Soirée russe . 08 Dez 2016 . Teil 1 . Klavierkonzerte Rimskis, Rubinsteins und Liszts . Musikalische Schönheit

Die Begeisterung über Rimskis und Rubinstiens viertes Klavierkonzert halten sich in Grenzen. Man spaßt viel nebenbei. Was zunächst bei Liszt gekonnter wirke, sage ich schließlich, stelle sich allerdings als bloßes Geschick zum Instrumentieren und Floskelarbeit aus dem Lisztschen Kompositionskatalog heraus, sodaß ich mein anfänglich erlösend gutes Urteil über diesen Abschluß mittelmäßiger Arbeiten schließlich revidierte. So erwarte man den Klang der Arbeit eines Lisztschülers. Da helfe auch das durchaus gelungene, aber weit zu kurze Galopp-Motiv nicht heraus, wie ebenso jenes abgehackte, sonst nur Pausen weit größerer Motive füllende Verbindungsmotiv, das hier mutterseelenallein stehe. Auch das ungarisch anmutende Hauptmotiv, das niemanden mitreiße, mache nichts gut (das nur eine banale Fortsetzung des Galopps darstelle). Wir hätten heute nichts von Wert gehört. Eine vernünftige Idee hätte keiner der Komponisten gehabt.

Nachdem die halbe Gesellschaft gegangen ist, führe ich mit Florian das Gespräch zu den aus meiner Warte nicht vorhandenen melodischen und strukturellen Ideen der gehörten Werke fort. Wir kommen dabei schnell auf die bekannte Auseinandersetzung, was ein wertvolles Motiv sei. Heute aber fahre ich den vollen Endspurt, indem ich mich erdreiste mich ganz auf den unsachlichsten, unlogischsten, am wenigsten greifbaren Begriff zurückziehe, den man in dieser Diskussion wählen kann: Das Ästhetische. Das Schöne. Das Herrliche. Die Qualität.

Nun gleite ich schon ab. Es ging mir ausschließlich um die Schönheit. Ich müsse auf ein altes argumentum zurückkommen, das zunächst ohne die genaue Definition des Begriffs oder der Auffassung von Schönheit auskomme, nämlich der Forderung nach Differenzierung. Was ich ihm, Florian, vorwürfe, sei die unterschiedslose Bewertung von „schöner Musik“. So sei die 40. Mozarts – so allgemein bekannt und Sonntagskonzert-tauglich sie auch sei – oder die 5. Beethovens eben einfach nicht gleichzusetzen mit der 6. oder  17.

Florian führt aus, daß er Simpson, den Beginn der 9. usw.  durchaus als gleichwertig und tief aufwühlend empfinde. Allein, daß er das so fühle, widerlege meine Behauptung. Ich sage, das stelle sich für meine Argumentation tatsächlich immer wieder als problematisch heraus. Jedoch sei ich der Überzeugung, daß er dafür einen denkbar schlechten Zeiger darstelle. Mit ihm und jedem Musikkenner stelle sich nämlich der Zustand ein, daß die Phänomene unmittelbaren Schönheitsempfindens lange zurücklägen. Ein Musikkenner habe diese Empfindungen 1. Ordnung gewissermaßen alle hinter sich. Und deshalb langweilten ihn diese. Das zeige sich selbst bei Laien wie mir, etwa darin, daß ich Wagner nicht mehr vom Band hörte, weil er mir nach jahrelangem Hören schlicht auf den Senkel gehe und ich mir diese altbekannte Schönheit für das Theater aufhöbe.

Man könne nicht allen Ernstes behaupten, daß der Beginn der 9. Beethovens an den der 5. heranreiche. Florian verneint entschieden. Es beginne gemächlicher, aber schließlich entwickle es sich zu jener großen Stelle. Ich sage, allein schon diese Abstufung, für die ich dankbar sei, zeige den kolossalen Unterschied. Die 5. sei als Sinfonie – und zwar durchgängig – ein Meisterwerk ohne Schwächen. Keine einzige Stelle sei nur zu einer bloßen Hinführung da, von der man sagen müsse: Moment, die herrliche Stelle kommt gleich, warte noch einen Moment, gedulde dich! – Nein, nein, zu warten, sich zu gedulden, sei bereits ein höchst intellektueller Vorgang. Kinder seien ungeduldig, der Buschmann sei es. Nur hochzivilisierte Kulturmenschen seien fähig für gewisse Zeit zurückzustehen um später einen Genuß zu erlangen, der sonst unerreichbar sei, zu sparen, statt alles sofort zu verlangen. Da gebe es nichts zu verurteilen, in keiner Richtung, aber die Differenz und vor allem die Würdigung der unmittelbaren Schönheit dürfe nicht darunter leiden.

