Oswald Spengler – Der Mensch und die Technik . Ein Begleitkommentar

Seit einiger Zeit arbeite ich an einem etwa zweistündigen Hörbuch zu Oswald Spenglers „Der Mensch und die Technik“. Mir scheint ein wesentliches und tatsächlich nie gewürdigtes Problem des Verstehens eines philosophischen Textes, seine Lesung zu sein. Wer liest, sagen wir Hegel richtig? Wer vermag Nietzsche den angemessenen Ton zu geben?

Das ist alles andere als dem persönlichen Geschmack überlassen. Denn wie man liest, so versteht man. Und verstanden werden sollte doch möglichst richtig. Richtig, d.i. nicht, sondern im Sinne des Mannes, der es gedacht. Man muß den Denker kennen, dessen Gedanken man auszusprechen vorgibt. Und da scheint mir doch der Hase im Pfeffer zu liegen. Wer soll das sein? Die Herrn Akademiker wohl kaum. Sie mögen historsche Data zum Tatbestand des Werkes versammeln, selten strukturieren, verstehen höchstens im Zuge eines doppelten Fehlschlusses. Mir fehlt selbst die Lust an der Beschreibung dieser weitgehenden Unfähigkeit. Schauspieler und Sprecher? Sie mögen sich in den Menschen eindenken, aber die philosophische Grundlage fehlt, die sich der Akademiker unter reichlicher Fachliteratur und schwülstigen Konglomeraten an sich meist selbst widersprechenden aber umso tiefblickender klingenden Termini immerhin noch zusammenstammeln könnte. Das ist der Grund, weshalb ich mich zum Einlesen diverser Klassiker überhaupt gedrängt sah.

Als Beispiel lege ich das erste Kapitel Der Mensch und die Technik vor.

Dieses Verstehen im Sinne des Denkers ist selbstverständlich nur die erste Stufe der Auseinandersetzung mit dem Werk. Es folgt ihm die Einordnung, die Kritik, der Gegenentwurf. Die rein akademische Hausaufgabe der Historisierung des Werkes überlasse ich fleißigeren Händen, möchte aber – da es für mich zu den angenehmsten und erleuchtendsten Teilen der Auseinandersetzung mit großen Denkern gehört – die Kritik und in sehr begrenzter Form eine Fortführung mancher Gedanken bieten, die mir und womöglich anderen gefallen werden und eine intimere Bekanntschaft mit Werk und Denker zum kommoden Nebeneffekt haben.

Zu diesem Zweck wird es ein ausführliches, wenn auch komprimiert gehaltenes Booklet geben, dessen Einleitungstext und die Begleitgedanken der ersten Kapitel ich hier nach und nach zum besten gebe:

Der Mensch und die Technik

Oswald Spengler . Der Mensch und die Technik . Hörbuch

Wenn es eine bedeutende Differenz zwischen der bloßen Rückwärtsgewandtheit der Historiker und Geschichtsphilosophen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und dem Blankenburger Privatgelehrten Oswald Spengler gibt, dann diese, daß der Zweite neben der Melancholie des Barockmenschen, des historischen Schwärmers, in wenigstens demselben Maße ein Zukunftsdeuter, Schwärmer des cäsarischen, des technischen Zeitalters war. Hierin – und es ist ohne Zweifel der größte Widersatz in Leben und Werk Spenglers – zeigt sich zugleich die politische, wie wahrhaft philosophische Natur dieser Denkerseele.

Dem Untergang des Abendlandes, seiner initialen und philosophischsten Schrift, hatte er in den 20er Jahren eine Reihe von politisch-gesellschaftlichen Aufsätzen und Abhandlungen nachfolgen lassen, die dem sperrig-gewaltigen des UdA gewissermaßen die volkstümliche leichte Aufbereitung seines Denkens entgegenstellte. 1931 jedoch erhob sich – neben den Arbeiten an den nie vollendeten – noch einmal der philosophische Geist in jenem Manne, dessen Unabhängigkeit gegenüber praktisch allen Zeitgenossen ihn zu einem echten Einzelgänger erhob, der im Nachhinein völlig zu unrecht der „konservativen Revolution“ zugerechnet wurde, ohne daß er mit Jünger, Schmitt oder Mann je Kontakt gepflegt hätte.

