Wangenheim zu Gast bei Anna Amalia und Carl August . Römisches Haus

Durch eine wunderbare Herbstlandschaft und teils altertümliche Straßenführung mit geteilten Fahrbahnen um einen Baum herum, engen Alleen mit weißer Bemalung der Stämme, wie es noch in späten DDR-Zeiten üblich war, fahre ich in Richtung Weimar, um nach Tiefurt zu gelangen.

Man hält an Marställen und tritt unmittelbar in den Park ein – eine weite, leicht abschüssige Landschaft zur Ilm hin, die von Bäumen gesäumt im sanften Tale fließt. Unmittelbar hinter ihrem Ufer ragt ein steiler Hang mit dichter Bewaldung auf, der wegen einer defekten Brücke dieser Tage nur schlecht erreichbar ist.

Aber zunächst linker Hand Richtung Schloß – wobei der Begriff freilich für den bloßen Sommersitz Anna Amlias, ein ehemaliges Pächterhaus, etwas überkandidelt ist. Das Ganze ist sehr angenehm, wenn auch unspektakulär gestaltet, im Inneren sehr offen angelegt und die Räume des Obergeschosses in einem Zimmerring angeordnet. Auf die Diele folgt sogleich das Alkovenzimmer, dann die Gemächer der Herrschaft und schließlich Musik-, Kamin- und Eßzimmer, wovon letztes wieder in die Diele mündet. Im Sinne der Trennung von Dienst- und Privaträumen einerseits und Gesellschaftszimmern andererseits ist das freilich bestens angeordnet: beide Bereiche haben Zugang zum Treppenhaus, das Gesellschaftszimmer mit Ausblick auf den Park, die Privatgemächer im Eck – heute aber wäre eine solche Anlage absurd. Der Alkoven der Dienerschaft mit Direktzugang zum Treppenhaus…

Abgesehen von einigen schönen Meubeln, insbesondere einem neckischen Dreibein im Musikzimmer, und einer nicht ganz überzeugenden Ausmalung nebst ziemlich niedrigen Türen, fallen das Portrait Friedrichs des Großen – dem Onkel der Fürstin – und die große Kinderstatue in Kalk auf, die das Kaminzimmer beherrscht. Es ist aber nicht Konstantin, wie ich zuletzt memorierte, sondern tatsächlich nochmals Fritz von Stein, der Lieblingssohn Charlottes, den wir aus Großkochberg her kennen, als siebenjähriger Knabe.

Im Musikzimmer ein bekanntes Portrait der Hausdame und ihre rechte Hand in Bronze. Außerdem eine Guitarre, die einer antiken Leier nachempfunden ist. Anna Amalia spielte selbst. Das ist auf dieser Form sehr umständlich. Aber die Zeit hat Aesthetik über die Handhabung gesetzt. – Leider liegen große Pantoffeln an der Treppe aus, sodaß ich später doch entscheide, das mir so angenehme Poltern der Absätze und Sohlen auf den alten Dielen aufzugeben und in ein Paar hineinzuschlüpfen. Unsere Zeit unterhält vermutlich ein umgekehrtes Verhältnis zur Aesthetik.

Das Speisezimmer ist leider nicht zugänglich, man muß an der Türe halt machen. Hier also haben die Großen oft genug gestritten. Henriette von Egloffstein berichtet: „Die geistreichen Unterhaltungen gingen nur allzu oft in heftige Diskussionen über, bei welchen Wielands launenhafte Krittelei, Herders persiflierender beißender Witz, sowie Knebels unbezähmbare Leidenschaftlichkeit, vor allem aber Goethes diktatorisches Genie kräftig hervortraten.“ Und was kann man sich nicht die Beckmessereien Wielands bei jedem auch noch so zarten Fehltritt im Andenken der Alten und Herders Sarkasmus, wie wir ihn aus seiner Kant-Kritik kennen, lebhaft vorstellen.

