Der Präsident des Klassizismus . Donald Trump und die Aufklärung . Teil 1

Die Entstehungsgeschichte der amerikanisch-europäischen Hochkultur bedingt die Tatsache, daß sie nur einen einzigen umfassenden Stil der Weltgeschichte miterlebt und mitgestaltet hat: den des Klassizismus. Noch heute werden ganz zeitvergessen in amerikanischen Kleinstädten Rathäuser und Bibliotheken gebaut wie zu Washingtons Zeiten. Das Heroische, die amerikanische Ästhetik bis hinab zum weiß getünchten Hollywood-Kitsch ist klassizistischer Natur, wie es die falschverstandenen antiken Büsten und Statuen des 18. Jahrhunderts waren. Selbst der Skyscraper-Wahn der Amerikaner ist im Grunde ein ins Extrem gesteigertes Bauen mit klassizistsichen rechten Winkeln – diesmal nach oben statt in die Breite und freilich mit klassizistischer Innenausstattung, die der Größenordnung nach ins Absurde steigt.

Und damit wären wir auch sogleich beim Immobilien-Tycoon Trump. Er verkörpert das gute alte Amerika: Europäische Einwanderer, ambitioniert, den verfallenen Verhältnissen der alten Welt entflohen, errichten eine demokratischere Heimat. Und – oh boy – wie hat sich das ausgezahlt!

Eine solide Familie, ein florierendes Unternehmen, finanziell unabhängig, keiner Sprechvorschrift unterlegen, frei, wie ein jeder Bürger frei sein sollte, so ist Trump in den Wahlkampf gegangen. Für mich als Beobachter der zweiten Stunde begann es mit der berühmten Anchor-Baby-Pressekonferenz.

Are you aware that the term anchor baby… that’s an offensive term! People find that…

Trump: You mean it’s not politically correct and yet everybody uses it? Ok, give me a different term! What else would you like to say?

American born child of undocumented immigrants.

Trump: Ah, you want me to say this instead… Ok, I’ll use the word anchor baby. (Gegenrufe. Trump lauter:) Excuse me, I’ll use the word anchor baby.

Die amerikanische Linke und auch die europäische hatte geglaubt diesen alten, reifen, selbstbestimmten Freiheitsdrang des Denkens, Sprechens und Handelns europäischer Provenienz längst besiegt und zerstört zu haben – und dann kommt dieser letzte Große, der es im System noch zu allem, was erreichbar ist, gebracht hat, aus einer Familie, die schon eine Generation zuvor unabhängig war und ihm diese Freiheit vom Hochdienen in einem falsch gewordenen, weil auf Moralkorruption begründeten System ersparte und dagegen die Möglichkeit des Sieges durch Überlegenheit an Witz, Geist und Energie in den unabhängigen Höhen reinen Kampfes ermöglichte.

Diesen Freigeist haben sie alle aufs Messer gefürchtet und bekämpft. Von den 100 größten Zeitungen in Amerika haben bis auf sechs (6!) allesamt Clinton unterstützt und von diesen sechs waren es überdies ganze vier (4!), die Johnson erwählt hatten, der schließlich keine 3% im Rennen um das Weiße Haus erreichte. Gewonnen hat den Wahlgang der Bürger aber jener, der von 100 durch ganze zwei Zeitungsredaktionen endorsed wurde. Ist das eine Satire? Ein Roman Orwells? Nein, das ist die Realität. Die Offenheit, die das System in der linksliberalen westlichen Welt predigt: eine Farce! Dasselbe gilt für das Fernsehen, Radio, alle sog. Massenmedien. Zustände der Meinungsmanipulation durch Präsentation einer angeblichen Übereinstimmung Aller wie in einer Diktatur – und zwar throughout the Western World.

