„Ich habe überhaupt keine Angst vor den Chinesen.“

Im Harz, irgendwo zwischen Clausthal-Zellerfeld und Bad Harzburg glaubt man – kartographisch geschult –, einer Wasserversorgung beim Wandern nicht zu bedürfen. Dutzende Bäche ziehen sich von den unbewohnten Quellen überall an Wegen entlang und kreuzen sie. Auf Gepäck kann also verzichtet werden, dachte sich der wunderliche Herr Wangenheim und flog im halben Ornat – für den Tweed-Dreiteiler pressierte es zu sehr – am frühen Morgen eines herrlich heiteren Augusttages mit Schmackes am Kyffhäuser vorbei auf der Bahn in den Harz. Es galt den Anschluß an eine wenn auch kleine Wandergruppe im Stile des Hambacher Fests zu finden.

Glücklich angelangt, die Gruppe bereits im Marsch befindlich mit einiger freundlicher Hilfe abgepaßt, stellte sich kurzerhand heraus, daß es sich bei den eingezeichneten Wasserläufen nicht um Bäche im herkömmlichen Sinne handelte, sondern um ein komplexes, künstlich angelegtes System von kleinen Kanälen, dem Oberharzer Wasserregal. Für den Bergbau wurde hier seit dem 15. Jahrhundert aus künstlich angelegten Teichen in niederschlagsreichen Gegenden das Wasser über flache Kanäle von nur 0,15 ‰ Gefälle in die Gebiete des Harzer Bergbaus geleitet, um dort Pumpen zum Entwässern der Stollen zu betreiben. Wie dergleichen mit den seinerzeitigen technischen Mitteln geschehen ist, läßt einen staunend in einer gewissen Ratlosigkeit zurück. Eine Meisterleistung.

Ich halte nichts von den lächerlichen Übertreibungen, daß die moderne Bauindustrie Pyramiden, wie sie in Ägypten vor fast 5000 Jahren errichtet wurden, nicht ebenfalls auftürmen könnte. Ganz billig wäre das freilich nicht. Aber leicht würde man mit unserer, ja selbst der damaligen Technik den Bauvorgang kopieren können. Auch halte ich nicht viel von den sonstigen Büchern Illigs, aber an den in „Der Bau der Cheops-Pyramide“ dargestellten Methoden haben wir mit ziemlicher Sicherheit die Technik der Ägypter vor uns. Wir kennen also die altägyptische Technik und würden – diesselbe Zeit zur Vergügung gestellt – zum selben Ergebnis kommen.

Die Chinesen kennen unsere Technik mittlerweile auch. Was aber, wenn eine Kultur auch unter Kenntnis der Mittel und Techniken, die nötig sind, nicht zu einer Nachahmung fähig wäre. Gewissermaßen also Unfähigkeit aus Unwillen heraus. Und wie sähe ein solcher Unwille, der sich nicht bloß als primitive Faulheit gebiert, sondern durchaus den Willen zur Erreichung des Ziels in sich schließt, aber die vorausgesetzten Mittel letztlich ablehnt, aus?

Dem Ziel der Wanderung schon nahe, die Fahnen voraus, spreche ich mit einem freundlich dreinblickenden, etwas verschmitzten und witzigen ehemaligen Industrieberater über die Verbreitung der abendländischen Technik.

K: Nehmen Sie die Frage der Oberflächenrauhigkeit. Die Chinesen kaufen eine Blechwalzmaschine aus Deutschland für 500.000 € und produzieren nun Bleche. Aber Toyota, Mazda und die deutschen Hersteller wollen die Bleche nicht. Sie scheitern einfach an den Qualitätsanforderungen. Da fragen sich die Chinesen: Warum geht das nicht? Wir haben doch die teure deutsche Maschine gekauft! Daß diese aber auch justiert und auf die jeweiligen Anforderungen von einem Fachmann eingestellt werden muß, und daß man sie nicht jahrelang auf Verschleiß fahren kann, sondern Walzen ausgetauscht werden müssen usw. wenn man im Mikrometerbereich arbeitet, das begreift man einfach nicht.