Denn der Konservatismus war für Spengler lediglich die politische, der historische Fatalismus aber die philosophische Antwort auf den Niedergang dessen, was er zu definieren sich so ausführlich gekümmert hatte: der Kultur. Daher hieß Konservatismus für ihn zugleich, oder vielmehr paradoxerweise Liberalismus. Das tut sich nicht zuletzt in seinem Vorschlag der Bildungsreform im Neubau des Deutschen Reiches kund.  Der Sozialismus in Preußentum und Sozialismus war denn auch vielmehr als ideelle Einheit zu verstehen, denn als vollumsorgender Sozialstaat.

Dieser Liberalismus nun weist auf jenes Zukunftsdenken Spenglers, das in seiner Philosophie das zweite Herz bildete, das Ach! in seiner Brust schlug: Man könnte es die Faszination des Flugmotors nennen, die schon aus jener Stelle des UdA spricht und in Der Mensch und die Technik wiederkehrt, an der es heißt: Im andern Fall wäre es besser, […] einen Flugmotor zu konstruieren als eine neue und ebenso überflüssige Theorie der Apperzeption – der Flugmotor als das höchste Zeichen des faustischen Drangs zum Übermenschlichen, zum Perpetuum mobile, das in der Idee der Maschine selbst steckt, und dem ewigen Traum des Menschen: zu fliegen.

Überhaupt ist es die Faszination des Gewaltigen, die Spengler in jeder Hinsicht getrieben hat: Die Faszination der ungeheuren Architektur, der Festungsanlagen, die er bereits als Kind mit Leidenschaft zeichnete, die Faszination vom Glanz und der lebendigen Ordnung des Barock, die Faszination von der inneren Kraft und Gewalt längst versteinerter Urseelen aus Gotik, Dorik und Altem Reich. Und schließlich die größte aller Faszinationen: vom faustischen Willen zur Überwindung aller Grenzen. Selbst jener Grenze, die doch die Grenze aller Grenzen sein sollte: Die Überwindung des Selbst, die Überwindung des faustischen Menschen durch den faustischen Menschen. Es ist die unbegreifliche und doch zugleich faszinierende Tatsache der Selbstzerstörung einer Kultur, die Spengler zutiefst berührte. Und zwar als Historiker bezüglich der untergegangenen, sowie auch als später Mensch, der selbst in einer im Untergang begriffenen Kultur leidet. Seine Trauer über diese Katastrophe tröstete er mit dem Heroischen des Vorgangs und dem ehrlichen Verstehen und Einfühlenwollen in den zivilisatorischen Geist, dessen Habitus dem der Kultur zu fremd, ja verachtungswürdig ist, und damit auch Spengler selbst, dem Barockmenschen, der sich zwang, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Eine Therapie auf eigene Kosten. Das ist erneut Der Mensch und die Technik: Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, des faustischen Lebens.

Nun ist freilich jeder philosophische Beitrag Spenglers einer zum Leben, sofern seine Philosophie eine Philosophie des Lebens ist. Und doch handelt sie, wie auch der Untergang des Abendlandes es bereits titelt, mehr vom Ende des Lebens, vom Tod. Hier wie dort aber durchschreitet sein Denken den gesamten Zyklus: Von der Geburt über die Blüte bis zum Niedergang. Dieser Zirkel (oder besser, dieser Zirkelbogen, wie ich in Kultur und Ingenium S. 22/26 erklärt habe), der im „Untergang“ für jede Kultur durchschritten wird – wenn auch im Werk selbst in Einzelteile verstreut –, weitet sich in Der Mensch und die Techniknun auf jenen Kreislauf des Menschengeschlechts überhaupt und folgt den Anfängen des halbtierischen Tuns bis zum Untergang aller Hochkulturen, aller Technik, also des Menschen, an dessen Schwelle wir – das die große Tragik des Vorgangs – selbst stehen.

