Der gute, passende Herrenschuh . Teil 3 . Bestellvorgang und Qualitätsunterschiede

Ich habe Teil 2 zur Leistenauswahl aus gutem Grunde vorangestellt, obgleich er chronologisch an den Schluß gehört. Qualität und Bestellvorgang müssen offensichtlich früher diskutiert werden. Jedoch war die Motivation für die Vorgehensweise, die ich jetzt vorschlage, und zwar aus dem Problem der Auffindung des persönlichen Leistens heraus, unbedingt nötig. Denn jetzt verstehen Sie, weshalb Sie weder in ein Schuhgeschäft gehen sollten, noch mit der Bestellung einzelner Modelle auskommen, wenn Sie das Problem des guten, passenden Herrenschuhs wirklich lösen wollen.

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Charles Tyrwhitt . Oxford Cap-toe . braun (260-300€)

Ich will damit den Kauf in einem Geschäft nicht ausschließen. Seien Sie sich aber immer des Kaufdrucks bewußt, der kurzen Entscheidungszeit und den zumindest nicht heimischen Umgebungsbedingungen.

Da jeder Hersteller verschiedene Leisten und fittings (also Weiten, meist F und G) anbietet, reden wir also über hunderte Kombinationsmöglichkeiten, wenn Sie bedenken, daß eventuell auch Ihre Schuhgröße nicht ganz feststeht. Und im Zweifel schwankt sie von Leisten zu Leisten derart, daß sie tatsächlich nicht vorherbestimmbar ist. Sie meinen, das arte ja aus? Es artet aus. Allerdings grenzen einige Kriterien die Auswahl deutlich ein.

  1. Der Preis: Ein Paar Crockett & Jones oder Alfred Sargent kostet 4-500 €, bei Church und Dinkelacker ist man mit 5-600 € dabei, dagegen gibt es bei Loake und Langer & Messmer schon Paare für 250€ (und noch sehr viel billiger, aber wir reden hier von der einzig adäquaten 1880er Linie von Loake) und bei Shoepassion für 200 €. Dazwischen liegen etwa Cheaney mit 300-400 € für die City- und 125er-Reihe und 5-600€ für die Imperial-Reihe, sowie Barker Handcrafted um die 350 € und Anniversary mit 4-500€ (auch Barker bietet billigere Schuhe an, von denen man die Finger lassen sollte).
  1. Schnitt und Erscheinung: Ein klobiges Paar Tricker‘s zum Wandern hat meist andere Leisten als ein feiner Stadtschuh, wie der Oxford Cap-toe. Stiefel haben oft gesonderte Leisten, wie Loafer ebenfalls. Manche Leisten gibt es nur als Derbys. Ganze Firmen wie Handmacher bieten keinen einzigen Oxford an. Dinkelacker ist dafür auch nicht gerade berühmt.
  1. Außerdem gibt es manchmal Einschränkungen in den Schuhweiten. So bietet Alfred Sargent seine Oxfords fast ausschließlich – bis auf einen 104er – in E und F an, also schmal. Wer, wie ich, einen breiten Vorderfuß hat und daher weite G benötigt wird hier leider nicht fündig – außer man investiert in die Handgrade-Reihe für 700 €, bei welcher man frei wählen kann.
  1. Schließlich mag der eine oder andere sich ein Broguing verbitten oder eben auf eine Gummisohle bestehen – all das grenzt die Auswahl mehr oder weniger ein, sodaß Sie in der Größenordnung von 10-20 Schuhen landen werden.

Sie bemerken, daß ich am häufigsten von englischen Herstellern spreche. Das ist kein Spleen. Es hat handfeste Gründe, nachdem ich auch Schuhe anderer europäischer Herkunft kaufte. Ein wesentlicher Punkt, weshalb man zu Rahmengenähten greifen sollte, ist deren Haltbarkeit, das heißt die Möglichkeit, sie wiederaufzuarbeiten. Das nennen die englischen Hersteller Refurbishment oder Reconditioning. Hier können Sie sich den Prozeß bei Loake, Crockett & Jones und Cheaney ansehen.

