Silvester 2016 . Teil 1 . Weimarer Malschule . Symbolismus & Jugendstil . Impressionismus

Schloß und Goethe 043.jpg

[Die Fotos wurden entfernt.]

Ein Jahreswechsel bei Bombenwetter. Das wird sich späterhin noch lauthals bezahlt machen. Vorerst begünstigt es die Ausleuchtung der Gemälde im zweiten Obergeschoß des Schlosses in Weimar.

Der noch etwas düstere Treppenaufstieg bereits zeigt jenes wohl bereits der Weimarer Schule zugehörige Bild eines Nachens – ich glaube gar auf der Ilm–, auf dem die Fischer bei recht ungemütlichem Wetter, vielleicht sogar aufziehendem Gewitter noch in aller Eile die Netze einholen. D.h. einer holt ein, der andere sitzt gegenüber. Das darf man aber nicht mit dem typischen „Arbeiterdenkmal“ verwechseln, das man an jeder Kleinbaustelle bewundern kann, jenen Szenen dreier Arbeiter, von den zwei auf die Schaufel gestützt zusehen und einer etwas tut. Denn der Zweite muß im Kahn natürlich Gegengewicht halten.

Gleich als eines der ersten Bilder empfängt uns ein typischer früher Lenbach: Auf einem Dünenrücken, so scheint es, liegende Knaben. Alles in praller Sonne, offenbar im Frühling oder Herbst, mit knackig scharfen Schatten und gedeckten Farben, die an frühe Farbfilme erinnern. Ich hatte erst kürzlich jenem eventuellen Vorbild „Wanderer in der Sächsischen Schweiz“ aus der Hand Kerstings eine Verbindung nachgesagt, der eine Etage tiefer hängt.

Es wird viel über Leopold von Kalckreuths Alpenlandschaft sinniert – Atelierlandschaften, denen man das auch ansieht, wie der verehrte Kessler sagen würde, und über den der Audioführer ebenfalls einige vernünftige Sachen verlautbart. Denn Graf Kessler war hier, d.h. im Museums für Kunst- und Kunstgewerbe Weimar ein paar Jahre lang als Chef für die Neuankäufe zuständig. Was Kessler da heranschaffte war nicht geeignet dem Kaiser Freude zu machen, der ihn daraufhin  als „Esel!“ in den Akten vermerkt. Aber Wilhelm II. war nicht der einzige Fürst, dem die moderne Malerei nicht besonders zusagte. Wilhelm Ernst von Sachen-Weimar-Eisenach war auch skeptisch. Er förderte die modernen Maler der Weimarer Schule dennoch. Damit war seine Auffassung der Kesslers erstaunlich nahe, der später Männer wie Munch, Grosz, Becher oder Herzfelde fleißig über Wasser hielt, ohne recht mit deren Kunstauffassung übereinzukommen – war er doch stets Klassizist, wenn auch mit Hang in die Moderne geblieben.

Die Maler der Weimarer Schule haben nicht wenig eindrückliche ruhige Landschaften hinterlassen. So etwa Paul Baums „Weg nach Niedergrunstedt“. Fast ein deutscher Wyeth mit der gekratzten Ausführung des welken Grases und der krumm-geraden Furchenperspektive, den haarfeinen Ästen und vereinzelten Figuren. Nur mit eindrücklicherem Himmel und fehlenden Hügeln. Oder Tübbeckes Gänsewiese, die einen sehr heimlichen Landschaftsausschnitt eröffnet, dessen kleine Welt doch anrührend genug ist.

Und dann öffnet sich der Raum, der jenem Künstler gewidmet ist, dessen Name mir – oh, böses Gedächtnis! – zuletzt entfallen war: Ludwig von Hofmann. Dabei sollte einem dieser Name nie aus dem Sinn gehen, denn die Bilder aus seiner Hand sind gewissermaßen richtigfarbene Hodler mit echten Schlagschatten und ungezwungenerem Pathos.

Wunderschön ist seine Ausmalung des Senatssaals der Universität Jena: Ein kolossales Bild von einer fantastischen Farbwirkung und einer grandiosen Grazie, insbesondere der beiden Hauptfiguren. Allein wie er die Draperie und das leichte Umspielen der Körperformen beherrscht, ist eine Augenweide. Von den Frauen selbst ganz zu schweigen. Die Senatsherren wußten, warum in der Aula für die Studenten der herrische Hodler und hier diese paradiesische Frauenwelt hängen sollte.

Hier im Schloß sehen wir sein Obsternte – ein weniger avanciertes Beispiel, wenn auch von feinen Lichtspielen nicht frei. Die beiden anderen Gemälde seiner Hand, sind Der Tanz und Die Badenden – ein wahres Hofmann-Ensemble. Beim ersten bin ich mir über den Titel nicht im Klaren, da es nicht das sonst üblicherweise dort hängende Bild ist.

Jedenfalls wird getanzt und die leicht entblößte Frau, die bei von Hofmann immer über ausgesprochen ansehnlich ausgeformte Brüste verfügt, zugleich dem schlanken Jungenstilideal vollkommen entspricht, taucht auch in jenem Bild als die rechte der drei Frauen am linken Bildrand auf.

Die Badenden ist eine seiner schönsten Badeszenen, die vornehmlich männliche Figuren zeigen: Badende Jünglinge oder diese Schiffer.

Von Carl Strathmann stammt diese Maria, die sehr an Klimt erinnert. Dazu das Heiligtum Ferdinand Kellers, das an Böcklin mahnt, aber nach 1900 entstand.

