auf diese Musik gewartet habe. Johannes führt aus, es sei für ihn die einzige Fortführung des Nicht-Wagnerianischen, Nicht-Spätromantischen, sondern des Schumannsch-Brahms’schen Erbes. Diese Linie sei sonst völlig vernachlässigt. Und hier hätten wir es als Einzelereignis einmal vor uns. Was zugleich zeige, wie ungünstig sich die Repertoire-Wahl auf den Speilplänen auf die Bekanntheit vielleicht sehr bedeutender Komponisten ausgewirkt habe.

Ich bemerke, das sei außerordentlich präzise beobachtet, wenngleich ich zweifelte, ob Brahms da wirklich mitspiele. Wir hören den dritten Satz der Vierten von Brahms. Ich sage, das sei schrecklich langweilig gegen Rudorff – einzig der Kontrast von tiefem und hellem Klang im Hauptmotiv sei ungewöhnlich. Rudorff bilde dagegen, sage ich, eine ganze Musikrichtung für sich. Schon die Instrumentation Brahmsens, die im Grunde gar keine sei, weil irgendwie immer tutti gespielt werde, lulle einen ungeheuerlich ein – er habe, was Instrumentation angehe, so schließt Florian an, nach dem Verfahren „viel hilft viel“ gearbeitet. Dennoch habe Schumann ihn in späten Jahren noch als das kommende Genie angekündigt.

Ich sage, die absonderliche Rhythmik liege ja bei Schumann durchaus bereits vor, dieses zackige, fast militärische abhacken, wie es etwa in den Nachtstücken vorkomme. Allerdings habe Schumann diese Eigenart seiner Klavierstücke ja in den Sinfonien herausgeglättet. Das sei mit Rudorff in die sinfonische Musik übersetzt. — Allerdings habe ich dabei durchaus die allzu bekannte Rheinfahrt vergessen. Das Hauptmotiv der Rheinischen strotzt ja geradezu vor rhythmischen Stolpersteinen. Wir sind bloß derart vertraut damit – und vor allem gibt es kaum Dirigenten, die es nicht einebnen – daß wir kaum Notiz davon nehmen.

Als ich die Sinfonie nun ein zweites Mal höre, fällt mir eine weitere Besonderheit auf, die glücklicherweise ebenfalls in dem oben zitierten Ausschnitt aus dem ersten Satz vorkommt, und zwar: mittelalterliche Musik. Das ist gar nicht zu überhören. Und zwar nachdem sich das Blech beruhigt hat und die Streicher in staccato ausklingen, da setzen in jenem Ausschnitt die Holzbläser in einem ganz mittelalterlich Ton ein. Das ganze kommt auch in Kraft und Blech vor und macht einen wesentlichen Teil des Urwüchsigen dieser Musik aus. Sie ist also gerade auch in diesem Sinne tiefromantisch.

Johannes bemerkt die übrigens allgemein verwunderungswürdige Tatsache, daß wir drei alle außergewöhnlichen Gefallen an einem unbekannten Komponisten dieser Zeit fänden. Das habe seltenheitswert. Ich sage, bei ihm, Johannes, wundere es mich nicht, wenn auch der Schluß der Sinfonie recht nach dem Tamtaram Tschaikowskis ausfalle, aber daß unser Musicus… – „Wieso?“. Nun, sage ich, das sei doch oft recht simpel gestrickt. Da dürfe man sich über so viel Einigkeit schon wundern. Und so verabreden wir in bester Stimmung für das nächste Mal einen Abend zu Melodramen, welche mir selbst auch sehr am Herzen liegen und wohl mit einer Sitzung kaum abgegolten sein werden.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.