Wangenheim zu Gast bei Van de Velde und Ernst August . Teil 1

Da es sich, wie man hört, empfiehlt, bei länger schwelender Erkrankung nicht nur ab und an die frische Luft aufzusuchen, sondern auch Pausen beim Einlesen einzulegen kaum abgeraten werden kann, zugleich der letzte Sonntag des Oktobers naht und die Museen Weimars schließen (während freilich die Musen erst erwachen), entschloß ich mich, dem ausgefallenen Soirée russe (ich gedenke die Russendisko umzubennenen) einen Museumsgang entgegenzusetzen.

Das Haus Hohe Pappeln, das sich Henry van de Velde nach eigenen Plänen bauen ließ und 1908 bezog, steht rechter Hand an der Belvederer Allee, etwa auf halbem Weg vom alten Stadtrand oder dem Ilmpark und dem Schloß. Es wurde gebaut, da ringsum noch Felder wogten, die Stadt sich noch im Zaume hielt, das Land noch atmen konnte vor dem Menschen. Es sollen Pappeln an der Allee gestanden haben. Wahrscheinlich sind jene weiter oben gemeint, denn der Baumbestand vorm Haus ist alt und unbepappelt. Der Junge, der einzige von fünf Kindern, hat den Namen zuerst ausgesprochen.

Es ist ein heimliches Haus, etwas mürrisch mit dem heruntergezogenen dunkelgrauen Mansarddach, aber auch verwunschen zerstückelt, kleinteilig, wie über Jahrhunderte gewachsen – wogegen die großen Travertinsteine allzu deutlich sprechen – und reichlich grün umrankt. Das Werk eines gedeckten Geistes. Kein Zweifel. Es folgt der Physiognomie des dunkel dreinblickenden Erbauers.

Der Audio-Führer geleitet durch den Garten. Das Haus sei von innen, vom Zimmerentwurf nach außen gebaut, daher die Nischen und Vorsprünge. Sobald man drinnen war, weiß man, was für ein schnöder Unsinn das ist. Innen ist alles in Flucht. Aber es sollte eben außen gewachsen und unregelmäßig wirken. Eine Krankheit der Moderne, Unordnung schaffen, wo zu viel Ordnung ist.

Das Bauen der Lebensreformer, so heißt es weiter, denen van de Velde angehört habe, sei sehr auf Helligkeit in den Räumen angelegt gewesen, man habe herausgewollt aus den stickig-dunklen Gemäuern der letzten 40 Jahre. Es ist freilich kein Zufall, daß es 40 Jahre sind. Es sind die Jahre seit der Reichseinigung. Die sind den Modernen und ihren Nacheiferern heute, die fleißig Audio-Führer verfassen, freilich verhaßt. Daß dies die hellsten Jahre des Bauens seit der Gotik waren, daß die großbürgerliche Wohnung des späten 19. Jahrhunderts die Bel Étage auf breiter Front überhaupt erst erfunden hatte und also die hohen Zimmerdecken und die dazugehörigen großen Fenster, die das Licht durch gewaltige Räume fluten ließen, sind aber dem braven Kunsthistoriker unserer Tage unbekannt, weil er ohne Augen durch die Straßen läuft, weil er überhaupt das Bauen des Historismus als eine ekelhafte Reaktion gegen den alles Edle, Gute, Schöne zerhackenden, beschmutzenden und verunstaltenden Modernitätsgedankens hält, weil er, selbst in einer solchen Wohnung wohnend, die Großartigkeit der Anlage, die so selbstverständlich vollkommen ist, nicht bemerken würde, nicht kann, nicht darf.

Und so ist es immer mit den Ideologen. Die Renaissance, die doch angeblich die Fenster aufstieß, den alten Muff des Mittelalters zu lüften, baute, nachdem die Gotik die Mauern zu zartesten Stützsäulen verjüngt und aus der Wand ein einziges großes Fenster gemacht hatte, plötzlich die bekannten Wehr-Residenzen florentinischer Prägung, deren Fenster denen der Gefängnisse des 19. Jahrhunderts ähneln und sonst nichts sind als Steinklötze mit Punktaugen.