Ähnliches gelte vom Meistersinger-Vorspiel. Dieses sei durchgängig brillant, durchgängige Schönheit. Dort sei kein Abstrich zu machen, an keiner Stelle. Jede Stelle sei für sich notwendig. Nicht, weil eine andere folge, weil es sich entwickle, sondern die Entwicklung selbst sei genial – selbst ohne den Höhepunkt. Wenn man etwa in der Lohengrin-Ouvertüre jene eine Stelle als ein kleines Löchlein in der Genialität betrachten wolle, so gehe diese eine Harmonie mit gleicher Berechtigung, ja wohl größerer, als kurzes Innehalten, Einen-Schritt-Zurücktretens, Luftholens durch, bevor der finale Anstieg sich in Bewegung setze. Sonst gebe es hier keinen Moment des Wartens. – Zwar sei andererseits keine Frage, daß das Lohengrin-Vorspiel auf einen fulminanten Höhepunkt zuarbeite, jedoch erklinge bereits mit dem Anheben der spärlichen, aber ungeheur hohen Streicher zu Beginn – wenngleich das hauptsächlich eine instrumentatorische Genialität sei – eine ganz eigene Welt, die den Höhepunkt gar nicht fordere.

Das seien unmittelbare Schönheiten. Das Schöne sei in erster Hinsicht dieses unmittelbar Schöne. Und daß es erster Ordnung sei, ergebe sich bereits daraus, daß es einer größeren Zahl Menschen – ohne jede Vorbildung (musikalischer Art) – zugänglich sei, also gewissermaßen axiomatischen Charakter habe.

Nachdem wir eine Weile aneinander vorbeireden, um welche Steigerung im Kopfsatz der Neunten es gehe, deren Abschluß Florian gewürdigt sehen will, bitte ich ihn die Musik einmal aufzulegen. Dabei eröffnet sich neben dem Mißverständnis, daß ich eine mehrminütige erwartete, Florian jedoch die erste halbe Minute meinte, ein ganz gleichartiges Phänomen an der nun genau bezeichneten Stelle, nämlich des ersten Motivs der 9. Sinfonie. Denn nicht das durchaus einprägsame und gewaltige Motiv – aber längst nicht die Prägnanz und Leichtigkeit der 5. erreichend –, sei ihm entscheidend, sondern der harmonisch nicht einmal avanciertere Abgang, also das notwendige Schließen den Motivs.

Ich sage, das sei nun mehr als eindeutig erst die Erfahrung des zweiten Hörens. Es könne kein Zweifel sein, daß zunächst als effektvolle Stelle das Motiv selbst gelte. Die – im übrigen nicht gerade besonders gut gelungene – Fortführung Beethovens sei ein Abklingen der Erregung des Motivs, auch wenn das ff fortgeführt werde. Es handle sich hier nicht um eine Verstärkung, sondern um das Ausklingen des melodischen Spannungszustands, der nicht einmal durch harmonisch größeren Witz aufgefangen werde und schließlich ja ganz ins Schweigen führe.

Werbeanzeigen

10 Gedanken zu “Soirée russe . 08 Dez 2016 . Teil 1 . Klavierkonzerte Rimskis, Rubinsteins und Liszts . Musikalische Schönheit

  1. Anonym

    Gesetzt, dieses Gedankenspiel hat überhaupt Wert – ich wage es zu bezweifeln -, würden Sie sogar soweit gehen, dem spätingenen Ägypter vergleichbares ästhetisches Empfinden zuzubilligen? Dass er ähnlich unmittelbare Erfahrungen des Schönen zu unsrer schönsten Musik machen würde? Systematisch finde ich diese Frage interessant, da jedes Wider auch die Bedingtheit unserer eigenen sogenannten unmittelbaren ästhetischen Genüße aufdecken würde.

