The National Interest: „Will Robots Kill Democracy“ . Eine Analyse . Teil 2

Der zentrale Gedanke bzgl. Hobbes und überhaupt der Frage nach der Fortdauer der Demokratie in jenem National-Interest-Artikel, den wir uns vorgenommen haben, und den ich beim letzten Mal auch bereits erwähnte, ohne auf seine Absurdität hinzuweisen, ist derjenige des „All men are equal.“

Nun sind das sicher minor details, daß dieser Satz bei Hobbes gar nicht vorkommt. Im Gegenteil! Es heißt doch, meine lieben Erstsemester, die vor lauter ideologischem Hintergrundrauschen das Signal, die Aussagesätze Hobbes nicht mehr zu verstehen befähigt sind: „there be found one man sometimes manifestly stronger in body, or quicker of mind than another“. Yes indeed. Bei Hobbes steht ausdrücklich, nochmal für alle zum Mitschreiben: „Men are not equal.“ Das zunächst für’s Protokoll, meine Herren!

Es bedeutet nämlich einen kolossalen Unterschied, ob alle Menschen gleich sind, oder ob sie sich ebenbürtig im Kampf begegnen können, also alle für gleiche Rechte kämpfen, und zwar erfolgreich kämpfen können. Und exakt dazu hätte man den bereits erwähnten zweiten Satz lesen müssen. Oh, das klingt häßlich: lesen müssen. Lesen sollen, dürfen. Dort erklärt Hobbes nämlich, wie diese manifest differences überwunden werden können. Durch Intrige oder Zusammenschluß der Schwächeren!

Daher ist „despite their manifest differences, all men are equal“ grundfalsch. Es muß heißen „despite their manifest differences, all men can claim to be treated equal“. Die Betonung liegt hier wiederum auf „can“.

Nun liegt in dieser Analyse Hobbes‘ eine großartige Konsequenz, die sich alle Social Justice Warrior einmal als Branding auf die Stirn bedampfen lassen sollten, auf daß sie es jeden morgen erneut vor Augen haben: Wenn eine Gruppe unterdrückt wird, dann wird sie aufbegehren. Begehrt sie nicht auf, gibt es auch keinen Leidensdruck. It’s as simple as that. Wenn jeder für sich selbst kämpft, ist an alle gedacht. Denn was haben wir gerade von Hobbes gelernt? Niemand ist in der Lage aus bloßer Stärke an Körperkraft oder Intelligenz einen Anderen zu unterdrücken. Voilà.
Auch wiederum nur für’s Protokoll: …dessen Wollen gegen eine Andersbehandlung aufzubegehren vorausgesetzt – und da liegt btw. der Hase im Pfeffer.

Das heißt, die Demokratie – und alles übrige, das die Menschen u.U. für wertvoll halten – ist nicht in Gefahr, solang man bereit ist, dafür zu kämpfen. Ob man allerdings dazu bereit ist, das ist die eigentliche Frage. Und wenn die Herren Autoren das Können mit dem Wollen, wie letztens geschehen, verwechseln können – und sie können das; ich fürchte gar sie wollen das –, dann ist die moralinsaure Selbstbeweihräucherung kurz davor, die Freunde der klaren Luft dem Ersticken nahezubringen.

Nun aber kommen wir zum zentralen, wenngleich ziemlich altbackenen Argument der Autoren, weshalb die Demokratie in Gefahr sei.

By some estimates, half of current jobs are in danger of being replaced. […] As a larger supply of labor competes for fewer jobs, wages will fall for most, or dry up entirely. […] A small upper class will largely rely on technology to serve its needs. Meanwhile, a larger lower class will have very little of value to offer a shrinking labor market.

Oh, wenn nur die Hälfte aller Arbeitsplätze ersetzt werden! Oh, oh, dann gnade uns Gott! Kennen wir diese Geschichte nicht irgendwoher, ich meine „irgendwannher“? Im Jahre 1800 waren 75% der Menschen in Europa in der Landwirtschaft tätig. Um 1900 waren es immer noch 60%. Heute ist es noch 1%. Und das Horrorszenario von Lee Drutman & Yascha Mounk ist nun, daß 50% der derzeitigen Arbeitsplätze wegfallen? Uhhh. That really scares me.