Der Schnitter von Hans Olde, dem eine großartige Farbwirkung der getupften Flächen nachgesagt wird, kommt mir nun wirklich eher seiner großartigen Dynamik wegen erstaunlich vor. Ob mit altmodischer Pinselarbeit nicht diese Schnitter von Miasoyedov die Hitze des Sommertages besser darstellen als das angebliche Flimmern des Oldeschen Himmels wage ich nämlich arg zu bezweifeln. Oldes Himmel ist nämlich einfach zu dunkel geraten.

Rohlfs Ehringsdorf ist vielleicht das einzige Bild von ihm, das mir einigermaßen zusagt.

Es ist eben nur mäßig dreckig. Ansonsten ist das Schwarz-weiß-Geklitsche dieses Mannes einfach nur ekelhaft kalt und schmutzig.

Dieses Bild Theodor Hagens, das seine Familie beim Kaffeekränzchen im Garten zeigt, ist ein ganz außergewöhnlich anmutiges Bild. Die Farben wirken tatsächlich nur in realitas. Ich bin nicht schnell mit solchen Urteilen, aber dieses Bild muß man vor sich im Sonnenschein haben. Das Photo gibt es nicht annähernd wieder. Was das Photo allerdings stärker entblößt als die reale Ansicht – und Sie werden es vielleicht bemerkt haben – das ist die merkwürdige Schiefheit. Schon die Gartenmauer ist nicht ganz horizontal. Das muß also gewollt sein. Daß jedoch die Sitzgruppe nach links enorm gen Boden neigt, will man – je länger man hinsieht – nicht mehr als gewollt anerkennen, obgleich es das wohl ist. Es gibt dem Ganzen – man will es für das Entstehungsjahr um 1900 kaum glauben – eine Art Schnappschußanmutung. Hoppla, Kamera schief gehalten. Ich bin ja auch gerade nur aufgestanden, um das Bild zu machen. Denn er selbst fehlt. Wer weiß, ob nicht als Vorlage eine schwarzweiß-Fotografie gedient hat, die er selbst ganz flüchtig machte.

 

Noch ein weiteres Landschaftsgemälde möchte ich Ihnen der angenehmen Wirkung wegen nicht vorenthalten, dessen Maler mir aber ebenfalls entfallen ist. Es handelt sich um eine Uferszene mit Strand, tiefversunkenen Bäumen, also offenbar ein malerischer Nebenarm, der gerade Hochwasser führt, und ganz im Hintergrund ein leuchtendes, weißgetünchtes Haus bei halbdurchbrechender Sonne.

Nach diesem Schönen Reigen möchte ich nicht mit der merkwürdig nichtssagenden Kirche von Rouen schließen, die Monet zig mal über je viele Tage an zwei Frühlingen gemalt hat. Es ist einfach ein Bild, das bloß aus einer guten Verkaufsstrategie heraus Bekanntheit erlangte und künstlerisch praktisch keinen Wert hat. Dasselbe gilt von den Heuschobern.

Nicht, daß es gar keine schönen Impressionisten am Schluß der Ausstellung gäbe. Rohlfs etwa konnte, wenn er impressionistisch malte, schöne Farbwirkungen aufs Blatt bringen.

Und Curt Hermann hat diesen schönen Parkweg fast schon auf einen der wenigen, sehr wenigen guten Expressionisten hinweisend gezaubert.

In diese Reihe impressionistischen Farbglanzes, füge ich dann doch noch nachträglich jene Badenden Frauen von van Rysselberghe ein, auf die der erste Kommentar des Lesers verweist, der nicht zu unrecht die Wirkung dieses großformatigen Gemäldes im Gedächtnis behalten hat.

 

Aber was diesen Rundgang wirklich abschließt ist natürlich der frühe Beckmann: Junge Männer am Meer, das, wie mir erst jetzt klar wird, acht Jahre später vielleicht, sicher aber in dieser Museumsnähe ein farblich-stilistischer und eben auch thematisch gewissermaßen ein Anti-Rysselberghe ist.

Dieses Bild ist an Komposition, HDR-Anmutung der anatomischen Kontraste, Farbigkeit trotz ziemlicher Gräue und Anmut ohne jede Übertriebenheit kaum zu überbieten. Das liegt freilich auch an der gewaltigen Größe. Denn die Figuren sind mindestens lebensgroß. Dieser Unmittelbarkeit kann man sich schwer entziehen.

 

Mit einem Blick zurück, den bayrischen Postillon grüßend, dessen satte Farben sich jeder selbst betrachten möge, wenn er das Schloßmuseum besichtigt, schlägt es Eins und der wunderliche Herr Wangenheim geht seiner Einladung nach, Silvester bei Herrn Hofrath zu verbringen.

Schloß und Goethe 041.jpg

Es ist ein wunderschöner Wintertag, geradezu sommerliche Helligkeit, trotz klirrender Kälte. Man möchte Freudesprünge machen. All so springe ich zum Frauenplan.

7 Gedanken zu “Silvester 2016 . Teil 1 . Weimarer Malschule . Symbolismus & Jugendstil . Impressionismus

  1. Leser

    Wunderbare Auswahl!

    Ich sah Hagens Gemälde ebenfalls mit der strahlenden Mittagssonne im Rücken und dürfte Ihnen nur zustimmen! Das Foto realisiert die Farbgebung nicht einmal ansatzweise!

    Erinnern Sie sich an das großformatige Gemälde gleich im ersten oder zweiten Raum der zweiten Etage? Das mit den jungen Frauen am gelblich-violetten Strand. Leider ist mir der Name des Malers entfallen.

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  2. Da habe ich lang mit mir gerungen, aber wenn Sie es erwähnen – und es hat ja gewissermaßen auch eine Spiegelfunktion gegenüber den Männern am Meer – so möge es denn noch mit in die kleine Aufstellung hinein. Es handelt sich um Theo van Rysselberghes Badende Frauen.

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