    Weiterhin müssten Sie die Überzeugung begründen, dass Ihre Darlegungen nicht selbst schon zweiter Ordnung seien. Schließlich erklären Sie sich vor dem Musikkenner aus dem hypothetischen Standpunkte eines unmittelbar Fühlenden und vermeinen aus diesem retrospektiven Gerichtetsein teilzuhaben an dem, was auch für Sie erfahrungsgemäß zurückliegt.

    Zumindest scheint dies behauptete Vermögen Ihr Argument zu sein, nicht mit den gleichstellenden Erlebnissen des Musikkenners übereinstimmen, vielmehr widersprechen zu müssen. Aber wenn schon vom unmittelbar Schönen gesprochen wird, so könnte man auch etwas viel profaneres danebenstellen: Differenzen des Geschmacks. Der Geschmack ist ebenso unlogisch und unsachlich. Aber er ist wahrscheinlicher. Auch wahrscheinlicher einmal logisch und sachlich fundiert zu werden.

    Ihr Leser

    Liken

  2. Nun dem Ägypter – das ist wirklich schwer zu sagen. Wir haben so gar keine Ahnung, wie deren Musik klingen mochte. Aber den mittelalterlichen Menschen: Ja.

    Natürlich sind sie zweiter Ordnung. Aber das Argument des totalen Relativismus, daß also niemand aus seiner Haut könne, dieser Übersubjektivismus, der mittlerweile weite Bahnen zieht, ist doch absurd. Wir können uns erinnern. Das scheidet uns vom Tier. Und wir können unsere Gefühle analysieren. Daß die Herrn Philosophieprofessoren und Historiker, die glauben, alles sei subjektiv, zu dergleichen unfähig sind, will ich hingegen keineswegs abstreiten.

    Aber zu Sache: Die bloße Tatsache, daß wir die Dinge auch intellektuell anschauen sagt ja bereits, daß wir im Reflexionsmodus sind. Also können wir uns desselben auch bewußt werden. Aber nicht jeder ist es. Zweitens aber sagte ich ja (oder es kommt im zweiten Teil, das weiß ich gerade nicht – warten Sie also bitte auf morgen), daß das Gefühl nicht einfach weggeblasen ist, sondern: Es wird durch Intellektualität unterdrückt. Sie sehen, das ist bereits ein gewollter Akt. Allerdings einer, der dem Agierenden selbst nicht unbedingt bewußt ist. Es geht also wie immer um den Grad der Reflexion des eigenen Denkens, Handelns, Fühlens, nicht um das einnehmen von unmöglichen Positionen. Subjektivität kann immer durch Betrachtung seiner selbst zur Objektivität hin gedreht werden. Wie weitgehend ist eine andere Frage.

    Ich stimme durchaus mit diesen intellektuellen Anschauungen überein. Ich hoffe, es ist klar geworden, daß ich dergleichen um Himmels willen nicht abwerte. Nur mache ich auf den anderen, verlorengegangenen Aspekt aufmerksam. Ich widerspreche aber mit ganzer Entschiedenheit der Ausblendung der unmittelbar gefühlten Schönheit, welche immer den ersten und damit offenbar ergreifenderen Eindruck macht. Daß Hanno in den Buddenbrooks an einem völlig belanglosen Motivbrocken in höchste Entzückung geraten kann – die intellektuelle Ereiferung in persona – setzt all die ursprüngliche Erregung des einfach Schönen in der Musik voraus und ging dem voraus, hatte mithin, da ohne Schulung mindestens gleich wirksam, die höhere Kraftentfaltung. Andersherum hingegen ist es unmöglich. Ein Laie kann mit Hanno nicht in Entzückung geraten. Hanno mit der 5. Beethovens durchaus. Es handelt sich gewissermaßen um die Übertragung desselben Gefühls auf feinere Auslöser. Interessanterweise ist damit die Droge Musik, die einen erregt, mit immer feineren Dosen verbunden. Und das gilt selbstverständlich für die Kunst überhaupt.

