Soirée russe . 08 Dez 2016 . Teil 2 . Musikalische Schönheit

Man könne das etwa mit der philosophischen Erfahrung vergleichen. So lese man Platons Dialoge zunächst als reine Überzeugungsgespräche, finde das auch recht unterhaltsam und halte es für witzige Redekunst. Nach einigen Kaskaden scheinbar logischer Ableitungen aber gehe einem das Licht auf, daß der Kerl eigentlich Schindluder treibe und dem Anderen Begriffsdefinitionen aufdrücke, die ganz aus der Luft gegriffen seien, daß also die logischen Ketten gar nicht wahr seien, sondern nur durch Unterstellung gewisser, meist sehr scharfer und enger Definitionen möglich würden. Dann gebe es aber auch noch Detailerweiterungen innerhalb schon verstandener Schriften, wie die Auffassung des Monarchen in der Hegelschen Rechtphilosophie, die manchem sogar nie aufgehe. Oder nähmen wir Spengler. Es gebe offensichtliche Schönheiten, wie jene großkalibrigen Bonmots – etwa: „Optimismus ist Feigheit“ – und andererseits tieferliegende philosophische Gedankengänge, die sich womöglich erst nach der Lektüre weiterer Schriften und einigen Nachdenkens ergäben.

Der Erstleser vernehme hauptsächlich diese Blüten und sei derart begeistert, daß er sich um den Rest kaum kümmere. Auch sei das für seine intellektuelle Unterhaltung vollauf ausreichend. Es fülle ihn – wenigstens für den Moment – völlig aus. Das könne ich selbst als bloßer Hörer aus Interesse von fast jeder Musik sagen. So etwa von der Meistersinger-Ouvertüre. Die heute für mich großartigsten Stellen seien mir freilich beim ersten Hören nicht aufgefallen. Ich hätte das Meistersinger-Vorspiel zu Beginn sogar für ziemlich plump und naiv gehalten. Florian meint, das sei ihm – nebenbei bemerkt – ebenso ergangen. 

Indem man aber so in die Tiefen eines Werkes und von Werken überhaupt eindringe, eiche man sich zunehmend auf die feineren, rein intellektuelle Genüsse. Diese intellektuelle Seite, die letztlich allein auf jenes „ich hab’s auch bemerkt“ hinauslaufe und immer kleinere Anteile von reinem Empfinden von Schönheit beinhalte, zugleich aber das ursprünglich als rein gefühlsmäßig schön Empfundene aus Überdruß abwerte, führe letztlich zu einer Relativierung des ästhetischen Ranges. Das sei es, was mir wirklich an dieser Haltung widerstrebe.

So wie der Kulturrelativismus sage: „Alle Kulturen sind irgendwie gut“ so mache die Haltung, das sei schön und jenes auch und dieses eigentlich ebenso – die ich in der ganzen Runde wahrnähme –, keinen Unterschied mehr zwischen verschiedenen Stufen von Schönheit. Das sei im Grunde die Aufhebung des Genialen, die Einebnung der Masse. — Und als ich dies schreibe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen, daß also aus einer Haltung der Abwehr gegenüber dem Gemeinsinn der Masse, also durch abgehobene Intellektualität gerade das Gegenteil entsteht: nämlich die Gleichmacherei eben dieser Masse: „Es gibt so viel schöne Musik!“— Zyklik ahoi!

Es sei bezeichnend, wenn in unserer Runde immer wieder Äußerungen fielen wie: Man könne den Einen nicht über den Anderen stellen. Das möge für Tschaikowski und Borodin hingehen. Für Bruckner und Rimski natürlich nicht, wie für Wagner und Mahler ebenfalls. Das sähen im Grunde auch alle Anti-Wagnerianer so. Aber Wagner und Goethe, jene Ausnahmeathleten des Geistes und des Schönen, weckten eben durch ihre Größe Mißmuth, Wagner zusätzlich politisch. Jeder wisse, daß Wagners Musik Genial sei. Nur Mancher verbiete sich dieses Gefühl, so wie Mancher die 40. Mozarts für minderwertig halte, schon allein, weil jeder sie kenne. Es habe aber gerade seinen tiefliegenden Grund, daß dieses Werk so ungeheure Bekanntheit errungen habe: nämlich seine unmittelbare Schönheit und Genialität.

Und wer diese Unterscheidung nicht mache, nicht wage, der sei im Grunde ein musikalischer Kommunist vorm Herrn. Da gerade die Musik – und jede Kunst – in ihren Höhen (sic!) und Stilprägungen so ganz vom Genie lebe, bedeute der Kommunismus der Musik die Abschaffung der Musik (und eben jeder Kunst) überhaupt.

Weil immer das Neuentdeckte ohnehin die Sinne mehr reize, komme man schließlich dazu, die Feinheiten höher zu schätzen als die offenbare Schönheit, die rein empfindungsgemäß sei. Mein Gefühl sage mir, daß diese intellektuelle Seite bei ihm, Florian, ausgesprochen stark sei – grundsätzlich zugleich nicht zu bevorzugen oder zu verachten. Aber man müsse sich dieser Tatsache bewußt sein. Und mir scheine, es könne leicht dazu kommen, daß man aus dieser intellektuellen Haltung heraus nicht nur das einfache Empfinden der naiven Hörer abwerte – obgleich man es selbst einst durchlaufen habe und im Grunde noch immer fühle –, sondern um die eigene und natürlich seltene intellektuelle Anschauung mit ganzer Kraft zu vertreten, letztlich die Argumentation der Gleichwertigkeit durch diese Feinstästhetik ein Phänomen der Überkompensation darstelle, die letztlich in einen Glaubenskrieg ausarte. So wie man der gegnerischen politischen Seite auch bei gut begründeten Anschauungen nicht recht gebe – aus Prinzip – so erkläre man die eigene noch vorhandene Empfindung für das einfache Schöne als unrechtmäßig, primitiv und verachtungswürdig „gegenüber der wahren Kultur“ (MuT S. 3).

Das hänge tief mit der Kierkegaardschen Frage zusammen, ob man zu den grimmigen oder frohen Konservativen gehöre: also ohne Unterlaß die fehlende Reaktion beklage oder sich einfach seine Welt so reaktionär einrichte, daß man sich wohl befinde. Ich sei der vollen Überzeugung, daß die zweite, auch von Kierkegaard beworbene Haltung nicht nur das eigene Wohlbefinden steigere. Vor allem sei es wie in der Erziehung. Nicht das Wort, wie es sein solle, erziehe, schule und bilde, sondern die Tat, das Vorleben – ohne deshalb irgendetwas zu Verleugnen, was auch an Modernem durchaus zu bejahen sei.

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