Wangenheim zu Gast bei Charlotte und Karl von Stein

Schloß Großkochberg

Laue Winde zarter Erinnerungen an eine weite, sanft geschwungene Landschaft aus Feldern, Alleen und Waldeskuppen wehen mir durch den Kopf, da ich abseits des Saaletals mich Großkochberg nähere. Vom Luisenturm her war ich einst herabgestiegen und aus dem Wald vom Park des Schlosses Kochberg überrascht oder eher noch heimlich inkorporiert worden, ohne  die merkwürdige Veränderung der Anlage, ja daß eine Anlage überhaupt das Bild des Waldes umzuformen im Begriff war, gleich zu bemerken. Nun komme ich von der Leuchtenburg und der Saale her und durchschreite das Hoftor, das zunächst einen größeren Bauernhof vermuten läßt. Erst mit dem Blick hinein aber baut sich das Bild der gewaltigen, weiß-roten Renaissancefassade – ein regelmäßig befenstertes Quadrat von vier Geschossen – hinter der die Wirkung in der Höhe noch verstärkenden Pappel auf.

Goethe soll, um seine Geliebte, die Charlotte von Stein besuchen zu können, einst per pedes in nur vier Stunden von Weimar, d.i. Tieffurt, nach Großkochberg gelaufen sein. Da es sich auch auf schnellstem Weg um wenigstens 28km handelt, müßte er – bei schwierigem Gelände – im Laufschritt unterwegs gewesen sein. Gleichwohl, von Norden her, vom Luisenturm war auch ich einst angekommen, konnte aber das Museum nicht mehr besuchen, und so war es heute an der Zeit, es nachzuholen.

Die Audio-Führung begleitet uns bei einem Gespräch zwischen Charlotte von Stein und ihrem Sohn Karl durch die Ausstellung im ersten Obergeschoß. Wir sehen die Portraits der Familie Stein, erfahren vom Lieblingssohn Charlottes: Fritz. Nicht zu verwechseln mit dem Lieblingssohn Anna Amalias Constantin, der uns demnächst noch in Tieffurt in einer Kinder-Marmorstatue wiederbegegnen wird.

Es gibt Zeichnungen Goethes zu sehen, vor allem von der Umgebung. Charlotte zeichnet jedoch mindestens genauso gut. Goethe wie immer großartig in der natürlichen Perspektive von Landschaft, Verschattung von Bäumen usw. aber ein Dilettant, sobald Architektur ins Bild tritt. Alle technische Perspektive überfordert ihn regelmäßig, selbst bei den primitivsten Ansichten. Die organische (sic!) scheint ihm in die Wiege gelegt. Seine rechte Hand ist denn auch in Gips abgenommen worden, wie es damals überhaupt Mode war, und liegt in einem der Vitrinentische – eine Art erweiterter Finsterling, d.i. Schattenriß, Erinnerungsstück und Devotionalie für Freunde und – freilich – die Welt, insonders die hernach. Übrigens hat Goethe Charlotte von Stein über einen Finsterling kennengelernt, der in Lavaters Physiognomischen Fragmenten abgebildet war. Dessen Theorie der Ableitung des Charakters aus dem Profil wandte Goethe an und hat das Ergebnis niedergeschrieben. Das Autograph ist noch vorhanden.

Im Eckzimmer der Schreibtisch Goethes auf Kochberg. Darauf zwei Autographen von 1775 und 1780 mit Tinte auf das Tischholz geschrieben. Ich zweifle zunächst an der Echtheit, da Göthe mit oe geschrieben ist. Er hat nämlich erst 1808 bei Cotta veranlaßt, daß sein Name „Goethe“ gedruckt werden solle. Aber offenbar ist alles in der Ordnung. Und wer weiß, ob dieser Lichtschlag, den ich in der Korrespondenz aufgetan habe, eine allgemeine Neuerung bedeutete.

Das Zimmer war zuvor in Knebels Hand, der den obengenannten Prinzen Constantin als Hofmeister erzog – und ihn zusammen mit Carl August auf Grand Tour nach Paris begleitete, wobei er sie en passant in Frankfurt mit Goethe bekannt machte – eine folgenreiche Begegnung, wie wir wissen. Nun erzog Goethe den anderen Lieblingssohn, den Charlottes, Fritz, und wohnte im selben Zimmer.

