Soirée russe . 24 Nov 2016 . Tschaikowskis und Borodins 3. Sinfonien . Wagners Lieblingsquartette Beethovens

Nachdem ich die Anwesenden mit der Verpackung und dem Booklet des neuen Spengler Hörbuches bekannt gemacht habe und wir in den ersten Minuten unsere sehr verschiedenen Auffassungen zu den Berufungen Trumps diskutierten, insbesondere die absurden Antisemitismus-Vorwürfe gegen Bannon, der bei Breitbart arbeitet, also einem mehrheitlich jüdischen Nachrichten-Portal (u.a. Milo und Andrew Breitbart, der Gründer selbst), erläutert uns Kim unser heutiges Programm.

Darunter die 3. Sinfonie Borodins. Man besitze keine einzige Originalnote von diesem Werk, jedoch habe Borodin Glasonow einiges auf dem Klavier vorgespielt. Und dieser, mit einem akustographischen Gedächtnis ausgestattet, habe sie später ausinstrumentiert. Johannes fügt an, es gebe auch die andere Geschichte bezgl. seiner Vollendung des Fürst Igor, daß Glasonow vielleicht kein sonderliches gutes Gedächtnis gehabt habe, sondern vor allem Chuzpe genug, im Grunde seine eigene Sinfonie als Borodins Letzte zu verkaufen.

Ich sage, gleich zu Beginn, in den Holzbläsern, komme die russische Tonart zum Vorschein. Dann, an einer markanten Stelle stutze ich: Da sei er ja wieder, der gute alte Lawrence von Arabien. Es müsse doch erklärlich sein, wie dieser Effekt des Pseudoarabischen zustande komme. Florian erklärt, es handle sich um einen Taktwechsel von 4/4 auf 5/4. Er notiert das Notenbild zur besseren Anschauung. Ich sage, das sei hochinteressant: Der Verzögerungseffekt, den man wahrnehme, sei also kein Ritardando, sondern eine Aufweitung des Taktes durch eine unregelmäßige 5/4-fache Verlängerung, welche durch die verdoppelten Notenwerte Unterstützung finde und dann in der zweiten Hälfte des Taktes nochmals durch eine Triole unregelmäßig verzögert werde.

Die Notenwerte aber, so fügt Florian hinzu, blieben unverändert, was durch die Angabe der beiden Noten mit dem Gleichheitszeichen oberhalb des Taktstriches angezeigt werde. Aber die Betonung liege freilich entsprechend später. Ich sage, wir müßten diese Frage später in Rachmaninows zweitem Klavierkonzert nochmals stellen und prüfen, ob der Effekt, der dort ebenfalls sehr stark sei, mit denselben Mitteln erreicht werde. Man müsse eigentlich auch nochmals in die Bruckner-Sinfonien sehen.

Es folgt die Dritte Tschaikowskis, die „Polnische“. Der zweite Satz ist mit Alla tedesca überschrieben und soll einen deutschen Tanz, also einen Walzer darstellen. Ich glaube, das war der Punkt an dem die diesmalige Soirée in einen Gelächterabend entartete, als Kim verlauten ließ,  er könne da statt Polonaise und Walzer höchstens „Mozarts Reise nach Polen“ von Eduard Tschaikowski hören. Ich charakterisiere die Reaktion darauf vielleicht am besten, wenn ich sage: der Saal tobte. Johannes fragt, was Mozart auch in Polen zu suchen habe. Daraufhin ich im österreichischen Stakkato-Ton: Es gehört ja schließlich auch uns! – nächster Aufschrei – Jetzt, so Kim, hätten sie mehr Angst vor Putin – ich erneut im Adolf-Ton: Da kommen wir gern zur Hilfe! und einigen uns dann mit den Russen. Kurz: Der Spaß wollte nicht enden. Aber irgend etwas muß bereits im Wasser gewesen sein, denn schon zuvor hatten wir nichts besseres zu tun, als bei Borodins Dritter mit Russisch Brot, das Johannes mitgebracht hatte, dessen Namen zu legen.

Ich frage, warum es eigentlich Konservatorium heiße? Florian meint, weil gewisse musikalische Traditionen konserviert würden. Ich sage, das komme eigentlich jeder Fakultät zu. Kim meint, vielleicht seien die Musiker doch die konservativsten, selbst Schönberg. Man höre es bloß nicht. Wieder Gelächter. Ich: eigentlich seien ja alle Menschen konservativ, könnten es bloß nicht so ausdrücken… und was dergleichen Späße mehr und verschriftlicht natürlich bei weitem nicht so erquicklich sind.