Oswald Spengler . Der Mensch und die Technik

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12 Gedanken zu “Oswald Spengler – Der Mensch und die Technik . Ein Begleitkommentar

  1. Erneut Ihr Leser,

    ich habe erst kürzlich dem Stimmengeber Nietzsches, Hernn Axel Grube, eine Dankschreibung zugeschickt. Das sind wahrlich Meisterstücke in Interpunktion und Rhythmik. Den „Zarathustra“ ausgenommen, wo ich noch die Vertonung Peter Wapnewskis vorziehe (nicht zuletzt aus dem Grunde, dass sein Stimmbild den Ton eines einsiedlerischen Höhenwanderers und großväterlichen Sittenlehrers eher entspricht). Aber man höre bloß den „Ecce Homo“ (es gibt eine Kopie auf YouTube) oder höre sich kurze Kostproben auf der Internetpräsenz des onomato-Verlags an ( https://www.onomato.de/ ) , um zu begreifen, wie dort in das Innerste dieses Denkers gedrungen wurde. Zugegeben: es hat mich persönlich so überwältigt und eingenommen, dass mich die Lesungen andrer Autoren des Herrn Grube nunmehr befremden. Aber das scheint bloß meiner eigenen eingeprägten Asoziation geschuldet zu sein.

    Ihre Lesungen finde ich vortrefflich! Die hochwertige Auflösung Ihrer neuen Ausarbeitung bringt das Eingedenken noch deutlicher zum Vorschein. Allein ich bin bloß peripher vertraut mit Spenglers Denkhorizont und kann wenig zum Verstandensein aus der Vertonung erraten. Jedoch ist Ihr souveräner und kritischer Umgang mit dem Material nicht zu verkennen.

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  2. Vielen Dank für Ihre Erwähnung Axel Grubes. Insbesondere des Ecco Homo.

    Ich höre immer wieder, für wie großartig diese Lesung gehalten wird. Ich empfinde sie als eine ausgewachsene Katastrophe. Sie geben freundlicherweise auch ein paar Hinweise auf die Gründe Ihrer Einschätzung an, was schon viel seltener ist: Interpunktion und Rhythmik. Doch gerade die ist, neben der allgemeinen stimmlichen Haltung, das furchtbarste an dieser Lesung.

    Die Rhythmik ist abgesehen von einer Aufweitung zum Satzende hin von einer wunderlichen Steifigkeit, die Betonung völlig falsch gesetzt, etwa „unbezeugt gelassen“ mit einer Betonung auf „gelassen“, ebenso absurd und gesucht die Betonung „es ist vielleicht bloß ein Vorurteil, DAß ich lebe“ – hat mit dem Sinn des Satzes gar nichts zu tun, da sonst irgendwo von einer Art und Weise des Lebens die Rede sein müßte, was nicht der Fall ist – oder „wie viel Wahrheit wagt ein Geist“ mit akustischer Sperrung von „ein Geist“…

    Mich errinert diese „Lesung“ vor allem an den Amiga-Sprachgenerators SAY, der den Stand maschinengesprochener Texte des Jahres 1990 repräsentiert: https://www.youtube.com/watch?v=ILgKv-WGcV0

    All das spricht für das völlige Unverständnis, vielleicht nur Oberflächlichkeit, im schlimmsten Falle Fälschungsinteresse am Text (von den Fehlern „die Realität“ statt „der Realität“ und „vetititum“ statt vetitum“ einmal ganz abgesehen – auch das läßt eher Unverständnis vermuten, da es keine Unaufmerksamkeits-Varianten, sondern echte Fehler sind).

    Als ich das Problem dieser Lesungen vor einiger Zeit mit einem Freund besprach, hat dieser eine schöne Erklärung für die Popularität dieser Lesung gegeben, der ich mich anzuschließe neige: „Hier wird Nietzsche als ironischer, sarkastischer, leidender, begeisterter Ausnahmephilosoph für den Geschmack der breiten Masse domestiziert.“

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  3. Übrigens dachte ich beim ersten Hören ernsthaft, es handle sich um eine Parodie auf Nietzsche (übrigens gesprochen Nietsche, nicht Nietz-sche – aber das wollen wir der fehlenden Dialekt-Kenntnis unterschieben).

