Bei Schillern . 08 Dez 2016 . Anna-Amalia-Bibliothek . Schiller-Haus . Goethe-Schiller-Archiv

Noch sind einige Weimarer Museum unbesucht und doch neigt sich das Jahr und damit meine aus Gründen der Inhaltsleere auf ein Jahr abgekürzte Mitgliedschaft in der Goethe-Gesellschaft dem Ende entgegen. Es gilt den freien Eintritt noch auszunutzen.

Also ab in den historischen Saal der Anna-Amalia-Bibliothek. Zunächst will man mich nicht hineinlassen. Die Besucherzahlen seien kontingentiert und für den heutigen Tag bereits alles ausgebucht. Eine Woche im Voraus könne man andererseits nicht buchen. Wenn man nicht morgens in der Stadt sei und reservieren könne, sehe es schlecht aus. Naja, dergleichen mag man mit dahergelaufenen Jogginghosen-Touristen veranstalten. Kurz: Der Wangenheim kriegt natürlich nach ein, zwei subtilen Fragen seine Karte.

Rokokosaal . Anna-Amalia-Bibliothek

Nötig freilich wär’s nicht gewesen. Ein ziemlich überflüssiges „Museum“. Ein winziger Ausstellungsraum mit ein paar atemberaubenden Elfenbeintürmchen und einem Globus-Uhrwerk aus dem 16. Jahrhundert und eben jener Rokokosaal. D.h. sofern man sich nicht in einem weiteren Raum ausführlich über die Brand-„Katastrophe“ von 2004 informieren will. Brand-„Katastrophe“ nennt man das. So wie der Untergang der Titanic eine Schiffskatastrophe war oder die Flüchtlingskrise zur Migranten-Katastrophe geworden ist. Man könnte auch einfach sagen: Die brandgefährliche Dummheit der Klassik-Stiftung-Weimar, die keine ausreichenden Rauchmelder und Löschsysteme installiert hatte, zeitigte vorhersehbare Konsequenzen. Diese Volltrotteligkeit hat einen Buch-Schaden von 67 Mio. € verursacht, zu welchem 13 Mio. € Bauschäden hinzukommen. Aber es haben sich natürlich so viele Tränendrüsenfreunde als Spender gefunden, wie in jedem anderen Fall von grenzenloser Inkompetenz und blanker Dummheit in Politik und öffentlichem Dienst, sodaß dieses ziemlich wertlose Museum aber doch immerhin schöne Gebäude ohne Konsequenzen für die Verursacher wieder aufgebaut werden konnte. Auch was die Wiederbeschaffung von verbrannten Büchern eigentlich soll, bleibt rätselhaft. Da es sich offenbar um ohnehin rares Material handelt, wird es bloß an anderer historischer Stelle „gestohlen“, wie man früher sagte.

Goethe in seinem Arbeitszimmer

Das wirklich Sehenswürdige sind die Gemälde und – wer Sinn für fehlproportionierte Kolossalbüsten hat – der Goethe-Kopf Jean Pierre David d’Angers‘. So hängt offenbar – statt im Stadtschloß – hier das Original des Jagemannschen Wieland und außerdem das berühmte, etwas dilettantische Gemälde „Goethe in seinem Arbeitszimmer“.

Chr. M. Wieland . Jagemann

Sodann hinüber ins Schillerhaus. Erfrischend noch in den Wirtschaftsräumen zur Jugendzeit Schillers jene „Odüßee“ Homers von Voß.

Homers Odüßee . Voß

Dann im Vorsaal. Etwas niedrig, eher ein notwendiger Verteilerraum. Schiller war eben immer knapp bei Kasse, wenngleich hier zwei oder drei Bedienstete herumschwirrten und ständig Unmengen von Wein im Keller lagerten, samt 11 Flaschen Champagner. Eine Schlauchküche und die Dienerwohnung in Parterre.

Charlottes Salon mit Blick ins Schlafzimmer

Auf der Bel Étage das Eßzimmer, der Salon, und Charlottes Privatgemach. Alle Räume fallen deutlich nach der Gartenseite hin ab. Auch Meßpunkte an den Wänden aller Zimmer deuten auf Abwärtsbewegungen des Fundaments hin, wenngleich ich beruhigt wurde, man müsse keine Sorgen haben. Gleichwohl ist das Obergeschoß gutbürgerlich, ja stattlich, wenn auch den Tapeten nach etwas verspielt. In der Mansarde wohnte Friedrich. Allerdings hatte er zum Ausgleich auch die ganze Étage für sich: Empfangszimmer, Salon und Arbeitszimmer. Hinter den Wohnzimmern, zum kleinen Garten hin, jeweils schmale Gänge, die als Schlafzimmer fungierten: Im Obergeschoß für Charlotte und die Kinder. Dabei eine ungeheuer treffende Karikatur Goethes durch die Kinder (für deren Photographie das Licht bereits fehlte) und ein Brettspiel, das Schiller Junior entworfen hat.

