Märchendeutschland . Teil 2

Nun habe ich die mir so wichtigen Beiträge zu unserem Märchendeutschland profanen Silvesters wegen auseinandergerissen. Der Wangenheim hatte auch schon mal mehr Stil. Aber nun sucht er’s wieder gut zu machen – oder zusammen. Denn auch der alte Beitrag ist überarbeitet, vor allem um den Teil zur Stille der Welt außerhalb der Stadt, weswegen ich Sie bitte, dort nochmals in den Schluß hineinzusehen, damit Sie den vollständigen Eindruck haben.

Wir hatten zunächst vom Übergang der Landschaft zur Stadt gesprochen und also nachträglich einiges zur Einsamkeit und Stille der Natur gesagt. Nun soll es um die andere Seite gehen: die alte deutsche Märchenstadt.

Die Anregung zu dieser Darstellung, der das Wiederaufleben der alten Städte wenigstens in unserem Geiste gewidmet sein soll, kommt übrigens vom neuesten Teil des Spiels Assassin‘s Creed, nämlich Syndicate, in welchem das London des mittleren 19. Jahrhunderts wiederaufersteht. Bereits tief beeindruckend war die Ausgabe des Paris der Revolutionszeit, des Inneren des Palais du Luxembourg und natürlich der Stadt selbst. Auch die Einleitung des Spiels ist erzählerisch beeindruckend. Begonnen hat alles mit einer Welt der Kreuzfahrerstaaten.

Aber darum soll es heute nicht gehen, sondern um das alte Märchendeutschland. Sie werden sich vielleicht gefragt haben, warum ich immerzu von Deutschland rede. Das liegt nicht daran, daß wir nun mal Deutsche sind, glauben, daß der gotische Stil deutsch sei oder einen eingeschränkten Blick auf die Welt hätten, sondern weil es Sinn macht. Denn jene Altertümlichkeit, die ich vor allem in diesem Beitrag beschreiben und mit etlichen fotografischen Beispielen illustrieren werde, tritt vor allem in Zentraleuropa auf. Das heißt nicht, daß dergleichen in England, Spanien oder Italien nicht existiert hat – Italien hatte sogar ganz gute Voraussetzungen –, sondern daß es gerade in Deutschland flächendeckend anzutreffen war. Das hat erstens mit der Zergliederung in kleine Staatsgebiete zu tun, was einer Zentralisierung entgegenwirkte und viele Kleinode über das Land gestreut hat, zweitens ist demgemäß kein Gebiet übermäßig ländlich gewesen, in dem die Bevölkerungszahl wüstenartig abgesunken wäre und sich vorsintflutliche Armut breitgemacht hätte.

Italien war zwar ebenfalls zersplittert, hat aber im Grunde den gotischen Stil überhaupt nicht erlebt. Der Barock ist auch nicht sonderlich ausgeprägt. Das schmälert das Ausgangsmaterial. Skandinavien ist ausgedünnt und starr, Osteuropa häufig zu wuchtig und ländlich verarmt, England mit seinen kubischen Klinkerbauten ohne Giebel schon oft im 19. Jahrhundert häßlicher als Deutschland heute, Frankreich entweder zu großstädtisch oder zu ländlich, Holland zu flächendeckend reich, Amerika zu weitläufig, Rußland zu arm oder zu prunkverliebt – überhaupt: kein Flecken Erde hat derart viele Stile der Architekturgeschichte und damit Garderobestile, Handwerksstile, Regierungsstile usf., das heißt Gemütsstile erlebt, wie Deutschland.

Daher kann man in dieser Märchenwelt, die also nicht ohne Grund Märchendeutschland heißt, praktisch jede beliebige Stadt vor dem Krieg hernehmen, und man wird diese Märchenanmutung finden: mal von der Gründerzeit bereits an den Stadtrand verdrängt oder ganz im Inneren eingeschlossen, mal weitgehend erhalten. Und vor der Reichseinigung ist es noch vollständig vorhanden. Daher beginnen die englischen Grand Tours neben Italien im 19. Jahrhundert – dem romantischen – vermehrt Kurs auf Deutschland statt Frankreich zu setzen, obwohl schon längst bekannt ist, daß Deutschland die schlechtesten Straßen und Unterkünfte, die komplizierteste Währungsvielfalt und laufende Grenzübergänge bereithielt. Selbst Kennedy, der spätere Präsident der USA, macht sich in den 30er Jahren noch auf Deutschland-Fahrt.

Wie sieht dieses Märchendeutschland nun aus?