    Ich habe dann sogleich das Schlußkapitel angespielt, in welchem früh die berühmten Worte „Ich bin Dynamit“ erscheinen. Wer an dieser ohne jede Regung vorgetragenen Stelle nicht unwillkürlich lachen muß, der besitzt vermutlich gar keinen Humor 🙂

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  4. Höchst merkwürdig. Jetzt, wo sie es so überdeutlich klargestellt haben, hat sich auch meinem Ohre eine neue Wahrnehmung aufgetan. So als hätte ich mehr von mir selbst hineingedichtet, als zu hören war. Vielleicht gelingt es mir dieser Narrheit eine Klugheit gegenüberzustellen. Sie haben mich ganz schön vorgeführt. Dafür bin ich Ihnen dankbar.
    Lassen Sie uns doch gemeinsam die „interpunktuellen“ Hinweise Nietzsches selbst näher betrachten. Je nach Interpretation der g e s p e r r t e n Worte (wobei man meist nicht irregeht bei diesen den betonten Akzent, den Sinnesfunken anzusetzen, um welchen herum sich der restliche Satz zu richten scheint) ergeben sich meines Erachtens wohlgeformte Linien, die vor allem verdeutlichen sollen, wo der Pathos begründet – wo der anhebende Pathos die große Sorge des Autors ums Unverstanden-sein reflektieren soll – ist.
    Der Satz nun: „Ich lebe auf meinen eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, daß ich lebe?…“ Hier findet sich zwar keine Sperrung, jedoch bleibt die Betonung auf „daß“ die einzige Möglichkeit, um das Fragezeichen zu rechtfertigen. Sie schütteln vermutlich den Kopf und würden entgegenstellen, dass das „lebe“ hier ein Ausleben sein soll und das Vorurteil etwa der Kredit, welcher ausgelebt wird?. Zusätzlich aber sperrt der Autor das „nicht“ des Folgesatzes: „Ich brauche nur irgend einen „Gebildeten“ zu sprechen, der im Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich n i c h t lebe…“.
    Nun scheint gerade dieser Satz sehr wohl eine Art und Weise des Lebens, nämlich die des „Gebildeten“, hervordringen und parodiert gleichfalls das merkwürdige „Vorurteil“, dass mit „Leben“ gemeint sei: das mitleidig negierende Leben am Nächsten, die „Entselbstungsmoral“, das Mitleid an denen, die sich das Vorrecht gerade gegen das Mitleid an sich selbst nehmen – auch aus Mitleid gegenüber die Mitleidigen (dazu unten mehr) Aus dieser Perspektive erscheind alle höhere „Selbstzucht“ und „Selbstsucht“ gleichsam als unauthentisch, falsches, unmögliches Leben. Nietzsche protestiert bekanntlich ja auch im Zarathustra mit der Geste der schenkenden Tugend (was die höhere von der niederen Selbstsucht unterscheidet) gegen einen generalisierten Allgemeinbegriff von Leben. Man könnte also sagen, dass sein perspektivisches Vorrecht außerhalb des herkömmlichen Lebensbegriffs läge. Außerhalb der mittelmäßigen Tugend und dem behaglichen Glücke am Leben.

