Russendisko . 13 Okt 2016 . Teil 2 . Tschaikowskis 2. & 3. Klavierkonzert

Kaum darauf vervollständigt sich die Runde auf 4 und Kim eröffnet den musikalischen Teil des Abends mit Tschaikowskis 2. Klavierkonzert, welches in zwei Fassungen vorliege und wir uns damit des alten Bruckner-Schemas annehmen mögen, Satz für Satz abwechselnd durchzugehen. Die Fassungen unterschieden sich allerdings lediglich durch Kürzungen und Instrumentation, die sein Schüler, der Pianist Alexander Siloti vorgenommen habe.

Ich sage, das Hauptmotiv habe natürlich bei weitem nicht die Wirkung des 1. Klavierkonzerts, ja es fehle bis auf ein paar gleichförmige Schläge ganz. Florian meint, ich ginge zu weit gar kein Motiv zu sehen. Es handle sich immerhin um eine Wechselnote mit einem Vorschlag. Ich witzle ein wenig, wie weit wir gekommen seien, daß jetzt ein Wechselton bereits als Motiv durchgehe, gebe aber später zu, es erinnere mich sogar ein Motiv mit einer anderen Fortentwicklung… wohl handle es sich jedoch bloß um eines meiner typischen déjà ecouté aus Kindertagen.

Allgemeine Einigkeit besteht über die Qualität der beiden Aufnahmen, von denen die der ersten Fassung (Hootev) nur gute Konservatoriumsarbeit darstelle, wie Florian bemerkt, die der zweiten Fassung (Gilels – welcher vor wenigen Tagen 100. Geburtstag gefeiert hätte)  jedoch alle Brillanz, die in das Werk hineingelegt werden könne, auch ausschöpfe. Johannes meint, es sei doch erstaunlich, wie sehr aus einem recht durchschnittlichen Werk noch wenigstens unterhaltsame Keckheit gekitzelt werden könne, wenn Pianist und Orchester mit ganzer Durchdringung des Werkes an die Arbeit gegangen seien. Hier werde ersichtlich, wer das Werk verstanden habe und wer nicht. Ich stimme zu, wenngleich ich in Erinnerung an das 1. Klavierkonzert Tschaikowskis anfangs meinte, bei einem Klavierkonzert komme es auf den Pianisten kaum an. Wirklich verstümmeln könne er das Werk nicht. Ich bliebe insofern dabei, als doch naheliege, daß dem Dirigenten in dieser Frage mindestens ebenso viel Verantwortung zukomme.

Im zweiten Satz, so Florian, habe Ziloti die ganze Einleitung der Solo-Violine gestrichen und auch im Mittelteil seien bloß noch die Piano-Kadenzen übrig geblieben, das Cello verschwunden – ein typischer Pianisten-Eingriff. Das nehme, so Johannes, dem Satz aber auch die ganze Besonderheit.

Kim fällt am Schluß – ich nehme an, es war hier – noch eine starke Ähnlichkeit zu Liszt auf, die mir im Nachhören ganz deutlich wurde und sich auf die Ungarische Raphsodie Nr. 2 bezieht. Es handelt sich offensichtlich um ein Zitat jener Stelle.
Da noch ein wenig Zeit bleibt, schlägt Kim zur Vervollständigung vor, gleich das 3. Klavierkonzert anzuschließen, um nicht den Vergleich zum Zweiten zu fern rücken zu lassen. Dieses Konzert habe eigentlich die Nachfolgerin der Pathétique werden sollen – Tschaikowski habe den Gedanken jedoch schließlich verworfen. Daher sei nur der Kopfsatz in partitura ausgeführt.

Hier, als ich in die Pathétique hineinhöre, geht mir auch auf, woher das doch nicht ganz gewöhnliche déjà ecouté stammte. Ziemlich sicher hat mich das Scherzo-Thema derselben (man beachte den Stechstrich der Violinisten dieses koreanischen Orchesters!) an das Hauptmotiv des 2. Klavierkonzerts erinnert.

Der zweite und dritte Satz, so Kim, für deren Orchestrierung nur ein Klaviermanuskript zur Verfügung gestanden habe, würden meist nicht gespielt, da es eine Notiz Tschaikowskis gebe (war hier Tanejew gemeint?), in der er seine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringe, was die Qualität derselben angehe. Allerdings sei das, wie Florian anfügt, weitgehend bedeutungslos, wenn man bedenke, wie abschätzig sich Tschaikowski überhaupt in seinen depressiven Phasen zu seinen Werken geäußert habe.

Der Umstand dieser Herkunft fällt unmittelbar auf: Florian meint, das sei ein ganz anderer Partitursatz, als das für ein Klavierkonzert üblich sei. Das Piano sei zu einem von vielen Instrumenten degradiert, ja werde zum Begleitinstrument oder sei gar nur für Verzierungen zuständig. Das erkläre die Unbeliebtheit dieser Fassung bei den Pianisten hinreichend. Ich pflichte dem ausdrücklich bei. Es führe überdies zu einem wesentlich weniger an die Zerrissenheit der Suite, deren Ähnlichkeit zum 1. Klavierkonzert Tschaikowskis wir ausgemacht hätten, erinnernden, tatsächlich sinfonischer anmutenden Verlauf.

Der Schluß allerdings nimmt sich so kindisch aus, daß ich das Finale mit Lachen begleite.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.