Statt eines musikalischen Abends . 06 Okt 2016 . Teil 2 . Covert Coat . Preußischer Offiziersmantel . Metropolenmalerei

Florian meint, in der Tat sei die Kombination des unaufgeregten Anzugs mit Reitstiefeln, als die sie letztlich wahrgenommen würden, ungewöhnlich. Ihn interessiert, wie noch weitere dieser Kombinationen möglich seien, in denen das Reaktionäre gewissermaßen erst auf den zweiten Blick ersichtlich werde.

Zunächst, sage ich, sei die Kombination mit Tweed sicher gewöhnlicher und deute eben auf einen englischen Stil hin, der aber etwas clownesk übertrieben sei, da man weit und breit kein Pferd sehe. Im Wald bei schlechtem Wetter verhalte sich das schon anders. Gleichwohl sei ja die Kombination des Herren-Schaftstiefels mit gewöhnlicher Garderobe nicht völlig aus der Luft gegriffen. Stiefel seien seit der Zeit der Stulpenstiefel und noch bis in die 20er Jahre hinein in Kombination mit zivilen Gehröcken oder Trenchcoats getragen worden.

Da Farben, wie er, Florian, richtig sage, heute keine Besonderheit mehr seien und eher als Zeichen von prekären kognitiven oder materiellen Verhältnissen verstanden würden – was schon Goethe angedeutet habe – sei es vor allem der Schnitt, der die Besonderheiten des zweiten Blicks ermögliche. Dazu gehöre der Schaftstiefel durch sein Anlegen des Hosenbeins an die Wade, aber auch die Weste, welche dem Hemd selektiv am Torso die faltige Fülle nehme, die Arme aber gepufft belasse.

Der Anzug sei nach wie vor tailliert geschnitten, aber bei den Mänteln ergebe sich noch eine Nische anachronistischer Schnitte: die Manteltaillierung. Das gelte heute ebenfalls als weibisch, so bei Gehröcken, also leichten Wollmänteln, wie etwa einem Covert Coat. Mir fehlt bis heute eine Ausführung in beige. Derselbe ist aus für Mantelverhältnisse leichtem Twill gefertigt und  wird an den Säumen mit einigen Nähten abgeschlossen, die den Rang des Trägers anzeigten, als es sich noch um einen leichten Reitmantel handelte. Daher auch die große Innentasche auf Höhe der Oberschenkel: die Kartentasche.

Wangenheim im Offiziersmantel
im Hamburger Polizeimantel (70er-Jahre)

Im Falle des schweren Mantels sei das Paradebeispiel der Taillierung der deutsche Offiziersmantel aus dem 1. Weltkrieg , der im 2. Weltkrieg zum Mannschaftsmantel übergegangen sei. Eine Ableitung findet sich im Mannschaftsmantel der NVA  dessen Knopfreihen enger stehen und auf je fünf Knöpfe reduziert sind. Die russischen Militärmäntel sind ganz ähnlich geschnitten. Auch osteuropäische im allgemeinen, wie etwa der bulgarische, den man hier getragen von Filov sehen kann, als er neben Hitler die Baracke verläßt.

Diesen Offiziersmantel hat die deutsche Polizei bis in die 70er-Jahre getragen, weshalb er heute noch in z.T. sehr guter Erhaltung vorhanden ist. Die Taillierung bestehe beim Schnitt dieser Mäntel weniger in der Taillierung selbst als in den aufgehenden Hüften, die dem Träger eine weibliche Silhouette verliehen. Der Sinn des Ganzen liege meiner Auffassung nach in der großen Bewegungsfreiheit der Beine und eventuell in der besseren Wärmehaltung beim Gehen. In diesem Mantel könne man also durchaus auch im Stechschritt oder Sprint vorwärts kommen.

Auch die Seitentaschen würden dadurch besonders geräumig. Übrigens handle es sich ebenfalls um einen Reitmantel, was durch den Beinschlitz möglich werde, den man im Zweifelsfalle aufknöpfen könne.

Er mache allerdings, so meine Erfahrung, nur in einer geräumigen Größe Sinn, die einen Anzug und einen leichten Mantel  unterzuziehen ermögliche (sodann aber selbstverständlich wieder stramm sitzen müsse). Denn er sei mit 3 kg derart schwer und warm, daß man zu sorgen habe, die Luftzirkulation von unten her verhältnismäßig gering zu halten, um nicht Erkältungszustände von warm und kalt unter ihm zu erzeugen. Dafür halte er dann jedoch auch bei extremen Temperaturen zumindest die bedeckten Körperteile in guter Wärme. Zum Dritten freilich sei da die Wahl des Hemd-Kragens. Aber in dieser Frage hätte ich mich ja heute mit dem Kent ganz sportlich angezogen.

