Russendisko vom 09 Sep 2016 . Cesar Cui . 12-Töner . Metropolis-Architektur . Heimatfilmmusik

Verfrüht in der Russendisko, und was läuft? Ein Klaviertrio von Kiel. Friedrich Kiel. Friedrich wer? Etwa so. Ich tippe auf 1800. Glatt um ein Dreivierteljahrhundert verschätzt. Das klingt doch wie uninspirierter Beethoven. Da kommt der Herr doch etwas spät. Nein, Musiklehrer. Diese Akademiker immer. Immerhin sein Handwerk verstanden. Aber typischerweise etwas hinterher, zeitlich.

Ich frage unseren Musikus vom Dienst, ob es in der Musik etwas Vergleichbares gibt, wie in der Malerei, etwa mit Picasso oder Rousseau, daß die Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts das Handwerk eben nicht mehr verstanden hätten und daher mehr oder weniger aus Unfähigkeit trivialere Formen von Musik als das Ihrige erwählt hätten. Nein, Schönberg habe vor seiner Zeit in der Zwölftonmusik durchaus spätromantisch komponiert, sich also nach allen Regeln der Kunst von Harmonie zu Harmonie gehangelt.

Ich meinte, sage ich, hätte er ein solches Klaviertrio schreiben können? Im Stil Beethovens? Nein. Das nicht. Das spricht doch Bände! Denn was heißt dieses Spätromatische? Weitgehend die Reduktion der Musik auf harmonische Zusammenhänge. Von Rhythmik, Fortspinnung, Puls, wie er immer sage: nichts mehr. Und diese Unterschlagung rhythmischer Fragen nennten die Zwölftöner dann Fortschritt. Ich sage, ich meinte gar nicht bloße Rhythmik, eher Variation, Entwicklung des Motivs, Fuge. Wohl haben Sie über dem Fortschritt der Musik das Fortschreiten derselben vergessen. Es wird gelacht.

Zunächst zu Urlaubsbildern aus Riga. Die als Jugendstil verkaufte Architektur der Großstadtstraßenzüge. Ich sage, so etwas hätte ich noch nie gesehen. Das sei ganz ungewöhnlich. Mit Jugendstil habe das nur randständig zu tun. Freilich, die Bogenfenster, kreisüberfangene Öffnungen, Köpfe. Aber man sehe sich einmal das eigentliche Ornament an. Da sei von fließenden, natürlichen Formen nichts zu sehen, keine Ranken, keine höherdimensionalen Linien. Hier regierten rechte Winkel und schwere Quaderformen. Schaue man sich die Feinheiten der Ornamentik näher an, so habe man es eben nicht mit Füllhörnern und Kränzen zu tun, sondern mit geradezu technisch anmutenden Formen, mit Schaltkreisen, ja Maschinenabgüssen. Das sei die vollendete Form dessen, was ich immer Metropolis-Stil nennen würde. Noch nie hätte ich derart durchgezogene Entwürfe desselben gesehen. Ähnliches könne etwa auch in Eisenach an einigen Beispielen besichtigt werden. Oder in  Syberia.

Mir falle gerade auf, daß der Metropolis-Stil im Grunde elementargeometrische Formen verwende: Kreis, gleichmäßige Winkel, Geraden, wie in der Romanik, also kultisch (siehe KuI) und damit auf sehr kurzwelliger Ebene einen Gegenentwurf zum ingenen Jugendstil darstelle. Nur könne ich nicht aus der Lameng sagen, was früher dagewesen sei.

 

Endlich ist die Russendisko wieder vollzählig, alle Vier anwesend. Heute Zesar Antonowitsch Kjui, dem wohl einzigen Fortifikations-Komponisten der Weltgeschichte. Das Portrait Repins im Offiziersmantel: Ich sage, das sei doch ein preußischer Mantel, mit den roten Aufschlägen, feldgrau, doppelreihig – die Hosen ebenfalls mit roten Lampassen. Am Ende kämen Design und Schnitt aus Rußland?