W: Das ist ja fast eine Groteske auf das Einkaufen von Technik, die man nicht versteht.

K: Vor vielen Jahren war ich in einem chinesischen Unternehmen tätig und sollte die Personalkosten senken. Nach eingehender Optimierung haben wir den Plan vorgelegt, der 100 Stellen streichen sollte. Als wir das vorlegten, sagte man uns, das sei völlig unmöglich.

W: Mit anderen Worten, Sie wurden beauftragt Stellen zu streichen, und als Sie die Optimierung tatsächlich vornehmen wollten, war man von der eigenen Idee erschrocken?

K: Ja, man glaubt es nicht! Aber das war so. Die Chinesen bewundern uns ja für unsere Prozeßanalyse. Dann kommen Sie da hin und führen irgendwelche Prozeßoptimierungen ein, und wenn Sie ein halbes Jahr später zur Kontrolle wiederkommen, ist alles wieder beim Alten. Ich habe überhaupt keine Angst vor den Chinesen.

W: Aber warum? Dann hätte man sich doch die Weisheiten der Langnasen sparen können.

K: Sie müssen sich vorstellen, daß es in der chinesischen Gesellschaft einen faux pas darstellt, einen Fehler zu machen. Ich halte das für den entscheidenden mentalen Unterschied zwischen uns und den Chinesen. Fehler werden deshalb in aller Regel nie zugegeben.

W: Was natürlich fatal ist, denn dann behält man die Dinge gleich vorsorglich so bei, wie sie sind.

K: Genau. Das liegt nicht mal nur an der Hierarchie, an der politischen Klasse. Das Zugeben von Fehlern ist einem Chinesen praktisch gar nicht möglich. Und Sie wissen ja als kreativer Mensch…

W: …daß tausend Versuche scheitern, bis einer glückt.

K: Exakt.

W: Wir machen uns darüber lustig, wenn wir sagen: „Däs hom wir scho immer so g’mocht.“

K: Richtig. Ich meine, wir sind natürlich nicht perfekt, aber eben doch viel weniger von diesem Denken beherrscht. Man muß risikofreudig sein und die Veränderung zulassen.

W: Und diese dauernde Adaption beherrschen die Amerikaner am besten.

K: Zweifellos. Und das sind Mentalitätsfragen. Da sind mindestens noch ein oder zwei Generationen nötig.

W: Aber was heißt das: Generation?

K: So 25 Jahre.

W: Ja, ja. Nur Sie glauben also, daß diese Schwächen überwunden werden können? Sehen Sie, exakt so, wie Sie das chinesische Denken beschreiben, so hat es doch schon Jahrtausende ausgesehen. Was haben die Chinesen nicht alles erfunden! Vom Porzellan wollen wir mal noch zugeben, daß sie es ausgiebig genutzt und entwickelt hätten. Aber Chamberlain sagt so schön: Sie besaßen lang vor uns ein Surrogat für das Papier, wenig später das Papier selbst, und bringen bis heute keinen Mann hervor, würdig darauf zu schreiben (allg. Erheiterung). Aber um wieder ernsthafter zu werden: Die Mehrzahl der Erfindungen – Kompaß, Schiffsbau, Pulver – sind nie auch nur annähernd in ihrem Potential ausgeschöpft worden. Wer hat Amerika entdeckt? Wer hat die Welt erobert?

K: Aber auch nur, weil irgendein chinesischer Kaiser meinte, jetzt sei es genug mit der Seefahrt.

W: Aber das sagt doch im Grunde alles aus! Nämlich, daß man sich nicht traute. Genau wie Sie sagten: Weil keine Fehler gemacht werden dürfen in diesem Denken, so traut man sich am Ende auch nichts. Denn die Wahrscheinlichkeit, daß völlig neue Dinge schief gehen, ist enorm.

Ich bleibe dabei: Die Chinesen haben in den letzten Jahrzehnten zu ihrem wirtschaftlichen Aufschwung im Grunde nichts beigetragen. Sie waren nur über lange Zeit sehr flach entwickelt und haben dann Techniken anderer relativ plötzlich und umfassend übernommen. Es handelt sich lediglich um die Adaption von Produkten und Verfahren, die bereits seit langem im Westen bekannt waren. Wir verwechseln das aufgrund der Vorstellung, daß Wirtschaftsmacht etwas mit selbständiger Leistung zu tun habe, mit genereller Überlegenheit. Das einzige aber, was die Chinesen bedrohlich erscheinen läßt, das ist ihre schiere Masse.