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Derby Full-Brogue . Oxford Full-Brogue . Oxford Cap-toe . Oxford Adelaide Half-Brogue . Tassel Loafer

Kaufen Sie Ihre Schuhe bei Langer & Messmer oder Shoepassion (bei letzteren war es einst möglich), wird ein solcher Service gar nicht angeboten. Sie müssen also einen lokalen Schuhmacher finden, der die Arbeit angemessen ausführen kann. Macht es der Hersteller des Schuhs jedoch selbst, geschieht die Wiederaufarbeitung desselben aber nicht nur durch ausgesprochen geschulte Hände, sondern auch auf dem originalen Leisten, was sicherlich nicht ungünstig ist. Selbst bei Herstellern wie Carmina findet sich kein Hinweis, daß ein Reparaturservice angeboten wird. Und wenn man um das Neubesohlen vielleicht noch betteln muß, dann stimmt damit irgendetwas nicht.

Kurz und gut: Die Engländer haben eine lange Tradition, haben auch die Ausdünnung des hochwertigen Schuhgeschäfts vor ein paar Jahrzehnten überstanden, woraufhin es seit einiger Zeit wieder bergauf geht, und werden die fraglichen Leisten auch in 50 Jahren noch im Programm haben und Ihre Schuhe neu besohlen, wenn manche in den letzten Jahrzehnten neugegründete Firma vielleicht nicht einmal mehr existiert. Außerdem werden Sie auch in Zukunft von dem einmal ausgewählten passenden Leisten neue Modelle kaufen können. All das spricht für die alteingesessenen englischen Hersteller.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, sich eine Auswahl an Größen, Leisten und Fittings (F,G) kommen zu lassen. Entweder direkt über die Internetseiten der Hersteller oder über einen Händler. Cheaney etwa liefert sogar weltweit kostenlos. Allerdings sind die Ausgangspreise atemberaubend. Im Grunde ist es daher gleich, ob Sie sich zwei, drei Hersteller heraussuchen und je einzeln bestellen oder von einem Händler nacheinander zwei, drei Bestellungen mit unterschiedlichen Herstellern tätigen. In beiden Fällen dürften Sie damit für ein bestimmtes Modell, etwa einen Oxford Cap-toe durch alle Leisten, Größen und Fittings durchgegangen sein.

Es ist klar, daß die Möglichkeit besteht, daß Sie nach diesem Prozeß noch immer ihren Leisten nicht gefunden haben. Sie müßten also in diesem Fall weitere Hersteller einbeziehen und ausprobieren. Eine Garantie kann es nicht geben, daß Sie fündig werden. Die Wahrscheinlichkeit ist aber ausgesprochen groß.

Da ich in meinem Suchprozeß über einen Händler gegangen bin, stelle ich Ihnen diese Variante vor. Allerdings gilt für den Bestellvorgang vom Hersteller im Grunde dasselbe.

Großhändler für (nicht ausschließlich) englische Schuhe sind etwa Herring Shoes, Pediwear oder Shoehealer. Hier kann man Paare verschiedener Hersteller in mehr oder weniger großer Auswahl ordern und dann vergleichend anprobieren. Die Versandkosten von und nach England sind natürlich nicht gerade gering. Man zahlt für ein großes Packet hin und zurück nicht selten 50 € und mehr. Bei Herring allerdings habe ich die Ersatzlieferung kostenlos erhalten und dann parallel noch eine abschließende kommen lassen, sodaß ich mit etwa 100€ für drei große Pakete dabei war. Das ist nicht wenig, aber ich wollte das Problem endgültig lösen. Und der Flug nach England wäre nicht so billig gekommen.

Man kann einiges sparen, wenn man die entsprechenden Modelle von deutschen Versendern auftreibt und sich kostenlos anliefern läßt und sie auch wieder kostenlos zurückschickt. Allerdings erhöht sich der Aufwand entsprechend oder es ist unmöglich, da die Auswahl der Anbieter sich meist in Grenzen hält. Langer & Messmer z.B. bietet die eigene Marke, Loake und Barker an. Aber auch bei Breuninger, Zum Norde und was dgl. an Mode- und Schuhhäusern mehr ist, und wo meine Kenntnis ihre Grenzen findet, lassen sich Bestellungen aufgeben oder die Modelle sind zum Anprobieren vorhanden. Gute Beratung habe ich allerdings weder in Berlin, noch in Frankfurt oder Düsseldorf erlebt. Bleiben Sie ruhig daheim.