    Es fällt mir übrigens ein, was ich zu erwähnen vergaß und bereits in diesen ersten Teil gehrt hätte: Nämlich, daß ich nicht leugne, daß es verschiedene Dispositionen der Wahrnehmung und Erfahrung unter den Menschen gebe. Mein Beispiel an jenem Abend war, daß auf einem nächtlichen Stadtspaziergang, bei welchem in der Ferne eine blendende Lichtquelle sichtbar werde, es freilich Menschen gebe, die von der Art seien mit hell aufgerissenen Augen in das Licht zu starren und sich des intensiven Eindrucks nicht erwehren könnten (das Tierische, wie das Reh vorm Lichtkegel des Automobils) und daß es andererseits Menschen gebe, die in einem solchen Falle mit der Hand die Strahlen abblendeten und daneben ins Dunkle schauten, um auszumachen, woher es komme, welche Apparatur dort stehe. Und das Bild ist nicht schlecht gewählt, wie ich meine, um die investigative Natur des Intellektuellen und die Blendung des Gefühlsmenschen zu beschreiben.

    Liken

  3. Nichtsdestoweniger: Wenn der Abblendende sagt, ja, das Licht strahlt wirklich schön, das mag ich auch, aber ich schaue überdies hinaus ins Dunkel, weil ich den Eindruck des Blendens kenne, er mich bereits langweilt, dann handelt es sich eben nicht so sehr um zwei sich nicht überschneidende Konstitutionstypen, sondern vor allem um erlernte Intellektualität.

    Freilich mit „Geschmack“ können Sie alles abtun. Aber entweder bedeutet das, eine Antwort auf die Frage der Qualität ist unmöglich weil jeder seinen individuellen Geschmack hat – was die Verkaufszahlen gewisser Komponisten ad absurdum führen – oder sie unterscheiden guten und schlechten Geschmack, dann sind Sie aber an derselben Stelle, die auch die Frage nach der Schönheit bedeutet. Und Schönheit ist eben (wie Geschmack auch, weil er sich an der Schönheit orientiert) ganz und gar nicht unsachlich. Außer Sie beschränken Sachlichkeit auf die Angabe der Konstruktionsmethode des Schönen. Daß diese anzugeben aber unmöglich ist, darf man als trivial bezeichnen.

    Liken

  4. Anonym

    Musicus:

    Diese Diskussion wirft mir die Frage auf, wer eigentlich als Laie, wer als Kenner zu betrachten sei. Ab welchem Kenntnisstand kann man davon sprechen, daß einer kein Laie mehr ist?

    Ich übergebe das Wort an das heutige Geburtstagskind, an dem unser letztes Gespräch sich entzündete:

    Was ist an dieser Symphonie schön, was nicht?

    Liken

  5. Hochwohlgeborener, hochgeehrtester Herr,

    Ihr habt gar ein wunderlich Werk zur Prüfung vorgeleget, das unsere Ohren nicht wenig rathen ließ!

    Wohl soll's eine Symphonie vorstellen. Doch ungewöhnlich genug mußtet Ihr's mit einem zweiten Satz beginnen lassen? Ihr habet freiliche eine allerliebste Meldodei vorangestellt, doch hättet Ihr dabei sollen bleiben.

    Noch wunderlicher, daß auch bis zum Schluß dieser Kopfsatz postherrlich von Euch nicht nachgesendet. Habt Ihr an ein Scherzo gedacht? Wir haben keins vernommen.

    Gleichwohl wollen wir Euer Wohlgeboren dero Schein zur Teilnahme an unserem kleinen Kompositionslektorium nicht verwehren, sofern Ihr Euch doch redlich bemüht und wohl mit einer lustigen Weise habt begonnen.

    Allenthalben hegen wir daher keinen Zweifel, Euer Hochwohlgeboren möge dereinst mit etwas mehr Fleiß und Hingabe an die causa noch zu einem redlichen Musiker gedeihen.

