Statt eines musikalischen Abends . 06 Okt 2016 . Teil 1 . Herrenreiter-Garderobe . Stiefelschäfte . Gamaschen

Nachdem ich die Abonnement-Karten der Meistersinger kurz vor Toresschluß noch in Eintrittskarten umwandelte – nebenbei erfuhr, daß die „Lotte in Weimar“ schon wieder bis Jahresende ausverkauft ist – und manchen Kleinkram einzukaufen mich bemüßigen mußte,  vergaß ich noch einen Blick in die Bibliothek zu werfen und war einmal mehr frühzeitig in der Russendisko. Und diese fiel nun – mangels gesunder Mitglieder – aus.

Stiefelschäfte statt Reitstiefel - Wangenheim auf dem Kickelhahn
Stiefelschäfte auf dem Kickelhahn

Als ich ablege, verwundert sich Florian über meine Reitsttiefel. Ich sage, es sei ja nun wieder das Wetter – die Temperatur auf 10°C gefallen und Nieselregen bald ohne Unterbrechung. Früher hätte ich dergleichen nur bei Wanderungen getragen und städtisch lediglich die Hosen unter die Gamaschen gefaltet, um vorm Spritzwasser geschützt zu sein. Im Wald, gerade wenn man hier und da vom Weg abgehe und sich durch’s Gestrüpp schlage, was ja praktisch in jeder fremden Wanderlandschaft einmal per „Ritt“ vorkomme, seien die hohen Schäfte Gold wert. Um seine Hose brauche man sich dann nicht mehr kümmern.

Aber auch in der Stadt sei das bei Pfützenwetter die einzige Möglichkeit wirklich unbeschwert durch die Straßen laufen zu können ohne sich ununterbrochen Gedanken über die Verschmutzung seiner Hosenbeine machen zu müssen. Das sei eine rechte Wohltat. Gleichwohl handle es sich – ich ziehe die Schäfte gerade aus – nicht um Reitstiefel, sondern um normale Halbschuhe und ein Paar Stiefelschäfte, wie man sie in der Reitschul‘ trage. Das habe zum einen den Vorteil des ausgenommen leichten An- und Ausziehens, vor allem aber sei auch die Paßform gesichert.

Man kenne das ja, wenn Damenstiefel – denn Herren sei ja das Tragen von Schaftstiefeln heute peinlich – zu weite Schäfte hätten und aus den Eimeröffnungen dann die dürren Beinchen herausgiegelten. Das sei bei Konfektionsware auch nicht zu verhindern, da sich der Schaft freilich nach den breitesten Waden richten müsse, die bei der vorgegebenen Schuhgröße möglich seien. Den Herrenreiter vergangener Tage habe das nicht betroffen, da er ohnehin seine Stiefel auf Maß habe fertigen lassen. Heute aber mache diese Abstimmung Schwierigkeiten und sei am besten durch eine Kombination von normalen Oxford‘s oder Derby’s zu lösen, die man mit Stiefelschäften kombiniere. So sei man frei in der Wahl des Schuhs – Ledersohle, Gummisohle, Profil – und könne diese Wahl dann frei mit perfekt sitzenden Stiefelschäften accomplimentieren. Diese erhalte man nämlich in allen nur erdenklichen Größenkombinationen: Schafthöhe und Umfang seien im Grunde frei wählbar.  Allerdings habe man noch ein Paar Gamaschen dazu zu tragen, da jene Stiefelschäfte keine Schnürhauben besäßen, also für den Einsatz mit Halbstiefeln gedacht seien. Daher müsse man in diesem Fall mit Filz-Gamaschen die entstehende Öffnung oder mindestens die Schnürung abdecken. Überdies führe das aber zu einem guten Formschluß zwischen Schäften und Schuhen, sodaß auch die Wärme besser gehalten werde, sei also ohnehin zu empfehlen.

