Der gute, passende Herrenschuh . Teil 1 . Vorbetrachtungen

Ich hatte vor kurzem vom Kleiderschrank Friedrich Schillers berichtet, auf seine vier Schuhe und drei Stiefel hingewiesen und einen Beitrag zu Schuhen angekündigt. Zuletzt haben wir sogar die angeblich originalen Stiefel des Hofraths Goethe gesehen und natürlich haben die Meistersinger mit dem Schumacherhandwerk ebenfalls einiges zu tun. Die Zeit ist also reif.

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Nun wäre das im Grunde kein Thema, wenn der allgemeine Stand des Schuhhandwerks nicht so niedergegangen wäre, ja es existiert kein Handwerk im eigentlichen Sinne mehr. Heute kauft man – lassen Sie mich schätzen – zu 99% Schuhe, deren Materialkosten bei einem Endpreis von 50€ vielleicht einem Kasten Wassers entspricht. Tatsächlich.

Was Sie für 5-10€ bekommen ist klar: ein paar Quadratzentimeter billigstes Leder, ein wenig Polyester-Leinwand, ein paar Kubikzentimeter Schaumstoff, zwei Gummisolen und ein paar Schnürsenkel, zusammengepreßt mit einem Klecks Klebstoff. Das Leder kommt natürlich aus China oder ähnlich für höchste Standards bekannten Weltregionen, wird den Kühen gern bei lebendigem Leibe vom Fleisch gezogen und von Kinderfüßen watend in Chromlauge gegerbt. Lecker. Wer es sich ansehen will, schaue diesen Film über die Lederherstellung in Fernost. Dazu muß ich kein weiteres Wort verlieren, wir wollen es anders.

Wie wird dagegen ein vernünftiger Schuh hergestellt? Mit europäischen, d.h. meist französischem oder deutschem Leder, vegetabil gegerbt, das Oberleder mit dem Futterleder vernäht, schließlich im Goodyear-Welt-Verfahren der Oberschuh mit der Sohle zusammengefügt und ein Absatz angenagelt. Seit der Einführung des Goodyear-Welting haben nur im Detail Arbeitserleichterungen Einzug gehalten – das Clicking (also Ausschneiden des Leders) durch Maschinenformen oder das rudimentäre Aufziehen des Leders auf den Leisten durch eine Maschine. Die Verbilligung von Schuhen seit diesen Erfindungen und insbesondere seit der Mitte des 20. Jahrhunderts lag nicht mehr in der Vereinfachung der Herstellung, sondern in der blanken Verminderung der Qualität.

Die Schuherstellung bei einem typischen, wenn auch schlecht erhältlichen englischen Hersteller sehen Sie in diesem Fabrikrundgang bei Crockett & Jones. Wenn Sie vergleichen wollen: Cheaney, Loake, Alfred Sargent, Barker, Tricker’s, Church und bei John Lobb inklusive der individuellen Leistenherstellung.

Was ist also ein vernünftig gemachter Schuh und was hat der Träger von ihm?

