Die Meistersinger von Nürnberg . Teil 3 . Deutsches Nationaltheater Weimar . 04 Dez 16

Akt No. 3: Die Meistersinger treten von den Seiteneingängen des Zuschauersaals her auf die Festwiese. Das ist keine bloße Erweiterung des Bewegungsradius, denn sodann tauschen Meistersinger und Volk die Positionen und das Publikum – wir – sitzen nun beleuchtet unter dem Volk und bekommen den Chor direkt auf die Ohren (mittig sitzend!). Ein großartiger Effekt, der am Schluß nochmals wiederholt wird, nachdem Sachs sein Lied an die deutschen Meister sang und der Chor das Lob im Schlußgesang wiederholt.

Um aber zu begreifen, was uns nun zum Ende noch blüht, benötigen wir das Libretto einmal präsent vor dem Ohr:

und ehrt mir ihre Kunst!
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reichlich euch zur Gunst.
[…]
Das uns’re Meister sie gepflegt
grad‘ recht nach ihrer Art,
nach ihrem Sinne treu gehegt,
das hat sie echt bewahrt:
blieb sie nicht adlig, wie zur Zeit,
da Höf‘ und Fürsten sie geweiht,
im Drang der schlimmen Jahr‘
blieb sie doch deutsch und wahr;
[…]
Habt Acht! Uns dräuen üble Streich‘:
zerfällt erst deutsches Volk und Reich,
in falscher wälscher Majestät
kein Fürst bald mehr sein Volk versteht,
und wälschen Dunst mit wälschem Tand
sie pflanzen uns in deutsches Land;
was deutsch und echt, wüsst‘ keiner mehr,
lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr‘.
Drum sag‘ ich euch:
ehrt eure deutschen Meister!
Dann bannt ihr gute Geister;
und gebt ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging‘ in Dunst
das heil’ge röm’sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil’ge deutsche Kunst!

150  Jahre alt und doch ein schlimmes Standgericht der Gegenwart. – Eine Schande, daß man ihn spielen muß, denn Größeres gibt es nicht. Sie brauchen die alte deutsche Kunst, da sie selbst nichts von Wert dagegensetzen können. Sie müssen diesen widerlichen Wagner spielen, obgleich er ihnen der Teufel selbst scheint.

Ich flunkere nicht. Man glaubt kaum wie gespannt, wie unwohl sich der Raum befand. Man konnte das Gemurmel fast schmecken, als es hieß:

Blieb sie doch deutsch und wahr…
…was deutsch und echt, wüßt keiner mehr

Und was haben die Zeilen

Kein Fürst bald mehr sein Volk versteht…
…sie pflanzen uns in deutsches Land

für tiefe Wunden hinterlassen, welche geraunte Rechtfertigung gegen diese Wahrheiten mögen ihnen in die Köpfe geschossen sein. – Daß sich jeder Mensch mit gesundem Instinkt in dieser Szene in höchstem Sinne erhaben fühlt, sich der ganzen Herrlichkeit und Menschlichkeit erfreut und den Drang zur Tat in sich spürt, steht außer Zweifel. Was aber soll der brave linksliberale Untertan bei so viel Deutschtümelei und völkischem Selbstbewußtsein nur tun, wenn nicht… ja, wenn nicht auf dem Boden herumkugeln und lauthals heulen wie eine Chimäre aus weinkrampfendem Trotzkind und Schwein am Spieß?

Exakt das läßt unsere engstirnige, angsterfüllte, hilflose, armselig naive und auf den Punkt getriggerte Ideologenriege auf den Regiestühlen – man glaubt es kaum – tatsächlich auf der Bühne aufführen: Sachs ergeht sich allen Ernstes in Höllenqualen, da das Volk ihn wiederholt. (Ich schweige hier übrigens von den anderen, aber unspezifischen Absurditäten, wie der obligatorischen Kopulation, die in keiner Regie eines typischen linksliberalen Psychopaten, d.i. Angehörigen der genitalen Phase (Freud) fehlen darf).

