Wittumspalais . Homer . Schumanns und Tschaikowskis „Manfred“ . Nietzsches Musik

Draußen tobt der Weihnachtsmarkt. Ja, er tobt. Mit Weihnachten hat es natürlich nichts zu tun. Aber, wer erwartet das noch. Ah, doch! Eine künstliche Schlittschuhbahn.

Die Sänfte Anna Amalias

Im Erdgeschoß des Treppenhauses im Wittumspalais steht eine Sänfte Anna Amalias. Das kommt einem etwas absurd vor, daß sich jemand allen Ernstes durch die Straßen tragen läßt. Und dann denkt man wieder kurz an das „Volkstreiben“ draußen – und sehnt sich nach exakt diesem Fortbewegungsmittel.

das Zimmer der Tafelrunde

Im Obergeschoß angekommen schon ein herrlicher Blick vom Treppenhaus durch die offenstehenden Türen. Die Einrichtung ist reichhaltig. Man fühlt sich heimisch. Nach dem Eintritt ins Speisezimmer, dem Tafelrundenzimmer, jedoch ein beklemmendes Gefühl, daß man an den Fenstern fast auf Augenhöhe mit dem niederen Volk steht. Diese Merkwürdigkeit der scheinbar abgesenkten Bel Étage klärt sich später. Um 1820 nämlich wurde das Gelände zum Theater und zur Esplanade hin aufgeschüttet. Nun glotzt der Pöbel hinein. Damals verlief die Stadtmauer noch am Palais und dort, wo heute das Bauhausmuseum steht, gab es einen Garten, mit Pavillon auf dem Fundament eines ehemaligen Mauerturms. Aber das alles ist nun verbaut und auf das Niveau des Gartens aufgeschüttet.

Der erste Rote Salon

Dafür trifft alles übrige exakt meinen Geschmack. Die Deckenhöhe ist angenehm moderat. Die metallene Rahmung der Tapete eine schöne Idee. Die Türen haben ein angenehm schmales Format, schwere Schlösser und schöne klassizistische Kandelaber. Die gesamte Familie hängt ringsherum an der Wand – der Alte Fritz freilich auch. Aber eigentlich geht es hier um die Tafelrunde aus Goethe, Schiller, Wieland und Co. Viel erfährt man nicht. Aus den Briefen der Schopenhauer, die seit etwa 1806 in ihrem Hause einlud (wo stand das eigentlich?), erinnere ich mich jedoch, daß Wieland insbesondere gern hierher kam, während er zur Schopenhauer, wo wiederum Goethe ohne Unterlaß Gast war, nur selten fand. Das lag an der Ausrichtung der Abende. Hier, bei der Fürstin gab es vor allem Kartenspiel. Und das war nicht nur die Leidenschaft Schillers, sondern auch Wielands. Zwar zeichnete man auch bei ihr – denn Anna Amalia war selbst leidenschaftlich damit befaßt –, was bei der Schopenhauer zu den Lieblingsbeschäftigungen Goethes zählte, der sich oft an die Ecktische zurückzog, um Landschaften zu aquarellieren, und auch an Musik dürfte es bei der begeisterten Guitarre- und Klavierspielerin nicht gemangelt haben, aber Goethe hatte vermutlich auch einen an der Schopenhauer gefressen. Und wer weiß, was noch alles in der Weimarer Tratschgesellschaft damit zusammenhing. Wohl sind Wieland und Goethe auch zu oft aneinandergeraten und mieden sich daher etwas. Götter, Helden…

Wo sind die Herren eigentlich ausgetreten? Wo stand der Topf für Herrn Geheimrath? Mußte er sich denselben mit Herrn Hofrath teilen? Bekanntlich warf man die Extremente selbst auf die Esplanade – auf welcher übrigens nur die bessere Gesellschaft flanieren durfte. Schissen die Herren etwa aus dem Fenster? Der Audio-Führer gibt keine Auskunft. Aber wenigstens gibt es keine politischen Belehrungen heute. Ein schöner Tag. Trotz fäkaler Ungewißheiten.