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  5. Typologisch ist es jedoch gerade eine ganz neue und unerhörte Praktik des Lebens („Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ich d u r f t e es begraben, — was in ihm Leben war, ist gerettet, ist unsterblich.“).
    Er selbst erklärt sich aber dann im ersten Abschnitt „Warum ich so weise bin“ als neutraler Überschauer des zeitgebundenen Lebens; das amor fati wird hier eingeleitet.
    Bleiben zuletzt noch die drei Satzpunkte nach dem Fragezeichen. Würde der Satz lauten „ist es (anstatt „es ist“) vielleicht ein Vorurteil, daß ich lebe?…“, so dürften wir die Punkte als rhetorische Tendenz der Frage interpretieren. Nach meinem Vorschlage jedoch binden die drei Punkte die Sätze zusammen, lösen den Allgemeinbegriff „Leben“ auf, wie er sonst gelehrt wurde vom Religionsstifter und verändern den Fokus. Weg von der pessimistischen Optik des „Willens zum Leben“, hin zur Rangordnung der Lebendigkeit.Das höchste in diesem „Willen zur Macht“ ist also seinem „Kredit“ optimale Bedingungen zu verschaffen (wieder „Selbstzucht“ und „Selbstsucht“).
    Jedem Menschen wird als leibliches Fatum, als physiologische Individualität par excellence eine einzigartige optimale Rangordnung der Triebe untereinander zugesprochen. Diese für sich zu finden ist der Weg, zu dem Zarathustra den Leser einschiffen möchte („Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren…“)
    Der wiedergekehrte Zarathustra wendet sich dann allerdings an den dominierenden Trieb des Selbst. Jedes Wort, jede Lehre stößt dann sogleich auf einen ganz neuen subjektiven Deutungsraum. Die Symbolik verschiebt sich.
    Weiter: „Wie viel Wahrheit e r t r ä g t , wie viel Wahrheit w a g t ein Geist?“ – das ist die Akzentuierung im Original. Der dargelegte Lebensbegriff schließt folglich an einen neuen Wahrheitsbegriffe an. Ertragen und wagen der eigenen verborgenen „Tugend“, der Weg ins unschuldige „Ich will“, die erreichte Emanzipation von der überlieferten Sittlichkeit, von der überlieferten und anerzogenen Randorgnung der Triebe. Ja, das stille Mitleiden des Autors mit denjenigen, die an bestimmter Stelle vor sich selbst halt machten, vor einer Gewissensconvention zurückschreckten, über sie durch sogar zufällige Lagen (Klima, Ernährung usw) nicht Herr werden konnten, schließlich in ihrem Kerker frühzeitig verwelkten und pessimistische Philosophie trieben. Es an solchen unscheinbar kleinen Faktoren abhängig zu machen ist eine Neuerung in der Kausalität der Selbstzucht. Und gesetzt man steht ehrlich zu sich, ist der Gedanke der ewigen Wiederkunft tatsächlich eine heraufbeschworene Gewissenskollision. Habe ich mein Optimum gefunden? Falls nicht, dann …
    Denke ich an Dynamit, kommt mir das Bild gesprengter Ketten in den Sinn. Was Sie sagen stimmt. Dieser Vortrag zieht's ins Lächerliche. Noch nie habe ich mit so gespitzten Ohren der Stimmbewegung nachgehorcht. Wohl war ich bisweilen überrascht mit meinen eigenen Gedanken und Reflexionen inmitten der Hörung, dass sich gleichsam hinterher das Klangbild verfälscht ins Gedächtnis schob. So muss sich wohl Nietzsche beim Hören der Musik Köselitzens gefühlt haben.

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  6. Glauben Sie mir, vorführen gehört nicht zu meinen Absichten. Aber verstecken ebenfalls nicht. Ihre Beobachtung, daß wir oft selbst in etwas Dinge hineininterpretieren, die im Original gar nicht vorhanden sind, ist mir selbst weithin bekannt. Mir ging es so mit Siegfried Jerusalem und seinem Lohengrin, den ich irgendwann, da ich kaum noch Wagner hörte, in meinem geistigen Opernsaal zu Artikulationen brachte, die sich im Nachhinein bei Jerusalem selbst gar nicht als existent erwiesen (es ist gleichwohl die beste Aufnahme dieser Oper). Aber zu Sache.

    Ich werde auch auf Einzelheiten Ihrer sehr präzisen Analyse eingehen. Gleichwohl: Erlauben sie mir einen ganz anderen Ansatz zu wählen, mehr deduktiv als induktiv. Lassen Sie uns den Sinn des ganzen Absatzes verstehen und dann zu den Feinheiten vordringen.

    Wo befinden wir uns? In der Eröffnungsnummer des Textes. Werden wir hier mit den tiefsten Tiefen der Philosophie des Autors konfrontiert werden, die eine Einbeziehung derselben sinnvoll erscheinen läßt. Eher nicht. Geht es überhaupt um die Philosophie Nietzsches? Nicht einmal das. Sie handelt von der Rezeption seiner Philosophie und Person. Und das ist entscheidend.

    Es sind nur wenige Sätze, also lassen sie uns Punkt für Punkt vorgehen. Der erste Satz. Was ist das? Eine ungeheuerliche Anmaßung! Mit der schwersten Forderung? Wirklich? An die Menschheit? Gar über alle Zeiten hin? Wer könnte das? Gott. In der Tat, es ziemt sich zu erklären, wer er ist. Freilich meint Nietzsche diese Anmaßung ernst. Denn er wähnt sich at the very pinnacle of philosophy itself. Ob das wahr ist, führt zu einer anderen Diskussion. Zu lesen ist es jedenfalls mit ehrlichem Pathos. Genialisch übrigens „In Voraussicht, daß…“ – eine Ankündigung, wie sie später Spengler übernommen hat: „In diesem Buch wird zum ersten Mal…“ (und andere, wie Sie wissen)

    Dann folgt eine Profanisierung: „Im Grunde dürfte man’s wissen:“ Geradezu kumpelhaft wird hier das ganze Pathos des voraufgehenden Satzes ad acta gelegt (eine typische 180° Kehre Nietzsches, der einem Heiß-Kalt-Bäder noch und nöcher verabreicht). Es ist ein Hinweis darauf, welcher Geist hier wohnt. Nämlich kein verkrampft ernster (s.u.).