K: Das haben Sie wunderbar auf den Punkt gebracht. Das ist im Kern meine Beobachtung in der chinesischen Wirtschaft gewesen. Deswegen sehe ich da auch keine Bedrohung. Was die können, kann jeder. Bloß nicht in diesen Massen.

W: Für wen waren Sie denn in China tätig?

K: Ich war im Consulting bei [einem großen deutschen Schwerindustriekonzern].

W: Das heißt, ihr Arbeitgeber, der in dieser Branche doch tätig ist, hat eine Beratungsabteilung, die das Firmen-Know-How an die Konkurrenz in China anbietet?

K: Ja, so könnte man sagen.

W: Aber ist das nicht selten dämlich?

K: Unsere Abteilung wurde auch vor einigen Jahren geschlossen, weil man der Meinung war, daß man sich damit das eigene Grab schaufelt. Aber so einfach ist das nicht. Sie haben ja gesehen, daß die Beratungstätigkeit sehr nachgefragt wird, aber nicht abzusehen ist, daß es bei denen wirklich Früchte trägt. Und zuletzt hat die Führung bei uns gewechselt und unsere Beratungstätigkeit ist wieder aufgenommen worden.

W: Also ist man überzeugt, daß der Erfolg bei den Chinesen zweifelhaft ist, läßt sich aber diese Beratung, der die Empfänger ohnehin letztlich nicht folgen, bezahlen.

K: So ungefähr.

W: Und dann kommt ja hinzu, daß Sie bei einer solchen Prozeßoptimierung, wie sie die Chinesen so an uns schätzen, den vollständigen Einblick in deren Werk, deren Prozesse und deren Auftragslage bekommen. Die ziehen sich ja für die Beratungstätigkeit praktisch komplett aus.

K: Sehen Sie, und das ist natürlich ein klarer Vorteil für den Berater.

W: Man könnte also sagen, wie bei jedem guten Handel: Beide Seiten glauben, einen Vorteil daraus zu ziehen, aber die Chinesen täuschen sich darin womöglich.

K: (lacht). So würde ich sagen.

7 Gedanken zu “„Ich habe überhaupt keine Angst vor den Chinesen.“

  1. Ohne selbst dem einzuwlligen, möchte ich diesem Dialoge eine ganz konträre Einschätzung gegenüberstellen. Jeder unbekannte Begriff, ich warne im voraus, verdeckt hundert weitere neue. Daher ist das Tiefenverständnis eine Herausforderung und ich selbst habe sie nur bruchstückhaft in Angriff genommen.

    Zitiert aus https://works.bepress.com/thinkartlab/33/

    „[Chinese Model of Writing]
    (Die Zahlen sind Fußnoten im Dokument)

    China, which didn’t develop similar philosophy11, science12 and technology13 because of the hyper-complexity of its writing, is now adopting the fruits of Western achievements. But China, for the next epoch, has an advantage to the West: it has its scriptural resources not yet exploited. China’s writing, which always was the base and guarantee of its culture and politics, is not limited by alphabetic linearism and digitalism. Linearity of Western thinking is easily mapped onto the tabularity of Chinese rationality. The process of mapping linearity onto tabularity is not producing
    any kind of identity-disturbance for Chinese self-understanding.
    The Chinese concept of writing is tabular, multi–dimensional, embodied, open, complex and based on the experiences of the oldest cultural tradition of mankind14. These characteristics of
    Chinese writing are exactly the criteria for a science, capable to deal with the problems of modern society and opening up new futures.Hence, the challenge of China today is not its new economic power as the West is fearing and economically exploiting15, but lies in the possibility of a re-discovery of its own rationality as the base of a revolutionary technology for the future. Leaving everything American far behind. The Chinese Challenge to the West is not economical, political or military. It is not the event of a re-awakening economic and technological China which is the Grand Challenge to the West but the possible re-discovery of the operationality of its writing system for the design of new rational formal systems, like new mathematics and new programming languages16. Because of its occupation to adapt, at first, to the Western technology and economy, China is not yet, officially, aware about these possibilities of a new main culture for the future.
    Maybe, the 19th century was European, the 20th US-American, at least the 21st century will be Chinese