Einen schlagenderen Beweis für die Beherrschung des westlichen Systems durch eine diktatorische und  totalitäre Elite gibt es nicht. Freilich, kein Totalitarismus durch Gewalt, aber durch Manipulation, durch Lüge und Vorenthaltung von wesentlichen Tatsachen und deren Ersetzung durch vorgeschützte Überfreundlichkeit, Hypermoral und ihre Zwangskraft – Falschheit, wie man es im persönlichen Umgang nennen würde. Und exakt das bricht nun weltweit auf. Trump ist das große Fanal dieser Umwertung aller Werte, nachdem bereits der Brexit, die Wahl der ältesten Demokratie im abendländischen Europa, dem Establishment das so schön aufbereitete Bild von freiwilliger, demokratischer Zustimmung zu ihrer Politik zerstörte.

Als ich diesen Mann, Donald J. Trump, der mir zuvor gänzlich unbekannt war, zum ersten Mal im amerikanischen Fernsehen sah – jene historische Pressekonferenz mit dem „offensive term anchor baby“ – war mir sofort klar, was ich später von Ann Coulter hörte:

This is our last chance to stop the left’s plan to turn our country into a Third World hellhole through unlimited immigration.

Trump ist in diesem Schlagabtausch über die anchor babies ruhig, bestimmt, gleichgültig. Ruhig gegenüber den anmaßenden Sprachvorschriften des Pressevertreters, bestimmt und fest in seiner Haltung, gleichgültig gegenüber den zu erwartenden Beschuldigungen Rassist, Frauenfeind und was dgl. mehr ist zu sein. Seitdem – es ist immerhin über ein Jahr her – habe ich derart viele witzige, kluge, tiefgründige Dinge in mindestens zwanzig Reden Trumps – zunächst in den frei gehaltenen – gehört, daß es eine wahre Freude war. Eine vielleicht ganz illustre Zusammenstellung einiger Momente findet sich hier.
Nach den Primaries folgten sehr gute, wenn auch wenigstens z.T. von seinen Beratern geschriebene Reden, von denen besonders die zur Außenpolitik epochemachend genannt werden darf.

Für mich war es das anchor baby phenomenon, aber weitaus höhere Wellen hat jenes „Mexicans“ „are rapists“ geschlagen. Ann Coulter sagte irgendwo (sic!), wie sie ungeheuer erstaunt gewesen sei, daß ein Primary candidate soetwas ausspreche, und darauf gewartet habe, daß Trump, wie es allerorten gefordert wurde, sich von dieser Aussage distanziere. Als den folgenden Tag keine Entschuldigung von ihm zu hören gewesen sei, am zweiten ebenfalls nicht, usw. und stattdessen auf die Frage:

What exactly you meant to say by this that I just quoted? er schlicht antwortete: Well, exactly what it says. sei für sie, Ann Coulter, klar gewesen, that he would never ever back down.

Und damit ist das wesentlichste, nämlich denkerisch-klassizistische Element unserer neuen Zeit in ganzer Klarheit deutlich gemacht: die klassische Philosophie des 18. Jahrhunderts, die klassische Logik, nämlich die gesunde Subsumption. Sticht eine Teilmenge durch ein bestimmtes Merkmal signifikant aus der Gesamtmenge heraus, so darf, kann und sollte man zur Charakterisierung dieser Untergruppierung dieselbe über exakt diesen Unterschied benennen. Und das, obgleich nicht alle Elemente der Teilmenge die Eigenschaft besitzen und sie außerdem durch andere Eigenschaften mit anderen Teilmengen zusammenhängen, sowie Teilmengen anderer Kriterien existieren, die das Charaktermerkmal ebenso erfüllen. It’s called a correlation.

They’re bringing drugs, they’re bringing crime, they’re rapists. And some I assume are good people.

Schon der letzte Satz wird ungern zitiert. Er wäre philosophisch gar nicht nötig, da keine Allaussage getroffen wurde – also auch im Falle seines Unterschlagens die logische Korrektheit nicht angetastet wäre.

