Oswald Spengler – Der Mensch und die Technik . Ein Begleitkommentar . Kapitel 3

Es gibt dem Typus Mensch einen hohen Rang, daß er ein Raubtier ist. — Mit einem Mal sind wir auf dem Höhepunkt Spengler’scher Sprachgewalt angelangt. Gegen die hier herrschende Klarheit, das unerschrockene Insistieren auf die nicht wenig verstörenden Realität und den unbestechlichen Blick für die Tatsachen kommt das Pendant aus der Feder Nietzsches geradezu barock daher: Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen.

Und mag jener Absatz Das Raubtier ist die höchste Form des freibeweglichen Lebens. […] auch einer der sprachlich eindrücklichsten in Spenglers Oeuvre sein, es ist doch nur das Ergebnis, der ausformulierte Schluß der zugleich vielleicht faszinierendsten Analogie im Denken des Physiognomen Spengler: derjenigen zwischen den Arten des Sehens von Pflanzenfressern und Raubtieren.

Denn das ist zweifellos eine ungeheure Beobachtung: Das Huftier überblickt durch die Seitwärtsrichtung der Augen ein Gesichtsfeld von nahezu 360°. Raubtiere dagegen sehen stets nur die Hälfte ihrer Umgebung – sie können sich diesen Umstand leisten; Spengler sagt: weil sie niemandes Beute sind –, und gewinnen durch diese Beschränkung im Überschauen das permanent fokussierte, richtungsgebende Sehen, das perspektivische Sehen.

Diese Fokussierung ist es, welche die geradlinige Bewegung des Raubtiers auf seine nicht nur bzgl. der Richtung, sondern auch in der Entfernung präzise lokalisierte Beute möglich macht. (Wenn auch unbewußt, so doch zweifellos davon beeinflußt, sind meine Ausführungen zum Verhältnis von Bewegung & Ruhe vs. Blick & Überschauung in KuI S. 24 ff.)

Erst hierdurch wird Entfernung zu einer wesentlichen Meßgröße der Wahrnehmung, erst hierdurch entsteht der Raum in der virtuellen Abbildung der Realität durch die Sinne und das Gehirn des Raubtiers – und zwar insbesondere in unmittelbarer Nähe, während der Verfolgung, um den Sprung abzuschätzen, wohingegen die gefährliche Nähe für das Beutetier schlicht durch die deutliche Wahrnehmbarkeit irgendeiner fremden Bewegung gegeben ist, die nicht im Flimmern der Entfernung untergeht.

Aber das ist auch der tiefere Grund dafür, weshalb sich ein Raubtier überhaupt anzuschleichen vermag: Es muß sich nicht auf die geringfügige Vergrößerung des Objekts bei der Annäherung verlassen, sondern hat einen dreidimensionalen Eindruck von der Entfernung. Während der Pflanzenfresser noch unbedarft von nichts eine Ahnung hat, ist dem Raubtier jeder Schritt in Richtung der Beute eine neue Stufe der Gewißheit, den Sprung unfehlbar blutig enden zu lassen. Dieses erstmalige, überlegene Gefühl für das Räumliche, für die Welt – in der doch beide sind aber nur einer den göttlichen Überblick besitzt – macht das virtuose Agieren im Raum erst möglich.

Deshalb ist es auch irreführend, wenn Spengler von Herkunft und Entfernung der Gefahr für Pflanzenfresser spricht. Die Entfernung ist für das Fluchttier zweitrangig: Es macht die Richtung einer Gefahr, d.i. einer irgendwie gearteten Bewegung innerhalb seines Gesichtsfeldes aus, und nimmt Reißaus in die Gegenrichtung.

Und hierin eröffnet sich nochmals das Verhältnis des Spengler’schen zum Nietzsche’schen Raubtier: Es ist offensichtlich, daß die Pflanzenfresserethik und die Raubtierethik aus der Herren- und Sklavenmoral Nietzsches abgeleitet ist. Während jedoch diese Moralitäten bei Nietzsche als bloße, statische Metaphern gehandhabt werden, geschieht bei Spengler etwas ganz Neues: nämlich gewissermaßen die Herleitung der Herren- und Sklavenmoral aus dem ursprünglicheren Gegensatzpaar der Pflanzenfresser- und Raubtierethik.

Wo Nietzsche einen gesellschaftlichen Zustand kennzeichnet, der immer schon da war, ist es Spengler, der dieses Phänomen genetisch rückübersetzt und damit die Genese des bestehenden gesellschaftlichen Zustandes liefert, d.i. seine Historie: Das Werden des Menschen und seiner Technik.

Mittlerweile ist das Hörbuch erhältlich:

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