Kopfschüttelnd und grinsend also geht der bemäntelte und behandschuhte Wangenheim durch den Garten – nebenan hat sich ein Witzbold seinen kleinen Bungalow mit einer imitierenden Mansardhaube zu einem kleinen Hohe Pappeln umgebaut, näppich – und hört sich weitere Beweise kognitiver Flachheiten vom Band an, die versöhnlich von einer Damenstimme vorgetragen werden. Nach dem Sonnenlauf seien die Zimmer angeordnet. Na gugge itz! Wer hätte das für möglich gehalten? Baut einer ein Haus und richtet es nach der Sonne aus! Auch so eine Erfindung der Moderne. Glaubt man.

Und weil aller dummen Dinge drei sind, noch ein besonderer Seiltanz der Anti-Nietzscheaner: 1917 sei van de Velde aus Deutschland geflohen, weil die Ausländerfeindlichkeit mit fortschreitendem Krieg außerordentliche Formen angenommen habe. Zwei Jahre später sei seine Familie nachgekommen. – Zwei Jahre? Ziemlich viel, um eine Unterkunft klarzumachen und die Fahrkarten zu besorgen, nicht wahr? Nun, immerhin zeigt uns diese Absurdität, daß die Fraktion Gutmensch bereits vor der Bescherung Europas mit legasthenischen Herzchirurgen und dyskalkulativen Raketeningenieuren aus Drittweltländern glaubte, daß man als männliches Oberhaupt der Familie im Gefahrenfall erst einmal sich selbst in Sicherheit bringe, um dann Jahre später die ausgesprochen wehrfähige Familie aus Soldatenkindern und Amazonen-Bräuten nachzuholen. In beiden Fällen lautet die rationale Antwort freilich: Es bestand keine Gefahr. Aber 1917 – Stichwort: Kohlrübenwinter – war Deutschland materiell ungefähr so attraktiv, wie Burkina Faso heute. So ein Kohlrübenwinter könnte heute auch nicht schaden und vielleicht so Manchem die Dummheit aus dem Hirn hungern. 30 Jahre später übrigens, also 1947, „flieht“ er erneut in die Schweiz, diesmal vor der Kollaboratoren-Feindlichkeit in Belgien. Keine weiteren Fragen.

Der Windfang mit angeblicher Bootsanmutung, ich würde sagen, Eisenbahnwaggon trifft es eher, in dunkelrot, der Flur hernach – so recht weiß man nicht, was er da soll – einfarbig getäfelt und mit witzigen Entlüftungslöchern aus Messing. Sodann die Wohndiele, also ein Treppenhaus mit Sitzgelegenheit. Sehr eng, mit Zugang zur Bedienstetentreppe (so viel zum modernen, hoppla aristokratischen Lebensstil van de Veldes – mit Blickfenster ins Speisezimmer, auf daß das Personal ohne zu stören den rechten Zeitpunkt zum Servieren abpasse). Sehr schön, die Eröffnung in den Salon mit breiter Fensterfront nach Osten.

Wenn ich nach dem Sonnenstand gegangen wäre – und ich wäre – hätte ich das Haus sicher gespiegelt und Treppenhaus und Wohndiele auf die Ostseite geworfen um den Salon der Abendsonne entgegenstellen zu können. Aber van de Velde hat es bevorzugt die Abendsonne von der Bel Étage vollständig abzuschirmen. Mancher hält Soiréen am Morgen ab. Moderne zum Beispiel.

