Der gute, passende Herrenschuh . Teil 2 . Leistenauswahl

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Wie finde ich den richtigen Leisten?

Im zweiten Teil wollen wir uns nun mit der Auswahl des Leistens befassen. Einfach anprobieren und für gut oder schlecht befinden, das reicht nicht hin, wie man als Fußsensibelchen weiß. Am Ende, das heißt nach längerem Laufen stellt sich immer heraus, daß doch irgend etwas drückt oder gar schmerzt. Wie verhindere ich dergleichen? Worauf genau habe ich zu achten?

Zunächst müssen wir uns im Klaren sein, daß reine Lederschuhe wesentlich präziser passen müssen als etwa Sportschuhe und Sneakers moderner Machart. Dort mag ein Oberleder vorhanden sein, der Schuh ist aber innen dick mit Schaumstoff gefüttert. Auch mag, wie insbesondere bei modernen Wanderschuhen, dieser Schaum innen abermals mit Leder statt Stoff ausgekleidet sein. Der Schaumstoff aber bleibt. Wo eine dicke Wandung vorliegt, dort hat man es im Grunde nicht mit einem Lederschuh, sondern einem verkleideten Schaumstoffschuh zu tun.

Bei gleichem „Leisten“ drücken diese Schuhe an Problemstellen natürlich viel weniger. Man kauft etwas größer und der Schaum gleich es aus. Die für die Mehrheit völlig falschen Leisten der modernen Schuhe werden nur durch diesen Schaumstofftrick paßfähig gemacht – eine Maßnahme, um Einheitsgrößen zu forcieren und damit Massenproduktion möglich zu machen. Andererseits führt dieser Schaumstoff, den man zum Isolieren von Häusern verwenden könnte, zu einem ungeheuren Wärmestau im Sommer. Außerdem kann dort hinein und heraus kein Mirkotropfen Schweißes. Nicht nur diese Isolierung ist katastrophal, sondern ebenso die Tatsache, daß der Schaum stets am Fuß, d.h. an den Socken anliegt. Denn auch über den Schaft wird damit ein Luftaustausch unmöglich, der beim Gehen in einem reinen Lederschuh dagegen natürlich ständig für Luftzirkulation sorgt. Das Ganze ist also eine Komfort-Katastrophe, die jeder Träger solcher Schuhe kennt. Auch ich erinnere mich nur zu gut.

Ganz davon abgesehen, daß es sich um Kunststoff handelt, der sich durch Abrieb fein zerstäubt früher oder später in Mikroteilchen im Meer und in unser aller Blut ausbreitet. Ja, Blut, Sie haben richtig gelesen. Zum enormen Problem von Plasten und Elasten gibt es einen Film: Plastic Planet. Mittlerweile gibt es offenbar mehrere Dokumentationen zu diesem Problem. Auch dazu muß ich Dank dieses Films kein weiteres Wort mehr verlieren. Wir wollen es anders.

Aber es hat natürlich seine Gründe, warum die Menschen – abgesehen vom Geiz – so gierig nach dem Minderwertigen greifen. Denn wenn wir auf die Ausgleichswirkung des Schaumstoffes verzichten, müssen wir uns also mit der Herausforderung anfreunden, eine sehr feinfühlige Wahl bzgl. des richtigen Leistens zu treffen.

Der einfachste Weg bestünde freilich darin, bei einem Schuhmacher vorstellig zu werden und sich einen Maßschuh anfertigen zu lassen. Das wird unter 1000 bis 1500 € aber unmöglich sein. Wer es sich „leisten“ kann, soll es tun. Der leistenspezifische Schuh aber ist eine günstige Zwischenstufe zum Maßschuh. Denn hier sprechen wir von Preisen ab etwa 250€. Pseudo-Maßschuhe sind sie deshalb, weil der Herstellungsprozeß und die Materialien letztlich ähnlich oder dieselben sind und der individuelle Leisten dadurch simuliert wird, daß es eine Unmenge an Standardleisten gibt.

Neben den im vorigen Teil benannten englischen Herstellern gibt es amerikanische wie Allen Edmonds und Alden, es gibt ungarische wie Vass oder Lendvay & Schwarcz, österreichische wie Ludwig Reiter und Handmacher, spanische wie Carmina, deutsche wie Dinkelacker, und günstige vertriebsdeutsche, aber herstellungs-italienische und -spanische wie Langer & Messmer und Shoepassion. Sie alle haben andere Leisten und gerade bei den englischen gibt es die meisten Leisten in breite F oder G, also schmaler oder weiter, manchmal sogar noch E und H.