    Die ehrwürdige Prüfungs-Commissio

    Liken

  6. Ich gebe Ihnen im Grunde recht. Der Vergleich mit dem geblendeten Tiere hinkt allerdings an mehreren Stellen. Erstens ist dies Gefesseltsein unabhängig vom guten oder schlechten Geschmack. Denke Sie an den Schaulustigen bei einer sehr hässligen Unfallszene. Allein dieser Umstand durchzieht Ihren Begriff des „unmittelbar Schönen“ bereits mit fremdlichen Zügen, die eher noch etwas von „unmittelbarer Überwältigung“ über hätten. Unmittelbares Kunstverständnis wird man doch in der Regel nicht finden. Folglich ist jenes Verklärungsgefühl des Schönen bereits etwas gewolltes, gekonntes,verstandenes. Beispielsweise wird ein Wilder keinen Unterschied der Überwältigung ausmachen zwischen Kammerton eines großen Orchesters und dem eigentlichen Stück.

    Wieviel gehört also bereits dazu Beethoven als Beethoven zu schmecken? Die verwendeten Kunstmittel verstehen können und dazu noch die vermittelnde Kultursprache beherrschen, Teil ihrer sein. Ich möchte den Begriff des Schönen nicht entbehren! Allein, er ist nimmer unmittelbar.

    Sie sagen es! Und alle Erfordernisse am Kulturmenschen selbst, dem Zivilisirten, es überhaupt jene lange Zeit auszuhalten sich auf diesen einen Sinn, dem Hören, zu konzentrieren! Die Muskelzuckungen ignorieren, den mimischen Ausdrucke sich untersagen und anstelle die verzeichnende Kontemplation des Hörens, des Gut-Hörens. Das gehört alles noch mit zum Verstehen des mittelbar Schönen.

    Daher haben Sie selbstverständlich völlig Recht hinsichtlich der Kanalisierung und Umlenkung der Reize in feinere Bahnen, feineren Dosierungen. Bloß ist der Mensch dabei kein bloßes Gefäß, welches, so geblendet mit einer bestimmten planmäßigen Mächtigkeit und Organisation des Reizes, diese einfach aufnimmt. Der Empfänger muss erst die Sprache des Senders beherrschen. Ob man nun diesen ganzen Kulturuntergrund wegdenken und hinterher vom „unmittelbar Schönen“ sprechen möchte: diese Entscheidung überlasse ich Ihnen. Sie selbst haben allerdings in einer der anderen Diskussion gerade diese Auffassung des 19. Jahrhunderts unhaltbar empfunden.

    Anbei, vielleicht muss man selbst als Deutscher, das heißt als Mittler, Vermittler und Alleskenner, noch von sich selbst absehen, um eine gewisse Skepsis und Relativität des Geschmacks, wie sie allen eindeutigeren Kulturen Europas eigen ist, wahrhaben zu wollen. Das war übrigens auch eine lustige Passage in jedem Aufsatz Busonis. Das Attribut „musikalisch sein“ kennt man nur aus dem deutschen Kultur- und Sprachrraum. Es hat etwas, wie Busoni meint, von intellektueller Kenntnis der Bauart von Musik, ihrer Konstruktion. Vielleicht ist dieser Umstand der Deutschen Seele der stärkste Einwand zu aller Unmittelbarkeit des Geschmacks.

    Liken

  7. Das Reh war in der Tat nur ein Klammergedanke. Aber es weist auf etwas anderes, das mir noch nicht geklärt scheint.

    Wenn Sie sagen: Das Gefesseltsein sei gerade unabhängig von gutem oder schlechtem Geschmack, so gebe ich Ihnen vollauf recht. Denn das war es doch, was ich sagen wollte: Man kann sich das „Schöne“ nicht aussuchen. Es gibt keinen schlechten Geschmack. In allen Menschen hinterläßt sich der gleiche Eindruck. Über Geschmack läßt sich gerade weil er immer gleich ist, nicht streiten. Was die Menschen Geschmack nennen, ist ihre Vorliebe nicht für das Schöne oder Unschöne, sondern für bestimmte Gefühlslagen.

    Denn richtig: Das unmittelbar Schöne ist gerade nicht nur das Liebliche oder Rosarote. Auch spritzendes Blut kann schön sein. Wagners Musik ist oft brutal. Wenn jemand dergleichen nicht mag, heißt das nicht, daß diese Musik jenes Gefühl des Gewaltigen bei ihm nicht auslöst. Im Gegenteil: Es wird ausgelöst, aber das Gefühl wird abgelehnt. Das mögen wir gern Geschmack nennen. Überwältigend, d.i. schön, ist die Musik dennoch. Wovon man überwältigt werden möchte, ist eine andere Frage.