Burgkeller Jena . Soest . Miltenberg . Dürerhaus Nürnberg . Arnsberg . Höxter . Rothenburg . Frankfurt am Main . und noch ein Beitrag zum Stadtrand: Warburg

Und wer ganz besonderes Interesse hat, der schaue sich diesen Film über das alte Frankfurt an, in welchem u.a. deutlich wird, daß der Krieg zwar deutliche Auswirkung hatte, aber bei weitem nicht so viel zerstört hat, wie die Abriß- und Modernisierungswut bereits davor und vor allem diejenige danach.

Aber was bedeutet das nun, wenn man damals einfach drauflos fotografieren konnte, es keinen Ausschnitt zu wählen gab, auf daß nicht irgendetwas Unsinniges ins Bild rage, wenn es nicht galt sich so zu stellen, daß häßliche Straßenschilder, Ampeln, unpassende Werbeplakate und vor allem absurd kontrastierende, seelenlose Bauhausarchitektur und Schlimmeres das Bild verschandelten? Wenn vor allem jene gewachsene Struktur von verschiedenen Architekturstilen in Baukörpern, Ornamenten, Vorsprüngen, Rundungen, Geraden usw. in einer doch harmonischen, weil ehrlich um Raum und Leben gerungenen Eindruck machen? Wenn – vergleichen Sie einmal die Aufnahmen aus Arnsberg und Rothenburg – sich die Ansichten in ihrer Lieblichkeit sogar ziemlich ähnlich sind, was ein weiterer Hinweis darauf ist, daß es sich hier nicht um ausgesprochene Ausnahmen handelt, sondern so eben eine deutsche Stadt – regionale Unterschiede bis hin zur Differenz von slawischen und germanischen Dorfanlagen addieren ihr übriges – im allgemeinen ausgesehen hat?

Was wir selbst bei weniger avancierten Malern wie von Schwindt für künstlerische Komposition halten, ist für das alte Märchendeutschland eben durchaus eine ziemlich häufig vorkommende Ansicht. Das gilt auch von allem möglichen Morbiden. Wir nennen die Bilder etwa Spitzwegs heute biedermeierlich und romantisch. Das ist zum Teil abschätzig gemeint, weil es so kitschig anmutet. Noch in jenem bereits erwähnten Beitrag, da ich mit unserem verehrten Musicus über Béraud sprach und bedauerte, daß es leider keine Maler des deutschen Märchenstädtchens gebe, sage ich genau das. — Wie? Es gibt keinen Maler deutscher Landstädte? Weit gefehlt, lieber Wangenheim, weit gefehlt!

Wir sind heute bereits derart degeneriert – namentlich dieser Wangenheim, der hier ab und an schreibt –, daß wir Dinge als konstruiert, also romantisch gekünstelt wahrnehmen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts nichts als Realismus waren. Was wir die künstlerische Auffassung des Biedermeier und der Romantik in der Malerei nennen – selbstverständlich auch der Literatur (ein ebenfalls interessantes Thema) –, wovon wir glauben, es sei der lieblichen Seele eines schwärmerischen Sonntagsmalers, wie Spitzweg, entsprungen, war schlicht die Realität. Die Kunstrichtung der Romantik, d.h. des Biedermeier, ein blanker Realismus.

Vergleichen Sie die Bildeindrücke der Schwarzweiß-Fotografien von oben mit den als romantischem Kitsch verstandenen Spitzweg-Stadtansichten:

Kunst und Wissenschaft . Im Dachstübchen . Der Husar . Der Briefbote. Die Post . Der Hypochonder . Spanisches Ständchen . Nächtliche Runde . Ewiger Hochzeiter . Den es mehrfach gibt . Der verliebte Provisor . Ständchen im Mondschein . Besuch des Landesvaters . Der eingeschlafene Nachtwächter . Zweierlei Reisen – Poststation in Tirol .

Sehen Sie, daß Spitzweg in erster Linie ein Architekturmaler des Realismus war? Einer, der lediglich – und das ist natürlich im kitschig-witzigen Sinne biedermeierlich – komische und eigenartige Figuren und Originale in diese aus Barock, Klassizismus und Renaissance, ja gar noch gotischen Überbleibseln zusammengewürfelten, verwinkelten und einfach so von der Zeit malerisch komponierten Stadtansichten setzt. Ich warte auf den Tag, da ich erkenne, daß es sich nicht einmal bei den Sonderlingen um Biedermeier-Kunst handelt. Warten Sie mal ab!

