The National Interest: „Will Robots Kill Democracy?“ . Eine Analyse . Teil 1

Allgemein bekannt, so will ich meinen, ist die Tatsache, daß deutsche Intellektuelle nicht intellektuell sind. Das liegt schlicht darin begründet, daß man aus Mangel an echten Intellektuellen Schwätzer zu Intellektuellen ernannt und damit den Begriff verwässert hat.

Interessanter ist jenes Phänomen, daß sie intellektuelle Beiträge liefern, obwohl sie selbst nicht intellektuell sind. Da werden Sie fragen: Wie ist das möglich? Die Antwort lautet: Weil es anderswo Intellektuelle gibt.

Es ist ein wiederkehrendes Phänomen, daß Themen, die in amerikanischen Thinktanks aufgeworfen werden, mit einer gewissen Verzögerung in deutschen Tages- und Wochenzeitschriften auftauchen. So weit, so natürlich. Allerdings nicht nur das. Auch die Gedankengänge zeugen – von den radikalen Beschneidungen der im konkreten Fall politisch inkorrekten Inhalte abgesehen – von einer fabelhaften Koinzidenz. Sie dürfen also sicher sein, daß jeder annähernd erwähnenswerte Gedanke der deutschen Journaille seinen unveränderten Ursprung in tatsächlich von Fachmännern geschriebenen Artikeln der amerikanischen Presse hat.

Das erzähle ich Ihnen natürlich nicht, um eine Hohelied auf die amerikanische Presse und ihre Zuarbeiter zu singen. Denn diese Herkunft ist leider alles andere als ein endgültiges Qualitätsmerkmal.

Ich rezensiere, oder sagen wir treffender: Ich korrigiere nämlich heute für Sie einen Beitrag zum Phänomen Industrie 4.0, des neuen Robotik- oder Automationszeitalters – wie auch immer sonst Sie es nennen mögen – aus dem National Interest „Will Robots Kill Democracy“ (Lee Drutman & Yascha Mounk).

Diese Korrektur ist bitter nötig – im Einzelnen, wie im Ganzen. Das beginnt gleich im Eingangszitat. Sie wissen, mit einem Zitat beginnt der desinteressierte Zweitsemester seine Bachelor-Arbeiten, wenn ihm sonst nun wirklich gar nichts besseres einfällt. Hier muß der gute Hobbes herhalten. Das Zitat lautet:

NATURE hath made men so equal in the faculties of the body and mind, as that, though there be found one man sometimes manifestly stronger in body or of quicker mind than another, yet when all is reckoned together the difference between man and man is not so considerable as that one man can thereupon claim to himself any benefit to which another may not pretend as well as he.

Nun sollte man immer stutzig werden, wenn der erste Satz aus einem Kapitel – und dieser allein – zitiert wird. Es mag plakativ klingen, wenn ich aus solchen oder allgemein weit vornanstehenden Zitaten schließe, der Zitierende kenne nur den Anfang. Aber ich sage Ihnen: Das bewährt sich immer wieder. So auch hier. — Nun will ich freilich niemandem zu nahe treten: Gelesen hat man schon. Bloß eben nicht verstanden, oder: Man wollte es nicht verstehen… Und das läßt sich beweisen.

Denn welchem Zweck dient das Zitat? Man kommentiert es folgendermaßen: „This peculiar thought – that […] all men are equal – has laid the intellectual foundation for democracy’s unlikely triumph.”

Hier überschlagen sich bereits die Unsinnigkeiten. Man mag sich streiten, ob der Triumph der Demokratie in einer hochtechnisierten Volkswirtschaft, in der selbst für die Ärmsten noch Nahrung und Wohnung abfällt, wirklich derart „unlikely“ war, oder ob nicht vielmehr schon Smith immerhin andeutete (den ich diesbezüglich nicht zitiere, denn das Zitat würde ungünstig vom Beginn des Werkes stammen…), daß solche Gesellschaften automatisch mit derartigem industriellen Entwicklungsstand einhergingen.

Vor allem aber hat nicht dieser Gedanke, mag er noch so merkwürdig sein, wie die Autoren glauben, diesen Triumph intellektuell fundiert, sondern eben die Tatsache des Wohlstandes, der technischen Entwicklung und also die intellektuellen Leistungen der Erfinder und Ingenieure. Denn exakt so lang bis diese wirtschaftlichen Grundlagen geschaffen waren, hat die hehre Idee unberührt jungfräulich der Dinge harren müssen, um dann – oh Wunder – mit einem Male im 19. und frühen 20. Jh. „umgesetzt“ zu werden. Auf Hobbes berufen hat sich dabei natürlich niemand. Und zwar weil er für diesen Vorgang völlig unerheblich ist.

