Harry-Graf-Kessler-Gesellschaft . Fürstengruft . Schloß . 22 Dez 16 . Teil 1

Heute kommt ein kleines Päckchen, obgleich ich keine Bücher erwarte. Das kann ich leiden! Es ist von der Kessler-Gesellschaft. Ich öffne das Trauerspiel. Ein knalloranges Heft, billig starrend vor Maschinenheftung… ein Buch seiner Zeit. Und als wäre die Aufmachung einer Architektur-Universitäts-Veröffentlichung nicht genug, finden wir direkt auf dem HKL-Baumaschinen-Umschlag das Wappen der Stiftung Brandenburger Tor gespuckt (dem übrigens vielsagend – noch immer sozusagen – die Quadriga fehlt), samt der Bemerkung, es handle sich um die Kulturstiftung der Berliner Sparkasse. Mille grazie, aber so genau wollte das nicht nur niemand, sondern gar niemand auf diesem von minderwertigen Druckerzeugnissen strotzenden Planeten wissen. Nun weiß ich leider wie dergleichen Förderung und Geldverschwendung zustandekommt. Man würgt unweigerlich. Dabei hatte der Tag doch in Weimar so angenehm enden wollen.

Und das auch noch bei jener Gesellschaft, die den Namen eines Mannes trägt, der hochwertige Bücher für so bedeutend hielt, daß er selbst eine Druckerei mit Verlag ins Leben rief, die sich der Bibliophilie verschrieben hatte, die Cranach-Presse. Das ist kein Treppenwitz der Geschichte, sondern blanker Hohn. Vielleicht aber auch vielmehr Mangel an Gefühl, Kenntnis und Takt, die von einer Hypertrophie an Eitelkeit katalysiert solch groteske Blüten treibt.

Aber es hilft nichts, man muß sich ja ansehen, was da aus Berlin hereingeflattert kam. Lesen freilich… kann man das Heft nicht. Macht man es auf, klappt es wieder zu. Ja, so einfach ist das. Nicht etwa wie billige Broschurhefte aus halbwegs vernünftigen Zeiten (etwa die Süddeutschen Monatshefte) eben glattgedrückt werden wollen, bevor man sie lesen kann, sondern so, wie eine Bärenfalle zubeißt, wird sie nicht mit aller Gewalt aufgehalten. Sie wissen schon, die aus den Road-Runner-Comics.

Zum Ausgleich starrt das Heft immerzu – auch wenn man’s nicht lesen will – in einem wohlfeilen Winkel von etwa 15° in die Welt hinaus. Immerhin, dadurch steht es gut – …und der Trabant konnte nicht rosten. Ab 30° Öffnungswinkel dann sträubt sich das Gummimaterial mit dem geschätzten Minimalanteil von 3,5 Vol-% Papier, das man für den Umschlag gewählt hat, mit aller Gewalt gegen Eindringlinge irgendwelcher Art, insbesondere ungebetene Leser. Ich bin einer von ihnen. Aber ich verzichte nicht ungern: Der Geruch kommt CD-Rohlingen nahe. Daher kann man es nicht einmal verheizen. Da bleibt nur der Gelbe Sack. Aber das Foto von Kessler vorm Weißen Haus aus dem Jahre 1924 werde ich mir ausschneiden. — Habe ich erwähnt, daß der Umschlag herrlich glänzt! So, wie eine wunderschön folienkaschierte Bonbonverpackung eben glänzen sollte.

Was hätte der gute Kessler dazu gesagt? Richtig: Man kann viel Geld sparen, wenn man Dinge, statt sie minderwertig zu machen, einfach sein läßt. Aber wenn es Mitte des Monats Geld gibt, dann sind die Geschäfte vom Pöbel überlaufen. Das ist das neu aufgekommene Problem der Harry-Graf-Kessler-Gesellschaft. Man hat jetzt Geld. Und wenn man einen neuen Hammer hat, dann sieht alles aus wie ein Nagel.