Diese Welt der Stadt war ein riesiger, vor alltäglicher Ästhetik strotzender, weil auf durchaus naturverhafteter Lebensweise ruhender, in herrlich gedeckten Farben gemalter Schaukasten, in welchem sich das Auge einfach wohlbefinden mußte und vor allem an jeder Ecke zu neuen, wohltuenden Reizen überging. Allein diese ästhetische Ruhe ist ein an keiner einzigen Stelle in Deutschland vollständig erhaltenes Lebenselixier. Wie diese Ruhe der gewachsenen, sinnvoll ineinandergreifenden und von Jahrhunderten ruhigen, aber bestimmten Fortschreitens kündenden Ansichten – von den Menschen, die darinnen lebten zu schweigen – auf den Menschen dieser Zeit gewirkt hat, können wir heute nicht einmal erahnen. Erst wer die völlig andere Grundierung des Lebens durch jenes innere Wachstum, der rechten Größenordnung, des rechten Maßes begreift, wird mit dem ganzen Staunen, das hier nötig ist, in die Betrachtung versinken.

Denn das ist die am höchsten differenzierte Welt, die der Mensch je geschaffen hat. Das hat man sich erst einmal klar zu machen! Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist diese Differenzierung im Abebben begriffen. Es ist nicht wahr, daß Dinge hinzugekommen sind. Es geht nicht um Neuerungen, sondern um die Bilanz. Births over deaths hat es seitdem weder in gesamtästhetischer, noch an bloßem Grad der Differenzierung einen Zugewinn gegeben. Bald jeder Neubau hat drei vier verwinkelte Häuschen gekostet, jedes neue Produktionsverfahren das hinzukam, hat zwei, drei, zehn Handwerke mit einem Schlag überflüssig gemacht. Und dabei geht es nicht allein um die Nostalgie des Letzten seines Standes.

Es ist das Verständnis der Dinge, das Verstehen der Welt, das an der Anschauung, der unmittelbaren Gelegenheit des Begreifens, des Tätigseins in einer ungeheuer mannigfaltigen Welt allerorten geschult wird. Die Handwerke waren in jeder Stadt und jedem Dorf zu sehen und zu hören, Handarbeit daheim war sichtbar, erlernbar, die Vielfalt des zu Erkundenden ist für uns unvorstellbar. Jede Straße war ein Geflicke von Tausenden Plasterköpfen, jeder Straßenzug ein lebendiges Treiben verschiedenster Lebensentwürfe – nicht aus einem Überangebot ausgewählt, sondern vom Ernährungswillen verteilt -, die Gesellschaft war in Dutzende Stände differenziert, jeder besaß seine eigene Tracht, seine eigene Sprache, seinen Habitus, sein Ansehen, sein Gemeinschaftsgefühl. Von dieser Vielfalt sind uns zwei, drei Klassen geblieben, die kein Selbstbewußtsein, kein Bewußtsein, kein Sein haben. Selbst die größte Fantasie scheitert, das rekonstruieren zu wollen.

Dieses Maximum an Differenzierung ist aber keine bloße gesellschaftliche oder gar bloß architektonische, landschaftliche Beobachtung. Sie formt den Menschen. Und dieser Mensch ist der differenzierteste Mensch, den die Weltgeschichte je gesehen hat. Es ist kein historischer Zufall, daß dieses Jahr 1800 den Kulminationspunkt deutscher und europäischer Geisteskraft darstellt, wahre Universalgenies hervorgebracht hat, von deren Überschauung uns heute der Atem stockt und von deren Umfassung selbst das folgende 19. Jahrhundert nur ein schwacher, wenn auch fleißiger, gelehriger Schatten war, der all das in Literatur, Physik, Architektur, Musik und freilich der Malerei wenigstens nach außen, das heißt für alle Nachkommen, erfahrbar machte, als Ergebnis dieser höchsten Vielfalt, kondensiert in den größten Kunst- und Wissenswerken der Weltgeschichte.

*

Mit Carl Theodor Reiffenstein, einem weiteren Maler unseres Märchenländchens, genauer aus Frankfurt, verabschiede ich mich für heute von Ihnen:

Tuchgaden . Predigergasse . Hühnermarkt . Hinterhof . Müllermain (Sachsenhausen) – ein Bild wie aus einem Fantasy-Film, wenn man an das heutige Frankfurt denkt . Roseneck . Goethehaus . zum Fürsteneck

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2 Gedanken zu “Märchendeutschland . Teil 2

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