Es folgt ein blauer Salon und ein für die nicht übermäßige Deckenhöhe viel zu weitläufiger Gesellschaftsraum – alles historisch ausgemalt. Anwesend waren neben Goethe und Knebel auch Herder, Lenz noch und die Rudolstädter Lengefeld, an die sich – zugleich auch an ihre Schwester – Schiller heranmachte und welche Goethe zu jener ersten denkwürdig verschenkten Begegnung mit Schillern einlud, wonach bekanntlich erst später in Jena endgültig und glücklich die Zusammenkunft zustande kam.

Im letzten Saal, der mit bemalter Leinenbespannung ausgestattet ist, hört man aus dem Tagebuch Goethes Einträge zu Kochberg und seiner Geliebten auf einem schwingend aufgehängten Rokoko-Canapé. Das Schlußzimmer zeigt das bekannte Portrait Schillers von Gerhard von Kügelgen (d.i. Kügelchen) – dachte ich. Das hängt jedoch im Goethemuseum in Frankfurt. Hier ist es eine Ausschnitts-Kopie Osterleys ein halbes Jahrhundert später. Dennoch ein schönes Finale.

Im Erdgschoß gibt es noch ein wenig zur Baugeschichte mit einem Gemälde Karls von Stein, auf dem er sich und seine Arbeiter am Gartenhaus und Liebhabertheater, das sich gleich an den Schloßgraben anschließt, zeigt, und ebenfalls einen grobschlächtigen Dilettantismus nicht verhehlen kann.

Das illustre Schloßinnere aber war trotz seiner netten Heimlichkeit, wie wir draußen erfahren, nicht die Hauptsache des Besuches, denn nun treten wir in den kleinen, aber grandios angelegten Park ein. Hinter dem Liebhabertheater, einem witzigen Miniaturtheaterbau mit kolossalem Portikus, eröffnet sich das Kleinkunstwerk.

Schloßpark Großkochberg

Zunächst eine heute etwas eigentümlich wirkende, aber obligatorische Grotte, geleitet uns ein Weg durch den locker bewaldeten und leicht ansteigenden Schloßpark, teils mit Blick über sanfte Wiesen zurück auf das leicht abgesenkte Schloß, zu einem ehemaligen Forellenteich mit Badehäuschen – ein Holzunterstand mit ebenfalls antikem Portikus. Von hier aus floß das Wasser in einem Rinnsal in den durch Quellen teilweise eisfreien Schloßgraben, in welchem ebenfalls Forellen gezüchtet wurden. Überhaupt mußte sich das Schloß selbst versorgen.

oberer Schloßpark mit großer Wiese

Schließlich gelangen wir zu einem subtileren Memento mori: eine künstliche Turmruine mit überwuchernder Bepflanzung. Am höchsten Punkt dann, über einer gewölbten Wiese ein wenig mit den Aussichten weiter Parklandschaften anderer Größenordnungen spielend – eine Sonnenwiese wie aus dem Ilmpark – geht es über lustige Parallelwege von verspielter Miniaturanmutung wieder hinab.

das Blumentheater

Endlich betreten wir besonders alten Baumbestand auf der Westseite und lassen uns

– den melancholischen Aufstieg bewältigt – in den geometrischen Blumengarten mit Leinwandhäuschen in einer fantastischen Kulisse aus herbstverfärbten Parkbäumen einfassen. Der Schloßpark klingt in einer kleinen Obstwiese aus – der Vater Schillers hätte seine Freude gehabt –, und grenzt schließlich an den Gemüsegarten, der die Versorgung der Bewohner in dieser Abgeschiedenheit sicherte.

Es ist vermutlich auch die Einsamkeit dieses Parks, die einen so unmittelbar berührt. Aus dem Schloß heraustretend, mit den Bewohnern desselben und den Räumlichkeiten vertraut, vor allem ohne Laufkundschaft im Park, wie es etwa an der Ilm in Weimar oder Tieffurt durchgängig der Fall ist, selbst im Park des Wielandguts, durchschreitet man den Schloßgarten im Grunde wie der Herr selbst, weiterhin begleitet vom Audio-Führer, also Charlotte und Karl von Stein, der die erzählerische Anlage des Parks von der romantischen Rückbesinnung der ersten Hälfte, den Höhenblick und schließlich die Eröffnung des Blumengartens wesentlich entworfen hat. Man geht ungern und zögerlich, nachdem man Gast, ja Bewohner des Hauses war.

Und weshalb sollte man auch nicht wiederkehren? Der Herbst mag ein besonders liebevolles Gemälde geschaffen haben. Sommer und Winter aber werden nicht weniger heimlich sein.

3 Gedanken zu “Wangenheim zu Gast bei Charlotte und Karl von Stein

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