    Und was nun anhebt, ist ein ganz klassisches und seit Schillers Antrittsvorlesung in Jena notwendiges Säbelrasseln einer jeden Außenseiter-Philosophie: das zügellose Gelehrten-Bashing. Der große Philosoph und die Kleinheit seiner Zeitgenossen. Wieder Pathos.

    Pathos – Lächerliches – Pathos – ?, genau: Lächerliches. „Ich lebe auf meinen eigenen Credit hin, es ist vielleicht bloß ein Vorurtheil, daß ich lebe?…“ – Sie haben recht, das Fragezeichen… aber was ist mit den drei Punkten? Die heben dasselbe doch weitgehend auf. Es handelt sich gar nicht um eine wirkliche Frage, sondern um eine rhetorische – Ihr Gedanke ist absolut korrekt, warum heben Sie ihn durch die nebensächliche Umkehr von „es“ und „ist“ wieder auf? Bleiben Sie dabei! Sie haben recht! Und deshalb liegt die Betonung nicht auf „daß“, nicht auf „lebe“, sondern auf? Ja, worauf?

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  7. Was wir nie vergessen dürfen ist, ja eigentlich in uns fühlen sollten: daß Nietzsche witzig ist. Und zwar nicht nur im Sinne des 18. Jh., sondern: lustig, ironisch. Nietzsche lesen, heißt über weite Passagen: breit grinsen. Übrigens auch bei Spengler viel häufiger als die meisten annehmen.

    Wenn sie erst einmal zulassen, daß hier die Ironie regiert, fragen Sie sich nicht mehr, ob es „daß“ oder „lebe“ sei, das hier betont werden muß, noch weniger, was mit Credit und Vorurteil gemeint sei. Machen Sie es nicht komplizierter als es ist: Er lebt auf seinen Credit, auf eigene Rechnung, für sich, ohne die Außenwelt, die ihn ja nicht beachtet. Also was passiert hier?

    Nietzsche macht sich über die Unkenntnis seiner Person, d.i. die Unkenntnis seiner Größe lustig. Und deshalb ist der bedeutendste, nämlich höchst absurde Gedanke in diesem Satz (Sie sagen zurecht, jenes „merkwürdige „Vorurteil““), daß seine eigene Existenz (da er trotz seiner Genialität nicht gekannt wird) ein bloßes Vorurteil sei. Machen Sie sich klar: das ist an Absurdität, zumal von eben jenem Lebenden ausgesprochen, nicht zu übertreffen. Das ist ein fulminanter Gag – obgleich dagegen „im Grunde meine Gewohnheit, mehr noch der stolz meiner Instinkte revoltirt“ diese Selbstverständlichkeit so auszubreiten, denn es soll ja unmittelbar lustig sein. Was also ist zu betonen? Das „Vorurtheil“, und zwar ironisch.

    Sodaß ich also Ihre Ausführungen zum Lebensbegriff bei Nietzsche weit entfernt bin einfach abzutun. Gleichwohl glaube ich, daß sie hier (noch) nicht greifen.

    Ihren Ausführungen zur Frage, wieviel Wahrheit ein Geist wage, stimme ich gänzlich zu.

    Um meinem Punkt etwas Nachdruck zu verleihen, habe ich die Nummer eingesprochen – als erste Annäherung: https://youtu.be/rdxIKyLTXQY

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  8. Ich möchte mich vielmals für Ihre Ausführungen bedanken. Dass Sie selbst die Mühe um ein eigenes Beispiel nicht scheuten, bezeugt Ihren Ernst und Ihre Rechtschaffenheit.

    Ich möchte kurz an der Vertonung anknüpfen und einen einzigen Punkt noch hervorheben, der vielleicht auch Ihr deduktives Schema etwas lockern könnte – ja die überaus absurd-lustige Intonation des schließenden „verwechselt mich vor allem nicht“-Passage einen doch noch ernsteren Klang geben könnte.