    Daher sagte ich ja früher, eigentlich handle es sich um das Begeisternde (Sie erinnern sich). Und gern nenne ich es auch, wie Sie, unmittelbar Überwältigendes. Kunstverständnis hingegen will ich gerade nicht beschreiben. Kunstverständnis ist rein intellektuelle Reflexion.

    Und nebenbei: Selbstverständlich wird der Wilde einen Unterschied zwischen einem einzelnen Ton und einem Rhythmus – gerade er! – und auch Melodie ausmachen und zu schätzen wissen.

    Beethoven als Beethoven ist dem Intellektuellen vorbehalten, richtig. Aber das Klopfen des Schicksals kann jeder vernehmen. Dazu muß man die verwendeten Kunstmittel gerade nicht verstehen. Das Schöne hängt nicht davon ab, wie es hergestellt ist, sondern daß es schön ist. Nein, nein, so kriegen Sie mich nicht.

    Richtig, die Erfordernisse an den Kulturmenschen gehören dem mittelbaren Genuß an, dem intellektuell erfahrenen Schönen. Wenn ich mich schon zwingen muß sitzenzubleiben, dann gibt das Stück offenbar keine unmittelbare Wirkung her. Es kann nur noch intellektuell schön sein.

    Ich meine nicht, daß wir alle Kultur ausblenden können. Freilich reden wir von „uns“. Ich unterschiede vor allem zwischen dem musikalischen Intellektuellen und dem musikalischen Laien. Und der Laie definiert sich gerade durch die Tatsache, daß er als Empfänger von der Sprache des Senders nicht den leisesten Schimmer hat.

    Nun, Sie wissen ja, deutsch sein heißt, etwas um seiner selbst willen zu tun. Und derselbe Richard war ja jener, der selbst am liebsten nichts von der Theorie der Musik verstanden hätte, da ihm besser gefiel, alles ströme völlig a-intellektuell, dafür tief seelisch, träumend, göttlich aus ihm heraus.

    Liken

  8. Müsste nicht einst jemand ein Handbuch dieser unmittelbaren Kunstausdrücke verfassen? Ein psychosomatisches System in wohlbekannten Reiz-Reaktions-Schemata? Der axiomatische Charakter des allgemeinen Geschmacks böte zumindest die Leerstelle für solch eine Wissenschaft. Die Wissenschaft, den musikalischen Laien zu überzeugen – im Grunde bereits angelegt in allen populären Musikgenres. Eines haben wir aber völlig außer acht gelassen! Alle Überlieferung ist per se nicht mehr unmittelbar in ihrer Wirkung. Der Verfall und die mühsame Aufrechterhaltung der sinfonischen Musik verweist doch gerade darauf, dass der musikalische Laie dieses Genres bereits durchintellektualisiert bis in den tiefsten Grund seiner Seele sein muss, um ihr noch etwas wirkungsvolles abgewinnen zu können.

    Natürlich gibt es auch noch überwältigende Filmmusik – aber diese rein musikalisch zu genießen ist schon wieder mittelbar und niemand außer der Intellektuelle wird sie in seiner Freizeit abgetrennt von der Handlung hören wollen, geschweigedenn sich von ihr überwaltigen lassen. Ja, sie würde nicht einmal existieren ohne den Auftrag einer großen Filmsindustrie. Tut er es doch, so im Eingedenken des Bildmotivs, durch welches er es kennenlernte. Wohlmöglich weckt es ihm noch den Reiz zum abermaligen Schauen des zugehörigen Films. Stichwort Werbemusik, Jingle-Psychologie und diese ganze Technik der Überredung.