Kommen wir nun zum konkreten Anprobieren. Ein Verkäufer von Cheaney stellt eine einfache Methode vor, nach der Schuhe passen sollen: “Most important fitting of a shoe is actually from the heel to the joint… not so much to worry about from the joint to the toe because that will look after itself.” Er ist ein netter Kerl, liegt hier aber völlig falsch.

Überhaupt ist die Art und Weise, in der er mit seinem Kunden umgeht, fatal. Er zieht ihm den Schuh an und befindet, noch bevor der Kunde etwas sagt, ja sagen kann, der Schuh müsse wohl gut passen – allein am Betasten des Oberleders will er das festgestellt haben. Er läßt ihn nicht einmal einen einzigen Schritt tun. Alles das ist vollkommen inakzeptabel. Deshalb wollen wir im dritten Teil, der sich mit der praktischen Anschaffung beschäftigen wird, eher auf den Versandhändler setzen. Denn jemanden, der uns unbedingt einen hunderte Euro teuren Schuh andrehen will, können wir bei dieser kniffligen Frage nun wirklich nicht gebrauchen.

Das hat nichts mit Cheaney zu tun, denn Cheaney fertigt tatsächlich „meinen“ Leisten. Ich habe also keine Vorurteile gegen den Hersteller. Jeder Verkäufer ist so. Es mag auch sein, daß Mr. Grey so sorglos Schuhe kaufen kann. Andere können es nicht. Freilich, der Schuh zwingt die Zehen in eine Position, wenn er vorn zu stark zusammenläuft. Insofern arrangiert sich das schon. Aber nicht im Sinne des Trägers. So simpel ist es also weiß Gott nicht. Wer dauerhaft ohne Unannehmlichkeiten laufen will, der beachte die folgenden 8 Punkte.

Diese Liste ist natürlich nicht einschlägig, wenn Sie ohne Umwege deutlichen Druck oder gar Schmerzen nach dem Einstieg oder beim Laufen in dem neuen Schuh haben. Es soll vielmehr die Aufmerksamkeit ringsherum auf jede einzelne Problemstelle lenken, die man feinfühlig zu analysieren hat. Denn was bei der Anprobe nur leicht unangenehm ist, wird nach mehrstündigem Laufen oft zur Tortur. Ein guter Ausgangspunkt ist, wenn Sie möglichst wenig allgemeinen und vor allem keinen herausstechenden punktuellen Druck fühlen, zugleich aber auch nicht hin- und her-, vor- und zurückrutschen. Geben Sie Ihrem Fuß ruhig so viel Raum wie möglich, solang er gut geschlossen werden kann und Sie nicht herausrutschen oder der Schuh am Fuß wackelt. Ich empfehle dann also Folgendes sehr bewußt zu prüfen:

  1. Hat der Fußballen genügend Breite im Vorderschuh, insbesondere am Hauptgelenk des großen Zehs (innen) und am kleinen Zeh (außen)?
  1. Wird der große Zeh vor dem Knöchel nach innen gedrückt? (was Mr. Grey übersah)
  1. Schneidet der Vorderschuh beim Abknicken des Schuhs (d.i. beim Laufen) ein und drückt dadurch auf die Zehen oder deren Gelenke? Da dies mit zu wenig Höhe oberhalb der Zehengelenke zu tun hat, wird der Schuh beim Laufen auch meist im Sinne von 1. enger! Möglichst steife Sohlen, die sich nur am Ballen, nicht weiter vorn biegen, sind deshalb von Vorteil.
  1. Fühlen Sie die Seitenwangen, d.i. den Schaftrand unangenehm an den Knöcheln? Besonders beim Kurvenlaufen nach links und rechts?
  1. Sitzt die Achillessehne und die Ferse zu lose im Schuh? Lupft die Ferse beim Laufen zu stark heraus?
  1. Stoßen die Zehen an die Decke?
  1. Rutschen Sie im Schuhe nach vorn oder zur Seite (dem folgt gern Zehenbelastung)? Meist rutscht man nach vorn, wenn die Schuhsohle mit dem ganzen Vorderfuß auf dem Boden aufsitzt. Die Sohlenspitze sollte jedoch 1-2cm über dem Boden schweben. Auch hier hilft eine steifere Sohle.
  1. Sie haben aus Erfahrung eine weitere Problemstelle? Prüfen Sie diese besonders aufmerksam!
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Schuhsohle sitzt deutlich auf dem Ballen auf, die Spitze ist abgehoben . Church’s Berlin Brogue . Leisten 136 (elongated) 9.5 G (490€)