Freilich handelt es sich nicht darum, daß diese logischen Zusammenhänge nicht verstanden würden. Jedem Linksliberalen ist das klar. Denn wenn es um die „weißen alten Männer“, die Konservativen oder Rechten geht, wird ja keine Allgemeinaussage ausgelassen. Die unbestechliche logische Härte aber auch für die „Schwachen“, also die, welche dazu erklärt wurden, zuzulassen, ja zu fordern, nämlich daß sie keiner Ausnahme von den Gesetzen der Logik unterliegen, sondern von derselben Urteilskraft gerichtet werden wie alle Anderen – das ist der klare klassizistische, aufklärerische, philosophische Zug der Sprache Trumps, die das verdutzte Establishment im letzten Jahr von einer Empörung zur anderen gehetzt hat und die sie aufgrund der Beharrlichkeit Trumps und der Treue seiner Anhänger nicht mehr zu unterdrücken imstande war.

Der kantische Imperativ wird wieder auf Alles und Jeden innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, der westlichen Welt also, angewandt. Die Sehnsucht nach dieser Gleichbeurteilung Aller war so drängend, daß ohne Hunger oder katastrophale Arbeitslosigkeit diese Freiheit des Geistes das tiefe Begehren unserer Zeit wurde. Der europäische Geist der denkerischen Freiheit hat sich einmal mehr in die Geschichtsbücher des Abendlandes eingemeißelt und wird nach diesem Befreiungsschlag die alten ideologischen Gesetze auf lange Zeit nur noch belächeln. Das Haltbarkeitsdatum der moralinsauren Politik der letzten Jahrzehnte ist abgelaufen. Eine neue Zeit bricht an, ein logisches Zeitalter, eines der Offenheit, der Tatsachen, der unumschränkten Herrschaft des klaren Geistes.

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12 Gedanken zu “Der Präsident des Klassizismus . Donald Trump und die Aufklärung . Teil 1

  1. Werther Herr Wangenheim,

    sehr wünschenswert war mir ein Beitrag zu den Ereignissen in den USA. Ich möchte gerne den ersten Teil dieser Reihe mit ein paar Anmerkungen und Fragen beladen – wenn gleich diese sich in den Folgebeiträgen von selbst auflösen mögen – um einige Klarheit zu den von Ihnen gestrickten Verbindungslinien zu erhalten.

    Fundamental scheint mir die Verstrickung vom „europäichen Einwanderer“ und dem Fortleben des europäischen Gemüts, ohne in der Wechselwirkung mit Alteuropa die Wurzeln zu verkennen, zu zerstören und indes den Begriff des Abendlandes sozusgen als synthetisches Gebilde fortzufruchten. Sie sprechen von den USA und Trump und setzen das „Wir“, das „uns“ hinzu – so als wäre es nie anders gewesen, als hätte es nie einen Bruch gegeben. So, als hätten die Einwanderer die größte seelische Bürgschaft auf abendländische (!) Zukünftigkeit – den klasizistischen Geist – gerettet, um nun auch für Europa weitere Früchte zu tragen. Woher nehmen Sie diese selbstverständliche Bestimmmtheit im Verhältnis Amerikas zu dem alten Abendlande? Denn auf dieser Bestimmung fußt die Argumentation! Ich dürfte wohl nicht um Unrecht damit liegen, dass die nächsten Teile tiefer die Rolle Europas in dem von Ihnen heraufbeschworenen „logischen Zeitalter“ bespielen wird. Meinen Sie mit „Offenheit“ die offene Konfrontation, die sich der europäische Geist, sofern von diesem überhaupt noch politisch die Rede sein kann, nun gegenüber den USA stellen muss? Sie sehen, ich zweifle an einer verwurzelten Verwandtschaft zwischen Übersee und der euroäischen Landmasse – aber vielleicht bestreiten sie diese Entfremdung ja auch nicht und ich habe Sie vorerst falsch interpretiert.

    Es gibt da diesen Georg Friedman, in dessen eigener Lebensbiographie gewissermaßen das Verhältnis der USA zur alten Mutter leibhaft geworden ist: d.h. die überlegene Schau und Hohn auf eine Welt, die untergeht und die es zu erobern gilt. Speziell zu den geopolitischen Analysen besagten Friedmans sei angemerkt, dass er natürlich „relatively speaking“ – des Herrn liebstes Wort – gerne seine neue Heimat als die noch einzige Verbürgering der Zukunft betrachtet und offensiv so nach Investoren sucht.