    [Morphogrammatics, the second hallucination]

    Thus, my thoughts may occur, until now, as a second, post-European hallucination about the paradigm of Chinese writing. What I propose, as a first step, is to study polycontextural logic17 and morphogrammatics18 as a possible new understanding of notational systems for Chinese rationality and technology emerging beyond exhausted Western paradigms. This, with the knowledge of its risk, is a kind of an experimental hallucination capable of permanent self-deconstruction as a strategy to surpass Western, and Asian, phono logo-centrism19 and metaphysical mono-contexturalism20 in thinking and technology. Morphogrammatics and polycontexturality as including and surpassing the Western design of thinking, computation and programming are satisfying the structural criteria of tabularity21 and complexity needed for the operative rationality of a new epoch.Hallucination always had been at the beginning of cultural revolutions. It always has been the job of cultural administration to deny it.“

    Ihr Leser

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  2. Die Hoffnung auf eine ominöse Erlösung von Außerirdischen würde ich ja noch erheiternd finden. Allerdings einer Kultur, die die hier vorgestellte Sprache seit Jahrtausenden verwendet nun plötzlich in der Lage zu finden, diese auf eine alles bisher Dagewesene übertreffende Weise in Anschlag zu bringen, obwohl Sie nachweislich über diese Jahrtausende hinweg nicht den Hauch einer Ahnung hatte, was das überhaupt sein soll, was sie nun daraus zu entwickeln habe – freilich dazu aufgefordert nicht von einem Chinesen, sondern von einem, na? Na? Abendländer, richtig – ist nur noch für sehr heitere Gemüter wie mich lustig. Sachlich ist das tatsächlich von einer Religion, einer ziemlich dämlichen, nicht weit entfernt.

    Haben die Deutschen die Mathematik so oft revolutioniert, weil sie eine Sprache pflegten, die jene merkwürdige Beziehung zu den Zahlen hat? Wir sagen vierundneunzig obwohl wir 9zig und 4 schreiben. Das verwirrt schon den Grundschüler. Man könnte sagen, vielleicht, denn ganz unbescholten sind wir Deutschen in der Mathematik nicht: Gauß, Weierstraß, Euler, Abel, Riemann, Kronecker, Klein, Cantor. Und die Franzosen? Die sagen vier mal zwanzig, wenn sie 80 meinen. Auch hier, ja vielleicht, die Franzosen haben die abendländische Mathematik tief beeinflußt und mitentwickelt – man denke bloß an Bernouille und Cauchy, Lagrange, Laplace, Legendre, Descartes und Fourier.

    Aber das liegt gerade nicht daran, daß diese Sprachen so herrlich an das Problem angepaßt gewesen wären, sondern: Wenn überhaupt, dann das Gegenteil! Die Engländer, die das alles richtig sprechen, kommen sehr viel seltener in der Geschichte der Mathematik vor. Weil die Sprachen dem Problem nicht sekundierten, sondern mit ihrer gegen den Strich gefaserten Verballhornung das System der Dezimalzahlen in Frage stellten, war ein grundlegenderes Denken nötig, nicht das bloße Vertrauen auf die von der Sprache vermittelten Selbstverständlichkeiten, in denen man sich bequem einzurichten pflegt. – Aber das nur als kleinliche Nebenbetrachtung.

    Womit wir es im Falle der chinesischen Sprache zu tun haben, ist die Frage nach dem Axiomsystem. Welches Axiomsystem komplimentiert eine Fragstellung am besten? Das Simpelste, oder das Komplexeste? Und die Frage wird mit der Frage selbst beantwortet: Denn Axiome sind p.d. das simpelste Verfügbare. Und das ist sicher nicht die chinesische Zeichensprache.