    Reden wir von „uns“, so reden wir doch auch von der Späte, vom Menschen, der alle möglichen Zustände seines Umkreises einmal kennengelernt hat, bestenfalls selbst erlebt hat, dessen Seele diese Saiten gestimmt hat (Empfänger) und welche umso rücksichtsloser in ein Reiz-Reaktions-Schema überführt werden dürfte. Hier und nur hier gebe ich Ihnen recht von Unmittelbarkeit zu sprechen – aber Unmittelbarkeit als a-historische Oberflächenerscheinung. Die Seelentiefe ist nicht axiomatisch gegeben, die Möglichkeit einer bestimmten Tiefe selbstverständlich schon.

    Die übergeordnete Frage an das Tier Mensch: Ein Reiz, der das Sitzfleisch überredet – ist der nicht per Definition bereits ein vergeistiger Reiz? Zwischen „uns“ als musikalische Laien und musikalischen Kennern liegt bloß ein gradueller Unterschied der Intellektualität. Jeder Sinnesreiz, der isoliert wirken möchte ist intellektual. Ich würde sogar meinen Einwurf der unmittelbaren Überwältigung revidieren. Der Pflanzenfresser mag sich überwältigen lassen, der späte Mensch mitunter auch. Ist das nicht auch jene Unterscheidung Spenglers zwischen Schicksal sein und Schicksal erleiden? Ein Schicksal als Genießender, konzentriert auf ein einziges Sinnesorgan, erleiden, das setzt eine bestimmte wehrlose Empfängnis voraus – eine zarte kulturelle Frucht. In Spenglerscher Terminologie wird das Raubtier drum kämpfen das Schicksal umzuwenden zu seinen Gunsten. Der Wilde mag aufschreien und springen und tanzen – damit aber ist die Wirkung wieder umgekehrt, der Reiz übernommen, verarbeitet und aktiv aus sich heraus ausgedrückt. Immer mit leiblicher Bewegung koordiniert. Müssten wir nicht dann und nur dann von Unmittelbarkeit sprechen, wenn sich der einzelne Sinnesreiz in alle verschiedenen Reize spontan und aktiv entladen ließe?

    Ich möchte diesen Vorschlag voranstellen und damit eine erste Annäherung auch an die Frage des Herrn Musicus anbieten, wo denn die Grenze zwischen Laien und Kenner zu setzen sei.

    Der axiomatische Charakter des Menschen ist also sich nicht passiv hinzugeben. Je künstlicher, je intellektueller, desto einfacher im Umkehrschluss die passive Hingabe mit geschulten analytischen Hintergrundprogrammen des angeregten intellektuellen Hörers.

    Liken

  9. Daß die sinfonische Musik so in das Spezialinteresse Einzelner verfällt, ist freilich ein starkes Zeichen ihrer Intellektualisierung. Ich wäre auch nie auf den Gedanken gekommen, ihr eine Art von Schönheit, von Begeisterungsfähigkeit zuzusprechen (was bei der Filmmusik schon wieder fraglich ist). Und das gilt im Grunde bereits seit über 100 Jahren, wenn man von den letzten Operetten des frühen 20. Jahrhunderts und einigen kürzeren Gassenhauern sinfonischer Musik einmal absieht.

    Selbstverständlich, wir reden von der Späte. Wir sind nicht in der Lage, uns in einen Barockmenschen hineinzufinden. Aber Sie scheinen mir eine zu scharfe Linie zwischen Späte und Kulturlosigkeit ziehen zu wollen. Dazwischen gibt es eine 1000jährige Bandbreite von Kulturempfindungen. Freilich ist schon der höfische Roman intellektuell. Und andererseits haben auch Wagner im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert „zum Vergnügen“ nur die Angehörigen des (höheren) Bürgertums genossen. Wir reden also immerzu nur von relativen Größen.

    Ist die Odyssee unmittelbar erregend? Nein, selbstverständlich nicht (das ist das Verführerische an der Musik, gleich alle Vorbildung ausschließen zu wollen, denn hörendes Verstehen scheint voraussetzungsloser als literarisches). Sie ist Literatur, und zwar ziemlich künstliche. Sie vermag tiefe Eindrücke zu wirken, Seelentiefe, wie Sie sagen. Und doch steht sie am Beginn einer literarischen Kultur. Ist sie nun aus ihrer künstlichen Sprache und Erzählungsstruktur heraus intellektuell oder ist sie frühe Sängerdichtung von unmittelbarer Erzählwirkung? Sehen Sie, das ist ein ewiger Streit. Aber diesen Grad, diese Reife an Kultur müssen wir natürlich voraussetzen, also ein Repertorium aus Sprache, Sozialität, Etikette, Hierarchie usw. ohne welche keine Literatur funktioniert, selbst das blödsinnigste barocke Lustspiel nicht.