Und dabei hat der „Durchbruch der Demokratie“, wie diese Kleingeister glauben würden, gerade erst mit jenem nahezu einer Ausrottung gleichkommenden Untergang der Landwirtschaft als Arbeitgeber eingesetzt. Ist es denn die Möglichkeit? Yes, it is, boys and girls.

Denn es hat uns doch an der Gesamtproduktion der Güter niemand etwas weggenommen! Im Gegenteil, es wurde immer mehr! Wir können uns vor überschüssigen Lebensmitteln gar nicht retten, so billig ist das Zeug geworden. Und was sind die Menschen, die in der Landwirtschaft nun nicht mehr unterkommen, sondern von Maschinen ersetzt wurden, heute alle der Unterdrückung im westlichen Wohlstandssystem preisgegeben! Oh, du böses Schicksal!

Woran liegt das? Ganz einfach: All die tollen Dinge, die jene Robotic workforce herstellen wird – Unmengen, wie sie menschliche Arbeitskraft herzustellen nie vermocht hätte – muß doch wohl irgend jemand kaufen, oder irre ich mich? Das gilt für Lebensmittel wie für Technik, Bauten und Dienstleistungen aller Art. Wer soll das Zeug benutzen, wer soll die Nachfrage stellen, wenn die Masse in diesem Szenario so unbarmherzig verarmt ist?

Der Markt ist ein mirakulöses Ding. Die komplexesten Produkte mit umfangreichsten Zulieferanteilen werden möglich, weil ein simples Preissystem Angebot und Nachfrage exakt regelt. Wird ein Rohstoff unhaltbar teuer, wird das Produkt modifiziert oder ein Ersatzstoff gesucht. Wird ein Stoff unverschämt billig, ersetzt er plötzlich andere Stoffe, forciert damit die leichter auszubeutende Quelle, und spart ungleich mehr Arbeit an anderer Stelle. Ein wirklich sonderbar intelligentes Steuerungssystem, der Preis, nicht wahr?

But there’s a downside. Alle Zustände, in denen es für noch so wunderschöne Produkte keine Abnehmer gibt, das heißt, der Preis einfach lächerlich niedrig ist, also unterhalb der Produktionskosten liegt, treten gar nicht ein. What about that, folks? Sind also die Massen verarmt und können die massenhaften Produkte der Roboterindustrie nicht mehr kaufen, dann wird niemand diese Roboter entwickeln, kaufen, produzieren lassen. Got it?

Was dagegen sehr wahrscheinlich passieren wird, ist dasselbe, was schon im 19. Jh. mit der Landwirtschaft geschah: Am Ende sind alle better off. Nicht die Masse ist verarmt, sondern die Preise sind gefallen und die Masse ist damit reicher geworden. Die Spanne zwischen Arm und Reich wird vielleicht noch exorbitanter anwachsen. Aber der minimale Lebensstandard wird wieder einmal gestiegen sein, die Masse gehoben.

Und kommen Sie mir nicht damit, daß die Roboterwelt ja die Dinge nun derart billig produziere, daß jene verarmte Mittelschicht sich das eben doch leisten könne und also Abnehmer stelle. Denn wenn das der Fall wäre, dann würde mir gänzlich unklar, wo der Unterschied zum jetzigen Zustand liegen soll. Es geht immer um das Verhältnis der Einnahmen und Ausgaben. Wenn ein overall landslide der Preise und Löhne stattfindet – bitteschön. Am Wohlstand ändert sich gar nichts. Höchstens an der Schwere der Arbeit und der Freizeit, und zwar im positiven Sinne.

Schöne neue Welt!

(Im dritten Teil werden wir uns dann der Frage der Gerechtigkeit dieses Zustandes hingeben und auf das „Horrorszenario“ einmal einlassen.)

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