    Nun könnte man meinen, daß es sehr wohl höhere Definitionensysteme gibt – etwa die höhere Mengenlehre oder so etwas wie Regeln zum Integrieren oder Lösen von Differentialgleichungssystemen – die elegante Lösungen möglich machen. Nur dürfte klar sein, daß diese höheren Sprachen durchaus nicht entwickelt werden können, ohne die Grundsprache völlig verstanden zu haben und diese höheren Regeln wiederum nur in jenem Raum weiterentwickelt werden können, für welchen sie von der basalen Axiomatik eingerichtet wurden (Stichwort Nebenbedingungen, Spezialisierung der höheren Lösungsverfahren).

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  3. Niemand käme auf die Idee zu sagen: Basic (eine sehr hohe Sprache im Gegensatz zur Elementarsprache des Assembler) ist die Programmiersprache der Zukunft. Nein, es ist und bleibt C, eine sehr nah an der Maschinensprache operierende Programmiersprache. Daß diese selbst durch Objektorientierung auf höchsten Ebenen vollzogen wird, ist selbstverständlich. Aber programmiert werden muß noch immer und wird immer in der Sprache C. Das Denken in Klassen, Vererbung usw. ist eine zusätzlich zu fordernde Fähigkeit NACH derjenigen des basalen Verständnisses. Oder ganz provokativ: Einen Rechner bedienen ist etwas anderes als einen zusammenzulöten, geschweige denn ihn zu entwickeln.

    Im Gegenteil! Wird nicht am laufenden Band im Rückgriff die niedrigste Stufe auf ihre Effizienz geprüft, fliegt einem in der bloßen Zusammenstellung bereits vorgefertigter Klassen der gesamte Apparat um die Ohren, besser gesagt, er arbeitet sich auch bei immer größerer Ausweitung der Rechenkapazitäten tot. Das ist exakt das Problem der zu hohen Programmiersprachen – und so eben auch der zu hohen menschlichen Sprachen.

    Allein die ungeheure Fähigkeit der Buchstabensprachen, in ganz unabhängiger Weise neue Wörter zu bilden – die Grundlage jeder höheren Art von geistiger Entwicklung – wird bereits von Silbensprachen nur noch sehr eingeschränkt geleistet. Diese von uns sprachlich, innerlich, sinnhaft entwickelten Begriffe versteht der Chinese bloß noch als lautliche Ähnlichkeit.

    Außerdem ergeben sich daraus die Probleme des asiatischen Denkens: Nicht im Aufbau neuer Dinge aus Einzelelementen, sondern im Hinzufügen eines neuen Symbols. Tausende von Grundsymbolen sind zur Erlernung der chinesischen Sprache nötig. So fällt nicht nur die Variabilität der Wörter sofort auf ein Minimum herab, sondern Sprache wird zu einem auswendig zu lernenden Riesenkonglomerat, das sich nicht auseinander ableiten läßt. Überblick wird nicht durch Verstehen geschaffen, sondern durch Auswendiglernen.

    Maybe we are doomed. They are definitely doomed since 1000 b.c.

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  4. Ich sehe das sehr ähnlich. Diese Geste des erlösenden Abendländers vom Joche seiner eigenen Kultur, die sich durch das zweite Thema seines Tuns und Handelns (seiner moralischen Qualität als Christ oder Europäer) deutlich zu unterscheiden weiß von allen anderen Hochkulturen, das ist wirklich der allerbilligte Herzensdünkel. Frei nach dem Motto: was auch geschieht, über den moralischen Wert des einfühlsamen Abendländers, der Alles und Jeden versteht und liebt, kann sich keine Kultur hinwegsetzen, die in eine Zukunft haben möchte. Das entscheiden nämlich noch immer Wir! … Freilich, von welchem „Wir“ wird da gebrüllt?

    Was Sie zur Programmiersprache sagen leuchtet ebenfalls ein. Das ist ja derselbe Gendakengang auf dem Gebiete der Software-Entwicklung wie komplementär auf bei der Hardware. Grundsätzlich muss alles in den sequenziellen Grundtext umgeformt werden können, um überhaupt als Software angespielt zu werden (deshalb 1:1 Komplmentärität. Ob In-Formation diesen Namen verdient hängt von der Ablesbarkeit der materiellen Konstruktion ab. Und diese blieb sich grundsätzlich seit Leibnizens Calculatos gleich. Freilich kann man unterscheiden zwischen Analog- und Digitaltechnik aber auch diese sind keine Gegensätze, solange der Stromfluss als Materie interpretiert in Form gebracht wird.)

