Mit der ordinären Sechs-Uhr-Post nach Halle…

Ich fahre nach Naumburg, meiner Heimatstadt im Geiste. Nie werde ich die Großartigkeit meiner ersten Ankunft in diesem Städtchen auch nur ähnlich erneut erleben können. Enttäuscht aus Röcken kommend, von dem ich die Landschaft erwartet hatte, die eine Kindesseele zum Genie geformt hat, jedoch nichts als weite Ebene vorfand, hinab ins Tal der Saale, wie es der 6-jährige Nietzsche gesehen haben mußte: südische Weinberghänge, die weite Tiefebene von niedrigen Aquädukten durchzogen, und leicht erhaben darin auf einem Burghügel die Stadt. Als ich aussteige und das alte Pflaster zum Dom hinabschreite und der Wolkenhimmel Licht und Dunkel auftürmt, beginnt mit dem ersten durchdringenden Lichtstrahl das 18 Uhr Geläut. Ich wünschte ein Pilger nach Tausend Meilen Fußmarsch gewesen zu sein.
 
Heute umgekehrt, hinauf auf die Ebene. Ich treffe einen Bündischen, der wild zeltet. Er studiert Materialwissenschaft und kommt aus Ulm. Er mache das öfter. Wir sprechen über Federn. Mein Kommentar zur amerikanischen Außenpolitik gefällt ihm. Ein sehr freundlicher Mensch in Walzhose. Außerdem beim Mittagessen einem altem Bekannten die Hand geschüttelt, der zuvor von der Redlichkeit der Erfindung sprach.  Ich glaube, er weiß selbst, wie fragil diese Bestimmung ist. Aber sie ist anrührend.
 
Dann eine Runde in der Natur. Ich versinke träumend in der Weite der Alleen. Es duftet nach frühem 19. Jahrhundert. Es quietschen Kutschräder, möchte man meinen. Ein kleines Wäldchen in der Entfernung. Dort hin. An einer Gabelung treffe ich einen Eisenbahn-Vermessungsingenieur, ein sichtlich wohlmeinender und gemütlicher Mann mit brauner Gesichtsfarbe, der mit seiner Frau spaziert. Die Sonne scheint, der Wind geht. Ich ziehe Jackett und Weste aus und stecke das Halstuch ein. Links von uns, hinter dem Wäldchen, liege ein Tal, das zuletzt 1950 Wasser geführt habe. Es ist eine Mulde im Land, das Geiseltal. Das komme nicht von der Geißel dieser Springflut, wie ich berichtigt werde, sondern von irisch Geysir. 
 
Die Grenzsteine hier von 1778, also wie bei uns daheim. Ich frage mich, welche politischen Neuordnungen in diese Zeit fallen. Dann auf eine alte Pflasterstraße, die Köpfe wie Korbgeflecht ausgewaschen, dann und wann auch kariert verlegt. Am Rand ein Sommerweg. Napoleonische Allee ohne Pappeln. Er arbeite vor allem in Anatolien und in der Schweiz. Die Bräunung in seinem freundlichen Gesicht mit kurzem und schütteren Vollbart wird mir erklärlich. 

Er erzählt allerlei. Der Knochenfriedhof von Naumburg. Was sei das Wunderliches? Knochen gebe es auf jedem Friedhof. Die alten Naumburger erzählten, die einzige Bombe des Weltkriegs sei auf den Gottesacker gefallen und habe die Gräber umgepflügt, sodaß die Knochen oben auf lagen.
 
Über die Wassertürme der Dörfer hier: Warum sie so zahlreich erhalten sind? Wir kommen darauf, daß sie im Mittelgebirge nur deshalb seltener, da sie nur auf Höhendörfern gebraucht wurden, sonst aber der Wasserdruck von Berghängen her kam. Sie sind daher hier in der flachen Gegend einfach häufiger und deshalb häufiger erhalten. Eine amerikanische Landschaft mit amerikanischer Wasserturmromantik könnte man sagen.
 
Auch wir kommen auf Außenpolitik. Der Vermessungsingenieur meint, die Korruption der amerikanischen Außenpolitik, die man mit Clinton zu erwarten habe, sei äußerst bedenklich. Ich antworte, daher sei die Abschaffung der Heuchelei in der Politik das Gebot der Stunde. Man könne nicht weiterhin dem angeblich bösen Russen das halbe Uranvorkommen der USA verkaufen, dem bösen Iran 150 Mrd. $ schenken und gleichzeitig Regime-Change in eigentlich befreundeten osteuropäischen Staaten herbeiführen. Das sei ja an Absurdität nicht mehr zu übertreffen. Wie solle da ein demokratischer Souverän noch angemessen entscheiden, wenn die eigentliche Politik mit den Donors im Vorzimmer abgesprochen werde?
 
Schließlich zurück und ins Café. Die Wirtin erkennt mich nach einigen Momenten doch wieder. Da ich gerade noch meine Wanderlektüre, von der ich keinen Gebrauch machte, in der Hand halte, gebe ich ihr Ginzkeys „Der seltsame Soldat“ und „Das Winterdenkmal“ in die Hand. Und das, weil ich dachte, es handle ich um vier fünf Seiten, in die sie eben schnell hineinsehen könnte. Daheim bemerke ich, daß die gefühlten 5 Seiten 25 und 12 sind. Die Zeit flog wohl über den Buchstabenraum. 
Man könnte so viel zu diesem „Winterdenkmal“ sagen. Es ist eine große Parabel auf den in der falschen Zeit Verlorenen, obwohl es vom falschen Ort spricht. Ich sinne darüber, was davon mich betrifft. Mein Sohn, du siehst, zum Raum wird hier die Zeit.
 
Da ist man von so vielen Menschen umgeben, die einem ähnlich sind, und doch fühlt man sich unendlich fremd. Wie kommt das? Man spricht, sehr viel Freundlichkeit. Vielleicht ist diese Landschaft, diese geistige Landschaft für mein empfindsames Gemüt zu emotional. Vielleicht ent-sinnt sie mich zu sehr an das Verlorene, das nimmer wiederkehrt. Zur Zeit wird hier der Raum.

Ein Gedanke zu “Mit der ordinären Sechs-Uhr-Post nach Halle…

  1. Wohltat

    Sprachlich in einer solchen Schönheit verfasst, dass er inspiriert.

    Die Leiden des jungen Herrn Wangenheim; ich kann nicht behaupten, dass ich Ihren Schmerz fühle, aber ich bilde mir dennoch ein, ihn nachvollziehen zu können. Nichts destotrotz erbaut der Beitrag, und wenn es nur dadurch ist, dass er an bessere Zeiten erinnern lässt.

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