Soirée russe . 12 Jan 2017 . Teil 1 . Historische Schulbauten . Polnische Teilung

Da ich noch einiges an Saft, Mehl und Milch zu besorgen hatte, diesmal über Kahla und den östlichsten HaWeGe-Markt Deutschlands nach Weimar. Kalt genug ist es, sodaß der Kofferraum einen guten Kühlschrank hergibt. So läßt sich sorgenfrei einkaufen.

Im Reinstädter Grund war es auch bei schneeigem Tauwetter eine herrliche Fahrt auf der sich in Höhe und Breite durch die leicht gewellte Talsohle schlängelnde Landstraße. Glücklicherweise kaum Verkehr und daher etwa doppeltes Galopptempo entspannt möglich. Im Sommer, wenn es wieder wörtlicher um die „Reisen“ des wunderlichen Herrn Wangenheim geht, werde ich sicher noch einmal vorbeikommen und Ihnen ein paar merkwürdige Ansichten zeigen können. [Nachtrag: die Fahrt zu den Dorfkirchen zwischen Jena und Weimar führt hier entlang.]

IMG_4137.JPG
Gumperdaer Gutshaus

Bis auf weiteres müssen Sie mit dieser dämmernden oder vielmehr dicht bewölkten Ansicht des Gumperdaer Schlosses vorlieb nehmen. Ein Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, das seit Mitte des 19. zu einer Erziehungsanstalt für Knaben umgewandelt wurde. Rechts daneben sehen Sie einen typischen Turnhallenbau des späten 19. Jahrhunderts.

Es ist eines der vielen, hier aber besonders abgelegenen Beispiele, wie die bedeutendsten Gebäude eines Ortes im 19. Jahrhundert zu Schulen umdeklariert, vor allem aber als solche überhaupt erst erbaut wurden. Die kleine Universitätsstadt Jena etwa besaß um 1900 folgende, geradezu monumentale Schulgebäude: das Lyzeum, das zunächst moderat wirkt, bis man die verdeckte Flucht des Gebäudes von der Rückseite gesehen hat, die nicht nur lang wie ein ganzer Straßenzug scheint (ja, das ist alles das Schulgebäude!), sondern auch einen riesigen Innenhof bildet. Zweitens die Oberrealschule, ein wuchtiger Bau auf unregelmäßigem Natursteinsockel, drittens die Westschule, die in Parterre über eine Badeanlage verfügte. Die Turnhalle ist ebenfalls integriert. Viertens die Johann-Friedrich-Schule – 350 Tausend Mark hat das Prachtstück gekostet. Und schließlich die Nordschule. Nein, das ist ebenfalls keine Residenz, auch keine Burg. Ebenso wenig wie die Universität. Das ist in Jena aber nichts besonderes. Wenn ich allein an das Wilhelm-Ernst-Gymnasium in Weimar denke – dagegen war selbst die Reichskanzlei in Berlin eine Hundehütte. Es sind – wie wunderlich – „bloß“ Schulen. Denken Sie sich einmal die Nachkriegsarchitektur in Ihrer Stadt fort. Was als mächtigste Gebäude übrig bleibt (sofern etwas übrig bleibt) sind keine Banken und Schlösser. Es sind die Schulen und – sofern vorhanden – die Universität der Stadt. Darüber dürfen Sie in einer ruhigen Minute einmal scharf nachdenken. Und wenn Sie noch einmal das Wort „Bildungspolitik“ in den Mund nehmen, dann verteile ich höchstpersönlich Stockhiebe!

Aber wir wollten ja einfach nach Weimar auf den russischen Musikabend fahren. Ja, so einfach war das nicht. Eine gelbe(!) Straße auf meiner – zugegeben – betagten Karte (immerhin nicht aus „Ravensteins Autoführer“ anno 1927) entpuppte sich als Feldweg, was beim derzeitigen Schlitter-Wetter doch wenig geeignet schien befahren zu werden. Außerdem verwechselte ich Mellingen und Magdala – kurz, im Hellen kam ich gar nicht mehr an, obwohl ich nicht lang nach Mittag fort war. Es ist doch noch keine Reisezeit.

Aber allein der lokalen Dialekte wegen, die ich beim Fragen nach dem Weg auch diesmal wieder kennenlernte, sowie der meist sehr freundlichen Menschen, war auch diese Irrfahrt – zumal als ich doch noch im ersten gediegenen Schein der Straßenlaternen des  Ilmstädtchens ausstieg und ich die frische Luft, die schon den ganzen Tag belebt hatte, wenngleich Wolkenwetter umherzog, tief atmen durfte und die nun, abends, angenehm lau säuselte – eine kostbare Freude. Also rückte ich die Krawatte zurecht, gab den Schuhen, die ich beim Erklimmen eines Sprengschutz-Erdwalls im Tagebau bei Lohma verschandelt hatte, eine verzweifelte Taschentuchpolitur und schlenderte in die Bibliothek. Aber wie sagte schon Goethe? Man reist nicht, um anzukommen. Mit Goethe reisen wir übrigens bald gemeinsam – im Käfer. Warten Sie mal ab!

Nachdem ich also in Weimar schließlich doch noch angekommen war und mich mit den Goetheleien auf dem Tisch vor mir mehr erholte, als daß ich etwas Nachahmenswertes tat, blätterte ich doch noch in eine interessante Stelle vom Januar 1832 hinein. Da hatte er wieder mehr Anfälle, die Wieland im Januar 1813 ebenso schüttelten – Ausgang identisch, Sie wissen… Jedenfalls kommt irgendein Brief- oder Tagebuchschreiber mit ihm ins Gespräch über ein Buch, das sich mit der polnischen Teilung befaßte, insbesondere mit der schwankenden Haltung Preußens. Aber der Minister des Duodezfürstentums ließ sich nicht darauf ein. Jeder König müsse lügen. Die alltäglichen Begebenheiten erlaubten derartige Idealismen nicht. Polen wäre doch, so wie es war, untergegangen. Und hätte nun Preußen zusehen sollen, wie sich Rußland und Österreich bereichern?

Dem Tagebuchautor  war dieser Gedankengang widerlich. Florian meint – ich bin derweil in der Südstadt angekommen, Sie merken es – das sei ein Hau-drauf-Goethe, den man unserer Tage nicht gern kolportiere. Ich stimme zu, das sei reine Realpolitik – wie ich sie allerdings vom Geheimrath nicht anders erwartet hätte. Ich erwähne gerade kurz den Widerspruch zwischen Goethes Neptunismus und Spenglers Katastrophen-Mutationen in „Der Mensch und die Technik“ – da macht sich auch schon Johannes mit eiligen Schritten bemerkbar und wird eingelassen (Kim ist noch im hohen Norden).

Es soll heute um Ernst Rudorff gehen. Florian hatte in einem kleinen Aufsatz zu seinem 100. Todestag viel versprochen. Im zweiten Teil werden wir sehen, Verzeihung! hören.

 

 

2 Gedanken zu “Soirée russe . 12 Jan 2017 . Teil 1 . Historische Schulbauten . Polnische Teilung

  1. Pingback: Eine Winterreise . nach Kapellendorf und Buchfahrt – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Pingback: Spazierfahrt nach Hohenfelden . Kranichfelder Burgen . Teil 1 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.