Der Realität, daß nämlich diese Kunst und dieses Erhabenheitsgefühl, das sie scheuen, wie ihr Bruder das Weihwasser, nur zusammen zu haben sind, verweigern sie sich beharrlich – altes Brauchtum unter dergleichen Gesinnungsgenossen. Sie haben tiefe Angst vor dem Zusammengehörigkeitsgefühl, ungeheuere Pein, wenn „deutsch und wahr“, „deutsch und echt“ andeutet, was mit deutsch immer gemeint war, jenes Ideal, das erheben sollte, das anspornen sollte, statt feig und klein zu machen, Sklavenseelen vorm Herrn zu geben (MuT S. 22).

Die arme Figur des Sachs muß für diese erbärmliche Psychose des soziophoben Gutmenschen herhalten. – Es war schon absurd diese erhabene Figur sich weinend auf‘s Kanapee werfen zu lassen, als Eva unerreichbar wird. Wagner weist an: Sachs tut sich endlich Gewalt an, reisst sich wie unmutig los und lässt dadurch Eva unwillkürlich an Walthers Schulter sich anlehnen.

Freunde der Kunst! – Achso, Ihr seid ja keine Freunde der Kunst… Ihn wie einen Schloßhund heulen zu lassen, hat natürlich mit der Figur Sachs ebenso wenig zu tun, wie seine angebliche Unwilligkeit über das Volk, das im Schlußchor seine eigenen Worte nachsingt – so als sei er der Zarathustra, der als hoher Geist das Volk zum Feinde hat. Dabei besteht seine ganze Aufgabe in dieser Oper darin, zwischen höchster Kunst des Genies – Stolzing – und der biederen Meistersingerschaft zu vermitteln, sich selbst als mittelmäßigen Künstler aufzugeben, um dem musikalischen Genie Platz zu machen.

Während aber Sachs sich allein auf der Bühne windet und die Heu(ch)lerei der Gutmenschlichkeit mit verzweifelter Inbrunst spielt, hören wir aus dem Chor, der in den Seitengängen des Saales unmittelbar neben uns stand, mit jeder Zeile neu die hellen Soprane aufblitzen und das erhabene Wort in glanzvollen Fanfaren schließen. Da mußte einem jeden, der noch zu fühlen fähig ist, das Lächeln ins Gesicht und die Gewißheit zu Kopfe steigen, wer in diesem Wettstreit siegt:

Die heil‘ge deutsche Kunst!

***

Nachschrift: Unser werther Musicus, der zu jedem Beifall den kleinen Aufstand mit einem geklatschten 5/4-Takt probt, sagt mir beim Hinausgehen, er habe heute Schwierigkeiten gehabt, den Takt zu halten. Das Meistersingermotiv sei ihm so fest im Ohr gewesen. Nun… das war der wunderliche Wangenheim, der unablässig im Rhythmus der Ouvertüre geklatscht hat, dieser sonderbare Schelm!

Es sei das akademischste Stück Musik Wagners, das er, Florian, kenne. Ich setze hinzu, sehr wohl, aber eine gewollte und an entscheidenden Stellen und auch in der Gesamtanlage freilich uferlos aufgebrochene Gelehrtheit, eine gespielte sozusagen. Und jenes „angewandter Bach“ hätte sich ja auch bereits als eher abgekupferter Beethoven entpuppt. Kurz: ein Meisterwerk.

Und so gingen sie singend in die Weimarer Nacht hinaus: Abendlich dämmernd umschloß mich die Nacht…

6 Gedanken zu “Die Meistersinger von Nürnberg . Teil 3 . Deutsches Nationaltheater Weimar . 04 Dez 16

  1. Leser

    Der Hyperlink zum „abgekupfterten Beethoven“ führt noch zum alten Blog. Meinen Kommentar dürfen Sie getrost löschen!

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  2. Pingback: Soirée russe vom 27 Juli 2017 . Wagners C-Dur Sinfonie und die Meistersinger in Bayreuth . Teil 1 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Sehr schön!