Es begann mit der Flut an Mitgliedern, die seit der Kessler-Ausstellung in Berlin hinzukamen (was ja noch ganz erheiternd war, aber eben aus Mitgliedsbeiträgen Geld in die Kassen spült) und kulminierte in einer Geburtstags-Spendenaktion, die ein Neumitglied gegenüber seinen Gäste initiierte. Das klingt erstmal nicht verwerflich, ja spendabel. Tatsächlich ist es eine Tragödie. Da kommt eine nicht völlig bedeutungslose Summe zusammen und plötzlich ist alles anders. Ich ließ es mir ja noch gefallen, als einer der Vorstandsmitglieder mir beim Tischgespräch davon erzählte. Dann wurde es mit klingendem Glas allgemein verkündet – das war bereits unangenehmer als es sein gelassen zu haben. Und nun wird nochmals, mit genauer Nennung der Summe und im Zusammenhang mit diesem Machwerk – inhaltlich kann ich es freilich aufgrund der genannten materiellen Widerspenstigkeit ja nicht beurteilen (aber wer wollte Großes erwarten?) – die Summe und der Gönner genannt.

Welcher Zeitpunkt genau war es, als man mit dergleichen Schenkungen nicht mehr souverän umzugehen vermochte? Daß man nebenbei dem Spender noch die Ehre erweist, die Zahl seiner Gäste anzugeben, woraus man leider sofort ersieht, wie hoch die durchschnittliche Spendensumme war – unter uns: die Zahl hatte eine gewisse Komik, wenn man bedenkt, um welche Art Einkommensklasse es sich dabei im Wesentlichen handelt –, das mag wiederum auch nur mir auffallen und insofern ist auch das vollkommen gleichgültig… aber tat das not? Ist das der Preis der Institutionalisierung, daß man sich sofort wie in einer der beliebigen Goethe-Gesellschaften, mit Hausveröffentlichung, mit besonders „verdienten“ Mitgliedern wähnt, veröffentlichungssüchtigen Autoren und Beiträgen die – mit Verlaub – kein Mensch liest? Jaja, wer sonst wirklich keine Bücher besitzt, liest es vielleicht. Aber wenn jemand fragt, kann man sagen: Unsere Gesellschaft hat schon so und so viele Bücher veröffentlicht. Gott, ich dachte, ich sei der irrsinnig publikationsheischenden akademischen Welt entkommen!

Aber schlimmer ist die finanzielle Seite des Prozesses. Wer möchte sich – zumal vom Vorstand – diesen Gönner nun nicht zum besten Freund machen? Ich glaube nun auch rückwirkend bereits diese Anbiederung vernommen zu haben. Traurig ist’s, Genossen!

Die Harry-Graf-Kessler-Gesellschaft war mal eine schöne Gesellschaft. Kurz. Sehr kurz.

Dabei, ja dabei kam ich doch gerade aus dem Schloß! aus dem wunderschönen Weimarer Schloß. Wo so viel Schönes und vor allem Solides den Betrachter umgibt, daß man meinen konnte, die Welt im Allgemeinen sei von dieser Art. Aber die Welt ist freilich nicht solide. — Das hat gar nichts mit dem aufgewendeten Geld zu tun, sondern mit der Frage, was man für nötig hält und worauf man aus Mangel an Qualität verzichtet. Verzicht selbst ist Solidität.

Ja, Solides – darüber werden wir noch einmal ganz allgemein sprechen müssen, verehrte Leser. Dieses ungeheure Wohlbefinden, wenn Einen nur gute, stattliche, gemessene Dinge umgeben: von der Architektur über die Farbwahl, von den Gemälden bis zu den Möbeln, dem herrlich-antiquierten Parkettboden, auf dem die Lederabsätze ein derart sattes Klacken von sich geben, daß man allein durch dieses Geräusch die guten alten Zeiten wieder auferstehen hört, von den Tapetenmustern bis zu den Fenstervorgängen, den Türschlössern bis zu den Őfen – und hier ist nun wahrlich nicht alles zugestellt, sondern eher sehr sparsam, ja etwas unbeholfen versucht mit dem Wenigen, das man hatte, eine gewisse Interieursanmutung zu erzeugen. Selbst die unrestaurierten, teilweise von blätterndem Putz verunstalteten Malerein strahlen mehr Majestät aus, als der versammelte Plunder moderner Inneneinrichtung zusammen. Als Ästhet gibt es Zeiten, in denen kann man nichts als Reaktionär sein.

Stimmt’s Konstantin?

Wohl wahr, Graf Wangenheim.

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