Wir beginnen mit Cuis zweiter Orchestersuite in einer Aufnahme unter Gauk aus den 50ern. Mein erster Gedanke, nachdem der Hauptteil des ersten Satzes verklungen ist: Heimatfilm.

Nun ist dieses Urteil bei mir nicht gar zu selten. Doch diese Abwechslung aus seichten Streicherwolken und dann und wann rhythmischer Einsprengsel – die über die Wiesen springenden Dirndl-Mädchen – all zu deutlich. Auch erinnert es gelegentlich an Luis-Trenker-Filme oder Herbert Windt. Das alles wundert angesichts des sonst eher marginalen zeitlichen Abstandes zu den wohlbekannten Heimatfilm-Begleitungen der 50er-Jahre nicht sonderlich. Hier hören wir jedoch Musik aus dem Jahre 1887.

Ich frage, was das eigentlich für Musik sei? Das beginne schon mit der Form, der Suite. Die Suite sei eine kleine Sinfonie unter Verwendung von Themen, die sich nicht für ernste Musik eigneten. Auch gehe es hier weniger um kunstvolle Themenverarbeitung usw., eine Art Sammlung von Charakterstücken. Das sei gut gesagt: Charakterstücke, d.i. Charaktertypen treffe man ja auch in den Heimatfilmen.

Aber mir scheine noch etwas ganz anderes eine Rolle zu spielen. Wenn wir uns fragten, aus welcher Zeit diese Musik eigentlich stamme, so stünden wir unmittelbar auf dem Schlauch. Diese Musik sei ungeheuer abstrakt. Das klinge zunächst angesichts der eingängigen und geradezu primitiven Melodien absurd. Tatsächlich aber fehle hier jeder Hinweis auf eine Epoche. Man sei schlicht nicht in der Lage diesen Stil musikhistorisch einzuordnen. Und das sei doch famos. Eine Musik ohne Herkunft, ganz im Sinne Wagners. Und dessen Primitivität bezüglich der Motivwahl sei ja unter uns legendär. Zugleich aber handle es sich um die Zeitlosigkeit der Volksmusik, die ebenfalls keiner Epoche zuzuordnen sei, ganz Spenglersch aus dem Ungeschichtlichen komme.

Auch sei diese Musik ungeheuer bildhaft. Es ergebe sich ja schließlich keine Assoziation im musikalischen Sinne, die uns auf andere Stücke, selbst auf andere Stücke dieser Art verweise. Man müsse daher bildliche Assoziationen haben: Wagnersches Musikdrama. Das sei doch ein unglaubliches Phänomen. Man müsse dem nachgehen: woher eigentlich dieser Stil stamme. Ich bekommen vor allem französische Komponisten angeboten: Gounod, Delibes, Adolphe Adam, Boieldieu. Aber dieser spezifische Ton, scheint mir hier nicht vorzuliegen. Am ehesten noch bei Delibes.

Durchaus trage wohl die 50er-Jahre-Aufnahme zusätzlich zur Ähnlichkeit mit Heimatfilmmusik bei, allerdings zeigt sich später, daß neuere Aufnahmen durchaus noch den Charakter behalten.

Es kontrastiert dagegen die erste Suite Tschaikowskis. Wesentlich elaborierter. Um die Höhe des Tons besorgt. Keine Leichtigkeit. Im Grunde eine ausgewachsene Sinfonie. Freilich gemessen an der ohnehin immer an tanzende Nußknacker erinnernden Musik Tschaikowskis. Immerhin, er verzichte auf den typischen Krawall-Schluß.

Schließlich in halber Besetzung zum Vergleich, aber ohne denselben Effekt, wie ihn die zweite lieferte, die dritte Suite von Cui mit diesem herrlichen Scherzo. Ein Déjà ecouté, das ich noch nicht auflösen konnte.

 

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4 Gedanken zu “Russendisko vom 09 Sep 2016 . Cesar Cui . 12-Töner . Metropolis-Architektur . Heimatfilmmusik

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