Russendisko . 13 Okt 2016 . Teil 3 . Französische, englische und deutsche Dramenverse . Dr Faustus . Privatbibliothek

Nachdem Kim und Johannes gegangen sind, wenden wir uns abermals der Literatur zu. Florian legt mir zunächst Alexandriner Corneilles vor. Ich meine, diese seien als rhythmisch verständliche Verse viel zu lang. Gleichwohl müsse man es als unmöglich erachten, im Französischen gehaltvoll in kürzeren Versen zu dichten. Die französische Grammatik gebe das schlicht nicht her. Die Wortstellung sei nicht sonderlich variabel und jedes zusammengesetzte Wort bedürfe der bindenden „de“. Französisch sei eine Prosasprache.

Daraufhin sucht Florian die Phädra-Übersetzung Schillers heraus. Auch Racine habe im Alexanderiner gedichtet, Schiller jedoch ein Blankversdrama daraus gemacht. Das sei, sage ich, ein ganz anderer Schlag Dichtung. Sicher, jenes „Du stirbst?“ sei ziemlich lächerlich, aber dann, als es dramatischer werde, ziehe der ganz Schillersche Ton ein.

Im Pathetischen sei Schiller genialisch zu nennen, wenngleich durchaus weite Passagen auch nur so dahinplätscherten. Und da fehle es dann durchaus auch an der Stringenz in den Blankversen, wie sich an den fehlverorteten Hebungen zeige, die nicht recht in die Versenden ausliefen. Also zieht Florian den Meister hervor: Shakespeares Othello. Hier, sage ich, sehe es aber auch nicht besser aus. Der Doktor Faustus Marlowes hingegen, dessen Beginn Florian vorliest, sei da von ganz anderer Qualität. D a s  sei der echte Shakespeare-Ton. Und wie ich den Satz etwas zögerlich ausspreche, bemerke ich, wie sehr ich damit jene Theorie von der Autorenschaft Marlowes begünstige. Ich lasse mir von Florian zur Versicherung den Band mit Romeo & Julia reichen und lese aus den ersten Szenen ein paar typische Strophen vor. Florian meint, meine Einschätzung beruhe vielleicht darauf, daß es sich in beiden Fällen um Frühwerke der Autoren (des Autors) handle. Das sei, bestätige ich, ja nicht ungewöhnlich, daß mir die frühen Werke die eingängigeren seien.

Gleichwohl gebe es auch hier Unregelmäßigkeiten, wie ich außerdem an Romeo & Julia zeige, die jedoch meist auf einzelne Einwürfe beschränkt seien und eher Markierung genannt werden dürften. Im übrigen dürfe man das im Falle von Dramen auch nicht überbewerten. Würden Reime nicht rein auslaufen oder nur den Lettern nach, in Hinblick auf die Aussprache jedoch Reim oder Rhythmus zerstören, so gebe es gar nicht lang zu grübeln, worum es sich hier handle. Freilich sei das dichterisches Unvermögen. Allerdings würde es ein falscher Ansatz sein, sie überhaupt als Lesedrama zu bewerten. Denn das alles sei ja ausschließlich gespielt worden. Ob man also beim ersten Lesen aus dem Takt komme, müsse als völlig bedeutungslos erachtet werden. Vielmehr seien diese Texte zum Vortrag durch einen Schauspieler gedacht – und der könne und solle das eben „hinbiegen“. Der Sinn sei nicht besser in Verse zu bringen gewesen, nun Mime, mache er was draus!

Im übrigen erwähnt Florian, daß im Vorwort des Marloweschen Faustus vom „town called Rhodes“ die Rede sei, also von Stadtroda. Etwas verdutzt, frage ich, ob es sich nicht etwa um unseres handle – Florian bejaht. Ob er das gewußt habe? Ihm sei das seit Kindertagen bekannt. Ich sage, das sei mir völlig neu! Unser Stadtroda – der Geburtsort von Doktor Faustus? Das sei ja unglaublich! Die Geschichte der „Geisteskranken“ in Stadtroda sei mithin viel länger als gedacht.

Schließlich kommen wir zum Phänomen der Privatbibliothek. Es handle sich für mich um ein ungeheur beeindruckendes Gebilde. Man sitze von Büchern umrahmt im Zentrum einer gewaltigen Sammlung, deren geistiger und materieller Besitzer man sei. Der Besitzer und seine Bibliothek, das sei im Grunde ein Hirn und all seine Verweise in die Mannigfaltigkeit seiner geistigen Erlebnisse. Wie ein Fotoalbum bilde es den Werdegang seines Intellekts ab, ja sogar seine Zukunft, indem sie Bücher über Bücher beherberge, die er noch nicht gelesen habe. Die Privatbibliothek sei deshalb ein Spiegel der Bildung ihres Besitzers, gleichzeitig bilde sich durch seine Lektüre die Bibliothek in seinem Gedächtnis ab.

Daher mache auch eine chronologische oder alphabetische Ordnung  hier gar keinen Sinn. Nur anonyme, öffentliche Bibliotheken, die niemand kenne, niemand durchdrungen habe, seien so organisiert. Der Privatbibliothekar hingegen wähle höchstens eine Chronologie des Gelesenen oder des Erwerbszeitpunktes. Er könne schließlich nach ästhetischen und statischen Gesichtspunkten einräumen. Das fördere auch die Bindung zwischen Bibliothek und Besitzer. Die Ordnung der Privatbibliothek sei diejenige der persönlichen Erfahrungen und rege das Verhältnis zum Besitzer bei jedem Anblick neu an.

Und dann kämen die eigenen Notate hinzu. Das erst komplettiere diese materielle Veräußerung des Gelehrten in seiner Bibliothek. Nicht nur seine gesammelte Intellektuallität habe er hier und als Speicher aller Verweise seines Gehirns greifbar, sondern auch alle eigenen Ergüsse. Das erinnere mich, meine Aufzeichnungen der letzten Jahre noch in Leder binden zu lassen, damit sie einen würdigen Platz einnehmen könnten.

Florian berichtet, wie Kim seine CD-Sammlung nach einheitlichen Rücken, also nach Herausgebern ordne. Ich sage, das sei exakt eine solche Ordnung. Sie sei ästhetischer Natur, und welcher Interpret oder Komponist dahinter stünde, das wisse nur Kim allein. Florian unterrichtet mich in der Ordnung seiner Musiksammlung. Sie sei erstens chronologischer Natur, aber unterteilt in die Häufigkeit, mit der er sie bereits gehört habe, sodaß etwa ein Regal nur Musik beherberge, die er zehn Mal und häufiger gehört habe. Anderes nur fünf Mal usw. Auch das, sage ich, stelle eine Erfahrungsordnung dar. Die chronologische Ordnung zweiten Ranges innerhalb dieser Klassen sei nebensächlich.

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