    Für die Musik formuliert: Wenn Sie musikalisch keinen Spaß https://www.youtube.com/watch?v=wzaQixVGoQg machen, also Regeln und Erwartungshaltungen ad absurdum führen können, dann können Sie sie auch nicht erfüllen, schon gar nicht todernst werden, also Gefühlstiefe hervorrufen. Insofern ist jede Gefühlstiefe Intellektualität. Ich nehme an, daß Sie mit Ihren Einwänden ebendas meinten. Darin gebe ich Ihnen ohne Abstriche recht. Dieses Fundament müssen wir voraussetzen. Selbst der Neger, der zu einem Trommelspiel um’s Feuer springt ist im Vergleich zu einem völlig unmusikalischen Urmenschen ein Intellektueller. Sie sehen, wir haben es auf jeder Ebene mit sich weit auffächernden Relationen zu tun, über die wir nicht mit zweierlei Begriffen, wie „Unmittelbarkeit“ und „Intellektualität“ gebieten können. Sie waren von mir immer in Relation zu „uns“, also im Grunde „mir“, unserem gegenwärtigen Stand in der Gesellschaft, unserem Interesse an Musik, unserer musikalischen Laienbildung gemessen.

    Liken

  10. Ja, im Grunde erleiden wir ein Schicksal, wenn Wagner uns zum Lauschen zwingt. Daher wird jeder schöpferische Mensch – ob dazu in der Lage oder nicht – nach diesen Erlebnissen, Amboß zu sein, Hammer spielen wollen. Die gesamte Kultur ist die Verteilung der Reize, andere zu beeindrucken, noch mehr zu beeindrucken, als alle zuvor beeindruckt haben und wurden. Kultur ist ein riesiger Agon. Aber wie im attischen Stadion gibt es ungleich mehr Zuschauen als Wettkämpfer. Und außerhalb des Stadion gibt es Freizeitsportler. Ganz davon zu schweigen, daß der Agon freilich auch musische Künste umfaßte. Jeder hämmert nach seinem Geschick, jeder hält die Schläge nach dem Rang seiner Passivität aus.

    Und da machen Sie eine ausgesprochen interessante Bemerkung: Tiefe als auf alle Körperlichkeit ausufernder Reiz. Ja, exakt das ist der Punkt. Solang der Zuhörer noch sitzen kann, ist nichts, gar nichts passiert. Sobald das Publikum tobt, wenn der Pomp and Circumstance Marsch No. 1 https://www.youtube.com/watch?v=Vvgl_2JRIUs zum 4. Mal gespielt werden muß, wenn das Publikum tanzt und singt, mitdirigiert, dann haben wir es mit unmittelbarer Wirkung zu tun. Und genau das meine ich. Eine Musik, zu der man sich nicht bewegen will, die man nicht mitsingen will, erfüllt das Kriterium des Schönen schlicht nicht. Etwas zum 100sten Male in Ruhe genießen, gehört bereits einem Kennerstadium an.

    Daher ja auch das Wagnersche Gesamtkunstwerk. Es soll einerseits alle Sinne anregen, andererseits hat die Idee Wagners Anregung zur „Komposition“ aller Kunstformen gegeben, die er zusammen als Bühnenwerk ausführt.

    Wenn ich sagte: „Wer zum Sitzen gezwungen werden muß, hat keine unmittelbare Schönheit erfahren“ war in dem Sinne gedacht, daß er nicht vom Fortgehen gehindert werden müsse. Das Stillsitzen gewissermaßen aus Interesse an der Sache. Sobald er das Gehörte kennt, richtig, wird er sich dazu bewegen, dazu singen. Wenngleich das freilich immer noch passive Hingabe ist. Hammer wird der Beeindruckte erst, wenn er die Wirkung des Gehörten selbst schaffen, ja übertreffen will.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.