Und damit sind wir schon beim Bestellprozeß: Halten Sie wenigstens 1500 € flüssig, falls es die obere Preisregion sein soll und darf 2-3000. Denn nun gilt es jeweils ein halbes Dutzend zur Auswahl zu bestellen (mehr faßt ein übliches Paket meist nicht). Sie suchen also auf den genannten Plattformen nach ihren Wunschkriterien – etwa einem schwarzen Cap-toe Oxford – und bekommen eine Auswahl angezeigt. Hier wählen Sie sich ihre Wunschkandidaten heraus.

Ich empfehle zunächst das am wenigsten Schwankende zu klären: die Größe. Bestellen Sie drei Schuhe in derselben Breite aber zwei Größen: in der, die Sie bisher getragen haben und je eine Größe darüber oder darunter, je nachdem an welchem Ende Sie ihre Fußgröße glauben, z.B. 9 und 9,5. War der Richtige nicht dabei, und hatten Sie fitting F, welche zu schmal waren, aber 9,5 die richtige Größe, dann bestellen Sie sich den ganzen Spaß bei der zweiten Order in G (diesmal nur in 9,5). Andere Gründe, wie am Knöchel schürfende Seitenwangen oder zu flache Zehenregion (mehr dazu im vorangegangenen Teil 2), mögen schon gewisse Modelle aus dem Rennen geworfen haben, deren Platz Sie in der zweiten Bestellung mit Alternativen besetzen (bedenken Sie, daß eine Breite G statt F das Einschnüren beim Laufen über den Zehenknöcheln beheben kann, schreiben Sie den Leisten also nicht ab!). Jetzt mag G breit genug sein, aber die Ferse zu viel Platz haben. Aber Sie wissen schon, daß Sie G und 9,5 brauchen. Jetzt suchen Sie andere Modelle in 9,5 G, die eine schmalere Ferse haben. Usw.

Der große Vorteil der Begutachtung zuhause ist nun, daß Sie alle Zeit der Welt haben (in der Regel vier Wochen), um sich mit der Ware in Ruhe auseinanderzusetzen. Nicht sofort, nicht in einer Stunde, nicht einmal heute und morgen, sondern immer wieder, wenn Ihnen gerade danach ist. Haben Sie die Schuhe erst einmal zuhause, können Sie sie vormittags, abends, und nach Lust und Laune anziehen und vergleichen. Niemand sitzt Ihnen im Genick. Das ist ein unschätzbarer Vorteil.

*

In der Preiskategorie ab 250€ gibt es im Grunde keine wesentlichen äußeren Merkmale bis zu Preisen bis 500€, an denen man höhere Qualität erkennt (abgesehen vom Breite-Taillen-Verhältnis, dazu später mehr). Es ist eine Frage der Lederanmutung, seiner Dicke und dennoch Anschmiegsamkeit, seiner auch im Streiflicht gleichmäßigen Ansicht usw. und kleineren Details, wie einer angehefteten Zunge oder zusätzlichen Nagelungen, die der Erwähnung kaum wert sind. Aber eine Abgrenzung nach unten existiert freilich. Wenn Sie also im Übergangsbereich kaufen – was mit den niederen Linien von Loake, Barker und Charles Tyrwhitt genauso möglich ist, wie mit Shoepassion oder Langer & Messmers Hausmarken (bei L&M gibt es übrigens gute und günstige Schuhspanner!) – dann erkennen Sie Abstriche bei der Qualität folgendermaßen:

  1. Der Absatz ist ein guter erster Indikator. Ist der gesamte Absatz gummiert, statt nur eine Ecke, ist das ein sicheres Zeichen für einen minderwertigen Schuh. Deshalb rate ich u. a. auch von Allen Edmonds ab. So etwas erhält man bei Charles Tyrwhitt ab 130€ (Charles Tyrwhitt bietet auch höhere Qualitäten über dem Niveau der Loake 1880er-Reihe um 300€ an, denen aber leider ebenfalls das Refurbishment fehlt, obwohl die Schuhe vermutlich von Barker oder Loake kommen). Sicher wird Allen Edmonds bessere Leder verarbeiten, aber ein solcher Absatz wird ausschließlich gewählt, um den sonst aus Lederschichten aufgebauten Absatz mit Gummi zu verbilligen. Außerdem ist das Wenden auf der Ferse sodann eingeschränkt, wie mit jedem billigen Schuh auch. – Die höhere Variante ist der Viertelabsatz und manchmal wird bei noch höherpreisigen Modellen der Gummi auch sichtbar intarsiert (rechts).
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Absätze: Charles Tyrwhitt (130€) . Shoepassion (200€) . Barker (280€) . Cheaney (360€)