    Anlass zu meinen Überlegungen gibt mir ein kurzer Brief Nietzsches an Lou Andreas-Salomé, überschrieben „Zur Lehre vom Stil“. Zwei der zehn Punkte sind für diesen Diskurs besonders hervorzugeben.

    „Der Stil soll d i r angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der doppelten Relation.)“

    „Der Stil soll beweisen, daß man an seine Gedanken g l a u b t, und sie nicht nur denkt, sondern e m p f i n d e t.“

    Sie haben völlig Recht die absurde Lage des Autors durchklingen zu lassen, der in jenen Zwiegesprächen mit seinen gelehrten Freunden und anderen „Gebildeten“ die Ferne und Kühle nur noch eindringlicher zu vernehmen hatte. Dass gerade jene Schriften, die sein „Leben“ konservierten, gänzlich unbekannt blieben, gänzlich unstudiert.

    Abgesehen davon, ist, so meine ich, der Verfasser über diesen Umstand hinweg (wenn auch bestürztend leidvoll sich hinter dem harten Ernste versteckend), dass gerade dies ihn anregt über seine Gewohnheiten und Instinkte hinwegzuschreiben. Der vorgestellte ideel biegsame Leser tritt im gleichen Zuge auf die Bühne, wie der „Gebildete“ seiner Zeit aus der Betrachtung weicht, weichen muss.

    Allerdings möchte ich viel wert auf die Biegsamkeit legen. Nietzsche wusste durch die antisemitischen Rezeption seines Zarathustra um die Gefahr seines Symbolismus. Und das ist der entscheidene Punkt! Das „Hört mich! …“ ist tatsächlich ernst gemeint. Ich würde folglich das Schema P-L-L-P vorschlagen. So schlösse sich ein Zusammenhang zwischen dem einführenden „w e r i c h b i n“ mit eben jenem letzten Satze.

    Der eigentlich interessant-übergreifende Spannungsbogen zieh sich jedoch bis zum letzten Satz des ganzen Buches. „Hat man mich verstanden? – D i o n y s o s g e g e n d e n G e k r e u z i g t e n “ – Der ist er also! Man darf aufatmen.(Darf man das wirklich? Ursprünglich wollte Nietzsche das Werk als große Einleitung für seine „Umwertung“ verwenden.)

    Ich gebe Ihnen insofern Recht und nicht Recht. Betrachtet man das Gesamtwerk – die Vita des Philosophen ist darin nicht ausgenommen, auch die schmähliche Rezeption seiner Werke damals nicht – so scheint, nach dem eben gesagten, ein Kompromiss im P-L-L-P-Schema. Aber Schluss damit! Das wird sonst noch zu einer Gelehrtenmikroskopie! Eine Gattung, die Sie ja bereits reichlich kritisiert haben in diesem Blogeintrag.

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  9. In der Tat, ein sehr wichtiger Punkt! Auch, daß Sie ihn mit einem Nietzsche-Zitat belegen, das ich oben bereits ähnlich bemerkte: Man muß es „empfinden“, statt bloß zu durchdenken. Aber Ihr Anstoß geht durchaus bereits aus dem Text selbst hervor:

    Die wörtliche Rede am Schluß tut Nietzsche aus einer „Pflicht“ – das sollte uns zu einer ernsten Intonation bewegen. Gleichzeitig kann er sich nicht verkneifen darauf hinzuweisen, wie sehr ihm diese gegen den Strich geht, gegen die Gewohnheit und den Stolz seiner Instinkte.

    Sie haben gänzlich recht, wenn Sie eine ernste Intonation bevorzugen. Die höhnische Variante ist aber in gleichem Maße der Rechtfertigung fähig. Wir haben es hier mit dem – so meine ich – sehr seltenen Fall zu tun, daß man als Leser einmal eine freie Wahl der Interpretation hat. Beide Varianten sind unwiderleglich aus dem Text herzuleiten möglich.

    Übrigens würde ich Ihnen trotz dieser Freiheit insofern entgegenkommen, als nicht der Schlußsatz, sonder vor allem das „Hört mich!“ höhnisch zu lesen ist. Ausklingen kann es ironisch oder ernst mit „Verwechselt mich vor allem nicht!“ – im vorliegenden Fall habe ich mich zunächst zurückgenommen und dann am Schluß etwas überkompensiert.

    Ich danke Ihnen für diesen wunderbaren Schlußgedanken.

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