Die Deckenhöhe ist angenehm, drei Meter etwa, nicht zu hoch, nicht zu niedrig, bürgerlich gediegen.  Man fühlt sich wohl. Links das Arbeitszimmer mit durchgängiger und zerklüfteter Bibliothekswand – an das Nietzsche-Archiv erinnernd; übermäßig ideenreich war der Mann nun auch nicht, eine Mischung aus seinem Arbeitszimmer und dem Windfang – rechts der Speisesaal mit Panoramablick nach Süden (ehemals bis Belvedere) und der Einrichtung, die van de Velde für den Baron von Münchhausen, der ihn nicht leiden konnte, entworfen hat. Immerhin gibt man zu, daß es sich bei den Tischbeinen um gotisch inspririerte Entwürfe handelt.

Van de Velde war nämlich kein Moderner, sondern ein Jugendstil-Designer, der allerdings über den Entwurf mit Zirkel (immerhin mit keck versetztem Mittelpunkt) und Lineal nicht hinauskam. Die Leuchter, die er für Kessler entwarf, sein Abbe-Denkmal in Jena, dieser Tisch Münchhausens oder seine Frisiertische – alles gotisch, so wie der Jugendstil gotisch war, und eben er, van de Velde, jedenfalls dort, wo er interessant war. Überall sonst ist er rechteckig, langweilig und bedeutungslos.

Ich verlasse das Haus, es nieselt, ich spanne den Schirm auf und wandle die Allee hinan zum Schloß.

7 Gedanken zu “Wangenheim zu Gast bei Van de Velde und Ernst August . Teil 1

  1. War das nun ein Scherz oder ein Versehen, das Arbeitszimmer ebenfalls zu einer Aufnahme des Nietzsche-Archivs zu verlinken? 🙂

    „– nebenan hat sich ein Witzbold seinen kleinen Bungalow mit einer imitierenden Mansardhaube zu einem kleinen Hohe Pappeln umgebaut, näppich – „

    Was habe ich gelacht!

    Ihr Leser

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  2. Verzeihen Sie, das war ein Versehen und ist jetzt korrigiert. Es fehlt ja in seinem Arbeitszimmer die U-Boots-Anmutung aus dem Windfang, die das Nietzsche-Archiv besitzt.

    Bei Gegelegenheit werde ich ein Photo von dem wunderlichen Häuschen schießen und hier anfügen. In der Tat handelt es sich vermutlich um ein DDR-Wohnhaus, das aber eher Datscha-Maße hat.

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  3. Mir scheint, als würde die oktagonale Anordnung nur noch ein stillistischer Zwischenschritt zum funktionalen Bauhaus sein. Keine Frage, die Kreisform ist bestens geeignet für eine effiziente Sichtung und Verteilung seines Arbeitsmaterials und im Gegensatz zum Zimmer des Nietzsche-Archivs tatsächlich fliehend, doch der Funktion eines Arbeitszimmers trotzdem unterworfen, während das Archiv eine sektenartige Aura ausstrahlt. U-Boots-Anmutung trifft mein Unbehagen recht genau.

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  6. Dark P. Green

    Nun gut, die Villa Esche (Chemnitz) und das Haus Arnold Esche (Lauterbach/Pleisse) behagen mir auch lieber. Auch schwanke ich beständig in meinen Empfindungen zwischen Paul Ostendorf und Herrmann Muthesius. Suche dann Trost in den Räumen Bruno Paul und Kornfeld & Benirschke, wahrscheinlich weil ich das Vorrecht habe in diesen Lebenswelten zu arbeiten. Ich empfehle die Lektüre von ‚Villa als Herrschaftarchitektur‘ von Müller/Bentmann. Das wird zum besserer Verständnis und zur genaueren fachlichen sowie ästhetische Beurteilung beitragen.

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  7. Dark P. Green

    Ich korrigiere: Friedrich Ostendorf! Paul Schmohl und Paul Schmitthenner sind eine Andere Schule. Der Leser möge mir die Ungenauigkeit verzeihen, Shabbat Schalom!

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