Es gibt eine Kompromißvariante, bei welcher der Absatz nur viertelgroß erscheint, aber in Wirklichkeit ein dünnes Plättchen Leder in die dicke Gummischicht intarsiert ist (so bei Langer & Messmer, Shoepassion (zweiter von links) bis hinab zum billigsten Rahmengenähten, den Sie erwerben können: nämlich bei Deichmann, der nicht allzu schlecht verarbeitet, aber natürlich aus sehr billigem Leder gefertigt ist. Weitere Zwischenstufen finden sich bei Barker, Loake, Charles Tyrwhitt oder Gordon & Bros.). Dagegen sehen Sie in den Fotos rechts, wie die Gummiabsätze auch in der zweiten Schicht über der Laufschicht nicht durchgehen, sondern nach etwa 1cm Tiefe enden und von Leder abgelöst werden.

2. Verdrehen des Absatzes gegen die Sohle erzeugt keine Spalten zwischen Sohle und Absatzecken.

3. Nähte verlaufen konstant zum Rand des Leders sowohl am Oberleder als auch der Sohle (da habe ich selbst bei Alfred Sargent schon abenteuerliche Nahtverläufe gesehen – und leider nicht fotografiert, denn der ging natürlich zurück).

4. Leistenbezeichnung im Schuh (Unterseite der Zunge oder Seitenwange), denn so ist gewährleistet, daß man auch nach 10 Jahren noch nachsehen kann, welchen Leisten man nachkaufen muß, wenn der Schuh so brillant gepaßt hat.

5. Die Sohle riecht würzig nach Leder, das Oberleder etwas weniger, da die Lederfarbe hinzukommt

6. Etwas speziell ist die sogenannte bevelled waist. Das ist eine mittige Verstärkung der Schuhtaille, um sie schmaler gestalten zu können.

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leichte bevelled waist . sehr schmale Taille . Alfred Sargent Armfield . 109F . 490€

Diese schmalen Taillen finden Sie allerdings auch ohne diese mittige Dickenverstärkung, die bevelled waist genannt wird, im Preissegment ab 350€. An beiden Bildern wird ersichtlich, warum das Leder auf diese Leistenform freilich nicht so einfach aufzuziehen ist, wie im Falle einer breiteren Sohlentaille (s.u.). Diese Kurven muß das Leder erst einmal mitmachen.

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schmale Taille ohne bevelled waist . Cheaney Alfred . 125 G . 360€

Achten Sie einfach darauf, wie weit der Schuh im Fußbogen zurücktritt oder wie schmal die Sohlenmitte im Vergleich zum Vorderfuß ausfällt. Der Schuh hat dadurch auch viel stärker die Anmutung eines Fußes und sieht wesentlich eleganter aus.

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breite Sohlentaille . Langer & Messmer . Leisten 358F . 240€

Das Oberleder flieht in den Fußbogen hinein und unterstützt diesen leicht. Das ist natürlich keine Option für Herren mit Plattfüßen, aber für alle Anderen ist das hinsichtlich des Tragekomforts und der Paßform sehr förderlich. Das werden Sie beim Anprobieren fühlen. Es erhöht die Paßgenauigkeit einen Tick mehr, was andere Stellen ausgleichen kann, an denen vielleicht etwas zu viel Raum bleibt.

*

Und schließlich habe ich für Sie noch die erste und letzte Grundregel, die jeder schon mißachtet hat, als er begann, sich mit vernünftigen Dingen auszustatten: Kaufe keinen Schuh, der die Mindestanforderungen an Qualität nicht erfüllt, nur weil das Modell so selten, die Farbe so einzigartig o.ä. ist. Solang Sie kein Vitrinenstück erwerben wollen, fragen Sie sich immer, ob nicht ein äußerliches Merkmal oder einen Sale-Preis Sie zu Kompromissen in Qualität oder gar Paßform überredet hat, die Sie unter normalen Umständen abgelehnt hätten.

Falls ja: Lassen Sie es. Die Gelegenheiten zu vernünftigen Käufen kommen wieder.

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2 Gedanken zu “Der gute, passende Herrenschuh . Teil 3 . Bestellvorgang und Qualitätsunterschiede

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