  1. Klassische Herrenschuhe in der Machart des Goodyear Welt, zu deutsch rahmengenäht, sind eine Erfindung, die weit über 100 Jahre zurückliegt. Man kann also sicher sein, daß dergleichen keine Spielerei, sondern ein Verfahren und eine Qualitätsstufe darstellt, die sich mit Grund durchgesetzt hat. Alternativ kann der Schuh genagelt werden. Diese Machart ist selten, findet sich aber beispielsweise beim österreichischen Hersteller Handmacher. Unter anderem diese Machart wurde durch das Goodyear-Welting abgelöst, da die von Goodyear erfundene Maschine innerhalb von Sekunden die Verbindung zwischen Oberschuh und Sohle herzustellen vermag. Die vom Sohn des Erfinders der Kautschuk-Vulkanisation Charles Goodyear patentierte Maschine beruht übrigens auf einer Doppelstich-Nähmaschine des Württembergers Andreas Eppler, der in die USA emigrierte und Goodyear dort kennenlernte.
  1. Haltbarkeit: Schuhe, die rahmengenäht, also mit dem Verfahren Goodyears hergestellt werden, sind vielfach reparierbar, da die Sohle (samt Absatz) mit verhältnismäßig geringem Aufwand entfernt und neu wieder angenäht werden kann. Der Rest des Schuhs bleibt erhalten und kann viele Jahre getragen werden.
  1. Bequemlichkeit: Da der Schuh selbst, das Oberleder also, das alte bleibt, behält dieser Schuh auch die Paßform, die man ihm durch das Einlaufen – zum großen Irrtum des „Einlaufens“ im zweiten Teil mehr – gegeben hat. Es bleibt mithin der eigene, passende Schuh.
  1. Erscheinung: Ein klassischer Herrenschuh ist seit Jahrhunderten das Solideste und zugleich Ästhetischste, das ein Mann am Fuße tragen kann. Die Schnitte und Formgebungen haben im 19. Jahrhundert schon gefallen und werden es bis an unser Lebensende tun. Kurz: Wie in der Frage der Haltbarkeit zeigt sich hier das Phänomen, daß die einmalige Beschaffung einem für ewig Ruhe garantiert.
  1. Kombination: Im Grunde kann die schmuckloseste Form des klassichen Herrenschuhs – ein schwarzer Cap-toe Oxford – mit allem nur Erdenklichen kombiniert, mit praktisch jedem Anzug getragen werden, selbst mit Chino-Hosen. Er ist unauffällig (je nach Politur) und macht immer einen soliden Eindruck. Ein Kauf – und man ist für jede Garderobe gewappnet und sorgenfrei, kann also nichts mehr falsch machen.
  1. Bewegungsfreiheit: Mein Vater nannte Ledersohlenschuhe immer Tanzschuhe. Und das ist freilich nicht falsch. Sie kennen den Twist. Der ist nur mit Ledersohlen überhaupt adäquat zu tanzen. Die Drehungen über den Ballen und auch diejenigen über dem Absatz machen aber ebenso Bewegungen im Alltag möglich, die mit Gummisohlen undurchführbar sind: Man kehrt auf einem Fuß elegant um, man gleitet galant auf eine Tür zu, kurz: man gewöhnt sich den leichten Schwung des Tänzers an, vielleicht gar den galanten Schritt Franz Josephs, an den Sie sich vielleicht aus dem „Radetzkymarsch“ erinnern. Man hat zu achten, daß jeder Tritt ein reibungsfreier wird und also galant. Freilich kann es auf glatten Fließen auch passieren, daß bei jedem Schritt die Schuhe nach hinten fortrutschen, wenn man zu einem zügigen Schritt neigt (für den Winter sollte man ein Paar besitzen, das Gummisohlen aufgeklebt bekam – zwar laufe ich auch bei Glätte mit Ledersohlen, aber das erfordert schon etwas Übung). Aber nichts fördert die Feinmotorik der Füße und Beine, ja der gesamten Körperhaltung, die dadurch bestimmt wird, mehr als diese Schulung von Gleichgewicht und Trägheit bei geringerer Haftung durch Ledersohlen. Das fördert auch einen Gang mit geringerer Belastung der Gelenke.
  1. Umweltfreundlichkeit: Ein guter Lederschuh besteht komplett aus Leder. Die Laufsohle, die Brandsohle, das Innenfutter, das Oberleder – alles ist nichts als vegetabil gegerbtes Leder. Die Ausballung besteht freilich aus Kork und das Gelenk zwischen Absatz und Vorderschuh mag ein Metallstreifen sein, die Nägel im Absatz sind natürlich aus Kupfer oder Stahl, und der Faden, mit dem die Sohle angenäht wird, ist im besten Falle auch kein Nylonstrick. Mit anderen Worten: Man könnte diese Schuhe eines Tages im Wald entsorgen oder in die Prärie werfen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Freilich nur theoretisch, denn schön aussehen tut es trotzdem nicht.
  1. In einem durchschnittlichen Schuhgeschäft unserer Tage wird über Leisten nie die Rede sein. Wir bekommen schon deshalb nichts davon gesagt, weil es morgen vielleicht schon ein anderer ist. Die Leisten eines alteingesessenen Schuhherstellers dagegen bleiben bestehen. Auf ihm werden immer wieder neue Schuhe gefertigt, auch Jahrzehnte später noch. Und auf ein und demselben Leisten gibt es meist eine ganze Reihe von Schnitten und Schuhformen, sodaß der einmal richtig ausgewählte Leisten ermöglicht, sich Schuhe von gleicher Paßform, aber anderer Farbe und anderen Schnittes zuzulegen. Einmal wählen und sodann sorgenfrei sein.

Wie ein guter Schuh und sein Leisten in conreto auszuwählen ist, werde ich im zweiten Teil darstellen.

 

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3 Gedanken zu “Der gute, passende Herrenschuh . Teil 1 . Vorbetrachtungen

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