Kessler-Gesellschaft . Fürstengruft . Schloß . 22 Dez 16 . Teil 2

Es ist ja eine Wonne in Weimar durch die unbelebteren Gassen zu streifen, das alte Pflaster unter den Füßen, die Sohlennägel im Klang der Pferdehufe klappen lassen. Wenn Naumburg die Stadt der Renaissance ist, in welcher der alte Geist dieser Zeit unmittelbar zu uns tritt, dann ist Weimar – so flach es klingen mag – die Stadt des Klassizismus. Die plastisch überbordenden viergeschössigen Bürgerhäuser der Gründerzeit, wie sie das alte Kaiser-Café an der Ecke Puschkinstraße-Schillerstraße zeigt (heute irgendein pseudo-historisches Hotel), sind dieser Stadt bereits nicht mehr gemäß. Aber Weimar ist, wie Naumburg seit der Renaissance, nach seiner großen klassischen Epoche arm genug gewesen, um sein Antlitz nicht zu verlieren.

Auch die Zeitkonsistenz der Umgebung, das Gewachsensein ist Heimat, Wohlsein im Soliden, im Bewährten. Einzelnes darf dabei herausfallen, etwa im Schloß, wenn der Speisesaal im Eßzimmer der Fürstenfamilie etwas unbeholfen in der neuesten Mode, den Ausmalungen pompejianischer Villen  nachempfungen ist. Die Kontraste sind zu hoch und die Gemälde in einem halb barock, halb nazarenischen Stil passen beileibe nicht zur filigranen Rankenmalerei der republikanischen und augusteischen Zeit. Und so darf sich auch in einem Straßenzug ein Gebäude einmal ausnehmen – Jugendstilornamentik zwischen barocken, ja klassizistischen Formen. Aber ausnehmen heißt nicht, ein Raumschiff zwischen Fassaden des Historismus zu pressen. Entwicklung geschieht im Detail. Revolutionen werden ohnehin wieder rückgängig gemacht und verschandeln nur kurz das historische Bild. In architectura, die dem Geschichtsbuch gleichkommt, dem Gedächtnis einer Zeit, auf länger. Außer es handelt sich um den Untergang einer Kultur – dann für immer.

An anderer Stelle, im Zedernzimmer, ist die antike Wandmalerei bereits deutlich gewandter integriert. Freilich, von überlegener Beherrschung der Proportionen und Stilelemente kann auch hier, insbesondere die querformatigen Spiegel und den Doppelfries betreffend, nicht die Rede sein, aber auf diese Weise der schrittweisen Aneignung fremder Motive, vermag es die gute Gründung in einem bereits ausgefeilten Stilempfinden nach ein paar Versuchen auch Fremdes sinnvoll zu integrieren oder seine Inkompatibilität zuzugestehen.

Der Festsaal mit Blick in die „Säulenhalle“, die in einen dreiteiligen Seitensaal führt. Dagegen ist freilich Belvedere eine Datscha. Hier hat Liszt sein erstes Klavierkonzert uraufgeführt. Aber neben diesen kolossalen Eindrücken, die sich auch im Kleinen, bis hin zur Bemalung der Pilaster, dem umlaufenden, äußerst plastischen Fries, bis hin zu den Ofenfiguren fortsetzt, sind es vor allem die kleineren, aber ausgesprochen abwechslungsreichen Austattungen der Nebenzimmer, die auch einen Durchgang, wie ich ihn heute tue, nämlich zum Vergnügen, obgleich ich vor gut einem Jahr bereits alles gesehen habe, beeindruckend machen.