Beantworten Sie diese Fragen ehrlich und feinfühlig. Behalten Sie die Schuhe ruhig eine Weile an, beim Sitzen etwa und laufen Sie dann abermals (bedenken Sie, daß Sie nur auf Teppich laufen dürfen, da sonst die Ledersohlen Markierungen erhalten, mit denen der Händler den Schuh nicht mehr zurücknehmen wird!). Beim längeren Tragen kann sich mancher Leisten als der falsche entpuppen. Überhaupt schärft der Vergleich zwischen verschiedenen Leisten Ihr Urteil. Aber dazu sprechen wir im dritten Teil, wenn es um die Heranschaffung der Auswahl geht. Im Zweifel merkwürdigen Gefühls am Fuß sollten Sie auf den Kauf verzichten. Sicher, man fühlt sich eventuell unter Druck, endlich einen vernünftigen Schuh zu besitzen. Doch exakt aus der Übereilung des „Ich brauche jetzt sofort einen schwarzen Cap Toe Oxford und einen Fullbrogue in braun!“ werden die meisten Fehler bei den ersten Käufen gemacht. Lassen sie sich von diesem Gefühl möglichst nicht leiten.

Darüber hinaus gibt es einige technische Dinge zu bedenken:

  1. Die Schnürblätter sollten im geschnürten Zustand nicht aneinanderstoßen, sondern nach oben hin in V-Form ein wenig von der Zunge freigeben (vor allem bei Oxfords, denn bei Derbys ist es ohnehin mehr), damit auch bei eventueller Dehnung des Leders immer noch geschnürt werden kann und dadurch der Schuh auf Dauer nicht zu lose wird.
  1. Stiefel sollten Sie immer großzügiger kaufen. Der Schaft gibt so viel zusätzlichen Halt, daß man dem Fuß ruhig mehr Raum gönnen kann. Allerdings rate ich eher zum Tragen von Halbschuhen und Stiefelschäften. Wenn es Ihren Leisten nicht als Stiefel gibt, können sie Ihren normalen Oxford oder Derby mit Gamaschen und Stiefelschäften zum Stiefel machen. Dieser ist zwar nicht wasserdicht, aber warm und schützt die Hose bei Querfeldein-Gängen durch den Wald.
  1. Bleiben Sie immer offen für andere Schuhgrößen und –weiten: nicht lokales, sondern globales Optimum!

Am Ende der Auswahl muß der Schuh passen. Das hört sich trivial an. Ist es aber offenbar nicht. Denn man hört immer wieder davon, daß Schuhe eingelaufen werden müßten. Das ist Unsinn. Wenn ein Schuh paßt, dann paßt er. Das einzige, was sich tun wird, das ist ein leichter Abdruck im korkausgefüllten Fußbett und leichtes Nachgeben in jenem Bereich, der beim Laufen abknickt, also die sogenannten Gehfalten entstehen. Ein gut passender Schuh kann schon beim ersten Mal stundenlang getragen werden, ohne daß es unangenehm wird. Übrigens zeichnet sich ein gut passender Schuh auch dadurch aus, daß er kaum Gehfalten zeigt. Entstehen scharfe Gehfalten, ist der Schuh an dieser Stelle zu eng. Und das merken sie nach einer Stunde Laufens deutlich. Glauben Sie mir.

Im dritten Teil befassen wir uns mit der konkreten Beschaffung einer Auswahl und den variierenden Qualitätsmerkmalen guter Herrenschuhe.

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5 Gedanken zu “Der gute, passende Herrenschuh . Teil 2 . Leistenauswahl

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  3. Ben

    „Entstehen scharfe Gehfalten, ist der Schuh an dieser Stelle zu eng.“

    Ich hatte bisher eher gelesen, dass es andersrum sei. Wenn der Schuh zu groß sei, habe das Leder zu viel Platz um an den Stellen zu knicken.

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  4. Das Leder muß sich ja in jedem Falle verformen, sonst kann der Schuh sich nicht an die Biegung, die Sie ihm beim Abrollen verleihen, anpassen. Die Frage ist, wie diese Gehfalten aussehen. Ideal ist, wenn fast keine Falten entstehen, d.h. eine große breite Falte entsteht, die etwas einschnürt. Denn das bedeutet, daß der Druck auf den Fuß an dieser Stelle breit aufgebracht wird. Das spüren Sie so gut wie nicht.

    Ist der Schuh zu eng (hier ist vor allem die Höhe des Schuhs gemeint, weniger die Breite), so muß das Leder ärgere Verformungen hinlegen, und das bedeutet tiefe und enge Gehfalten, die dann punktuell und scharf in den Fuß einschneiden. Das schmerzt freilich nach kurzer Zeit.

    Letztlich ist entscheidend, daß Sie beim Abrollen praktisch nichts spüren, wenn Sie den Schuh anprobieren. Dann wird es auch dauerhaft angenehm bleiben.

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