Wangenheim zu Gast bei Van de Velde und Ernst August . Teil 3

So geht es also hinauf in die Bel Étage. Der Graue Salon ist jener Saal, der das Treppenhaus so niedergedrückt hatte – und was hat sich das gelohnt! Drei nebeneinanderstehende Fenster mit Blick über die Wasserfontäne und die Belvederer Allee nach Weimar. Selbstredend kann ein solcher Ausblick, den dieses durch die Fenster eröffnete Panorama zeigt und zugleich das Raumgefühl des Saales einschließt durch kein Photo wiedergegeben werden. Man muß in persona vor Ort sein. Es ist der einzige unrestaurierte Raum. Die verschiedenen Stadien der Bemalung sind in Original und Teilrestaurierungen älterer und neuerer Teile nachvollziehbar. Das Silbergrau kam durch die letzte Übermalung.

In dieser Etage wird das Porzellan deutlich hochwertiger. Unten war vor allem chinesisches zu sehen. Einmal mehr erkennen wir, daß es einen Unterschied macht, ob jemand etwas erfindet, oder es wirklich auszureizen und anzuwenden weiß. Wir sind auf der Qualitätsstufe, die man heute von Meißner Porzellan gewohnt ist, angekommen. Das späte 18. Jahrhundert. Darunter ein Stück, welches die Weimarer Prinzessin mit Treue-bittender Fächerhaltung in derart filigraner Rüschenspitze aus Porzellan zeigt, daß man seinen Augen nicht recht traut. So etwas gibt es dann doch nicht aus Meißen. Denn das ist Thüringer Porzellan. Aber von den einstigen Meisterstätten existiert keine einzige mehr.

Zunächst steigen wir herab ins Erdgeschoß einer der Flügelpavillons, die man nur vom Obergeschoß aus trockenen Fußes erreichen kann und das einst Kapelle war, später Musiksaal. Hier ist das Modell eines Agaventurmes ausgestellt, also einer Holzkonstruktion zum Besteigen einer Plattform, von der aus man die Blüten der nur einmal in ihrem Pflanzenleben blühenden Agaven aus der Nähe betrachten konnte – ein Zuchtsport der Fürsten dieser Zeit. Wieder hinaufgestiegen eröffnet sich oben im Pavillon der eindrückliche Schlafsaal. Wie Parterre auch hier ein Rundsaal, ringsum Bodenfenster an Bodenfenster und obenauf eine spitze Kuppel über den ganzen Raum gespannt, der mit einem illusionistischen Himmelsgewölbe ausgemalt ist. Wenn das nicht zeigt, daß die Weimarer Fürsten zu leben wußten, dann weiß ich nichts hinzuzufügen. Hier werden wohl auch die beiden „Ehrenfräulein“ ab und zu anzutreffen gewesen sein, die neben zwei Offizieren und drei Kammerfrauen die übliche Dienerschaft für den Großherzog ausmachten.

Nun geht es in die Zimmer, die auf der Parkseite liegen, die Südzimmer, die der Fürstin vorbehalten waren. Aber Ausrichtungen der Zimmer nach der Sonne gibt es ja erst seit Van de Velde, wie wir unlängst wissen. Im übrigen sind die Wohnräume der Herrschaften im Obergeschoß alle mit sehr farbintensiven Stofftapeten ausgekleidet, die aber durchgängig dieselben Muster tragen und für Originale auch deutlich zu gut erhalten sind. Dennoch sind sie recht passend zur Ausmalung und zum Stuck gewählt. Schließlich folgt der große Festsaal mit den Spiegelkaminen, die von blau-weißen Porzellanfließen vom Parkett getrennt sind, der Empore für die Hofmusikanten und der Front in drei großen Bodenfenstern und drei Okularen darüber. Auch der Stuck ist gekonnt durch Ausmalung geeigneter Felder sichtbar gemacht. Unter dem Schlafzimmer der Fürstin – der Kuppelsaal im Pavillon gegenüber – eine Ausstellung zur Jagd und enorm große Gewehre des 18. Jahrhunderts samt einem Gemälde der Gesamtanlage des Schlosses mit Garten, Nebengebäuden, Käfigen (der Fürst hielt zahlreiche exotische Tiere – Affen, Papageien usf). Oben im Schlafsaal feine Glaskrüge.

Es folgt noch etwas Porzellan, auch volkstümliches russisches – die Pawlowna ist da und rettet die Finanzen des Fürstentums mit dutzenden Kutschen für den Gepäcktransport und Tausenden von Goldmünzen – und schließlich sehr effektvoll der Abschluß mit dem Knabenportrait Carl Alexanders, der mit 14 Jahren von Julie von Eggloffstein gemalt wurde, als er romantisch an einen Baum in der Parklandschaft Belvederes eine neue Zeit zu eröffnen scheint, in der die alten Infanten-Fürsten, die im dunklen Inneren der Schlösser in Küraß und rot besohlten Schuhen abgebildet wurden, Geschichte sind. Der Kragen ist offen – Schillersch – und an Repräsentation ist nicht zu denken. Ein Zeitalter endet. Im Grunde geht hier der Adel unter – Eichendorff hat kein wenig übertrieben. Nunmehr geht es nur noch um Rückblick, Erhalt, Wehmut. Genau das wird Carl Alexander tun.

Glock fünf, schon wird das niedere Museumspersonal ungeduldig, über den Grauen Salon zurück und hinab. An der Kasse noch ein kurzer Plausch, dann der Griff nach dem Schirm, denn den Mantel hatte ich in der Kühle des Obergeschosses bereits die ganze Zeit getragen. Hinaus in den Regen. Ein Blick zurück, den Turm hat man uns vorenthalten, vielleicht die Gemächer des Personals in der oberen Mansarde. In den Nebengebäuden klingen Klaviere und Soprane – die Musikschule Belvedere – und ich lasse mich vom Klang hinabgeleiten.

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