Oswald Spengler – Der Mensch und die Technik . Ein Begleitkommentar . Kapitel 1

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Die Dichotomie zwischen Idealismus und Materialismus, die das erste Kapitel prägt, ist – wie Spengler selbst andeutet – ein wesentlich klareres Gegensatzpaar, als man dem Text zunächst entnehmen kann. Die Idealisten, die Ewiggestrigen, für welche Poesie und Kunst alles übrige ausstechen, was an Praktischem, Lebensnotwendigem im Dasein steckt, und die deshalb im Zeitalter der Maschinentechnik, im 19. Jahrhundert mit größter Anteilnahme den Blick in die Vergangenheit richten, sind zweifellos Idealisierer eines Zustandes der Vergangenheit.

Daß Spengler jedoch im Anschluß die andere Seite, die Fortschrittsphilister, zuallererst Materialisten nennt, verunklart den entscheiden Punkt. Denn sehr berechtigt, aber letztlich ohne Folgen, fällt im Zusammenhang mit ihnen ein entscheidender Nebensatz: …wird nun ein Bild der Zukunft entworfen, die ewige Seligkeit auf Erden, ein Endziel und Dauerzustand […] – in bedenklichem Widerspruch zum Begriff des Fortschritts, der den „Zustand“ ausschließt.

Was aber bedeutet das? Nichts anderes als eine vollständige Symmetrie der Haltungen von Idealist und Materialist, die daher besser Idealisten der Historie und Idealisten des Fortschritts geheißen hätten. Die einen himmeln einen erträumten gewesenen Zustand an, die anderen einen erträumten kommenden. Das ist die entscheidende und klare Symmetrie, die hier vorliegt. Aus dieser Perspektive wird dann auch erklärlich, wie konsequent der Schluß Spenglers ausfällt, wenn es heißt:

Beide Ansichten sind heute veraltet. […] An die Stelle des „So soll es sein“ […] tritt das unerbittliche: So ist es. […] Wir haben gelernt, daß Geschichte etwas ist, das nicht im geringsten auf unsere Erwartungen Rücksicht nimmt.  

Denn diese Haltung Spenglers ist nun zweifellos exakt die Mitte beider Anschauungen, der Tatsachensinn der Gegenwart, im scharfen Gegensatz zu den Schwärmereien in historischen und zukünftigen Idealisierungen.

Die Vermutung freilich, wir hätten tatsächlich gelernt statt unserer Idealvorstellungen das Gegebene nüchtern zu analysieren, ist inhaltlich offenbar zu optimistisch ausgefallen. Das zeigt sich am eindrucksvollsten an dem retrospektiven Spaß, daß die Passage:

Auf der andern Seite stand der Materialismus von wesentlich englischer Herkunft, die große Mode der Halbgebildeten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, der liberalen Feuilletons und radikalen Volksversammlungen, der Marxisten und der sozialen Schriftsteller, die sich für Dichter und Denker hielten

in erstaunlich übereinstimmender Weise heute beim Blick zurück auf die zweite Hälfte des 20. statt des 19. Jahrhunderts gilt. Ernsthafter dagegen und geradezu beängstigend bleibt uns heute die Schlußbetrachtung über die Materialisten im Halse stecken, wo es heißt:

Kein Krieg mehr, kein Unterschied von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, keine Verbrecher und Abenteurer, keine Konflikte infolge von Überlegenheit und Anderssein, kein Haß, keine Rache mehr […] Solche Albernheiten lassen noch heute, wo wir die Endphasen dieses trivialen Optimismus erleben, mit Grauen an die entsetzliche Langeweile denken […], die sich beim Lesen  solcher Idyllen über die Seele breitet und in Wirklichkeit bei auch nur teilweiser Verwirklichung zu massenhaftem Mord und Selbstmord führen würde.

Auch diese Endphase ist, wie alle Phasen es tun, wiedergekehrt. Und wir wollen hoffen, daß sich noch einmal verhindern lasse, daß dergleichen auch nur teilweise verwirklicht wird.

 

Mittlerweile ist das Hörbuch erhältlich:

3 Gedanken zu “Oswald Spengler – Der Mensch und die Technik . Ein Begleitkommentar . Kapitel 1

  1. Guten Tag Herr Wangenheim,

    sind sie vertraut mit den Schriften Gotthard Günthers? Ich war mir zuvor nicht bewusst über Spenglers symmetrische Gegenüberstellung von Idealismus und Materialismus. Günther hat sie jedenfalls formalisiert in seiner Schrift „Idee und Grundriss einer nicht-aristotelischen Logik“. Er selbst war auch geprägt von der Geschichtsphilosophie Spenglers, auch wenn er seine pessimistische Tendenz negierte und in der US-geprägten Wissenschaftlichkeit den Beförderer der kybernetischen Maschine sah, in welcher sich, so Günther, das Subjekt, in immer fortschreitender Auslagerung immer höherstufiger Reflexionsebenen, in seinen technischen Abbildern materialisiert – freilich nach dem delphischen Orakelspruch der Selbsterkenntnis – und darin den Grundimpuls einer optimistischen Weitertragung abendländischen Kulturerbes sah. Dazu anbei als Einsteig (falls Günther Ihnen unbekannt sein sollte) dieser kurze Aufsatz mit Reflexionen über Spengler etc. . Auch ist der von Ihnen kommentierte Text Spenglers ebenfalls in dieser pdf. Datei mitenthalten:

    http://www.vordenker.de/ggphilosophy/gg_maschine-seele-weltgeschichte.pdf

    Ich selbst möchte mein Urteil zu Günther lieber noch aufschieben.
    Übrigens finde ich ihr Werk „Kultur und Ingenium“ wirklich sehr spannend und ich arbeite es mit Eifer durch.

    Beste Grüße
    Ihr Leser

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  2. Werther Leser,

    ein ausgesprochen anregender Text von jenem Gotthard Günther. Seine Haltung zu Spengler kommt meiner gleich, wie Sie der Einleitung von KuI vermutlich bereits entnommen haben, die seltene nämlich, Spengler zu achten und sich doch in die substantielle Kritik zu stürzen.

    Gleichwohl werden Sie ahnen, daß ich Günther inhaltlich – und zwar durchaus nicht auf der Ebene der alten Philosophie oder der Technik der 1920er Jahre – entschieden widersprechen muß. Das schreit geradezu nach einem zukünftigen Blog-Eintrag.

    Daß Sie KuI in der Mangel haben, freut mich natürlich ungemein, noch mehr, daß sie mit Begeisterung dabei sind!

    Unmittelbar interessanter noch empfand ich Ihren zweiten Kommentar (den mir die E-Mail-Benachrichtigung konserviert hat), den Sie jedoch leider gelöscht haben. Aber vielleicht können Sie sich zu einer erneuten Kommentierung entschließen?

    Ihr Thomas Wangenheim.

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  3. Werther Herr Wangenheim,

    Ihr Bloq regt mich zur Beredtsamkeit an. Das hat seine günstigen und weniger vorteilhaften Wirkungen auf meinen „Sturm und Drang“. Allerdings bin ich bereit zu einem Diskurs zu jener Frage, die sich in ihrem Verteiler aufbewahrt hat, doch dann lieber diskret. Senden Sie mir doch einfach den gelöschten Beitrag mit Ihren unmittelbaren Erwiderungen an studium14@safe-mail.net !

    Ihr Leser

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