Schauen Sie hierzu gern noch einmal an den Schluß des 10. Kapitels in Spenglers „Der Mensch und die Technik“, um zwischen tatfremder müßiger Neugierde und praktischer Dienstbarmachung unterscheiden zu lernen. Aber wir wollen nicht kleinlich sein. Schreiten wir zu bedeutenderen Dingen voran.

Denn nun heißt es „Will society retain its believe in equality, when it is no longer just man against man? Can democracy thrive when more and more benefits accrue to machines, that are stronger in body, and quicker in mind, than any mere mortal? And will the machines’ owners remain willing to honor the claims of their social inferiors…?” – Nun, ob eine Gesellschaft an Gleichheit glaubt, fürwahr, ist völlig irrelevant (aber das gehört zum notwendigen Anschlußgefasel von Politikwissenschaftlern). Ob sie danach handeln wird, ist eine andere Frage. Und eine dritte ist, was es heißt, danach zu handeln. Das wären sind Sachfragen zum Thema.

Bevor ich diese in Opposition zu den Autoren beantworten werde jedoch, gilt es noch eine Frage an dieselben zu stellen: Haben Sie den darauffolgenden Satz bei Hobbes gelesen? „For, as to the strength of body, the weakest has strength enough to kill the strongest, either by secret machination or by confederacy with others that are in the same danger with himself.“ Der gute alte Hobbes beantwortet also die Initialfragen der Abhandlung selbst – das haben alte, gut durchdachte Schriften so an sich, daß derlei Selbstverständlichkeiten nicht offen bleiben.

Dafür umfassendere schon: Zum Beispiel jene Stelle aus dem ersten Satz dieses Kapitel XIII von der „Glückseligkeit“ der Menschen, daß aufgrund jener Gleichheit niemand einen Vorteil beanspruchen könne, den ein anderer nicht zu erheben fähig wäre.

Nun, das ist reichlich unpräzise formuliert. Was meint Hobbes? Beanspruchen können? Beanspruchen dürfen? Wörtlich genommen, also mit „can thereupon claim to himself any benefit“, heißt es, er könne gar nicht. Nun, wenn er nicht kann, dann ist das eine feine Analyse, die den Zustand und seine Begründung darlegt, nicht mehr. Es ist eben nicht irgend ein weinerliches Gejammer, ob jemand dürfe, sondern ob es überhaupt möglich sei.

Welche Auffassung Hobbes tatsächlich zu diesem Naturzustand hat, und daß jenes „can“ sehr bewußt gewählt ist, zeigt sich später im Kapitel, da es heißt: „To this war of every man against every man this also is consequent, that nothing can be unjust. The notions of right and wrong, justice and injustice, have there no place.“

Schade! Nicht wahr? Die Frage nach der Ungerechtigkeit sei hier überhaupt nicht am Platze. Aber unsere sozialistischen Freunde haben doch gar kein anderes Thema als das. Geimein! Ihnen geht es doch nur um das „Dürfen“: Darf jemand beanspruchen, darf ein anderer von diesem Anspruch Anteile fordern usf. Aber selbst wenn wir uns auf diese Einseitigkeit einlassen: Was dabei gern übersehen wird, ist die Frage des Wollens.

Wer „kann“, der muß noch nicht „wollen“. Und das gilt insbesondere vom Unterlegenen. Daß er nicht „will“, zumindest nicht so sehr, daß er sich zum Kampfe aufraffen könnte, ist ja gerade der Grund dafür, daß er unterliegt. Raubtierethik und Pflanzenfresserethik. Bis er sich tatsächlich entschließt zu intrigieren oder sich zur Revolution zusammenzuschließen, vergeht daher genügend Zeit, um dem Stärkeren die umfassende Akkumulation von Kraft und Reichtum zu ermöglich. — Aber nicht zu schnell, des Chaoes wunderlicher Sohn. Wir wollen wirklich uns besinnen. Die nächstenmale mehr davon.

2 Gedanken zu “The National Interest: „Will Robots Kill Democracy?“ . Eine Analyse . Teil 1

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