Russendisko vom 28 Juli 2016 . Teil 2 . Der langsame Satz . Volkmann & Borodin . Rußland & Amerika

Nun also zu Borodin. Er schreibt, wie wir gesehen haben, den Kopfsatz der Volkmannschen ersten Sinfonie neu. Mit etwas skurrileren und daher weniger effektvollen Tonartwecheln, jedoch im Verlauf wesentlich glatter, wenn auch das äußerst einprägame zweite Motiv Volkmanns von Borodin nicht erreicht wird. Aber auch hier ist Volkmann noch Schumann’scher, klassischer, ja klassizistischer. Diese Phase hat Borodin seit der 1. Sinfonie bereits hinter sich (für Volkmann ist es keine Phase, sondern konservativer Stil). Und das bringt uns auf einen tiefliegenden Gesichtspunkt.

Alexander Borodin

Borodin hat diese für 1863 etwas altertümlich klingende Sinfonie auf einen Grad modernisiert, der zuweilen an Tschaikowski, und zwar Boris, erinnert. Andererseits macht das Volkmann zum klassizistischen Vorläufer Bruckners. Es kann kein Zweifel bestehen, daß Borodin diese Sinfonie ohne die Anregung Volkmanns nicht vollbracht hätte. Die große Idee des Eingangsmotivs im Kopfsatz aber sticht in Borodins Zweiter merkwürdig vom Rest ab. Woran liegt das? Es ist Ausdruck der Tatsache, daß dieses Motiv zutiefst deutsch ist.

Es erklingen noch spätklassizistische Allüren Beethovens herüber und gleichzeitig bereits die späte Brutalität Bruckners voraus. Ein Russe dagegen hätte diese Musik nie schreiben können. Das wird um so deutlicher, je weiter die Stücke fortschreiten. Der langsame Satz Volkmanns, ein unaufgeregter Pausensatz, ein Satz, der vor allem die Aufgabe hat, den Kontrast zum ersten zu bilden: Das schönste lyrische Motiv darin, das mitteleuropäischer, vielleicht bömisch, d.i. aber auch deutscher nicht gedacht werden kann, weist in eine Richtung, die Borodin unfähig und wohl unwillig ist, zu gehen.

Gleichwohl erlaube ich mir an dieser Stelle induktiv auf’s Allgemeine zu schließen und zum Verhältnis von Kopf- und langsamen Sätzen zu erwähnen: Langsame Sätze leben von „Gelalle“. Ein erster Satz ist wesentlich komplexer zu konstruieren. Das beginnt bereits beim Instrumentieren. Hier bietet ein ruhig dahinfließender langsamer Satz schlicht den nötigen dynamischen Umfang nicht, den eine volle Partitur voraussetzen muß. Der zweite Satz ist immer eine Art Fortspinnung – gelegentlich wohl parallel inszeniert, aber doch im wesentlichen eindimensional –, während ein brillanter Kopfsatz ebenso wie Scherzo und Finale an einen motivischen und instrumentatorischen Turmbau zu Babel erinnern.

Donald Francis Tovey

Als ich dies in unserer musikalischen Runde ausführe, ruft Florian Schuck erleichtert aus: „Endlich sagt’s mal jemand.“ und zitiert Tovey: In dull music the slow movement is quite likely to be the best feature. Das stehe, so Schuck, im vollen Kontrast zum philisterhaften, deutschen „Der zweite Satz muß tiefsinnig sein.“

Der langsame Satz der 2. Sinfonie Bruckners etwa ist freilich genial durch eine großartige Melodie, was zweifellos Tiefsinnigkeit schafft. Geplätscher ohne Längen kann aber schon einen guten zweiten Satz ergeben. Der Kopfsatz der Zweiten Bruckners hingegen ist zwar durchaus melodiös sehr schön, jedoch hat Bruckner bedeutend bessere 1. Sätze geschrieben. Hier haben wir den Fall, daß der Kopfsatz ein verirrter langsamer Satz ist. Der Kopfsatz erfordert immer die Abwechslung, den Auf- und Abbau und daher Steigerungen, die überhaupt erst Instrumentierung ernötigen. Diese fehlen jenem jedoch. Wir reden hier von Brucknerschen Steigerungen, die übrigens auch in Volkmanns Kopfsatz bereits anklingen. — Soviel zu langsamen Sätzen im allgemeinen und bei Volkmann im besonderen.