    Apropos „Sie haben tiefe Angst vor dem Zusammengehörigkeitsgefühl, ungeheuere Pein…“:

    Ein paar Zeilen aus einem Text, den ich gerade vor zwei Stunden geschrieben habe, es paßt so gut hierher, auch wenn ich nicht gerade der typische „linksliberale Untertan“ bin:

    Ich bin immer aus allem draußen geblieben. Zu nichts habe ich dazugehört. Ich war immer außerhalb.
    Da fällt mir ein Lied ein, das Neil Young mal nachgesungen hat: „Oh Lonesome me“. Im Original klingt das so, als ob der Sänger und Autor das Lied nicht wirklich ernst nimmt, jedenfalls vertieft er sich nicht gerade in das, was er singt. Neil Young singt das ohne jegliche Ironie, ohne jeglichen Abstand, singt es auch viel langsamer als das Original.* Das ist genau mein Gefühl. Wie gut kenne ich dieses Gefühl! Wie oft habe ich es gehabt! Wie oft habe ich schmerzlich an mir gemerkt, daß ich nicht dazugehöre und nicht dazugehören darf, daß es mir einfach unmöglich war, einfach verunmöglicht worden ist, am Leben teilzunehmen, an der Lebendigkeit teilzuhaben…
    Und daraus ist dann eine riesige Angst entstanden vor dem Leben. Einerseits habe ich es schmerzlich vermißt, mitzumachen, habe ich mich danach gesehnt, dazuzugehören und mich unter die Lebendigen zu werfen und mit ihnen gemeinsam lebendig zu sein. Aber andererseits habe ich es gemieden wie der Teufel das Weihwasser! Ich habe immer solche Angst davor gehabt! Und habe sie natürlich heute auch noch. Ich bin lieber alleine zu hause geblieben als mich dem Leben auszusetzen und meine Steifheit und Ängstlichkeit zu spüren.

    * Neils Youngs Coverversion: https://www.youtube.com/watch?v=aDuu_Jc7pAA&list=PLL7qMK0WFzn_7zi3HlE15P9MXiqEq5MM5
    Original-Version von Don Gibson: https://www.youtube.com/watch?v=oCDgLrHFpBY

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  4. Ich kenne das Gefühl aus meiner frühen Jugendzeit. Allerdings habe ich spätestens im Studium bemerkt, daß es alles ganz schön ist, was die Mehrheit so veranstaltet, aber ich die Sache lieber selbst in die Hand nehme und mit einem sehr beschränkten Kreis ausgesprochen glücklicher bin.

    Ihre Beschreibung trifft also meinen Gemütszustand nicht mehr, aber ich weiß, was Sie meinen.

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  5. Anja

    „…und mit einem sehr beschränkten Kreis ausgesprochen glücklicher bin.“

    Sie beide können stolz auf sich sein, denn gerade das Andersein und damit aber verbunden das Andersbleiben (!) zeugt von starkem Selbstbewußtsein und Unabhängigkeit. Es bedarf einer gewissen Stärke und hat einen enormen Reiz und sollte nicht unterschätzt werden!

    Das hat mich überhaupt erst auf DEN Wangenheim aufmerksam werden lassen. Ich empfinde es als große Bereicherung, in diesem Blog zu lesen bzw. die Videos zu sehen. Die Bandbreite Ihres Wissens finde ich sehr beachtlich, Herr Wangenheim, Kompliment!

    „Wir erblicken das Licht der Welt als Unikat. Die meisten jedoch sterben als Kopie!“

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  6. Stolz möchte ich darauf nicht gerade sein, denn durchaus wäre es ein idealerer Zustand, wenn die Allgemeinheit weniger Degeneration zeigen würde und vernüntigere Werte hätte. Ganz sollte man die Hoffnung doch nicht aufgeben, daß eine bürgerliche Gesellschaft – wenn nicht in Deutschland, so wenigstens woanders – noch einmal Fuß fassen kann. Denn solang der inspirierende Kreis klein ist, schöpft man im Grunde sein Potential gar nicht aus. Nach oben ist also durchaus noch Luft.

    Aber ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte.

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