Wangenheim zu Gast bei Van de Velde und Ernst August . Teil 2

Man sagt, bevor die Romantik an die Pforten der Geschichte geklopft habe, sei zumindest die aristokratische Welt steif und gekünstelt gewesen. Ich will nicht leugnen, daß es seine allgemeinen Gründe hatte, daß etwa Goethe zu seinem 82. Geburtstag die Feier im Festsaal des Schlosses Belvedere, das nun vor mir thront, zugunsten einer Ausfahrt mit den Enkeln sausen ließ – und diesen kecken Stolz auch noch im Tagebuch niederlegt. Architektonisch jedoch – wir erinnern uns an die gewollte, gesuchte, also gekünstelte Unordnung der Fassade unter den Hohen Pappeln – war das Rokoko ehrlicher.

Trotz Regens geht die Fontaine, trotz Arbeitens am westlichen Kavaliershaus scheint es ruhig, trotz angestauter Wärme unter dem Covert Coat betrete ich das Treppenhaus.  Nun ist das Schloß ja wirklich nur eines zur Jagd, eine Sommerresidenz, ein Lustschlößchen, aber derart zurückhaltend, so gedeckelt, hätte ich den Treppenaufgang nicht erwartet. Allerdings gibt es wohl auch kaum jemanden, der die Entscheidung zu einer solchen Treppenführung – wenn auch schmerzlich – mit mehr Verständnis nachvollziehen könnte als gerade ich.

Masurenhaus . früher Entwurf

Der Entwurf meines Masurenhauses, eines klassizistischen Klotzes in einer Landschaft aus Endmoränen (die Uckermark tut’s auch), ließ mich mit eben jenem Problem ebenfalls kämpfen. Ein Treppenhaus ist freilich immer insofern ein bereits planerisch ausgezeichneter Raum des Hauses, als er die doppelte Deckenhöhe ernötigt. Der Verbrauch an Wohnraum ist also enorm. Eine großzügige Treppenführung mithin Zeichen verschwenderischer Opulenz. Zugleich – und dieses Problem ist im Belvedere anders gelöst; wir werden darauf zurückkommen – gibt es eine verhältnismäßig moderne Methode, bedeutende Räume in ihrer Wirkung kolossal gewinnen zu lassen, nämlich durch eine Verdopplung der Deckenhöhe.

Man entfernt also in einem bedeutenden Raum – im Falle des Masurenhauses ist es der zentrale Wohnsalon – die sonst die Haushöhe halbierende Zwischendecke, et voilà: ein Raum mit sechs oder 7m Deckenhöhe entsteht. Freilich gibt es dergleichen etwa für zentrale Hallen und Salons in bis zu dreigeschossigen Adelssitzen in England (etwa Highclere Castle) oder einfach durch die Überdachung eines Atriums schon seit Jahrhunderten. Dennoch ist es, soweit ich damit bekannt bin, für Privatwohnhäuser erst seit ein paar Jahrzehnten – und zwar in den USA – Mode geworden.

Einerseits also soll der großzügige Eindruck des doppelgeschossigen Treppenhauses aufrecht erhalten werden und kein Einducken in einen niedrigen Aufenthaltsraum platzgreifen, andererseits hat man damit im Verein mit einem großen Salon schon bald die Hälfte eines Hauses der Wohnfläche nach gewissermaßen zum Bungalow geschrumpft und derart reichlich Raum okkupiert, daß ein solches Projekt leicht ausufert. Ein verschmerzbarer Kniff scheint da zu sein, den Treppensaal von der Seite des Eintretenden her zur Hälfte nur mit einacher Deckenhöhe auszustatten und damit Möglichkeiten im Obergeschoß zu schaffen. Allein, der Eindruck ist, wie man am Beispiel des Belvedere sieht (wo allerdings bis an die erste Stufe der Treppe einfache Deckenhöhe herrscht), sehr ungünstig, so ungünstig, daß der großzügige Eindruck des Äußeren mit einem Male verpufft und man sich nach dem Eintritt in einem besseren Bürgerhause glaubt. Im Grunde ein architektonischer Faux pas.

Gleichwohl liegt die Sache im Belvedere nochmals besonders. Denn der Effekt, von dem ich oben sprach, der des verdoppelten Rauminhalts, wird hier anders erreicht. Die Außenansicht läßt es erahnen: Das Mansarddach des Zentralbaus beherbergt nämlich in Unterscheidung zu den Seitenpavillons, die durch Einfahrtstore vom Mittelbau abgetrennt sind, kein neues Geschoß (obgleich oben eines zusätzlich aufgesetzt ist), sondern eine deutlich angestiegene lichte Höhe.

Das führt dazu, daß ein Treppenhaus, welches diese nicht doppelte, sondern dann zweieinhalbfache Deckenhöhe vorgewiesen hätte, völlig deplaciert gewirkt und zudem perspektivische Absurditäten hervorgebracht hätte. So war unter dieser Gesamtanlage wohl kein Ausweg gangbar, zumal auch hier das eigentliche Grundproblem nicht das des Raumverbrauchs, sondern jenes der Ausrichtung der Anlage zur schönsten Aussicht, zur Stadt hin, geschah, mithin ein zentraler Saal im Obergeschoß diese Aussicht auch möglich machen sollte, was mit einem Treppenhaus an dessen Stelle vereitelt worden wäre. Das ist ein Grundproblem der Eingangstreppenhäuser, weshalb oft Windfang und Diele erst ins Innere eines solchen Hauses führt, wo dann, wie in Highclere Castle, das Treppenhaus direkt neben dem ebenfalls mehrgeschossigen Salon angeordnet ist und diese letztlich bloß durch Arkadensäulen getrennt werden. — Wir erinnern uns an das Haus unter den Hohen Pappeln. Dort gab es Windfang und eine lange Diele. Allerdings – oh Wunder – keinen bedeutenden Raum im Obergeschoß, ja nicht einmal Fenster, wie bereits die Außenansicht verrät. Erst hier wird klar, wie absurd dieser lange Dielenflur eigentlich ist. Man ist ratlos vor so viel Dilettantismus. Aber Van de Velde war ein großer Architekt. Sagt man so.

Ich stelle also den Schirm ab und durchwandle die Ausstellung in Parterre. Die originale Meublierung ist wie im Haus unter den Hohen Pappeln nicht mehr erhalten, aber man zeigt einen schönen Sekretär von 1730, einen Trick-Track-Tisch (Backgammon) und mit feinen Marketerien aus Schildplatt und Messing überzogene Konsolentische von André Chamboule aus den Jahren um 1700, der in Paris für den Sonnenkönig arbeitete. Im selben Raum hängt das recht kleine, aber eindrückliche Gemälde von der Trauungszeremonie des Urenkels von Ernst August (dem Erbauer des Schlosses) Großherzog Carl Alexander mit der niederländischen Königsprinzessin Sophie. Im gleichen Raum außerdem zu sehen: einige schöne Stilleben u.a. von Heda.  Im Flur übrigens das eindrückliche Portrait Ernst Augusts mit dem festen und entschiedenen Blick. Entschieden hat er viel, immerhin das landesherrliche Ratskollegium abgeschafft und das Land – unter anderem mit dem Unterhalt dieses Schlosses – finanziell ruiniert.

Wir wollen ihm herzlich dafür danken, denn im Obergeschoß dürfen wir dann ganz genießen.

2 Gedanken zu “Wangenheim zu Gast bei Van de Velde und Ernst August . Teil 2

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