Brettspielentwurf einer der Schiller-Söhne

Im zweiten Obergeschoß für den Herrn Dichter zusätzlich eine Ankleide. Schiller besaß drei Paar Stiefel (ich nehme an Reit-, Hof-, und Straßenstiefel) und vier Paar Schuhe. Eine gute Hausnummer. Da fällt mir ein, es wird demnächst eine kleine Anleitung zum adäquaten Schuhkauf geben.

Goethehaus und Schillerhaus auf historischer Karte

Interessant, daß das Haus seinerzeit am Stadtrand lag. Vom Goethehaus weiß man es, dort tanzten ja im Oktober 1806 die französischen Bajonette über der Gartenmauer bevor die ersten Offiziere zum direkt ans Haus grenzenden Zollhaus hineinkamen und Goethe in persona den Diener machte, indem er Wein, sowie Rauchware minderer Qualität angeschleppt brachte. Irrsinnige Szene. Ein andermal vielleicht.

Das doch scheinbar mehr im Inneren der Stadt liegende Schillerhaus unweit des Theaters aber lag ebenfalls am Stadtrand, das Theater selbst sogar außerhalb. Die Promenade (sog. Esplanade, also Freiflächen aus Gründen entfallener Fortifikation), welche heute eine Einkaufsstraße ist, war bereits damals eine Allee, jedoch nur einseitig bebaut. Schiller blickte auf Obstgärten.

Schreibtisch Schillers

Im Museum ist man am Donnerstag- nachmittag ständig auf der Flucht vor Schulklassen. Was da an Material herumlief, mag ich gar nicht beschreiben. Offenbar Türkenkinder aus Frankfurt oder ähnlich verwahrlosten Teilen des Heiligen Reiches („derzeit unter fremder Verwaltung“, wie noch das Statistische Jahrbuch 1967 über Polen sagt), die nicht in der Lage wären einen einzigen Satz Schillers in vernünftigem Deutsch vorzulesen oder wenigstens aufzusagen. Seien sie doch einmal toleranter, Herr Wangenheim! Wieso, bitteschön? Das ist widerlich. Punkt. – Eine zweite Klasse anständiger. Dort hält man mich scheinbar für Inventar. Gar nicht so falsch.

Auch hier darf natürlich aus dem Audio-Führer der besonders beschämende Hinweis auf die politische Ausnutzung des Schiller-Erbes durch die Nazis nicht fehlen: „Die widersinnigste Verbindung aus Schöngeistigkeit und Barbarei.“ Wie lange wird es dauern, bis die Audio-Führer sagen: „Es war die widersinnigste Verbindung aus höchster deutscher Kunst und anti-deutscher Politik, womit jene unsägliche Propaganda den historischen Ort – den Nationalsozialisten gleich – ein zweites Mal entweihte, so wie sie Deutschland – den Nationalsozialisten gleich – ein zweites Mal zerstörte.“

Goethe-Schiller-Archiv

Sodann auf der Suche nach einer Karte, wie oben abgebildet, in der Bibliothek und danach hinauf ins Goethe-Schiller-Archiv. Ein sehr zuvorkommender Bediensteter weist mir den Weg in die Ausstellung. Es handelt sich um Rezepte aus den Häusern Goethe, Schiller, Liszt und Wieland. Etwa jene mir bereits aus den Briefen bekannte Bestellung Wielands von einem Eimer billigen Rotweins (d.i. sage und schreibe 70 Liter!) und 6, nein 12 Bouteillen bestes Roten. Die Rezepte allesamt sehr süß und rosinig, weshalb wenig zum Nachbacken einladend. Liszt besaß in Weimar keine Küche, was mich bereits bei meinem Besuch dort sehr wunderte, und ließ sich von Gasthäusern fertige Gerichte liefern.

Aug. v. Goethe . Rezept englischer Wichse

Goethe übrigens ein Pasta-Esser der ersten Stunde. Er hatte dergleichen in Italien kennengelernt und ließ sich seitdem aus Dresden Grießnudeln liefern, d.h. beauftragte Freunde für die Botendienste. Man spart, wo man kann. Nicht nur werden die dickeren Nudeln eine halbe oder dreiviertel Stunde gekocht, sondern selbst die dünnen Exemplare nach 15 Minuten noch einmal so lang im Wasser belassen, um sie aufquellen zu lassen. Merkwürdig. Soll man das allen Ernstes probieren? – Wohl ebensowenig wie jene englische Schuhwichse, deren Rezept August v. Goethe angibt.

Sodann hinaus, den Blick auf die Stadt vor mir in den Soirée russe.

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