Neuerscheinung . Hörbuch: Oswald Spengler – Der Mensch und die Technik

Die Ankündigung dieses Hörbuchs liegt nun wahrlich fern genug, um sagen zu dürfen: Endlich! – Ich hatte doch mehr als erwartet mit Krankheit, dem Menschlichen, und der Technik zu kämpfen bis das Ergebnis stand. Nun durfte ich die Arbeit zufrieden abschließen.

Ich wählte dieses kurze Buch – es sind gerade 88 Seiten, welche zudem in einer Kinderbuchschriftgröße gedruckt wurden – ursprünglich tatsächlich deshalb, weil es kurz war und freilich, weil sein Autor Oswald Spengler heißt. Und doch habe ich mir, nachdem ich das Buch zehn Jahre lang nicht angerührt hatte, jenes Werk so von Grund auf neu erschlossen, daß es mir eine Freude ganz besonderer Art war – nicht nur es erneut viele Male zu lesen, sondern mich auch des nun beiliegenden Kommentars anzunehmen, also zur stimmlichen die geistige Interpretation vorzulegen.

Und damit sind wir beim Kern des Anliegens dieser Arbeit. Es handelt sich freilich bei jedem philosophischen Werk zunächst einmal um den Text. Daran ist kein Zweifel. Und doch – wären die Beispiele absurd gelesener Philosophie nicht zahlreich, ich würde davon nie erfahren haben – scheint es wohl wesentlich zu sein, dem Text eine Stimme zu geben. Ich mag nicht ausdenken, wie viel verkehrt oder vielmehr unbekümmert gelesen wird, was doch wesentlich ist und keine bloße Kunstprosa genannt werden darf. Das will bei Kant nichts bedeuten, seit Schopenhauer jedoch wird es zum immer bedeutenderen Element der philosophischen Sprache, und selbst Hegel hat davon vereinzelt einen Vorgeschmack gegeben.

All diese Philosophien wollen nicht gedruckt, sondern intoniert sein. Nun intoniert jeder für sich freilich – auch im stillen Lesen – den Text, sobald er die Worte mit den Augen überstreift. Aber doch ist es ein idealtypisches Lesen, ein Lesen, das etwa – nämlich als erstes Lesen eines Textes – selbst bei falscher innerlicher Betonung doch den Satz nicht neu beginnt, sondern, indem man fortliest, der innerlich falsch vorgenommene Betonungsbogen des bisherigen Satzes imaginierend für die letzten Momente korrigiert wird.

Und im Falle jenes doch gegenüber auch dem philosophischen Satzbau wunderlichen Stils gerade Spenglers sind dergleichen Exempel selbst für Kenner nicht selten. Der Rhythmus des Spenglerschen Stils ist eine Kunstform für sich. Es hat, wie ich meine, mehr als die bloße Korrektur, die Idealisierung des leisen Intonierens beim privaten Lesen im Nachhinein verdient. Es fordert das lyrische Aufsagen. Nicht nur der Untergang des Abendlandes ist ein 1200seitiges Gedicht. Der Mensch und die Technik ist ebenfalls eines, ein dezidiert kürzeres.

Was habe ich von sogenannten Spenglerianern Abwertendes darüber vernehmen müssen! Es ist kein schnell hingeworfenes Buch, rasch verfaßt, im Wissen um die letzten Lebensjahre, die Frühgeschichte des Menschen, die Urfragen, nicht mehr vollenden zu können. Dieses kurze Büchlein ist ein „echter Spengler“. Auch ist es nicht, wie ich nun mehrfach sagen hörte, ein Konzentrat des zweiten Teils des UdA. — Ja, das letzte Kapitel, freilich. Aber das dürfen wir getrost als die für Spengler typischen Abschlußgedanken des Verfalls in der Zivilisation ansehen. Von der Idee des Raubtiers Mensch – so kontrovers sie scheinen mag –, die großartige Beobachtung von der Sehweise von Pflanzenfressern und Raubtieren, die Darstellung von der Bedeutung der Hand (und des damit eng verbundenen Werkzeugs), bis hin zu jenem ungeheuer wesentlichen Element menschlichen Wirkens: des „Tuns zu mehreren“, haben wir es durchgängig mit ganz neuen Ideen zu tun, nicht nur neuen Ideen Spenglers, sondern neuen Ideen überhaupt.

Und schließlich führt die großartige Verbindung jenes „Tuns zu mehreren“ mit dem Phänomen des fließenden Sprechens – und es ist das Merkmals der ganzen Schrift, daß hier alle Beobachtungen auf das Engste zusammenhängen – scheinbar ganz nebenbei und gewissermaßen ausversehen zur Beantwortung der alten philosophischen Frage nach der Entstehung der Sprache. Wie lächerlich, schulkammermäßig und einfältig erscheinen Herders und Grimms Erörterungen zur Entstehung der Sprache gegen diese realistische, historische, einleuchtende und praktisch sinnvolle, also „zweckmäßige“ Erklärung Spenglers. Allein das ist ein philosophischer Paukenschlag, dessen Wirkung nur deshalb ausblieb, weil man das Interesse an dieser Frage schon hundert Jahre zuvor verloren hatte, ohne sie annähernd gelöst zu haben.