Der grüne Salon

Besonders zu erwähnen ist noch der grüne Salon. Gewissermaßen ein Italien-Zimmer. An den grünen Wänden hängen Landschafts- gemälde Hackerts, die Decke ist mit einem Fresko Oesers ausgestattet – letzteres ziemlich blaß und unscharf. Daneben das Zeichen- und Musizierzimmer der Fürstin. Die ganze Étage ist im Grunde ziemlich bürgerlich eng gehalten. Dafür ist es wohnlich und anheimelnd. Eigentlich nicht größer als Tieffurt. Apropos Tieffurt. Ich wäre bald nicht ins Museum gelangt, weil man mich erstmals nach einem Ausweis fragte – nachdem ich mit meiner Goethe-Karte bisher in Dutzenden ungefragt hineingelassen wurde. Aber ein Museumswärter, der gerade am Eingang stand, sprang mir bei und bestätigte, daß ich schon in Tieffurt gewesen sei. Nun, da ich zuvor erzählt hatte, daß man mich nie, das heißt niemals nach dem Ausweis gefragt hatte, konnte dies eigentlich nichts bedeuten, aber ein anderer Wärter kam hinzu und stellte fest: „Wenn mein Kollege Sie kennt, dann geht das seinen Gang.“ Schwups! war ich drin. Naja, eigentlich gehen wir gerade hinaus. Auch wenn im zweiten Obergeschoß, das statt 14 nur noch unter 10 Grad kalt war, noch der große Festsaal zu besichtigen war, in welchem auch die Fürstin zur Ansicht des Volkes nach ihrem Tode aufgebahrt wurde.

Dann mit Herrn Dr. L. im dämmernden Ilmpark einiges zu Spengler, später bei einem Thee zur Frage der Homerbegeisterung um 1800. L. meint, es sei ein besonders deutsches Phänomen. Außerdem eines der zweiten Reihe. Er kümmere sich um die scheinbar nachrangigen Protagonisten. Ich sage, ich stimmte ihm wohl zu, was die besonders internsive Beschäftigung der Deutschen mit der Gräzistik angehe, was wohl eine Spiegelung der eigenen Verhältnisse im ungeeinten Deutschland sei und natürlich überhaupt mit der Antikensehnsucht des klassizistischen Gemüts zu tun habe, der Sehnsucht der Winterkinder nach Sonnenschein und südischer Leichtigkeit. Gleichwohl sei – dies vorausgesetzt – die Homerbewunderung nicht mehr verwunderlich. Immerhin übersetze man in dieser Zeit alles Mögliche aus dem Griechischen. Wieland allein sei bereits dabei, Werke zu übersetzen, für die es verhältnismäßig junge Übersetzungen bereits gebe. Da liege es mehr als nahe auch die Gründungsliteratur dieses Faches in Angriff zu nehmen. L. hält es dennoch für außergewöhnlich, immerhin seien die endlosen Schlachtbeschreibungen nicht gerade unterhaltend. Alles wiederhole sich. Im Grunde sei die Ilias ungeheuer langweilig. Dennoch habe man sich mehr auf sie als auf die Odyssee gestürtzt. Ich bestätige, das sei allerdings verwunderlich. Gleichwohl entbehre die Odyssee des historischen Hintergrunds, was eventuell das philologisch-historische Herz nicht befriedigt habe.

Der Prozeß, so L., sei insbesondere interessant, insofern mit dem Scheitern des klassizistischen Projekts um 1860 die Menschlichkeit in Deutschland zugrunde gegangen sei. Ich zweifle, ob „scheitern“ das rechte Wort sei. Vielmehr habe man nach 100 Jahren Beschäftigung die Sache eben komplett durchgedacht. Und im Grunde sei der Klassizismus in vielerlei Hinsicht ja bereits mit der Romantik untergegangen. L.’s Gedanke, das man bedenken müsse, daß exakt in diesen Niedergang der Gräzistik Schopenhauer und Nietzsche hineingeboren seien, und dies viele Ihrer Haltungen vollauf erkläre, wie ich finde, eine sehr erhellende Beobachtung. Wohl kommt bei Nietzsche noch der gleichzeitige Dauerbeschuß des Chritsentums durch die Linkshegelianer hinzu.

Im Soirée russe angelangt, gibt es den „Manfred“ von Schumann. Hauptsächlich ist das ein Melodram, also gesprochene Rhythmik zu sinfonischer Musik. Auch Solostellen gibt es und Choreinlagen. Das Ganze ist ziemlich beeindruckend. Schon lange habe ich über musikbegleitetes Sprechen nachgedacht. Da ergeben sich selbst bei nicht füreinander komponierten Teilen oft erstaunliche Effekte. Hernach nehmen wir zum Vergleich Tschaikowskis Manfred-Sinfonie. Ob es daran liegt, daß es heute schon so spät ist? Ich kann mich an nichts erinnern. Ah, jetzt weiß ich wieder: Es war das erste mal, daß ich während einer Musik in dieser Runde weggenickt bin. Ich schiebe es aber nicht auf Tschaikowski. Auch nicht auf Nietzsche, von welchem wir ein Chorwerk zum Abschluß genossen. Es ist einfach so… wir werden älter.

Gute Nacht.

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Ein Gedanke zu “Wittumspalais . Homer . Schumanns und Tschaikowskis „Manfred“ . Nietzsches Musik

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