Ich gebe zu, daß dieser Renaissancesaal etwa mit der Kassettendecke und den Schlangenbändern, der Holzvertäfelung und dem Intarsienboden deutlicher Ausdruck einer bereits vollkommen in den Historismus abgedriftetetn Stilbildung bedeutet. Aber, was vor 100 Jahren Graf Kessler und Spengler – und nicht nur diese – zu Widerwillen reizte und sie über den Stilplunder spotten ließ, das ist für unsere tagtäglich auf wesentlich maliziösere Weise gekränkten Empfindungen ein Ruhebett des Wohlwollens. Freilich, wenn wir uns in die Welt des 19. Jahrhunderts auch bloß ein paar Stunden hineinleben – mag es ein Rundgang durch historische Stadtviertel ermöglichen oder eben ein so großes und im Grunde geschlossenes architektonisches Museum -, so bemerken auch wir die feinen Unstimmigkeiten recht schnell, die uns draußen, da man über jede einigermaßen durchdachte Gestaltung das Kreuz schlägt, nie in den Sinn kämen.

Auch die völlig überladenen Dichterzimmer ehre ich in diesem Sinne. Das sind gewissermaßen die Wiener Walzer unter der sinfonischen Musik. Schon deshalb, weil sie en détail ausgezeichnet ausgeführt sind und sich auch im Ganzen nicht widersprechen. Das soll mir ein Kritiker erst einmal leisten. Das große Superman-N im Nietzsche-Archiv ist da deutlich lächerlicher. Auch für den Historismus und seine Durchmischung aller Stile insbesondere mit einer rustikalen Renaissance-Imagination muß man ein Gefühl entwickeln.

Die Austattung erinnert mich an dieses Greizer Bürgerhaus, das gerade am Verfallen ist, wie so etliche Greizer Häuser, und die man im Grunde alle kaufen und renovieren müßte. Es steht in der Greizer Neustadt, die ab 1850 begonnen wurde und eine beeindruckende Geschlossenheit an historistischen Bürgerhäusern zeigt. Im Moment gibt es bei einem Jenaer Antiquitätenhändler eine großformatige Zeichnung von etwa einem Meter Höhe, die Fassaden eines Greizer Stadthauses zeigen. Ich hätte es sofort gekauft – leider fehlt mir das Greizer Bürgerhaus, das die Wandflächen hergibt, die eine solche Zeichnung erfordert. Da beißt sich die Katze wahrlich in den Schwanz.

Aber machen wir noch ein paar Schritte zu den Gemälden, hier in der ersten Étage des Schlosses. Da finden sich neben Friedrichs „Huttens Grab“ und Kerstings Tochter am Fenster auch sein „eleganter Leser“ und sein weniger eleganter Leser mit jener grünen Lampe im Dämmerlicht. Der „Wanderer in der Sächsischen Schweiz“ erinnert übrigens doch sehr an die Hirtenknaben Lenbachs 40 Jahre später. Oder das bekannte Bild einer Schlittschuhfahrt aus ähnlicher Zeit mit einem Herren im Schlittenstuhl, dessen Maler mir gerade entfallen ist. Sie wissen, welches Bild ich meine.

Ein kleiner, sehr kleiner Blechen ist auch da und ein Hummel (Carl Maria Nicolaus), der – was mir nicht bewußt war – ebenfalls Blechensche Landschaften malte. Das ist im Grunde nicht einmal eine Blechen-Landschaft, sondern ein Gurlitt. — Der Heda ist natürlich auch noch da:

Zuvor war ich in der Parkhöhle und der Fürstengruft. August Goethe beschrieb bereits die urzeitlichen Funde von Waldelefantenzähnen, und Waldnashornknochen als man den Abfluß für die fürstliche Brauerei grub und veröffentlichte unter regem Interesse des Vaters die Ergebnisse der Ausgrabungen. Viel mehr als das und ein paar Kriegszerstörungen (die Höhle war Luftschutzraum) bekommt man nicht zu sehen.

Auch zur Fürstengruft gibt es außer Andacht und streng klassizistischer Architekur nichts zu erzählen. Aber der Audio-Führer leitete mich in die miniaturisierte orthodoxe Kirche, welche direkt angebaut ist, damit Maria Pawlowna unter einer russischen Kirche begraben werden konnte (die russische Erde hat man ebenfalls importiert).