    Was die Fülle der Zeichen anbelangt und der Autor als Hyper-Komplexität darstellt, hat neben den aufwendigen Aspekt des „Auswendiglernens“ aber in diesem kulturellen Umkreis eine bildhafte Assoziationsgemeinschaft gebildet, die ihre ihre Graphie ganz unabhängig von phonetischen Wort festhalten und erweitern konnte, ohne im gesamtchinesischen Raum zu Kommunikationshemmnissen zu kommen. Überhaupt das Auseinandergehen von Phone und Graphen ist etwas völlig unverständliches im abendländischen Logos – und wie der Autor bemerkt, das größte Hemmnis für die Entwicklung einer reinmechanisch-technischen Interpretation des sprach- und zeichenbildenen Vermögens. Was das nun alles in Tiefe für den menschlichen Geist bedeutet, ich weiß es nicht zu sagen. Aber es weckt mein Interesse. In der chinesischen Kulturentwicklung hat sich da etwas abgespielt, dass ebenso Teil des menschlichen Denk- und Kommunikationsvermögens ist (Gehirnforschung habe wohl ergeben, dass entweder aus Wortvorstellungen sich Gedanken ergeben können oder aus prozesscharakterlichen Bildvorstellungen. Das erste verstehen wir sehr gut, das zweite eher weniger, da es sich nicht analytisch auf seine Bestandteile aufbrechen lässt – die Eigentünlichkeit eines prozessualen „Denkens“ mit wenig Dingcharakter)

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  5. Das Verhältnis von Axiomatik zur Fragestellung ist demnach einbegriffen in dem Elementarharakter bei der Darstellung eines Problems. Jedoch sprechen wir, wenn wir Probleme angehen, die dem abendländischen Symbolvermögen gewachsen bzw. adäquat sind eben von bestimmten Problemen. In diesem Falle abendländischen Problemen. Die Einsicht dass „der Mensch“ je nach geschichtlich-sedimentierter Notwendigkeit ein Problem als solches für sich zu erkennen, bringt uns wenigstens ein Stückweit einer toleranten Grundhaltung gegenüber andere Kulturen. Es hilft jedenfalls wenig weiter in der Selbsterkenntnis (und der Frage nach der kosmologischen Stellung „des Menschen“ überhaupt), andere Wege zu ignorieren und die Linearität des abendländischen Aufstiegs und Übergriffs als das Wesen des Menschen zu deuten. Davon nämlich ganz abgesehen, dass der abendländische Mensch es als höchst erstrebendswert ansah, auch aus den innerkulturellen zwischenstaatlichen Litaneien resultierend, den eigenen Vorteil (der wiederum aus einem ganz bestimmten Problembewusstsein erwuchs) herrisch-niederblickend den Rest der Welt abendländisch zu machen, sich dem Reste aufzuzwingen und zu unterwerfen, könnte unter Umständen zu Problemem zurückschlagen, die wiederum unserem Problembewusstsein nicht mehr adäquat werden. Ich denke das ist die Hauptsache, die der Autor nahelegen wollte. Z.B. die Lösung in der Effektivierung der technischen Mittel ist so ein Problem. Ökologisch wie ökonimisch. Bloß bleibt die Frage, ob, wenn es der Abendländer nicht bewältigt, eine andere Kultur es eventuell könnte. Scheint doch das wirtschaftliche Problem, das in Ihrem Dialog dargestellt, gänzlich um die Frage der Effektiv-Machung technischer Entwicklungen gekoppelt an einem gewissen Qualitätsstandart. Natürlich haben wir das Bewusstsein, da die entsprechende Mitte zu finden, zumal man das „Volk“ ruhigstellen möchte. Aber ist dieses Konzept tragfähig für Probleme ganz anderer Ordnung?