Bezüglich des nächsten Abends frage ich nochmals nach Mussorgski. Der, so Kim, habe ja nicht viel geschrieben. Was Borodin an Zeit im Chemie-Labor verschwendet habe, das habe Mussorgski in der Kneipe versoffen. Die Produktivsten seien immer noch Rimski… da stockt Kim und ich werfe ein: Aha, die Produktivsten seien also Rimski – doch so Viele – (Pflicht) – worauf Kim: naja, Rimski und Korsakow (Kür) – Mancher liegt vor Lachen auf dem Boden. Genug!

Zu zweit besprechen wir, nachdem Kim und Johannes gegangen sind, nochmals die Walzer-Problematik. Florian erzählt von einem Satz im Quartett op. 130 von Beethoven, der ebenfalls Alla danza tedesca lautet. Er summt ihn, verhältnismäßig langsam. Ich sage, das sei ja ungeheuerlich! Die Meistersinger. Nur falle der letzte Ton des ersten Motivteils nicht so ungewöhnlich tief, wie bei Wagner, dafür sei der Aufschwung danach scheinbar gar absolut identisch. Daraufhin sucht Florian aus den Schriften Wagners jene Huldigung Beethovens heraus, in welchem aber nicht vom Quartett op. 130, sondern op. 131 die Rede ist, wozu Florian bemerkt, daß Wagner immer damit beschäftigt gewesen sei, seine Quellen zu verschleiern. Ich stimme ein, ich hätte an seiner Stelle ebenfalls auf ein ganz anderes „Lieblingsquartett“ verwiesen. Von wegen Bach sei das große Meistersinger-Vorbild. Melodisch habe er von Beethoven gekupfert. – Florian liest:

Wollen wir uns das Bild eines Lebenstages unseres Heiligen vorführen, so dürfte eines jener wunderbaren Tonstücke des Meisters selbst uns das beste Gegenbild dazu an die Hand geben, wobei wir, um uns selbst nicht zu täuschen, immer nur das Verfahren festhalten müßten, mit welchem wir das Phänomen des Traumes analogisch, nicht aber mit diesem es identifizierend, auf die Entstehung der Musik als Kunst anwendeten. Ich wähle also, um solch einen echt Beethovenschen Lebenstag aus seinen innersten Vorgängen uns damit zu verdeutlichen, das große Cis-Moll-Quartett…

Ich unterbreche ihn an dieser einleitenden Stelle und sage, daß sei ja glasklarer Spenglerton: „Analogisch“ und dann „Ich wähle also, um solch einen…“ Florian meint, das sei in der Tat auffällig. Vielleicht habe doch Spengler mehr Wagner gelesen, als dieser wiederum zugebe.

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5 Gedanken zu “Soirée russe . 24 Nov 2016 . Tschaikowskis und Borodins 3. Sinfonien . Wagners Lieblingsquartette Beethovens

  1. Anonym

    Der Musicus:

    Die Übereinstimmung des Danza-Tedesca-Themas mit dem E-Dur-Thema der Meistersinger-Ouvertüre ist in der Tat verblüffend:

    http://hz.imslp.info/files/imglnks/usimg/4/4d/IMSLP04767-Beethoven_-_String_Quartet_No.13_Dover.pdf

    (S. 22)

    http://imslp.nl/imglnks/usimg/0/07/IMSLP333243-SIBLEY1802.25060.c3b9-39087009280696score.pdf

    (S. 14)

    Beide Male eine Dreiklangsbrechung zu Beginn, die bei Beethoven auf den Grundton, bei Wagner auf die Quinte zielt. Der folgende Aufstieg ist intervallisch aber genau gleich. Dann folgen bei Wagner vier Töne, die bei Beethoven keine Entsprechung haben, doch beide Phrasen enden mit „Seufzern“ in kleinen Sekunden vom Grund- zum Leitton.

    Soviel zur sehr offensichtlichen Substanzgemeinschaft, die freilich durch den Rhythmus und die genannten Unterschiede verschleiert wird.

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  2. Vielen Dank für die Noten. Es ist wirklich nicht zu leugnen, daß Wagner hier – wenn auch sehr verfremdend – gekupfert hat.

    Daher hätte ich es beim Hören des Stückes selbst wohl nicht bemerkt oder nur etwas dunkel geahnt, aber durch Dein sehr langsames Pfeifen – wodurch der Rhythmus an Bedeutung verlor – gab es bei mir wieder einmal ein déjà ecouté.

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  3. Sie meine die vier ansteigenden Noten? Ja, das ist wohl ein Partikel, das bei Wagner wieder auftaucht. Schon bei 16:10 erklingt übrigens ein kaskadenartiger Anstieg, der in den Meistersingern mit ebenjenem Partikel ja sehr oft durchexerziert wird.

    Ihre Stelle hat im Gegensatz zur oben im Text angezeigten auch insgesamt die Anmutung der Meistersinger. Eine interessante Beobachtung!

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  4. Pingback: Die Meistersinger von Nürnberg . Teil 3 . Deutsches Nationaltheater Weimar . 04 Dez 16 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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