Fürstengruft und Schloß 053.jpg
Russisch-Orthodoxe Kirche Weimar

Ein winziger Innenraum, man steht, nur die Gebrechlichen sitzen im Gottesdienst. Die Alte, die das ganze Kircheninnere mit Ikonen ausgestellt hat und sie dort feilbietet, spricht mehr deutsch als sie versteht. Es mag schon ernst gemeint sein, aber es stößt uns protestantische Menschen doch kolossal ab. Insbesondere das Verkaufen und Nötigen, diese Weihrauchabschottung, das Knusper-Knusper-Knäuschen-Getue, das Getätschel, ohne das man das Haus nicht verlassen kann. Ich spüre jenen kulturellen Ekel, der unsereins schnell wieder hinausgeleitet. Bleiben wir beim äußerlichen Anblick.

8 Gedanken zu “Kessler-Gesellschaft . Fürstengruft . Schloß . 22 Dez 16 . Teil 2

  1. Pingback: Silvester 2016 . Teil 1 . Weimarer Malschule . Symbolismus & Jugendstil . Impressionismus und Neoimpressionismus – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Wer das architektonisch einheitliche, ungestörte Bild einer Stadt aus der Goethezeit heute noch besichtigen will, ist auch mit Neuruppin überraschend gut bedient:

    „Man fühlt sich gleich beim ersten Betreten (…) der Altstadt mitten in die Goethe-Zeit zurück versetzt. Dies ist ein sehr eigenes und seltenes Lebensgefühl. Alle Raum-Proportionen, alle architektonischen Proportionen ’stimmen‘, sind menschlich. So empfindet man das zumindest, wenn man zuvor Jahre lang in der Großstadt gelebt hat. Kaum ein Haus, das mehr als ein Obergeschoß hat.“

    Die Stadt ist einheitlich nach einem Stadtbrand im Jahr 1788 neu aufgebaut worden.

    Mir ist erst dort bewußt geworden, warum man in der Gründerzeit angefangen hat, Mietskasernen Mietskasernen zu nennen, also Häuser in Großstädten, die heute ob ihrer „alten Fassaden“ schon wieder beliebt sind, die aber dennoch das sind, was sie immer waren und immer sein werden: Mietskasernen.

    https://preussenlebt.blogspot.com/2017/03/neuruppin-eine-stadt-in-preuen.html

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  3. Danke für den Hinweis! Ich wage aber die Ahnung zu äußern, daß es sich bei jener wiederaufgebauten Stadt nicht um das handelt, was z.B. Weimar so schätzbar macht. Denn wenn ich den Begriff Märchendeutschland gebrtauchen darf, dann zeichnet sich dieses inbesondere durch sein Gewachsensein aus. Und gerade das kann eine solche, auf dem Reißbrett errichtete Stadt nicht bieten. Die einzelnen Gebäuden mögen zur Goethezeit errichtet sein, aber das macht für mich noch keine schöne historische Stadt aus, wenngleich es für sich natürlich schöne Ansichten bieten kann. Vielleicht komme ich dieses Jahr einmal hin…

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  4. Fontane ist nicht Goethe – Neuruppin nicht Weimar, ohne Frage.
    Und der Tempelgarten des Kronprinzen Friedrich hier in Neuruppin war leider auch nicht mehr historisch zu rekonstruieren und erinnert deshalb nur in der flüchtigsten Andeutung an Sanssouci. (Für weiteres muß man eben nach Rheinsberg fahren.)
    Ansonsten freut man sich an dem, was man hat und richtet den Blick in die Sterne – wie schon mancher bedeutende Preuße zuvor. Dort oben ist die Welt noch so wie sie immer war!
    … Gerne Bescheid geben, dann können wir uns für einen Stadtbummel treffen.

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