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  6. Zur Vollständig des kleines Textes noch den ersten Teil:

    -DRAFT PAMPHLETIt

    is the paradigm of writing on which main cultures are depending. Their kind of rationality, their efficiency of technology, the way they organize society and communication, arts and sciences, all are not to separate from their paradigm of writing. How people are involved in writing and scriptural practice is enabling their possibility of thinking and living. Main cultures always depend on their paradigm of writing. Writing in general is the most abstract mechanism and technology of cultural formations 1.

    European culture, the first hallucination

    European culture depends on alphabetic writing and the Indian concept of Zero2 with its mechanism of positionality enabling arithmetic, a rational economy of calculation, formal and programming languages in general3.
    Leibniz had a first European hallucination about Chinese writing. He conceived in his hallucination the idea of a Lingua Universalis as a base of negotational and calculable communication between peoples and nations.4 He proposed his idea in analogy to the Chinese hieroglyphs which are mediating between different spoken languages by their scripturality. To realize his dream he invented the binary number system as the most non-redundant concept for number representation
    and calculation. He speculated it as an European answer to the I Ching5. Consequently,he invented on this base language-independent calculi, logic and a prototype of a mechanical calculator (computer)6.
    Modern European science and technology followed Leibniz’ ideas and produced binarism and digitalism in technology which is, today, the basic technological and economic force in the Western, but also in the Asian, world. But the development of technology in Europe stayed regulated and constraint by the framework of Old European theology, metaphysics and ethics.

    The US-American dream

    In America, European thinking and technology could get rid of its constraining metaphysical roots. Inventing „Ubiquitous Computing“, technically realized as Artificial Intelligence, Artificial Live, Cognitive Systems, Robotics, etc., it was able to realize digitalism without frontiers7.
    Today, the US-American dream is exhausted8. In its successful realization it has come to a closure. While Old Europe is still occupied with its Greek roots9, US-America, who got rid of these European limitations, now, is missing roots as inspirational resources to design futures. The
    necessary decline of America is rooted in its lack of roots. The total detachment from Europe, the lack of own grounds, culminated in digitalism and brought it to its extremes. A more radical technical speculation than the reduction of immortality of the human soul on the base of 1 and 0, as conceived in digital metaphysics, seems not to be accessible10. All the following future USAmerican developments will appear as reiterations of its pragmatistic world-view of digitalism.
    Thus, the European and US-American dream, based on Greek alphabetism, Indian number
    theory and Leibniz’ hallucination of a European adoption of the Chinese Model of writing has been dreamt out and lost its power to design planetarian futures.

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  7. Wenn wir von der blanken Maschinentechnik reden, gibt es keine „abendländischen Probleme“. Wie sonst könnten sich die Chinesen und der Rest der Welt für Autos, Computer, Hifi-Analgen interessieren.

    Der Autor scheint in der Verzweiflung eigener Unfruchtbarkeit irgend einen edlen Wilden herbeizusehnen, der – ohne daß dafür irgend ein praktischer Anhaltspunkt bestünde – dieses An-ein-Ende-gekommen-Sein wundersam überwindet, zu dem er seine eigene Kutlur nicht mehr fähig erachtet.

    Im übrigen hat das Abendland niemandem etwas aufgezwungen. Die niedrig entwickelten Völker haben sich allesamt entschieden unsere Segnungen der Kultur und Technik übernehmen zu wollen. Da hat sich keiner entgegengestemmt. Gleichwohl haben die Überlegenen sich ihren Vorteil verschafft. So sehen Sieger aus.

    Aber es ist ein typisches Phänomen, daß späte Kulturen sich für ihre Überlegenheit schämen. Und zwar deshalb, weil sie begreifen, daß diese Überlegenheit einmal war und nicht mehr ist, daß sie selbst bereits zu degeneriert sind, sich noch zu diesen Überlegenen zu zählen. Und daraus schließen sie, daß andere etwas Gleichwertiges schaffen könnten oder sogar noch größeres. Und das ist nicht einmal falsch – gemessen an ihrer Degeneration. Nicht aber richtig gemessen an der Genialität ihrer Vorfahren.

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