Wir kommen über die Garderobe der Jahrhundertwende zu den Gemälden Bérauds. Florian wundert sich, weshalb ich zwar im letzten Blog-Beitrag so von ihm geschwärmt hätte und er dies auch auf’s beste habe nachvollziehen können, ich ihm jedoch dann in einem Brief etwas abschätzig von seiner Kunstfertigkeit gesprochen hätte. Ich sage, das liege daran, daß ich, als ich nach langem Suchen Béraud wiedergefunden hätte, doch enttäuscht gewesen sei. Es habe durchaus seinen Grund, daß er ein verhältnismäßig unbekannter und wenig diskutierter Maler sei. Die Kunstgeschichte möge ihn nicht. Das liege an seiner doch nicht zu übersehenden Naivität. Nun wüßten wir ja spätestens seit Rousseau, daß das wahrlich kein Ausschlußkriterium für die Kunstgeschichtsforschung sei, aber doch, wenn derselbe offenbar dem klassischen Realismus anhinge. Die Gesichter Bérauds etwa seien doch ziemlich beliebig, die bewegten Figuren teils nur wenig natürlich in ihrer Gebärde, die Perspektive von nahen Ovalen oft fehlerhaft. Auch die Farbwahl nehme sich verhältnismäßig flächig und grell aus. Das alles aber verdunkle nicht die herrliche Alltäglichkeit seiner Darstellungen. Wir Deutschen hätten soetwas gar nicht.

Jean Béraud: Das Schaufenster des Schneiders Doucet

 

Florian sagt, ihm scheine es ein wenig wie bei Gaertner, teils wie bei Menzel. Das gelte sicher für die Architektur, gebe ich zu, die nur in Ausnahmefällen nebliger Ferne bei Béraud in Richtung Impressionismus und Pissarro tendierten. Jedoch entscheidend bei Béraud seien ja nicht die Fassaden und die Kutschen, sondern die Menschen. Bei Gaertner stünden sie allesamt weit entfernt, im Grunde nur, um für die gewaltige Architektur und Breite der Straßenzüge einen Maßstab abzugeben. Das sei freilich hübsch anzusehen, aber die Menschen darin seien wahrlich bloß als Staffage behandelt. Bei Béraud nehme sich das ganz anders aus. Die Figuren agierten nah am Sehpunkt und stellten vor allem nicht bloße Flaneure dar, sondern würden in alltäglichen Verrichtungen gezeigt. Etwa die Dame, die mit dem Einkauf in den Händen eine Kutsche herbeigerufen haben und dem leicht zu ihr sich herabneigenden Kutscher ihr Ziel zurufend in dieselbe einsteige. Etwas banaler, wahrscheinlich fast erotischer Natur, die vielen Beispiele seiner feinen, jungen Damen, die mit ihren Kleidern gegen den kräftigen Stadtwind ankämpften. Selbst das bloße Verlassen eines Gebäudes oder das Beiwohnen  einer Sessel-Konversation in einem Abendclub führe die Umgebung nur als schmückendes Beiwerk mit. Im Zentrum stehe die Szene eines alltäglichen Vorgangs. Die dadurch erzeugte Nähe mache die Kunst Bérauds so anrührend.

Ich frage, ob ihm, Florian, Beispiele bekannt seien, die Kleinstadtansichten zeigten. Immerhin scheine mir dieses Motiv leider stark unterrepräsentiert. Dorfdarstellungen könne er viele aufzählen, aber kleinstädtische Ansichten seien ihm höchstens bei Spitzweg untergekommen, wobei diese jedoch weniger reale Ansichten zeigten als konstruierte Biedermeier-Träume. Mir fällt in dem Zusammenhang Moritz von Schwindt ein. Allerdings sei die Hochzeitsreise ja nun abgesehen von der Komposition der Höhenstaffelung an Naivität der Malweise nicht zu überbieten. Auf diesem Niveau könne man natürlich an tausende Provinzmaler verweisen. Florian merkt noch an, daß das eine oder andere von Achenbach in diese Richtung gehen könne. Im Bildband finden wir jedoch lediglich italienische Stadtansichten, die, wie ich sage, freilich von vielen Malern vorlägen. Das kleinstädtisch-romantische Deutschland, in das die letzten Grand Tours des englischen Bürgertums und Adels geführt hätten, gebe es malerisch wundersamer Weise gar nicht. (Beachten Sie den folgenden Link zur Märchendeutschland-Reihe, wo sich dann doch die gesuchten Gemälde finden.)

Immerhin aber haben wir eine gute Zahl an herrlichen Vorkriegs-Fotografien aus dem alten Märchendeutschland. [hier gelangen Sie zu den Beiträgen zum alten Märchendeutschland]

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2 Gedanken zu “Statt eines musikalischen Abends . 06 Okt 2016 . Teil 2 . Covert Coat . Preußischer Offiziersmantel . Metropolenmalerei

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