Parsifal . Bayreuther Festspiele 25.07.2016

Eigentlich meint man beim Vorspiel des Parsifal könne man gar nichts falsch machen. Das stimmt im großen und ganzen. Doch, wie es auch schon mancher vollbracht hat, die Lohengrin-Ouvertüre zu vergeigen, so ist freilich auch im Parsifal dem, der mutwillig genug ist, Tür und Tor eröffnet. Und so wie der eine in einen Rausch der Ritardandi fällt, so bleibt anderen zur Abgrenzung nichts übrig, als in Akzelerationen zu verfallen. Bis zum ersten Hauptthema des Blechs beherrscht man sich. Dann endet die Zurückhaltung in Bayreuth. Es ist freilich wenig schon ausreichend, um die Stimmung zu ernüchtern. „Aber Du sollst nicht mitten in einem getragenen Thema in Hetze verfallen.“ So steht es geschrieben, dachte ich.


Wir schweigen davon, daß wir uns schon während der Ouvertüre anzusehen genötigt sind, welch absurde Interpretation des Mitleid-Motivs uns erwartet. Bitte nicht! Doch. Primark-Verlumpte lungern auf Klapppritschen herum. In einem zerstörten Kircheninneren. Was Ritter sein sollten und Knappen, wurde durch Mönche ersetzt. Soldaten in Tarn dürfen ebenfalls einmal durchhuschen.


Dann aber werden die bereits geschlagenen Wunden wundersam geheilt. Ein Gurnemanz wie aus dem Bilderbuch. Resonierender Baß, der auch fein, leis und hell intonieren kann. Herrlich sonor, ein Genuß mit welcher Leichtigkeit die tiefe Resonanz einsetzt. Man wartet geradezu auf das untere Register. Den ganzen Akt hindurch.

Auch die Gralsritter sind keine Amateure (wie nicht selten), ebenso die Knappen, d.i. Knappinnen. Nur der dritte echte Knappe, ein Asiate, hat Ausspracheschwierigkeiten, die etwas stören. Nun will’s aber das Glück, daß Gurnemanz den ersten Akt praktisch allein singt. Und so darf man sich zurücklehnen und genießen.

Eine wunderbare Wahl auch Kundry mit einer Russin zu besetzen. Das hat für unsere Ohren den richtigen Exotengrad, den diese Figur fordert. Auch der König ein Genuß: herrlich, die leicht angelsächsische Intonation, was allerdings in diesem Fall nicht rein gewollt ist, sondern an der Herkunft des Sängers liegt.

Nun dachte ich, Vogt sei als lyrischer Tenor eine gute Besetzung für den Parsifal und somit tatsächlich ein Ensemble zusammengestellt, daß es mit Moll und Jerusalem aufnehmen könnte. Allein – weit gefehlt. Vogt näselt von der ersten Zeile an sehr unschön. Kein ch, daß sich nicht zu sch verschliffen sieht. Ich fühle mich an Domingo erinnert, der aus kaum schlimmeren Gründen bereits einen Parsifal versaut hat.

Da er kaum singen darf, verkraftet man es leidlich. Aber nun, während die Verwandlungsmusik läuft, wird aus der lächerlichen Schmiererei in den Bühnenanweisungen vom Beginn endgültig kein Hehl mehr gemacht: Man zeigt uns den falschen Standort der Handlung. Den Nahen Osten. Nicht Spanien. Nicht das Land der Reconquista, sondern das der Conquista, durch falsches Mitleid der Überlegenen. Falsch, weil in falscher Ehre eines Glaubens, den sie alle lang schon hassen. Und falsch, weil es nicht den Erbarmungswürdigen gilt. Und von welchem Schmerz wollen sie erlöst werden, welcher Sünde? Der Sünde des Lebens, diese Lebensmüden. Es könnte nicht diametraler sein, was Wagner sagen wollte – trotz des Bruchs mit Nietzsche. Denn es steht geschrieben: 

Nehmet vom Brot,
wandelt es kühn
in Leibes Kraft und Stärke;
treu bis zum Tod;
 
Nehmet vom Wein,
wandelt ihn neu
zu Lebens feurigem Blute.
Froh im Verein,
brudergetreu
zu kämpfen mit seligem Mute!


Es ist bezeichnend, daß Ritter auf der Bühne nicht zu sehen sind, sondern ohne Ausnahme Mönche. Und während man in den Festspielhäusern – und nur in diesen – jene unehrliche und falsche Religion feiert, die das Recht zum Zerstören alles Höchsten erteilt und die als reines Werkzeug nur noch dient, von Keinem durchdrungen, geglaubt wird, geht dieses Höchste ohn‘ Bedauern draußen tatsächlich unter. Die Wunde, die sich schließen sollte, frißt den kranken Körper auf. Und keiner wird nach diesem heil‘gen Weihefest noch fragen als die Vergeßlichen, die balde weder Stimm‘ noch Hände haben. — Eine Schande, eine Sünde.

Durch Mitleid unwissend.


Nun, im zweiten Akt, rankt maurisches Ornament die Wände der Kirche empor. Klingsor legt den muslimischen Gebetsteppich aus, wenn er auch nicht betet. Das ist natürlich nicht das, was eine tiefe Interpretation erwarten ließe, sondern nur „der“ böse Diktator. Um Himmels willen! Ob jemand, wie Adolf damals, Einfluß auf die Inszenierung nehmen mußte, oder ob der vorauseilende Gehorsam so herrlich schon fruchtet? Surprise, Surprise: Man fuchtelt mit einem Phallus-Kreuz herum. Für alle anwesenden Erstinterpreten vermutlich. 

Die unreinen Toren.


Klingsor enttäuscht mit der Eingangszeile – wenngleich er für die überhöhte Geschwindigkeit nichts kann: „Schon lockt mein Zauberschloss den Toren“, die jede Melodie in schwerem Preß-Gehauche vermissen läßt. Das Orchester zu leise. — Zu dem folgenden Unsinn, betreffend die Blumenmädchen, verweigere ich jeden Kommentar. Es ist plakativer nicht mehr zu denken. Und wer die geistreichen Kommentare übereifriger Sitznachbarn aus dergleichen Inszenierungen kennt, der weiß auch: Das entspricht exakt dem Niveau der Zuschauer und wird mitnichten als flach oder lächerlich empfunden, sondern bestätigt den geistigen Horizont des durchschnittlich eingebildeten „bürgerlichen“ Theaterbesuchers unserer Tage auf’s Unbesorgteste.

Dazu paßt auch immer wieder die absurde Artikulation Vogts, der wir glücklichweise auch im dritten Akt kaum beiwohnen müssen. Man weiß nicht recht, ob das eine verunfallte Reminiszenz an die Bemitleideten sei, wenn wir jenes „Riefest du misch Namenlosöön?“ erdulden müssen.

Daß das Weihefestspiel seine Entweihung, seine Perversion gerade auf dem, nun ja Frevelhügel erfährt, ist die Ironie des historisch bewährten Opportunismus dieses Ortes. Schade, daß unsere größte Kunst dagegen mißbraucht zu werden keine Wehr als den Geist kennt, der selbst jedoch zuerst geflohen und nun mit ungeheurem Vorsprung ferne weilt. Der letzte Denkende – der wahre Tor – ist geneigt, die Zeilen neu zu lesen:

Ich schreite kaum,
doch wähn‘ ich mich schon weit.
 
Du siehst, mein Sohn,
zum Raum wird hier die Zeit.
 
Denn s‘ist der Zeiten Ende.

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