Aber nicht nur in rein philosophischer Hinsicht ist dieses Werk von höchster Bedeutung, sondern eben auch aus anthropologischer Sicht. So bestätigt etwa Erwin Payr am 12.9.1931 aus Leipzig brieflich: „Ganz besonders gefesselt haben mich Ihre Ausführungen über die Rolle der menschlichen Hand. […] Es wird Sie vielleicht befriedigen, daß ein gut durchgebildeter Naturforscher – ich bin glücklicherweise nicht nur Chirurg und Arzt – zu derselben Auffassung gekommen ist, wie Sie als Philosoph, Kulturhistoriker, Menschheitsforscher, um nur einen bescheidenen Bezeichnungsversuch des Hauptinhalts Ihrer Gedankenkreise zu machen.“

Natürlich schreibt Gott und alle Welt mehr oder weniger lehrmeisterlich an Spengler, daß man „Optimismus ist Feigheit“ und was dergleichen großartige, aber eben apodiktische Schlagsätze mehr sind nicht so stehenlassen könne – und freilich immer wieder, daß das Raubtierelement nicht das einzige am Menschen sei, das ihn zu dem mache, was er Großes in der Welt geworden sei.

Ja, freilich fließt Spengler nicht der Satz aus der Feder: „Aber diese erste Einschätzung war zu scharf formuliert. Wir müssen differenzieren!“ Wer solches erwartet oder, daß daher das Apodiktische in seinen Werken überhaupt ausfallen solle, bezeugt damit bloß sein Unverständnis vom Stile – Schreibstil und Denkstil – Spenglers. Denn unmittelbar nach der Gattungszuordnung „Raubtier“, wird die Frage nach dem Menschen von demselben Spengler nach jenem messianischen Gewaltgedanken denkerisch fortschreitend und ganz subtil umgestellt: „Seit wann gibt es diesen Typus des erfinderischen Raubtiers? Das ist gleichbedeutend mit der Frage: Seit wann gibt es den Menschen?“ Und von der Tätigkeit des Erfindens her gedacht, ist der Mensch nun wahrlich ohne Zweifel ein Raubtier: die Natur rücksichtslos auszubeuten.

Und wer daran die Relativierung des „Denn der Mensch ist ein Raubtier“ noch nicht begriffen hat, der sollte doch spätestens mit dem Gedanken des „Tuns zu mehreren“ die Fortsetzung des Spiels endgültig vernommen haben? Denn hier ist freilich durch die Hintertür das Erratische der Raubtiernatur des Menschen – wie man nicht übersehen darf – bereits wieder im Sinne des vollkommen sozialen Wesens eingeholt. Und zwar zusammen mit dem Gedanken vom „Verlust der alten Raubtierfreiheit“. Man halte sich also zurück mit jenen flachen Urteilen von dem angeblich so dogmatischen Charakter des Werkes und Spenglers überhaupt. Spengler muß – zumal von allen durch Begriffe leicht zu Kurzschlußgedanken neigenden Menschen – wohlwollend gelesen werden. Vorausgesetzt freilich, man will ihn verstehen.

Und das ist vielleicht das Großartigste nicht nur, aber vor allem an diesem Büchlein, überhaupt aber am Geist Spenglers: Rasse bedeutet nicht Rasse, Untermensch bedeutet nicht Untermensch, Raubtier bedeutet nicht Raubtier. Spengler provoziert mit monolithischen Begriffen, stachelt an – und nur die Flachheit von politisch Indoktrinierten hält es für das, was es scheint. Was es tatsächlich ist, das entscheidet immer noch der Kontext, der philosophische Gedankengang. Und so hat er auch bei diesem Werk wieder „die Erfahrung gemacht, daß die meisten Leser nicht imstande sind, den Überblick über die ganze Gedankenmasse zu behalten“. Dabei hatte er sich doch entgegenkommend so kurz gefaßt! Aber was heißt schon Kürze, wenn die philosophischen Backpfeifen wie aus Maschinengewehren rasseln.

Die Kölnische Zeitung schreibt zum Erscheinen des Buches 1931/2:

„In einem schmalen Bande ein ungeheures Schicksal… Ein echter Spengler. Erschütternd in den Hauptsachen, angreifbar in den Einzelheiten, ungeheuer anregend auch da – oder gerade da! – wo er am meisten zum Widerspruch reizt…“

Daher muß er gelesen, vor allem aber verstanden werden, dieser echte Spengler. — Wenn ich zu diesem Verständnis mit meiner Lesung beitragen kann – auch die absurde Idee verfolgend, Spengler wieder in die Wohnzimmer zu bringen –, dann ist das gute Werk für heute getan.

Das ganze Hörbuch kann hier erworben werden:

 

*

Advertisements

Ein Gedanke zu “Neuerscheinung . Hörbuch: Oswald Spengler – Der Mensch und die Technik

  1. Pingback: IQ-Vergleich zwischen Europäern, Asiaten und Aschkenasim-Juden . Auswirkungen durch Einwanderung und Sample-Wahl – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.