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  2. Das Argument ist dabei sehr klar: „Wir, die USA, haben den Willen und die Kraft an der Zukunft zu bauen – wir haben einen gigantischen militärisch-industriellen Komplex errichtet und wissen mit diesem umzugehen. Allein, die Volkswirtschaft kann die Kosten nicht tragen. Ihr Geld ist unsere Pflicht und unser Willen. Wille und Materie gehen einer vollkommenen Einigkeit entgegen und das nur bei Uns. Wir kontrollieren die Weltmeere, wie sie noch kein Staat vor uns vermochte und das All um die Erde herum. Wir haben einen Plan und eine Zukunft und der Rest der Welt, der geht vor die Hunde. Die alte Welt – Eurasien – ist strukturell am Ende ihrer Möglichkeiten und gehen an inneren Zerwürfnissen und Destabilisierungen unter.“

    „Die unbestechliche logische Härte“ ist eine Us-amerikanische, so würde Friedman sagen.



    Transkription:
    http://go.ggcpublishing.com/l/129401/2016-09-12/y7779?utm_source=Youtube&utm_campaign=5%20SIC%20Clips%20-%20Lead%20Gen%20Campaign&utm_content=George%20Friedman&utm_medium=Social

    Die Vorträge vor dem Chicago Council sind auch zu empfehlen. Diese sind längere Video-Aufnamen.
    2015: https://www.youtube.com/watch?v=QeLu_yyz3tc
    2016: https://www.youtube.com/watch?v=xJhb7K_noXs&

    Dieser Mann müsste doch auch mit seiner kühlen Ratio Ihrem Geschmacke schmeicheln. Er hat etwas von Macchiavelli. Bei WikiLeaks wurden einmal einige Mails von ihm gepostet, in denen er eine Analystin aus seinem Betrieb mit unter anderen folgenden Sätzen belehrt:

    „If this is a source you suspect may have value, you have to take control
    od him. Control means financial, sexual or psychological control to the
    point where he would reveal his sourcing and be tasked.“
    (Quelle: https://search.wikileaks.org/gifiles/?viewemailid=201031 )

    Ihr Leser

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  3. Ich werde das eine oder andere zu den Auswirkungen auf Europa sehr wohl noch anfügen, verehrter Leser, allerdings wenig spezifisch zu Ihrer Frage, weshalb ich Ihnen hier antworte.

    Ich halte es durchaus für selbstverständlich, daß es keinen übermäßig großen Bruch zwischen Europa und Amerika geben kann. Eben weil es sich um die gleichen Völker handelt, um ähnliches Klima, und daher im Grunde um dasselbe Gesamtsystem.

    Zunächst einmal haben die Amerikaner selbstverständlich den klassizistischen Geist gerettet. Allerdings hatten sie sich von ihm weiter entfernt als die Europäer. Denn all jener Kommunismus der politischen Korrektheit ist ja eine Erfindung der Amerikaner, die wir lediglich übernommen haben. Ob sie den nun wiedergewonnenen und sich erst noch bewähren müssenden klassizistischen Geist auch für Europa wieder fruchtbar machen, ist eine andere Frage, die vermutlich den dritten Teil umfassen wird. Allerdings will ich Ihnen gleich ausschließen, daß ich ein Eurozentrist in dem Sinne bin, daß ich nun vermeine, Europa solle Amerika in the long run das Fürchten lehren. Denn das ist absurd – dazu weiter unten.

    Ich sehe überhaupt keine Entfremdung zwischen den Staaten und Europa. Bis vor dem Trumpquake hätte man das vermeinen können. Ich darf Sie vielmehr bitten auszuformulieren, worin Sie eine Entfremdung zu erkennen glauben.