Im dunklen Anzug - Wangenheim am Fenster
im dunklen Anzug

Aber derlei Sonderbarkeiten im Aussehen riefen freilich auch immer eine heitere Seite auf den Plan: die Passanten. Es sei überaus interessant, die Menschen auf Ihre Reaktionen zu prüfen. Nun falle es bei einem dunklen Anzug, wie ich ihn heute trüge, selbstverständlich nicht derart ins Auge, wie bei einem beigen Tweed-Anzug, wenn man kniehohe schwarze Stiefel trage. Meine Schätzung sei aber, daß etwa die Hälfte aller Menschen doch Wind davon bekäme. Florian fragt, wie sie das äußere. Ich sage, das laufe folgendermaßen ab: Zunächst schauten einem die Leute wie üblich ins Gesicht. Da sähen sie irgendeinen Mann, unmittelbar auch durch die Krawatte angedeutet einen Anzug, und falls der Mantel offen sei noch, daß es sich um einen konservativen Dreiteiler handle. Im Augenwinkel bemerkten sie jedoch etwas Ungewöhnliches. Dieses Ungewöhnliche sei nichts anderes als sehr schlanke Beine, was sich als besonders schlanke Waden herausstelle. Denn daß eine Anzugshose derart eng an den Waden anliege, sei unmöglich. Da offenbare sich ihnen nun, daß die Schienenbeine schwarz glänzten.

Und das sei schlicht für keinen der Passanten auch nur annähernd einzuordnen möglich. Ein Mann im Dreiteiler und Mantel, das könne ein Bankangestellter, einer aus der höheren Verwaltung sein, vielleicht irgendein Doktor der Universität, der auf sich besonders viel halte (für den Professor sei ich noch zu jung). Selbst ein Mann in ausgefallenen Farbkombinationen sei leicht einzusortieren. Wenn ich also im knallblauen Jackett durch Weimar liefe, sei ich eben ein Mode-Aficionado.  Kombiniere man den Anzug mit merkwürdigen Farben, wie etwa rotem Einstecktuch und roten Hosenträgern, wie es zuletzt der Präsident der Hochschule getragen habe, dann weise das auf einen Dandy hin oder eben den Chef irgendeiner größeren Organisation, der sich leisten könne, derart herauszufallen. Nun trüge ich aber neben dem sehr dunklen, graubraunen Anzug eine ziemlich langweilige, blaue Zegna-Krawatte. Nichts falle hier heraus. Konservativer könne man sich nicht kleiden.

Und im Blick nach unten dann das! Das mache einfach keinen Sinn.  Die Menschen seien verdutzt und perplex. Wer habe diese Chuzpe – und wozu? Und deshalb erfolge dann der Blick zurück hoch ins Gesicht, um zu sehen, wer – gar nicht um aufzufallen, sondern offenbar aus einem ganz anderen Grunde – so etwas denn allen Ernstes trage? Gerade die Tatsache, daß es so unauffällig sei, mache den Beobachter zu einem sehr heimlichen, ja intimenBetrachter. Er wisse, daß es nicht jedem auffalle. Er glaube, etwas entdeckt zu haben. Das mache die Sache noch merkwürdiger.

Dabei schauten übrigens nur die Männer wieder herauf. Man sage oft, Frauen sähen auf die Schuhe, weil daran letztlich die Qualität der gesamten Garderobe ablesbar sei. Das komme zwar durchaus hin, denn der Fall vernünftigen Schuhwerks aber nachlässiger Oberbekleidung sei ausgenommen selten, umgekehrt jedoch an der Tagesordnung; allerdings sei der wahre Grund für diese Blickrichtung etlicher Frauen freilich viel banaler: Sie vermieden den Blickkontakt. Das gelte natürlich nicht für erwachsene Frauen, also ab etwa 30 Jahren und auch nicht für selbstbewußte. Einmal aber auf derart beängstigende Stiefelwahl aufmerksam gemacht, schauten fast nur noch Männer auf. Die wollten freilich wissen, welcher Kerl zu dieser Absurdität gehöre.

Unterdessen habe ich – der Aufstieg in die Südstadt hatte mich leicht erhitzt – Jackett, Weste, Krawatte und Ärmelhalter abgelegt, die Manschetten geöffnet und umgeschlagen, um mich zum Auskühlen niederzulassen.

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