Oswald Spengler – Der Mensch und die Technik . Ein Begleitkommentar . Kapitel 2

 

Eines der unscheinbarsten und doch zugleich bedeutungsvollsten Kapitel ist dieses vom Zusammenhang zwischen Technik und Fortschritt. Es ist nach dem einleitenden Kapitel das erste und symmetrisch zum Schluß stehende sowie dessen tragisches Ende andeutende Kapitel.

Oswald Spengler . Der Mensch und die Technik . Hörbuch

Fortschritt und Technik, das scheint zunächst aufs Engste miteinander verbunden, ja ein und derselbe Gedanke zu sein. Aber das eben ist nur die Maschinentechnik. Um das Konstante, das sich nicht Fortentwickelnde, philosophisch gesprochen also den Begriff zu extrahieren, beginnt Spengler deshalb mit der maschinenlosen Technik, derjenigen des Löwen, eine Gazelle zu überlisten. Das Konstante der Technik ist damit die List, oder wie man vor allem auf den Menschen bezogen sagen würde: die Methode, der Gedanke, nach Spengler die Taktik, ja die Taktik des ganzen Lebens, also – und das ist die etwas unsaubere Begriffsvermischung dabei – das Leben selbst.

Erst durch diesen analytischen Zugriff, das Wesens der Technik und damit des Fortschritts, kann das Paradigma des immer Höher, immer Weiter gebrochen werden. Technik liegt, wie Spengler sagt, nämlich gerade nicht in den angehäuften Erfindungen, die gemacht wurden: Was soll uns das Geschwätz von den „ewigen Errungenschaften des Menschen“?

Wenn nicht die Errungenschaften, das Ergebnis das Wesentliche im „Fortschritt“, im Leben sind, sondern allein die Methode, die Taktik, dorthin zu gelangen, dann wird das bloße Anhäufen von selbstverständlichen Nebenausbeutungen ein und desselben Gedankens nicht mehr im Haben verbucht und damit Stagnation und Verfall erst zu denken möglich. Und dieser Verfall ist es, der in der Zeit der Zivilisation das oben besprochene So ist es und so wird es sein repräsentiert.

Um diese Schicksalhaftigkeit des Daseins, das sich weder um die angehäuften Errungenschaften des „Fortschritts“, noch um das Wünschenswerte aus Vergangenheit und Zukunft schert, ganz zu Bewußtsein kommen zu lassen, führt Spengler die erschreckend zeitunabhängige, dagegen jedoch bezeichnenderweise streng vom Stand bestimmte Reihe der Möglichkeiten unseres Daseins – vom persischen Königssohn bis zum heutigen Landstreicher – vor und verknüpft sie mit der Unbekümmertheit, die das All gegenüber diesen Schicksalen zeigt, also mit jenem Gedanken Nietzsches aus Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne:

In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der „Weltgeschichte“: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mußten sterben.

Man kann sich nicht erwehren, an die bezeichnenderweise gerade für Künstlernaturen so wünschenswerte Institution der Turmgesellschaft in Goethes Wilhelm Meister zu denken. Das harte Schicksal jedoch, das Spengler uns ausmalt, kennt keine sich kümmernde Instanz. Und auch Nietzsche reflektiert hier freilich bloß seine eigene Enttäuschung ober das Fehlen derselben. Das Lebendige muß sich durchbeißen, oder es wird ungesehen in Bedeutungslosigkeit versinken.

Mittlerweile ist das Hörbuch erhältlich.

 

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