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  4. Mit Friedman, den ich bisher nicht kannte, haben Sie einen typischen Vertreter des unbesorgten American Exceptionalism geopolitischer Provinienz auf die Bühne gebracht. Und so es ist vielleicht kein Zufall, daß seine Physiognomie sehr stark an Walker Bush erinnert, der das Land ebenso naiv geleitet hat, wie Friedman darüber spricht (der andere Friedman, Milton namentlich, hat sich weniger mit Geopolitik befaßt, aber dafür mit anderen Volkswirtschaften und hätte derart ideologische Einschätzungen nie von sich gegeben). Wer immerzu vermerkt, wie heruntergekommen und doomed alle anderen sind, Amerika aber in good shape, der klingt nicht wie ein Problemlöser. Milton Friedman hat immer größere Probleme bereits in den 80er Jahren in den USA gesehen, wie seine ausgesprochen kritische Vorlesungsreihe aus dieser Zeit zeigt.

    Und ebenso war es Donald Trump, der bereits in den 80ern so gesprochen hat, wie heute.

    Friedman übersieht offenbar, daß andere zwar von Exporten und Rohstoffverkäufen leben, daß aber Amerika von seiner militärischen Stärke und Währungshoheit lebt. Auch das kann zusammenbrechen. Und selbst mit Trump ist das nicht abgewendet. Die nächste Rezession könnte leicht eine Depression werden.

    Und schließlich: Wenn die Amerikaner glauben, die unbestechliche Härte der Logik sei ihre Erfindung, so ist das die eleganteste Bestätigung, daß sie Europäer von Fleisch und Blut sind. Denn das war der europäische Geist für Jahrhunderte, selbst im 19. noch und im frühen 20. So wird man groß. Aber die Verweichlichung war bereits in die Administration gedrungen. Der militärische Komplex jedoch war und ist noch da. Und so haben die political hacks wie dumme Kinder mit jenem mächtigen Apparat herumgespielt und viel Schaden angerichtet. Allein daher kommt das Gerede von den bösen Amerikanern, welche die Welt um sich herum vor die Hunde gehen lassen. Mit den richtigen Leuten an der Spitze, mit vernünftigen Führern, ist auch eine vernünftige Weltpolitik möglich.

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  5. Anonym

    Alles an europäischen Geist, was staatenbauend und weltpolitisch fortwirkte, wissenschaftlich und kulturell international anerkannt wurde, war nach dem Zweiten entweder in die USA immmigriert (wohl ein paar Köpfe auch im Osten)oder aber von den USA reguliert. Deshalb empfand ich Georg Friedman so stark als eine Verleiblichung des amerikanischen Denkens. Wer auf die Siegesseite zieht, der wird notwendig exzeptionalistisch (indes ist dieses Wort doch furchtbar!) Und ob nun ein politisch korrekter Ton in den öffentlichen Diskursen geherrscht habe, was liegt daran? Spätestens die geleakten Depeschen und die Abhörstrategien der Five Eyes bewiesen das Gegenteil. Hier wird erbarmmungslos gekämpft. „Fuck the EU“.

    Trumps Geniestreich eines Salesmans lag indes darin, dass er 5 oder 6% der tradierten Nichtwähler zu sich hob (die Wahlbeteiligung liegt stets zwischen 45-55%). Diese Prozente haben Trump letzlich die Wahlmänner gebracht in Staaten, an denen die etablierten Methoden der Meinungsforscher kläglich versagten. Im Grunde war es also längst abzusehen, dass wenn die Schätzungen bereits ein knappes Rennen ergaben, Trump sicherlich gewinnen wird. Clinton hatte sogar mehr Einzestimmen. Nach Friedman sei der amerikanische Präsident ohnehin der schwächste Inhaber dieses Amtes im internationalen Vergleich. Nun ist natürlich interessant, dass die Republikaner alle Häuser mehrheitlich besetzt haben. Inwiefern nun die Parlamente hinter Trumps Pläne stehen mögen wird sich zeigen. Die Zügel sind da.

    Oder wie Friedman sagt: What a great country, where even Trump can get into office.

    Dass also, um den Punkt hinsichtlich europäischer Geistigkeit erneut aufzugreifen, die USA sehr schnelle Integrationsvermögen bewies und sehr schnell gewisse Geister umzupflanzen vermochte, ist entscheidend für den amerikanischen Patriotismus und deren Weltgefühl. Es ist völlig gleichgültig, woher man ehemals abstammte. Man ist nun Amerikaner und das ist ein Imperativ.