Vom Alkovenzimmer aus führt ein ulkiger, sehr schmaler Gang zum Altan, unter dem hindurch man den Gebäudekomplex betritt. Der Gang, so absurd er ist – denn wer wollte sich die Fürstin hier entlangwindend vorstellen können – ist mit dilettantischen aber durchaus stimmungsvollen italienischen Landschafts- und Architekturbildern behangen. Es scheint, als habe man nicht gewußt, wohin damit. Denn über den Türrahmen sind sie weit weg und hier fehlt meistensteils das Licht.

Hinter dem Altan der Zugang zum Gemach der Kammerdienerin Luise von Göchhausen, der die Anlage des Ganzen noch merkwürdiger macht. Was soll die Sommerterrasse, wenn sie nur über den Dienstbotenweg zu erreichen ist? Logischer liegt da auf der anderen Seite der Diele, also am anderen Ende des Hauses, das Goethezimmer, d.i. das Besucherzimmer.

schloß Tieffurt vom Park her gesehen

Die Küche befindet sich außerhalb des Hauses in einem Nebengemach. Dort Porzellan-Speisen der Zeit, die zum Spaß – und doch wohl zur Enttäuschung der Gäste aufgetischt wurden. Statt Hummer gab es dann doch nur Erbsensuppe. Hinaus geht es über das in Renovierung befindliche Teehaus und das Morzartdenkmal an die Ilm.

Pavillon im Tiefurter Park

Dem Park geht freilich die Privatsphäre Großkochbergs ab. Erstens wegen der unheimlichen Weite, zweitens wegen des reichlichen Publikumsverkehrs, obgleich das Wetter nicht übermäßig gut ist. Hier und da sind Gedenksteine aufgerichtet: Herder, Wieland, auch für ihren Bruder, der Ertrinkende vorm Hochwasser retten wollte, und selbst in der Oder ertrank. Nahe beim Pavillon jene berühmte Stelle an der Ilm, an der die historische Aufführung der Fischerin stattfand, von welcher Goethe schwärmte.

Dorisches Untergeschoß und Ilmpark

Wenig später bin ich auch schon in der Stadt und im Ilmpark am Römischen Haus. Sehr schön der Gedanke Goethes, das Untergeschoß als dorischen Vorgängerbau zu entwerfen, auf dem der ionische Tempel später errichtet wurde. Auch hier Ruinenanmutung. Der unsinnig anmutende Hof Parterre neben dem Haus soll denn auch lediglich auf den Grundriß des imaginierten Vorgängerbaus deuten.

Im Inneren sehr schmal und hoch, nur der Salon hat vernünftige Proportionen. Die Ausmalung ist fantastisch, wenn auch nicht Stilrein. Marmorfelder, florale Bänder mit eingewundenen Tierdarstellungen, Schmetterlingen, Nagern usf. All das soll florentinisch sein. Dazu Stuckreliefs mit Putten und Göttern in hochliegenden Medaillons, an Jasperware erinnernd. Eine Kuppel bekrönt den Salon und ein großer Spiegelkamin auf der Wandseite sowie ein Spiegel zwischen den Fenstern weiten den ohnehin größten Raum abermals.

Daher wird auch trotz der Enge ein Ausblick über zwei Fenster mit dem Photoapparat möglich. Der Blick in den Park trotz Herbstes besonders italienisch. Allerdings ist die Ausmalung hier orange, es handelt sich also um den Gelben Salon, das Arbeitszimmer des Fürsten – eines im übrigen nicht nur der Garderobe nach, sondern vor allem physiognomisch recht an Ackerfurche erinnernden Mannes.

Ich verlasse den Park mit einbrechender Dunkelheit, mache noch einen Abstecher in die Bibliothek und begebe mich sodann in den neu umbenannten musikalischen Abend: La Soirée russe.

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2 Gedanken zu “Wangenheim zu Gast bei Anna Amalia und Carl August . Römisches Haus

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