Was aber tut Borodin? Dieser langsame deutsche Satz mit dem schönen lyrischen Motiv, den wir oben in Betracht nahmen, will ihm so wenig in seine Sinfonie passen, daß er das Problem herausschiebt und zunächst ein typisch russisches Scherzo an die Stelle des zweiten Satzes legt. Die Verlegenheit bringt immer das ursprünglichste hervor: Und wenn die Russen etwas können, dann sind es tanzende Nußknacker. Der Kontrast zwischen beiden Sätzen könnte frappierender nicht sein: Das ruhig, bedächtig-langsame Seelenzeltern klassisch-deutscher Gewalt-Romantik im Kopfsatz Volkmanns und das heiter beschwingte Tänzeln und gelegentlich Mussorgski’sche Konrast-Blechblasen bei allgemeiner Miniaturisierung in Holz und Pizzicato in Borodins Scherzo.

Was ist dagegen auch das Scherzo Volkmanns! Dramatisches Dreiton-Insistieren in einem halb Beethoven’schen (Kopfsatzhauptthema der 5. Sinfonie!), halb Schubert’schen Heftigkeitstreiben, ganz frei von russischer Weinerlichkeit und krampfhaftem Nerven Schostakowitschs, der gelegentlich bereits bei Borodin aufscheint. Auch ist es Volkmann allein, der nun die Einheit mit dem Kopfsatz ganz ausführen kann, welcher ebenfalls auf das penetrante Bestehen auf jenen einen Ton baute. Ein Zusammenhang, wie ihn sich Borodin nach diesem Ausscheren unmöglich gemacht hat.

Der langsame Satz aus Borodins 2. Sinfonie, der wie erwähnt an dritter Stelle steht und gleitend in den Finalsatz übergeht, ist dann der endgültige Beweis der Abkehr von Volkmann. Russische Töne gibt es vom ersten Takt an. Das Russische, das immer auch einen Hauch Arabien in sich trägt und vielleicht inmitten des langsamen Satzes am deutlichsten wird (eine ganze Minute lang) – über das Pseudo-Arabische in Bruckner, Rachmaninow, Furtwängler und eben bei den Russen müssen wir ein andermal mehr handeln –, ist in seinen schnellen Tonwechseln und kurzen Blechstößen dem Deutschen dieser Sinfonie, das anfangs von Volkmann herrührte, so fremd, daß es nunmehr gänzlich vergessen ist. Man könnte sagen, Borodin war von der Fremdartigkeit des Kopfsatzes bei Volkmann derart angetan, daß er sich gezwungen sah diesen Klassizsimus, der Volksmanns Werk im Ganzen noch innewohnt (man bedenke, daß er bis dahin nur – typisch klassisch – Quartette und Klavierstücke schrieb; das färbt sich auf die Sinfonie ab), in seine Zeit zu transkribieren; gleichwohl ihm die Fähigkeit der Adaption dieser deutschen Musik gänzlich abging, weshalb die ziemlich reine Kopie des Kopfsatzes von der folgenden russischen Musik gänzlich absticht.

Das macht aber nun zugleich vom Standpunkt der reinen Einzelqualität der Sätze Borodins Plagiat-Sinfonie zum besseren Werk. Während Volkmann ziemlich eindeutig vor allem diesen einen Gedanken des Kopfsatzes umzusetzen im Sinn hatte, einen durchaus schönen zweiten Satz hinzuschrieb, und eine wiederum herrliche Beethoven’scher Rhythmik mit seinem Kopfsatz im Scherzo zusammenführte, so fehlt ihm für den Finalsatz im Grunde die Idee, das Material. Er geht deshalb nicht nur sehr gewöhnlich klassisch in den Tonschluß, sondern ist gesamtheitlich wertlos.

Borodin dagegen bedient sich anfangs der Initialzündung fremden Geistes und nimmt den Bruch in eine völlig andere musikalische Behandlung hin. Diese Kraft der zwei Herzen, der zwei Kulturen, wenn man so will, gibt ihm jedoch die Ausdauer, bis in den Schluß hinein frisch zu bleiben und auch den Finalsatz – wenngleich er kaum mehr als eine Verschärfung des langsamen Satzes zeitigt – noch in voller Begeisterung durchzukomponieren. Heraus kommt eine eklektische Sinfonie. Das Alteuropäische paart sich mit dem neuen Russischen. Ein Russisches, das übrigens sehr an Westernfilmmusik erinnert. Das ist, wie ich oft sage, kein Zufall. Denn was russische und amerikanische Seele gemein haben, daß ist die ungeheure Weite, Outlaw der Prärie. Einmal staubig warm, einmal sibirisch föstelnd.— So bleibt die „Graue“ im Vergleich schließlich doch grau, wie die Abstraktion in der deutschen Seele, und Borodin bunt und russisch überladen, wie ein liliputanisches Jahrmarktsfest in einem Fabergé-Ei.

 

Ein Gedanke zu “Russendisko vom 28 Juli 2016 . Teil 2 . Der langsame Satz . Volkmann & Borodin . Rußland & Amerika

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