    Was wir nun beobachten, ist, um erneut Friedman zu paraphrasieren, ein herangewachsenes Amerika, welches nun, nachdem es die ersten kindlichen und pubertären Schritte als Hegemon beschritt und teils auf die Nase fiel, (genau das, was sie über die „dummen Kinder mit jenem mächtigen Apparat“ sagen, das sagt auch Georg Friedman) nun eben die Konsequenzen aus diesem Prozess ziehen.

    Ich stimme Ihnen also insofern zu, dass die Amerikaner durchaus Europäer von Fleisch und Blut sein können. Jedoch unter der Bedingung, dass die Europäer es selbst nicht mehr oder nie in diesem Maße waren, wie die USA es heute darstellen.

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  6. Anonym

    Trump sagt das genaue Gegenteil von Friedman. „America is doomed, while the world is shaping their position. Lets make America great again“. Aber ist das nun die bessere Ausgangsstellung, um vernünftig weltpolitisch zu führen? Und damit bleibt die Frage noch offen, von der ich hoffe, dass Sie sie in den nächsten Teilen eventuell beantworten: ein Amerika, das nun „zu sich gekommen“ ist, ist das nicht grundsätzlich ein exezeptionalistisches Amerika, ein Amerika, dass seine militärischen Bündnisse neu überdenken wird (die USA hat wenig Interesse noch an ein Veto-bemächtigtes NATO-Bündnis, zumal es in Europa kein beeindruckendes Heer gibt)

    Der Schritt in die Vollmündigkeit bedeutet alle ehemaligen Sicherheitsarchitekturen, die den Kalten Krieg bestimmten, zu reformulieren. Nun muss man nicht eurozentristisch eingestellt sein, um zu erahnen, dass das auch eine Chance für Europa sein könnte. Ansonsten, wie gesagt, scheint mir Europa höchstens noch in Amerika geistig zivilisiert fortzuwirken – aber das vorgeschobene Halbinselchen ist damit aus dem Betrachte gerückt. Harsch ausgedrückt: der gemeinsame Hass auf den Muselmann hat vielleicht eine gesamteuropäische Zukunft. Nun ja. Was weiß ich.

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  7. Was daran liegt, ob ein offener Diskurs geführt wird? Daran, wer letztlich gewählt wird: Jene sleazebags, die vom Leben nichts wissen, sondern nur moralinsauer daherreden, um sich Mitleidsmehrheiten zusammenzusuchen, während sie absurde Regime-change Fantasien ausleben oder Macher, Tatmenschen, Klarköpfe, die sagen, also transportieren dürfen, was das logisch Richtige ist und damit gewinnen können.

    Trump hat nicht nur Nichtwähler aktiviert. Viele ehemalige Obama-Wähler haben ihn gewählt. Amerika ist roter (also republikanischer) geworden (schauen Sie auf die County-Ebene).

    Ich halte den Satz, es sei völlig gleichgültig woher man stamme, für hochgradig naiv. Schauen Sie sich an, wer in Amerika Erfolg, wer welche Gehälter hat und wer zu den Abgehängten gehört.

    Auch hat Amerika nicht die ersten Schritte des Hegemons hinter sich. Das war vor 100 Jahren. Was in den letzten 20 Jahren passierte, war bereits Dekadenz.

    Absolut, die Europäer sind es lange nicht mehr. Aber wenn irgendjemand je „amerikanisch“ war, dann die Europäer. Nicht die Amerikaner haben die Welt erobert – nicht mal Amerika – sondern die Europäer waren das. A long time ago, in a galaxy far, far away…

    Milton Friedman und Trump sind sich im Protektionismus nicht einig. Das ist richtig. Ich werde später dazu etwas sagen. Aber ich habe auch nicht vom Inhaltlichen gesprochen, sondern von der Tatsache, zur Selbstkritik fähig zu sein und keine Unsinnigkeiten über America in good shape zu verbreiten.

    Trump ist ebenfalls Exzenptionalist. Aber er weiß, daß so wie bisher fortgeführt diese Ausnahmeerscheinung untergeht, daß man den Sumpf trockenlegen muß, um wieder frisch atmen zu können. Being in good shape heißt: tiefgreifende Änderungen unnötig – das völlig falsche Signal. Das ganze Gegenteil: We used to win. We don’t win anymore. We’re gonna win, win, win.

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  8. Now I get you! Zu Georg sei jedoch noch hinzuzufügen, dass er als Privatmann und überzeugter Patriot diese Geschichte vornehmlich ausländischen Investoren erzählt und potenziellen politischen Partnern. Ich würde Georg Friedman da nicht als innenpolitischen Ideologen bezeichnen, sondern er verfolgt eher eine Agenda, die ein bestimmtes Bild vermitteln soll. Deshalb auch meine ironische Wendung seiner Phrass der Relativität. Trump ist in diesem Sinne das beste, was seiner Arbeit geschehen konnte. Einheit von tatkräftigen Willen und der Bedingung im Materiellen.

    Hinsichtlich des moralsauren Diskurses habe ich das wohl unterschätzt. Da haben Sie Recht. Das war Dekadenz. Oder in der Entwicklungsmetapher: der lange Nesthocker im Elternhause, der sich ein verschwenderisches Hobby unterhalten lässt.

    Dass Amerika nun in republikanischer Hand liegt, habe ich nicht abgestritten. Ehemalige Demokraten haben da ebenfalls mitgespielt, da haben Sie selbstverständlich auch Recht. Dort jedoch, wo es unerwartet rot wurde, handelte es sich um wenige oder Bruchteile eines Prozents. Das ist ja das witzige an diesem System. Aber das ist nun alles unerheblich. Wenn Trump seinen Job gut macht, wird es in vier Jahren noch bestimmter für ihn ausgehen.

    So wie Sie den Satz reformuliert haben, finde ich ihn auch hochgradig naiv. Nein, ich beozg mich selbstverständlich auf diejenigen Europäer, die ihr geistiges Potenzial dort erst entfalten konnten. Das ist Integration einer ehemaligen Elite in eine neue Gesellschaft und nur das wollte ich in Bezug auf den europäischen Geist (des 20. Jahrhunderts!) sagen.

    D.h. während in Europa nationalistisch ausgehandelt wurde, wider den Geist, wer darf und wer nicht darf, fand jeder leistungsträchtige Mensch dort seine Nische um zu wirtschaften.

    Das bezog sich alles auch nicht auf die festgefahrene Elite der letzten 20-30 Jahre, sondern auf den Tatbestand, den ja Milton Friedman bei seiner Vorlesung bezüglich Einwaderung ebenso markierte (Vielen Dank im Übrigen für den Link!)

    How far? Um die Rückbesinnung auf Ihr Buch zu machen: ist es Rom? Aber dann meinten Sie von vornherein einen viel weiteren Klassik-Begriff, als der europäische

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  9. And now I get you! Nun ist mir George Friedmans Haltung als Berater klar.

    Was die Entfaltung des Potentials der Einwanderer angeht, stimme ich Ihnen vollauf zu. Aber die Provokation, die ich durch die Simplifizierung Ihrer Anmerkung hergab, hat die Sache ja schnell aufgelöst.

    Wenn Ihnen Friedmans Vorlesung gefällt, hören Sie sich ruhig auch die anderen dieser Reihe an. Das ist ausgesprochen aufschlußreich (inklusive der Q&A): https://www.youtube.com/watch?v=fwDhx1XkXX0&list=PLOv-GldVeFiXd1exZU0QLYC6ynwkQwbvz

    How far? ist eine gute Frage. Vielleicht kann der dritte Teil dafür eine Diskussionsgrundlage bieten.

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  10. Ich danke Ihnen für die gründliche Diskussion der ersten Runde. Ich freue mich sehr um den Aufschwung, der über die Kontinente hinweg Ihren Geist erfüllt hat. Und ich sage Ihnen noch etwas: es ist ansteckend.

    Ihr Leser

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